Grönland-Reisetagebuch: Die Arktis ist mein Spielplatz

Reistagebuch:
15. bis 23. Juni 2017

Umrundung der Disko-Insel an Bord der MS Cape Race

20. Juni 2017
Der Anker geht runter, die Kette rasselt und wir sind in der Langebugt (Kangerdluk) angekommen. Damit haben wir jetzt bereits einen Großteil der Disko-Insel umrundet. Vor uns liegt ein schmaler Bergsattel und dahinter befindet sich der Eisfjord von Torssukatak. Den wollen wir uns heute ansehen, das heißt uns steht eine kleine Bergtour bevor. Aber ehe wir auch nur dazu kommen zu Frühstücken, beginnt ein unglaubliches Spektakel direkt vor der Cape Race.

Genau vor unserem Schiff verköstigen sich eine Buckelwal-Mutter und ihr Junges. Keine 30 Meter von uns entfernt. Sie scheuchen unzählige Fische auf, die an die Oberfläche schwimmen. Dann reißen die Wale ihre riesigen Mäuler auf und schlucken ganze Schwärme. Immer wieder tauchen sie auf, zeigen uns ihre Köpfe und Rücken und wir können uns gar nicht sattsehen an diesen beeindruckenden Tieren. Die Mutter ist zu groß um in der vergleichsweise flachen Bucht (Travis, der Erste Offizier, misst etwa 38 Meter) zu fluken, doch das Kleine zeigt uns mehrfach seine Schwanzflosse. Irgendwann ist die Show vorbei und die beiden ziehen langsam ihrer Wege.

Wir tun das auch und begeben uns an den Aufstieg des schmalen Bergsattels, der uns den Blick auf den Eisfjord versperrt. Aus den 100 angegebenen Höhenmetern werden doch ein paar mehr und um uns wehen die Nebelschwaden. Als wir nach einer spaßigen Kletterei oben ankommen, bin ich kurz ein bisschen enttäuscht. Kein grandioser Ausblick. Meh! Nur weitere Felshänge.

Andererseits hat es hier einen wunderschönen kleinen See, der malerisch zwischen den Steilwänden verborgen liegt. Also erstmal ein Gruppenfoto gemacht. Ich stelle die Kamera auf, drücke auf Selbstauslöser und renne los, um auch auf das Bild zu kommen. Der Rest der Gruppe geht mehr oder weniger fest davon aus, dass ich mir bei dem Gespurte eher den Hals breche. Aber ich doch nicht! Call me Bergziege! Nachdem wir dann aber doch noch den nächsten Buckel überqueren, sind alle Wünsche erfüllt: Da, viele Meter unter uns liegt der Eisfjord und erstreckt sich in die Ferne, bis das Auge ihn im Dunst nicht mehr erkennen kann. Tief unter uns schwimmen unzählige Eisberge auf dem tiefblauen Wasser. Kann ein Mensch eigentlich platzen vor Glück? Ausnahmsweise schaffe auch ich es mal, mich ruhig hinzusetzen und den Moment zu genießen. Aber natürlich nicht lange. Bald bin ich wieder auf den Beinen und kraxel ein bisschen den Abhang hinab. Ich kann es einfach nicht lassen, ich MUSS mich hier bewegen. Grönland ist so eine einmalige Chance, so ein Geschenk, dass ich alles sehen, anfassen, berühren und erfahren will. Während sich meine Mitpassagiere danach von unserem Ausflug erholen, schnobere ich also auf der Suche nach Beschäftigung durch die Küche. Emmet lädt mich belustigt ein, mit ihm Brownies zu backen, während Jack und Marko eine wohlverdiente Ruhepause einlegen und Kapitän Kim zu Mittag isst.

Es ist ein bisschen wie mit 7 Jahren in der Weihnachtsbäckerei: Ich bin von oben bis unten voll mit Mehl und Puderzucker, nasche ständig aus dem Schokoladenbeutel und könnte nicht mehr Spaß haben, während Emmet den Großteil der eigentlichen Arbeit macht. Dabei lachen wir immer wieder über unsere Verständigungsschwierigkeiten, denn meine Aufgabe ist es, ihm die Anweisungen aus dem amerikanischen Backbuch vorzulesen und mein diesbezügliches Fachvokabular lässt doch zu Wünschen übrig.Später an diesem Tag landen wir in Ritenbenk an, auch hier gibt es einige verlassene Häuser. Während ein Teil unserer Gruppe sich nach deren kurzer Besichtigung für eine Zodiac-Cruise entscheidet, kann ich mich von der wunderschönen Landschaft noch nicht losreißen. Ich wandere alleine über das sonnenbeschienene Alluttoq (Arve-Prinsens-Eijland) und hüpfe von Stein zu Stein. Hinter jeder Biegung wartet ein neues Abenteuer auf mich. Ein neuer grandioser Ausblick, ein fantastisch geformter Eisberg, eine niedliche Bucht mit Steinstrand. Plötzlich höre ich schnelle Schritte hinter mir. Ich habe kaum Zeit mich umzudrehen, als Robin, Emmet und Jack auch schon an mir vorbeirasen. Es dauert einen Moment bis ich begreife, was das sein soll. Trailrunning. Klar, wieso nicht? Wenn man tagelang auf einem Schiff arbeitet, hat man wahrscheinlich ein ziemliches Bewegungsbedürfnis. Trotzdem wirkt das Ganze so absurd, dass ich lachen muss: Drei Jungs trailrunnen nur im T-Shirt über eine Felsenküste in Grönland, im absoluten Nichts. Wo es gar keine Trails gibt. Im Vorbeilaufen laden sie mich ein, sie zu begleiten, aber ich winke grinsend ab. Ihre Freude und ihr Bewegungsdrang sind zwar einfach nur ansteckend, aber für Trailrunning habe ich dann doch nicht das Richtige an. Später treffe ich wieder auf Brigitte, die auch hier geblieben ist, und wir erkunden gemeinsam die leerstehenden Gebäude. Auch hier stoßen wir wieder auf die Jungs, die das Ganze zu ihrem Spielplatz machen und ihre nicht ganz unbeeindruckenden sportlichen Fähigkeiten zur Schau stellen. Hier ein paar Parcour-Sprünge, da ein paar Klimmzüge…Nichts gegen meine Grölnlandreisefreunde, aber ich bin doch ganz froh, auch ein paar Gleichaltrige um mich zu haben.

Und hey, spielen kann ich auch!

4 Gedanken zu “Grönland-Reisetagebuch: Die Arktis ist mein Spielplatz

    1. Danke! Es war auch ein unglaublicher Tag. Wie eigentlich alle in Grönland… 😀 Aber die besten zwei kommen erst noch! 😉 Hab einen schönen Sonntag!

  1. Hallo Anuschka,

    da machst Du ja derzeit einen wahnsinns Trip ♥.
    Deine Berichte sind sehr interessant und lustig geschrieben. Die Fotos ein Traum.
    Die Landschaft ist großartig und sicher sehenswert.

    Ich wünsche Dir noch eine schöne Zeit in Grönland.

    Liebe Grüße
    Denise

    1. Liebe Denise,

      danke, dass du dir die Zeit genommen hast, mir hier Feedback zu geben, darüber freue ich mich wirklich sehr! In den nächsten zwei Wochen kommen auch noch die letzten Berichte aus Grönland und da gibt’s dann richtig Action! 😀 Ich freu mich, wenn du meine Reise weiter mitverfolgst. Grönland ist wirklich umwerfend. Ach ja, und Respekt für den postiven Umgang mit eurer Schottland-Katastrophe!

      Liebe Grüße
      Anuschka

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