Mit Schlittenhunden durch Lapplands Wildnis: Erfahrungsbericht Äkäskero – Teil 2

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※ Tag 4 ※

Auf einem Schlitten hat man Zeit zu denken. Fünf oder sechs Stunden stehe ich rum und arbeite routinemäßig meine Kontrollpunkte ab: Gibt mein Vordermann ein Halt- oder Hilfesignal? Werde ich von Schneemobilen verfolgt? Laufen alle Hunde ruhig und gleichmäßig ohne zu galoppieren? Sind Tugline und Gangline straff? Gibt es Booties (dazu unten mehr) einzusammeln? Muss jemand auf’s Klo? (Viele Hunde erleichtern sich beim Laufen, manche legen aber lieber eine gemütliche Sitzpause ein und dann sollte man schnellstmöglichst auf die Bremse steigen um sie nicht zu überfahren.)

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Abgesehen davon haben die Gedanken Zeit und Raum zu schweifen. Wer jetzt philosophisch tiefgründige Ergüsse erwartet, den muss ich aber leider enttäuschen. Möglicherweise ist es dem Hunger auf der Fahrt geschuldet, aber ich starre auf Zonkys Pfoten und überlege eine Viertelstunde, woran sie mich erinnern. Dann hab ich’s. Schockgefrostete Himbeeren. In schnellem Trab laufen da niedliche, überdimensionierte, schockgefrostete Himbeeren vor mir durch den Schnee. Gut, dass zwischen mir und Zonky ein Schlitten ist, ich könnten sonst der Versuchung erliegen und reinbeißen. Ich muss lachen, als ich mich bei diesen Gedanken ertappe und starte wieder das Routineprogramm.

Das Essen begleitet mich aber noch weiter, denn heute darf ich nicht nur beim Füttern helfen, sondern übernehme es, das Fleisch für die Hunde zu schneiden. Gut, dass ich gerne übersimensionierte Messer mit mir herumschleppe, denn das erweist sich sehr nützlich, wenn man einen 15-Kilo-Block in mundgerechte Happen für 30 Huskies zerteilen will. Während ich also versuche, gleich große Brocken abzusäbeln und dabei immer mal wieder meine Rechenkünste in Frage stellen muss (6 x 5 ist doch 30, oder…?), bearbeitet mein Freund einen weiteren Block mit der Axt, aus dem eine Frühstückssuppe für die Hunde hergestellt wird. Wirklich ein herrlicher Pärchenurlaub: Tagsüber sehen wir uns sechs Stunden nicht und abends hacken wir einträchtig auf totes Tier ein. Was soll ich sagen? Mir gefällt’s. Zumal wir die Nächte eng aneinander gekuschelt im Stockbett verbringen.

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Beim Füttern merke ich wieder einmal, dass ich hier oben anders bin. Zu Hause mag ich als Vegetarierin manchmal nicht mal den Speck anfassen, den mein Freund zum Frühstück isst. Und hier knie ich nun auf dem Fleischblock und versuche, ihn gerecht zu zerteilen. Aber es ist für die Hunde, die uns heute wieder brav 50 Kilometer weit gezogen haben, die so hart für uns gearbeitet haben. Ich will ihnen zeigen, dass ich das zu schätzen weiß. Und jetzt bitte keine Witze darüber, dass mir Hunde wichtiger sind, als mein Partner. 😉

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※ Tag 5 ※

Unser letzter Tag auf dem Trail, der uns zurück ins Camp führt. Im Kopf ziehe ich ein Resümee in Zahlen.

Ich habe insegsamt 5-1 Booties gerettet. Bei Booties handelt es sich um kleine Stoffsäckchen, die die Hunde um die Pfoten bekommen, falls sie sich Splits laufen. Im Laufe des Tages kann es passieren, dass das Booty von der Pfote rutscht und damit es nicht verloren geht, versuche ich es beim Fahren mit Hilfe eines Kniebeugenmoves einzusammeln, wenn ich eins auf dem Trail im Schnee leuchten sehe. Die etwas krude Zahl kommt daher, dass ich zwar 6 gesehen habe, aber mich bei einem sofort dagegen entschied es aufzusammeln. Es war nämlich bereits von einem Hund gefressen und ausgekotzt worden.

Wir haben insgesamt 230 Kilometer mit unseren Schlitten zurückgelegt. Das ist gar nicht mal so wenig, wie ich finde. Bis mir einfällt, dass die Hunde bei den großen Rennen wie dem Iditarod oder dem Yukon Quest bis zu 200 Kilometer AM TAG laufen. Aber es war ja kein Rennen, es war Urlaub und ich bin meinem Team sehr, sehr dankbar, dass es mich durch Eis und Schnee und Wind und Sonnenschein gezogen hat! Zumal ich nur Jakal ansehen muss um zuwissen, dass er noch viiiel länger hätte laufen können.

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Auf unserer Reise haben wir manche Begegnung erlebt. Ich wurde von rüpelhaften Schneemobilfahrern verfolgt und überholt, nette Schneemobilfahrer haben mich vorbeigelassen. Wir haben unsere Hunde in den Tiefschnee neben dem Weg gezerrt um entgegenkommende Huskyteams vorbeizulassen und haben grinsend den anderen Mushern gewunken, wenn sie uns durchlassen mussten.

Ein Langläufer mit Pulka hat einen erschöpften und, wie ich glaube, recht begehrlichen Blick auf unsere Hunde geworfen, als er sich durch den Schneefall kämpfte. Ich durfte Husky-Schülerlotse spielen und eine Straße für den Verkehr sperren, bis alle Gespanne sicher auf der anderen Seite waren. Dort warteten schon Passanten und Skiläufer, die uns filmten und uns zuwinkten.

Obwohl ich geglaubt habe, das Huskyschlitten hier oben ein ziemlich normaler Anblick sein müssten, hatte ich den Eindruck, dass die Menschen, denen wir begegnet sind, begeistert waren. Und ehrlich, das kann ich verstehen.

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※ Tag 6 ※

Gestern sind wir ins Camp zurückgekehrt und haben ein letztes Mal unsere Hunde versorgt. Der Tag heute steht uns zur freien Verfügung und da mein Freund die Schneemobilfahrer auf unserer Reise eher als unsympathisch empfunden hat, entscheiden wir uns gegen eine wilde Fahrt und nutzen unsere Füße zur Fortbewegung.

Was gibt es denn so außerhalb des Dog Camps? Nicht viel, wenn man nicht bereit ist, 20 Kilometer auf Schusters Rappen zurückzulegen. Aber es gibt die Äkäsmylly, ein kleines Café nur etwa einen Kilomter vom Camp entfernt. Und so stapfen wir ein Stück über die Straße und springen jedes Mal freudig in den Tiefschnee am Rand, wenn ein Auto auftaucht. Danach noch kurz durch den Wald und dann stehen wir auch schon vor einigen Hütten.

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Mit sanfter Gewalt rammen wir die Tür zum Haupthaus auf und sehen uns zwei…nun ja…Kräuterhexen gegenüber. Die Hoffnung, hier vielleicht Zigaretten kaufen zu können, wird im Keim mit einem Vortrag über die damit verbundenen Gesundheitsrisiken erstickt. Okay, dann fröne ich eben dem anderen Laster, meiner Zuckersucht. Ein Kakao und ein in Zucker gewälzter Donut wandern über die Ladentheke und wir machen es uns vor der Hütte in der Sonne gemütlich.

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Der Donut ist etwas ungewöhnlich, aber lecker, der Kakao ist jedoch eine im wahrsten Sinne des Wortes bittere Enttäuschung. Denn die Kräuterhexen machen ihrem Namen alle Ehre und ich schmecke Thymian, Oregano und noch etwas, dass ich eher auf eine Pizza werfen, denn in heiße Schokolade rühren würde. Jetzt versucht mal, eine Tasse Kakao unauffällig auszuleeren, wenn überall jungfräulich weißer Schnee liegt…Umpf. Mein Freund versichert aber, dass der Kaffee genießbar ist und unsere Mitreisenden schwärmen vom Carrot Cake!

Den zweiten Teil unseres Vormittags nutzen wir einen Service vom Äkäskero Camp, den ich super finde: Wir leihen uns „Oldies“, also in Rente gegangene Hunde, und drehen mit ihnen eine Runde ums Camp. Ich finde toll, dass die Hunde so noch rauskommen und bewegt werden! Das sehen unsere zwei Opfer allerrdings ganz anders.

Mokka und Hyatt sind hochgradig entsetzt statt begeistert und schauen traurig ihrem Altersruhesitz nach, während wir versuchen, sie mit guten Worten und sanftem Zug an der Leine zu überreden, mit uns zu kommen. Blöde Touristen, steht in ihren weisen, alten Augen geschrieben.

Trotzdem machen wir uns auf den Weg und spätestens auf der Hälfte der Strecke, beginnen die beiden dann doch kräftig zu ziehen und reißen uns von den Füßen. Wahrscheinlich, weil sie wissen, dass der Weg so rum zurück zum Kennel jetzt kürzer ist. Okay, diese gute Tat scheint bei den Empfängern nicht als solche empfunden zu werden.

Wie es eine unserer Mitreisenden, selbst Hundebsitzerin, ausdrückt: Das ist das erste Mal, dass ich dafür bezahle, mit einem Hund Gassi zu gehen. Der mehr symbolische Betrag liegt allerdings nur bei 5 €.

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Auch wenn wir unsere Hunde scheinbar eher gefoltert haben bestärkt mich das Arrangement grundsätzlich in dem Eindruck, dass man in Äkäskero wirklich Sorge für die Tiere trägt. Und so steht auch spätestens jetzt für mich fest, dass ich Patin werde. Da Zonky schon versorgt ist, trifft es Ulvang. Aber gut, mit Liebe und finanziellen Zuwendungen aus der Ferne hat er hoffentlich kein Problem.

Von Hunden und Menschen – Ein Fazit

Zuallererst: Die Hunde sind fantastisch! Gut erzogen, freundlich und geduldig, obwohl sie keine Haus- oder Schoßhunde sind. Ich habe die Zeit mit ihnen sehr genossen. Sie gehorchen gut auf die Kommandos, sie leisten tolle Arbeit und sie mögen die Menschen.

Womit wir zu einem Problem kommen, denn das gilt leider nicht gleichermaßen für die Mitarbeiter vor Ort.

Von unser Tour hatte ich mir erhofft, noch mehr über die Arbeit mit Schlittenhunden zu lernen. Sie jeden Abend zu versorgen, auf Verletzungen zu untersuchen, sie wirklich kennen zu lernen. Und obwohl mir das alles vom Veranstalter versprochen wurde, bekam ich keine Chance dazu. Denn unser Guide mochte Hunde deutlich lieber als Menschen. Es mangelte an Kommunikation, Koordination, Organisation und nicht zuletzt Freundlichkeit, Interesse und Begeisterung.

Ich glaube, dass unser Guide ein netter Mensch ist. Ich glaube, dass er wahnsinnig gut mit Hunden kann. Ich glaube nur, dass er kein guter Guide ist , wenn es um mehr geht, als den Weg zu zeigen, und das hat dafür gesorgt, dass diese Reise nicht war, was sie hätte sein können.

Dieser Trip ist ein Luxusurlaub. Das klingt vielleicht zunächst paradox: Den ganzen Tag unterwegs, Übernachtungen in einfachen Hütten, Fertigessen. Ich erwarte auch keinesfalls eine VIP-Behandlung oder Gourmetdinners, im Gegenteil.

Aber ich erwarte, freundlich behandelt zu werden, wenn ich für diese Reise mehrere tausend Euro ausgebe. Denn falls jemand auf die Idee gekommen ist, dass das hier ein heimlicher Werbepost ist, für den ich bezahlt werde: Nö. Ich hab das ganze aus eigener Tasche finanziert und lange dafür gespart.

Ein weiterer negativer Punkt ist, dass ich mir leicht veralbert vorkam, als ich rausfand, dass wir nicht wirklich eine Wildnis-Tour von Hütte zu Hütte machten, sondern einfach immer kreuz und quer um das Camp fuhren. Das mag aus Sicherheitsgründen praktisch sein, ein wirkliches Wildnis-Feeling kommt so aber nicht auf.

ABER. Aber es hat mir trotzdem sehr gut gefallen. Wie könnte es auch nicht? Es gab Hunde, gemütliche Hütten, offenes Feuer, Schnee und Abenteuer. Und so kann ich eine solche Reise jedem ans Herz legen, der auch nur für eines dieser Dinge etwas übrig hat.

Wer von Schlittenhunden nicht genug bekommen kann, der sollt mal bei Finntastic – die finnomenale Website vorbeischauen, da gibt es auch Dog-Content!

Dietrich Bender: Von Trollwegen und abenteuerlichen Huskysafaris durch Lappland:
https://finntastic.de/trollwege/

Hans-Joachim Gruda: Über Wanderungen durch Sápmi, Huskyrassen und Schlittenhundetouren im Schnee:
https://finntastic.de/hans-joachim-gruda/

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