Grönland-Reisetagebuch: Der Eisfjord und die MS Cape Race

Gorenland-Rosas-Reisen-Cape-Race

Reistagebuch:
15. bis 23. Juni 2017

Umrundung der Disko-Insel an Bord der MS Cape Race

16. Juni 2017
Nach einer Nacht voller Sonnenschein (die Sonne geht so hoch im Norden momentan gar nicht unter) lerne ich bei einem überraschend reichhaltigen und ultramodernen Frühstück (Ich sage nur: Kaffee per App!) im „Hotel Arctic“ meine Mitreisenden näher kennen. Noch weiß ich nicht ad hoc alle Namen, aber das wird sich schon noch ändern. Wir sind ja nur elf. Und müssen uns erst mal beschnuppern. Eins kann ich aber schon sagen (ohne jemandem zu nahe treten zu wollen): Ich glaube alle sind mindestens 10 bis 40 Jahre älter als ich. Eine illustre Runde, das Einzige, was wir scheinbar gemeinsam haben, ist die Lust am Reisen. Nun ja, es gibt schlimmere Ausgangspunkte. Auch wenn ich bei den einsetzenden Kreuzfahrt-Vergleichen natürlich nicht mithalten kann.

Kurz darauf machen wir uns auf den Weg nach Sermermiut und zum Kangia-Eisfjord. Wir folgen Mathilde, einer Mitarbeiterin des Hotels, die aus Dänemark kommt und als Guide ihren Sommer hier verbringt. In Ilulissat zeigt sie uns einige Gebäude. Als sie gerade erklären will, wie ein grönländisches Schlittengespann funktioniert, knackt ihr Funkgerät. Und ich kann es natürlich nicht lassen. Ich muss einfach über die Dinge, die ich liebe, sprechen. Also übernehme ich und erkläre meinen Grönlandreisefreunden die Unterschiede zwischen grönländischen und finnischen oder alaskanischen Schlitten. Ich mag das. Wissen weitergeben. Leider mache ich mich damit selten beliebt. Hoffen wir mal, dass ich es mir noch mit niemandem ob meiner Besserwisserei verscherzt habe.

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Raus aus der Stadt geht es über einen Holzsteg in die Tundra, wir nehmen die sogenannte blaue Route. Diese führt uns auch an den Ruinen von Sermermiut, einer ehemaligen Siedlung, vorbei. Ruinen…naja. Ein paar niedrige Erdwälle markieren, wo einst Grashäuser standen. Sehr viel spektakulärer ist dann die Aussicht als wir über eine kleine Kuppe steigen und damit den Eisfjord des Kangia-Gletschers erreichen.

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Dicht an dicht drängen sich hier die Eisberge und schieben sich langsam aber stetig durch den Fjord. Der Horizont versinkt im weißen Dunst und ich kann nicht anders, als immer weiter runter zu klettern, um die Eisberge aus der Nähe zu sehen. Endlich, endlich bin ich hier. Erst als ich nur noch wenige Meter vom Fjord entfernt bin, kann ich die Bewegung wirklich mit dem Auge wahrnehmen. Und ich höre das Rauschen, wenn das Eis aneinader reibt.

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Der Sage nach haben sich alte Frauen, die der Dorfgemeinschaft nicht mehr von Nutzen sein konnten, in den Fjord hineingestürzt um niemandem zur Last zu fallen. Auch junge, unverheiratete Frauen, die schwanger waren, sollen so ihrem Leben ein Ende gesetzt haben. Alte Männer hingegen wanderten in die Tundra hinaus und starben dort einen ehrenvollen Tod, um dann als hilfreiche Geister ins Dorf zurückzukehren. Seeeehr sexistisch, wenn ihr mich fragt. Ob diese Geschichte im Grundsatz wahr ist, darf aber sowieso stark bezweifelt werden, da es sich bei den sozialen Verbänden in grönländischen Dörfern in der Regel um Matriarchate handelte. Aber schön tragisch klingt es trotzdem.

Wir laufen noch ein Stück auf der blauen Route und machen uns dann über die rote auf den Weg zurück nach Ilulissat. Nun geht es über die felsige Küste, die mich an meine Wanderung in Schweden erinnert. So müssen Wanderwege sein! Keine ausgetretenen Pfade, sondern einfach nur ein roter Punkt, dem man durch die Landschaft folgt.

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Zurück in Ilulissat gilt es, noch drei Stunden zu verbringen. Gar nicht so einfach in einer Stadt, die wir zu Hause wohl doch eher als Dorf bezeichnen würden. Wir besuchen das Kangia Café (Beste Bagel!) und später auch noch einmal das Café Iluliaq. Außerdem wandern ein neues Schlafshirt und eine Karte der Disko-Bucht in meinen Rucksack.

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Dann ist es so weit. Die Cape Race ist bereit für uns. Die Zodiacs sind da und wir machen uns auf den Weg zum Schiff, unserem Zuhause für die nächste Woche. Zuerst bekommen wir einige Sicherheitsanweisungen: Immer mit dem Seemansgriff um den Unterarm beim Aussteigen helfen lassen. Immer erst auf den Ponton und dann auf den Boden des Zodiacs steigen. Immer, immer, immer die Rettungsweste im Zodiac tragen. Das Wasser soll kalt sein. (Wartet nur, bis ihr die Story hört, wie ich das persönlich rausfinde!) Reinfallen und Untergehen wäre also blöd.

Gorenland-Rosas-Reisen-Cape-Race Unser Zodiac verlässt den Hafen und nimmt Kurs auf die Cape Race. Ich habe auf der Website des Veranstalters bereits Fotos gesehen, deshalb weiß ich, womit ich es ungefähr zu tun haben werde. Trotzdem bin ich von den Socken. Kann man sich in Schiffe verlieben? Die Cape Race wurde 1963 gebaut und zunächst als Hochsee-Trawler genutzt. Sie hat zwar keine Eisbrecherklasse, ist aber dafür gemacht, die Gewässer der Arktis ganzjährig zu befahren. Kapitän Kim Smith verfügt über mehr als 40 Jahre Erfahrung auf See und hat mit der Cape Race bereits für die NASA gearbeitet.

Gorenland-Rosas-Reisen-Cape-RaceMittlerweile gehört das Schiff einem serbischen Eigner, der es liebevoll restauriert hat. Und das sieht man, an allen Ecken und Enden. Überall glänzt warmes Holz und goldfarbenes Messing. Der Anstrich ist brandneu und das Deck frisch geschrubbt für unsere Ankunft.

Momentan fährt die Cape Race unter der Flagge der Cook Islands, obwohl sie dort noch nie gewesen ist. Das hat den „Vorteil“, dass nach den Tarifen der Cook Islands bezahlt werden kann, außerdem ist es so kein Problem mit einer internationalen Crew unterwegs zu sein. Was die Delle am Heck betrifft wird mir später mehrfach versichert, dass unsere Besatzung keine Schuld trifft. 😉

Gorenland-Rosas-Reisen-Cape-RaceAn Bord werden wir auf unsere Kabinen verteilt. Elke, unsere Expeditionsleiterin, nimmt mich zur Seite. „Ich hoffe, es macht dir nichts aus, Teil der Crew zu werden?“ Dabei zwinkert sie mir zu. Hä? Wie, Teil der Crew? Da würde ich grundsätzlich mal „Nein, gar kein Problem“ sagen, wenn ich die Cape Race so sehe. Es stellt sich heraus, dass meine kleine, urgemütliche Kabine direkt hinter der Küche und der Messe des Schiffs liegt. Ich muss also praktisch jedes Mal durch den Aufenthaltsraum der Crew, wenn ich da rein will.  Außerdem habe ich kein eigenes Bad, sondern teile mir eins mit der Crew und Wolfgang, dem zweiten Einzelkabinenbewohner. Was mich erst etwas skeptisch werden lässt, wird sich nachher als absoluter Glücksfall erweisen.

Auf meine Nachfrage bei Jack, einem der Service-Jungs an Bord, ob es denn einen Duschplan gäbe, lacht er nur. „You’re a guest. You have always priority.“ Und Wolfgang duscht grundsätzlich nur abends. Na dann, alles perfekt! Sollte sich jemand in der Dusche befinden, wenn ich darunter will, schrei ich einfach „Raus da! Isch hab Preijoritti!“.

Gorenland-Rosas-Reisen-Cape-RaceAuch an Bord gibt es nochmal ein Sicherheitstraining. Hartmut wird in einen Überlebensanzug gewurstet. Und wir erfahren, dass Schiffe sehr langsam sinken, wir hätten also im Fall der Fälle noch Zeit für eine Tasse Tee. Wie praktisch, dass ich direkt neben der Küche wohne. (Marko, machste mir noch’n Tässchen, das Schiff geht ja so laaangsam unter, mich fröstelt, denke ich. Marko ist übrigens unser Koch.)

„Wenn jemand ins Wasser fällt, lasst ihn nicht aus den Augen. Werft eure Jacke hinterher, damit man die Stelle besser sieht. Und ruft laut um Hilfe! Man over board!“
„Sollen wir nicht versuchen, ihn rauszuholen? Bis jemand kommt dauert das doch…“
„Ganz ehrlich? Die Jacke soll markieren, wo wir die Leiche bergen können. Die Cape Race hat zwar einen Rückwärtsgang, aber der braucht ein bisschen.“
Oh. Welcome to the arctic.

Gorenland-Rosas-Reisen-Cape-RaceNach dem ersten gemeinsamen Abendessen im kuscheligen, holzgetäfelten Salon verbringen wir den Rest des Abends mit Eisbergbeobachtungen. Niemals, niemals, niemals werde ich müde mir diese Naturwunder anzusehen. Denke ich zumindest. Irgendwann fallen mir dann aber doch die Augen zu. Obwohl ich wahnsinnig aufgeregt bin, schlafe ich gut. Ich wache aber noch häufig auf, muss mich erst an das Brummen des Motors, der direkt unter mir stampft und uns auf’s Meer bringt, und an das ganz sanfte Schaukeln der See gewöhnen.

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Die Passagiere
Anuschka
Brigitte & Hartmut
Bernd
Claudia & Kaja
Harry & Heike
Ingerose & Michael
Wolfgang
Die Crew
Kapitän                        Kim (Kanada)
Erster Offizier             Travis (Australien)
Zweiter Offizier          Robin (Schweden)
Maschinist                  Jaron (England)
Koch                              Marko (Serbien)
Service                         Jack (Kanada)
Service                         Emmet (Kanada)

Die Guides
Elke (Expeditionsleiterin)
Sven (Guide & Fotograf)

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