Hallo Kirchhain: Neue Heimat, große Neuigkeiten

Wer hätte das gedacht? Nach 30 Jahren in Köln und 10 Jahren in der gleichen Wohnung bin ich nun mitten in etwas, dass ich scherzhaft „Deutschland – Meine Wanderjahre“ nenne. Ich habe ja schon berichtet, warum ich 2020 nach Bielefeld gezogen bin, vor zweieinhalb Monaten erfolgte dann der Umzug nach Marburg bei Kirchhain.

Bielefeld war längst nicht so schlimm, wie sein Ruf und ich mochte unsere Wohnung dort sehr. Aber die schlimmen Umstände auf der Arbeit und der lange Einsatz meines Freundes haben schon dazu beigetragen, mir den Ort etwas zu vermiesen. Umso mehr habe ich Kirchhain als Chance auf Besserung gesehen. Und was soll ich sagen? Es ist besser!

Neue Chance Weiterbildung

Während die Agentur für Arbeit in Bielefeld wenig engagiert und hilfreich war, habe ich hier in Marburg das große Los gezogen. Ich bin kaum angekommen, da hat meine Betreuerin mich schon kontaktiert, meinen Lebenslauf analysiert und mich für eine sechsmonatige Weiterbildung vorgeschlagen. Von der Agentur finanziert und in der Zeit erhalte ich weiter mein Arbeitslosengeld und bin versichert.

Das allein ist schon toll, aber das Beste: Die Weiterbildung bildet zu 100% meine Interessen ab, wird mich nach vorne bringen und macht Spaß. Ich sitze zwar fast jeden Tag 10 Stunden daran, aber das ist es mir wert und ich bin einfach nur dankbar, zumindest für die nächsten paar Monate zu wissen, wie es weitergeht.

Das ist also schonmal ganz anders. 😀

Neuer Wohnort Kirchhain

Unsere Wohnung ist allerdings fast genauso, wie die alte, aber vielleicht trägt das auch dazu bei, dass wir uns hier zu Hause fühlen: 100qm, 4 Zimmer, im 2. OG mit Zahnarzt und Anwalt als Nachbarn, die weder abends noch am Wochenende da sind. Leider haben wir keinen Balkon, können dafür aber einen Teil des Gartens mitbenutzen. Selbst unser Kater hat keine Probleme mit dem Umzug gehabt.

Kirchhain selbst ist ein richtiger Jackpot: alter, romantischer Ortskern mit Fachwerkhäusern und Kopfsteingassen, in dem aber alles fußläufig oder mit dem Rad erreichbar ist – Aldi, DM, Rossmann, Lidl, Action, Friseure, Apotheken, Eisdielen usw. Während der Ortskern und der Bahnhof nur 100 Meter weit weg sind, brauchen wir andererseits nur über die Straße zu gehen und stehen mitten in der Natur.

Und die hat hier einiges auf dem Kasten. Es gibt wunderschöne Felder und Wiesen, in denen gerade ganze Storchkolonien brüten. Im April und Mai blühte der Raps wie verrückt, jetzt färbt sich langsam der Weizen. In den uns umgebenden Hügeln wachsen Apfelbäume, fließen Wohra und Ohm und warten viele spannende Orte nur darauf entdeckt zu werden.

Neuer Nachbar Marburg

Außerdem sind es mit der Bahn oder dem Auto nur 15 Minuten nach Marburg und dass ich mich in die Stadt verliebt habe, wisst ihr ja schon! In Marburg, da ist dann auch etwas ganz wundervolles passiert. Eines Sonntags kam ich relativ erschöpft aus der eigentlichen Heimat Köln zurück. Dort hatte ich gerade den Junggesellinnenabschied meiner besten Freundin gefeiert und organisiert. Eigentlich war ich todmüde und wollte nur noch chillen.

Aber das Wetter war so schön, dass ich, als ich in Kirchhain ankam, meinen Freund fragte, ob wir nicht noch etwas unternehmen wollen. Er war direkt dabei und so beschlossen wir, nach Marburg zu fahren, ein Tretboot zu leihen und die Lahn zu befahren…

Das erste Tretboot, das wir ausleihen, quietscht. Und ich meine nicht so ein bisschen nostalgisch, sondern ein ohrenzerreißendes, konstantes, nervtötendes Quietschen. Die Leute am Ufer sehen uns erschrocken oder amüsiert an. Nach 50 Metern geben wir auf, treteln zurück zur Anlegestelle und kapern ein neues, besser geöltes Boot. Aaaah, welch Wohltat! Die Sonne scheint, Menschen sind fröhlich und ich glücklich.

So fahren wir flussaufwärts und mein Freund sagt den etwas seltsamen Satz: „Vielleicht stoßen wir ja noch auf einen Gletscher!“ Es ist eine Anspielung auf eine Schiffsreise, die wir längst hätten unternehmen wollen, wäre nicht Corona dazwischen gekommen. Die Spitzbergen-Grönland-Island-Reise, die ich zum 30. Geburtstag bekommen hatte. Und für die mein Freund noch ganz besondere Ereignisse geplant hatte, wie ich weiß. Ich checke aber nichts.

Irgendwann steuere ich unser Boot ans rechte Ufer. Schließlich will ich doch das Stück Kuchen, das ich mitgebracht habe, in Ruhe verspeisen. „Ist das ein Manöver oder driften wir ab?“, fragt mein Freund freundlich, der wohl wenig Vertrauen in mich und meine Steuerkünste hat. „Wir legen an, es gibt Kuchen!“ verkünde ich.

Während wir da so nebeneinander auf unseren unbequemen Plastiksitzen hocken und ich Kuchen in mich hineinschaufel, fällt mein Blick auf einen langen geraden Stock an der Uferböschung. Spielkind, das ich nun mal bin, angel ich den Stock zu uns an Bord und teile meinem Freund mit, dass wir nun einen Flaggenmast haben, den ich in ein Überlaufloch im Deck unseres Bootes stopfe. Fehlt nur noch die Flagge.

„Hast du irgendwas dabei, was wir nehmen könnten, ein T-Shirt oder so was?“
„Nee, aber ich hab was anderes. Ein Taschentuch. Warte mal, ich muss da noch was rausholen.“
„Was denn? Rotze?!“, frage ich lachend.
„Nee.“

Und mein Freund holt einen großen Klumpen Taschentücher aus seiner Tasche, aus denen er langsam etwas auswickelt. Ein kleines, schwarzes Kästchen. Mir fällt fast der Flaggenmast aus der Hand. Oh! Hier? Jetzt?

Neuer Lebensabschnitt

„Also, Anuschka, das hier ist kein Schiff und es gibt auch keine Eisberge, aber ich wollte fragen, ob du meine Frau werden willst?“ Er ist mindestens so aufgeregt wie ich, denn er drückt mir das geschlossene Kästchen einfach in die Hand. Lachend sage ich ja, gebe es ihm zurück und frage, ob er es nicht aufmachen möchte. Er will und darin ist mein Verlobungsring. Ich bin nicht die Einzige, die direkt an Nenya denken muss! 😀 Und obwohl er ganz anders ist, als ich ihn mir vorgestellt hätte, passt er. Nur nicht im ganz wörtlichen Sinne, weshalb er erstmal auf den Mittelfinger muss, bis wir es nach Köln zum Juwelier schaffen.

Ganz ritterlich springt mein Freund dann an Land und pflückt mir einen Blumenstrauß. Gleichzeitig gondelt wie bestellt ein Schwan über die Lahn und erzeugt noch mehr romantische Vibes. Langsam legt sich die Aufregung und meinem Freund fällt auf, dass er die ein oder andere Tradition vergessen hat. Und so darf ich auch aussteigen und bekomme auf einem kleinen Spazierweg an der Lahn nicht nur einen Blumenstrauß überreicht, sondern auch noch einen Kniefall inklusive Wiederholung der Frage. Die Antwort bleibt die gleiche und so schippern wir zurück und tauschen das Tretboot gegen Plätze im Ufercafé, wo wir mit einer kleinen Flasche Sekt auf unser Verlobung anstoßen.

Tja, irgendwie bin ich hier in unserer neuen Heimat ganz happy.

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