Grönland

Expeditionskreuzfahrt-Groenland-Ittileq-Haus
Unser letzter Stopp auf unserer Expeditionskreuzfahrt mit der Seas Spirit steht an: Wir besuchen Itilleq! Itilleq ist eine kleine Siedlung Weiterlesen
Groenland-Greenland-Ilulissat-Eisberge (32)
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Auf unserer Reise mit der Sea Spirit besuchen wir viele Orte an der Westküste Grönlands. Einer davon ist die Hauptstadt Weiterlesen
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Die Sea Spirit legt im Hafen von Nuuk, der Hauptstadt Grönlands an, und die Gangway steht bereit. Neugierig steigen wir Weiterlesen
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Paamiut, ein weiterer Ort an der Westküste Grönlands, den wir auf unserer Reise mit der Sea Spirit besuchen. "Nur" ein Weiterlesen
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Wir sind unterwegs mit der Sea Spirit und erkunden die Westküste Grönlands! Nachdem wir schon am Kap Farvel mit den Weiterlesen
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Unser erster Landgang auf der Expeditionskreuzfahrt von Island nach Westgrönland war der Ort Narsaq. Geplant war eigentlich Qaqortoq, doch dieses Weiterlesen
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Expeditionskreuzfahrt Grönland: Kaffee-Mik in Itilleq oder: Eine Lektion in Respekt und Anstand

Unser letzter Stopp auf unserer Expeditionskreuzfahrt mit der Seas Spirit steht an: Wir besuchen Itilleq! Itilleq ist eine kleine Siedlung an der grönländischen Westküste und zum Abschluss der Reise gibt es ein besonderes Highlight. Die Bewohner öffnen uns ihre Türen und laden zur Kaffee-Mik, einem Kaffeetrinken mit Gebäck. So haben wir die Möglichkeit, in Kontakt zu kommen und die Menschen hier besser kennenzulernen.

Mit dem Kajak in den Fjord

In Itilleq wohnen nur etwa 80 bis 90 Menschen und wir schauen uns das kleine Dorf zunächst mal wieder vom Wasser aus an. Ein letztes mal steigen wir in unsere geliebten Kajaks und gleiten über den Ozean. Eis gibt es so weit im Süden (wir sind nun wieder etwa 45km südlich von Sisimiut) nicht mehr. So paddeln wir an Itilleq vorbei und nehmen dann Kurs auf den Fjord.

Hier erleben wir eine ganz andere Landschaft, als bisher. Mit den steilen Flanken rechts und links fühle ich mich direkt an die Szene aus dem Herrn der Ringe erinnert, als die Gefährten mit ihren Booten über den Anduin fahren. Das Wasser ist ganz klar und auf dem Grund sehen wir Steine und Algen.

Auf nach Itilleq

Es ist schon fast 3 Uhr nachmittags und das letzte Zodiac vom Land zurück zum Schiff fährt um 4. Ich beeile mich also aus den Kajak-Klamotten zu kommen, werfe alles in unsere Kabine und laufe los. Mein Mann hat beschlossen, dass er genug grönländische Siedlungen besucht hat und seinen Nachmittag heute an Bord verbringen möchte. In unserer Beziehung bin ich eher der soziale Schmetterling, während er auch mal Zeit für sich und Ruhe braucht. Also mache ich mich allein auf nach Itilleq.

Während der kurzen Überfahrt fasse ich für mich den Entschluss, dass ich die Kaffee-Mik auslassen werde und stattdessen einfach ein bisschen durch das Dorf streifen möchte. Denn ich habe nur noch 40 Minuten und irgendwas in mir fühlt sich bei der Vorstellung, mich nun in ein fremdes Wohnzimmer zu setzen, Konversation zu betreiben und Fotos zu machen nicht recht wohl.

Was ist eine Kaffee-Mik?

Dazu muss ich einmal genauer erklären, was es mit der Kaffee-Mik auf sich hat. Die Idee ist wirklich schön: Einheimische, die mitmachen wollen, besorgen Tee, Kaffee & Gebäck und erhalten eine Farbe, die ihrem Haus zugeordnet wird. Die Passagiere, die an Land gehen, erhalten ein kleines Kärtchen in der entsprechenden Farbe und wissen so, welches Haus sie besuchen können. So wird der Besucherstrom gleichmäßig verteilt und es fallen nicht alle Gäste in ein Haus ein.

Wer einen Einheimischen besucht, gibt beim Eintreten sein Kärtchen ab. Die Gastgeber können dann nachher die gesammelten Karten bei der Expeditionsleitung abgeben und erhalten eine Aufwandsentschädigung für jeden bewirteten Gast. Versteht mich bitte nicht falsch, ich finde das absolut richtig. Und ich glaube auch, dass hierbei nur mitmacht, wer Lust dazu hat. Und trotzdem beschleicht mich ein leises Unbehagen. Daher auch der Entschluss, nur einen Spaziergang zu machen.

Zur Kaffee-Mik in Itilleqs Wohnzimmern

Doch vor Ort läuft es anders als geplant und so finde ich mich nach kurzer Zeit doch in einem grönländischen Wohnzimmer wieder. Ein junger Mann hat mich und eine weitere Passagierin eingelassen und wir nehmen Platz an seinem Wohnzimmertisch, nachdem wir im Flur ordnungsgemäß unsere Schuhe ausgezogen haben. Unser Gastgeber serviert uns Tee und Kaffee und spült dann das Geschirr seiner vorigen Besucher.

Wir versuchen uns zu unterhalten, doch recht schnell wird klar, dass die Sprachbarriere höher ist, als gedacht. Eine Unterhaltung kommt trotz Englisch, einer Übersetzungsapp und Händen und Füßen nicht in Gang. Ich fühle mich fehl am Platz, gerade mit der Szene vor Augen, dass eine unserer Vorbesucherinnen den Herrn des Hauses aus nächster Nähe mit ihrer riesigen Kamera belagert hat. Ich möchte ihn auf keinen Fall fotografieren, ich möchte ihn nicht mal danach fragen.

Die ungezwungene Stimmung, die sich der Veranstalter wahrscheinlich von der Kaffee-Mik erhofft, tritt nicht ein und so beschließe ich bald, zu gehen und noch ein paar Minuten Itilleq zu erkunden.

Die Sache mit den Fotos

Gerade, als ich das Haus verlasse, kommt die Frau unseres Gastgebers mit ihren 5 und 6 Jahre alten Töchtern nach Hause. Zwei schüchterne, niedliche Mädchen. Das bemerken einige Gäste, die vor uns zu Besuch waren. Und, ich kann es nicht anders sagen, stürzen sich mit ihren Handys und Kameras auf die Kinder. Ja, sie fragen vorher um Erlaubnis. Aber…Teilweise sind die Geräte nur Zentimeter von den Gesichtern der Mädchen entfernt, die unsicher zu ihren Eltern blicken. Es wirkt wie eine Szene aus einer Doku, die vor 50 oder 100 Jahren aufgenommen wurde. Es wirkt auf mich obszön.

Feige ergreife ich die Flucht. Ohne etwas zu sagen.

Ich laufe den Hügel hinauf, um die unschöne Szene hinter mir zu lassen und fotografiere alibimäßig die Häuser und den Hubschrauberlandeplatz. Nach ein paar Minuten habe ich mich gefangen und mache mich auf den Rückweg. Da treffe ich Suzy. Sie ist ebenfalls eine Passagierin, stammt aus Texas und war kurz bevor ich weggerannt bin zu der Gruppe gestoßen.

Im Gegensatz zu mir war sie aber nicht zu konfrontationsscheu um den Mund aufzumachen. Sie erzählt mir, dass sie die anderen am Anorak zurückgezogen und klare Worte für das Verhalten gefunden hat. Ich kann es mir lebhaft vorstellen und schäme mich, dass ich nichts gesagt habe.

“Children are taboo!” ist Suzys Meinung, die ich teile. Sie erklärt, dass sie selbst von den Blackfoot First Nation abstammt und daher eine gewisse Sensibilität für das Thema besitzt. Dabei sollte das gar keine Voraussetzung sein, denn wer sich nur gegen Missstände einsetzt, von denen er selbst betroffen ist, hat meiner Ansicht nach nicht verstanden, worum es geht.

Lernen aus Fehlern

Es ist schade, dass unsere Reise mit einem derartigen Erlebnis endet, aber es ist auch eine Chance, denke ich. Wem hier gar kein Vorwurf zu machen ist, ist Poseidon. Im Gegenteil, hier geht es nicht um das Verhalten eines Veranstalters oder einer Reisegruppe, sondern um das Verhalten Einzelner, das nichtsdetotrotz allen schaden kann. Das hätte mit jedem anderen Anbieter oder bei einer selbstorganisierten Reise genauso passieren können.

Es geht darum, kurz innezuhalten und sich selbst zu hinterfragen. Auch ich kenne den Rausch, in den man verfallen kann, wenn man ein tolles Fotomotiv findet. Gerade Porträts können so viel erzählen. Aber man muss sich selbst fragen, ob man diese manchmal nicht zu Lasten anderer macht? Um einen Stereotyp festzuhalten und zu reproduzieren, bei dem man sich und seine eigenen Ansichten und Vorurteile bestätigt sieht.

Und ein Mensch kann zwar ein Motiv, aber niemals ein Objekt sein. Um Erlaubnis zu bitten, bevor man ein Foto schießt, sollte selbstverständlich sein. Doch auch, wenn diese gegeben wird, finde ich, darf man es nicht übertreiben. Ein, zwei Bilder, ja, vielleicht auch einfach ein gemeinsames Bild? Ein Selfie mag nicht die gleiche Ästhetik haben, symbolisiert aber doch viel schöner das Miteinander. Und wenn eine Sprachbarriere besteht und es sich um Kinder handelt, müssen nochmal andere Maßstäbe gelten.

Ich ärgere mich, dass ich mich nicht getraut habe, etwas zu sagen. Warum eigentlich? Weil die anderen alle ältere Passagiere waren und es sich nicht gehört, Ältere zu kritisieren? Weil ich Angst vor der Reaktion hatte? Weil mir in dem Moment einfach nicht die passenden Wort eingefallen sind? Weil es für mich während der restlichen Reise unangenehm sein könnte? Weil ich meine eigene Bequemlichkeit über die anderer gestellt habe? Ja, ja und ja. Und trotzdem sind das Ausreden und keine Entschuldigungen.

Man kann argumentieren, dass es weder meine Aufgabe, noch meine Verantwortung ist, in solchen Momenten den Mund aufzumachen. Aber das sehe ich ein bisschen anders. Und ich schwöre mir, sollte ich nochmal in eine solche Situation geraten, werde ich mich anders verhalten.

Abschied von Grönland

Bin ich traurig, dass dies eines der letzten Erlebnisse unsere Grönland-Reise ist? Nein. Denn Reisen ist erfahren, Reisen ist sich selbst immer wieder in neue und ungewohnte Situationen zu begeben und lernen, mit ihnen umzugehen. Reisen ist nicht immer nur schön und angenehm, manchmal konfrontiert es einen auch mit unschönen Wahrheiten, sogar über einen selbst. Reisen fordert heraus, Geist und Körper und Werte und Normen. Das hat mir Grönland mal wieder gezeigt und ich möchte nichts davon missen.

Nicht die grausigen Details der grönländischen Geschichte, die ich in Nuuk gelernt habe, nicht die herzzerreißende Begegnung mit dem Welpen auf Qeqertarsuaq und nicht das, was ich heute in Itilleq erlebt habe. Denn das gehört genauso zu Grönland wie eine Hochzeit, die schöner nicht hätte sein können. Das Gefühl, wie mein Herz aus meiner Brust springen möchte vor Aufregung und Glück, als ich mit meinem Kajak zwischen Eisbergen paddle. Wie frei und lebendig ich mich in diesem Land fühlen durfte.

Am Abend verlassen wir Itilleq und am nächsten Tag fliegen wir von Kangerlussuaq zurück nach Reyjkjavik. Im Flugzeug sitzend können wir beobachten, wie unsere Koffer mit Hochzeitskleid und Anzug an Bord gehen und mit uns all die hier gesammelten Erinnerungen. Kurz darauf schießt die Maschine das Rollfeld entlang und ich kann noch einen letzten tränenverschleierten Blick auf Grönland werfen, bevor wir durch die Wolkendecke brechen.

“Wir kommen wieder”, tröstet mein Mann leise und mit diesem Versprechen im Ohr und der warmen Sonne im Rücken schlafe ich an seiner Schulter ein.

Disclaimer: Ich habe die Reise an Bord der Sea Spirit bei einem Wettbewerb von Poseidon Expeditions gewonnen. Ich selbst musste also nichts für die Reise bezahlen, werde für meine Artikel aber auch nicht vom Reiseveranstalter bezahlt. Ich gebe hier meine eigenen Erfahrungen wieder.

Copyright: Einige der hier gezeigten Bilder (die ohne mein Logo) habe nicht ich gemacht, sie stammen vom fantastischen Bordfotografen Page Chichester oder unseren Kajak-Guides Eloisa und Eduardo.

Groenland-Greenland-Ilulissat-Eisberge (32)

Expeditionskreuzfahrt Grönland: Die Eisberge von Ilulissat

Über Nacht erreichen wir die Stadt der Eisberge – Ilulissat! Und diesen Titel meine ich wörtlich, denn Ilulissat bedeutet übersetzt nichts anderes als genau das: Eisberge. 2017 war ich schon einmal hier und absolut fasziniert von den riesigen Eisblöcken, die sich vor der Stadt über das Meer schieben. Doch dieses Mal werde ich nicht nur von Land aus beobachten, dieses Mal werde ich mich mitten in das Gewirr aus Eis begeben!

Mit den Kajaks durch das Eis

Noch vor 8 Uhr stehen wir an Deck der Sea Spirit, unseres Expeditionsschiffes, und blicken auf eine unglaubliche Landschaft. Eis, soweit das Auge reicht. Große Schollen, kleine Stücke, in weiß, grau oder blau. Und in wenigen Minuten werden wir uns mittendrin befinden! Denn heute werden wir wieder unsere Kajaks besteigen und zwischen den Eisbergen umherpaddeln.

Das Schlauchboot bringt uns und die Boote hinaus und wir lassen uns in die Sitzschalen gleiten. Natürlich tragen wir unsere Schutzanzüge, damit wir eine Überlebenschance haben, sollte ein Kajak kentern. Ich gebe zu, mein Herz schlägt schon ein bisschen schneller. Wir sind jetzt schon öfter mit den Kajaks unterwegs gewesen, aber das hier…das ist etwas ganz anderes.

Wir folgen unserem Guide Elo zwischen die Schollen. Das Geräusch, wenn ein Eisstück an der Plastik-Außenseite des Kajaks vorbeischrammt, ist unglaublich laut und auch etwas beängstigend. Wir sitzen mehr oder weniger im Wasser und ich bin dem Eis so nah, wie nie zuvor. Unter mir die unbekannten Tiefen und um mich herum diese wundervolle, aber potenziell tödliche Landschaft. Da kann einem schon mal mulmig werden.

Mit den Paddeln bahnen wir uns einen Weg durch das Eis, umrunden größere Brocken und stoßen kleinere zur Seite. Das Eis lebt, es atmet und ächzt und die Wellen lecken an ihren gefrorenen Geschwistern. Ich kann mich nicht sattsehen an diesem surrealen Anblick, in dem Bewusstsein, dass ich hier etwas wirklich einmaliges erlebe.

Einmal im Leben: Anlandung auf einer Eisscholle

Doch dann passiert etwas, mit dem ich wirklich gar nicht gerechnet habe. Elo schaut sich immer wieder suchend um, während sie uns durch das Labyrinth aus Eis navigiert. Plötzlich entdeckt sie, wonach sie Ausschau gehalten hat. Sie steuert eine große, flache Scholle an und klettert einfach aus ihrem Kajak auf das Eis. Und bedeutet uns, ihr zu folgen.

Wenige Minuten später ist unsere ganze Kajak-Truppe auf dem Eisblock. Erst etwas ungläubig, dann aufgeregt wie kleine Kinder laufen wir über das Eis und können unser Glück kaum fassen. Wir, hier, mitten zwischen den Eisbergen! das ist etwas, was man nur einmal im Leben macht.

Und bevor sich jemand Sorgen macht: Unsere Guides sind absolute Spezialisten und würden uns niemals in Gefahr bringen. Eine solche Chance bietet sich wirklich nur selten, den Wetter und Eisverhältnisse müssen genau passen. Wir staunen und staunen und selbst meinem Mann, den nichts so leicht beeindruckt, fehlen die Worte.

Spaziergang durch Ilulissat

Nachdem wir zum Schiff zurückgekehrt sind, schälen wir uns aus unseren Trockenanzügen, legen warme Outdoorkleidung an und fahren mit den Schlauchbooten rüber in die Stadt. Ilulissat ist ein hübscher kleiner Ort mit einem geschützten Hafenbecken, in das die Fischerboote ein- und ausfahren. Wir landen am gleichen Pier an, von dem ich vor 6 Jahren zu meiner Reise mit der Cape Race aufgebrochen bin und ich schwelge ein bisschen in Erinnerungen.

Wir schlendern durch die Straßen, die hügelauf und hügelab führen und bald kommt die schwarze Kirche in Sicht. Sie steht direkt am Ufer, mit Blick auf die Eisberge. Von dort folgen wir der Straße bergauf und kommen zu einem kleinen Café, dem Café Iluliaq. Da wir noch etwas Zeit haben und für die kommende Aktivität sehr warm eingepackt sind, beschließen wir, eine Pause zu machen und uns auf die Terrasse zu setzen.

Mein Mann bestellt sich ein Bier und ich bekomme eine Pizza, deren Anblick das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Es fängt leise an zu schneien. Wir haben Juni, ich sitze in einem Café auf der Terrasse und es schneit – schon ein bisschen verrückt. Gut gestärkt können wir uns so aber dem nächsten Programmpunkt stellen. Wieder geht es ins Eis, aber diesmal mit einem kleinen, verstärkten Boot.

Mit dem Boot zwischen die Eisberge

Das kleine schwarze Boot erwartet uns im Hafen. Die metallene Rampe am Bug erinnert mich ein bisschen an die Bilder der Landung in der Normandie am D-Day. Wir werden aber keine Strände erstürmen, sondern Eisberge beobachten. David und Nils, zwei junge Männer aus Ilulissat erwarten uns schon und Nils erobert mein Herz im Sturm, als er beginnt, ein Lied aus dem Robin Hood-Film von Disney zu pfeifen, als er das kleine Boot hinaus ins Eisfeld steuert.

Dem robusten Fahrzeug machen aus größere Eisbrocken nichts aus und so bahnen wir uns schnell einen Weg, links aus dem Hafen und die Küste entlang und hinein in den Fjord. Je weiter wir fahren, desto größer uns spektakulärer werden die Eisberge. Ich war mir nicht sicher, ob ich nochmal etwas so umwerfendes sehen würde, wie vor 6 Jahren. Aber ich hatte es so gehofft, denn diesmal ist mein Mann bei mir und ich hatte mir gewünscht, dass er auch sehen darf, wovon ich ihm schon so viel vorgeschwärmt habe.

Wir werden nicht enttäuscht. Faszinierende Formationen ziehen an uns vorbei, abstrakte und bizarre Gebilde aus Eis, die sich mit jedem Blickwinkel verändern. Zerklüftet, schroff, kantig und geriffelt. Glatt, weich und leuchtend. Da gibt es haushohe Abbruchkanten, gezackte Zinnen und windgeschliffene Höhlen.

Um uns herum fliegen Möwen, angelockt von den Fischerbooten, die zwischen den Eisbergen dümpeln. Ab und an können wir einen kohlschwarzen Raben beobachten, der majestätisch auf der Spitze eines Eisberges thront. Ich kann nur schwer beschreiben, wie es sich anfühlt, sich an einem solchen Ort aufzuhalten. Für manche mag es beängstigend oder bedrückend sein, nichts als Eis um sich zu haben. Für mich gibt es nichts schöneres.

Disclaimer: Ich habe die Reise an Bord der Sea Spirit bei einem Wettbewerb von Poseidon Expeditions gewonnen. Ich selbst musste also nichts für die Reise bezahlen, werde für meine Artikel aber auch nicht vom Reiseveranstalter bezahlt. Ich gebe hier meine eigenen Erfahrungen wieder.

Copyright: Einige der hier gezeigten Bilder (die ohne mein Logo) habe nicht ich gemacht, sie stammen vom fantastischen Bordfotografen Page Chichester oder unseren Kajak-Guides Eloisa und Eduardo.

Groenland-Disko-Insel-Qeqertarsuaq-bunte-Haeuser

Expeditionskreuzfahrt Grönland: Unterwegs auf der Disko-Insel Qeqertarsuaq

Wie sieht für euch der klassische Hochzeitstag aus? Trauung, Spiele, Essen und Party? Grundsätzlich schön, aber wie wäre es mit: Eisbergen, Tiefschnee und Schlittenhunden? Begleitet mich auf einen Ausflug auf die Disko-Insel, auf Qeqertarsuaq!

Um 11.30 Uhr haben wir an Bord der Sea Spirit geheiratet, das Mittagessen gab es noch in vollem Ornat, aber dann heißt es, raus aus Kleid und Anzug und rein in arktistaugliche Kleidung. Denn mittlerweile hat unser Expeditionsschiff vor Qeqertarsuaq angelegt und die Zodiacs sind bereit, uns an Land zu bringen.

Wanderung zum Qolortorsuaq-Wasserfall?

Geplant ist eine Wanderung zum Qolortorsuaq-Wasserfall, den ich 2017 auf meiner ersten Grönland-Reise schon bewundern konnte. Alternativ hätten wir auch wieder mit den Kajaks rausfahren können, doch mein frischgebackener Ehemann verzichtet mir zu Liebe darauf. Denn ich will unbedingt wieder Fuß auf die Disko-Insel setzen.

Aber es kommt anders: Heute, am 4. Juni, versinkt Qeqertarsuaq im Schnee. Auf dieser fantastischen Reise sind wir bereits einige Male auf mehr Eis als gewöhnlich gestoßen, dennoch sind wir überrascht, als wir von der Expeditionsleitung erfahren, dass wohl heute sogar noch die Hundeschlitten unterwegs sind. Das ist doch mal eine schöne Überraschung am Hochzeitstag!

Wanderung durch Tiefschnee!

Kaum haben wir den Ort hinter uns gelassen, versinken wir mit jedem Schritt knietief in der weißen Pracht und unser Guide Günther ist drauf und dran das Unterfangen abzubrechen. Schließlich sind nicht alle Teilnehmer der Expeditionskreuzfahrt für solche Touren gewappnet. Aber dann sehen wir zu unserer Linken drei Sikiläuferinnen, die sich auf festem Untergrund zu bewegen scheinen.

Es ist zwar keine gespurte Loipe, aber immerhin ein einigermaßen stabiler Pfad, der dort von Schneemobilen und Hundeschlitten planiert wurde. Und da wir eh keine Alternative zum laufen haben, wandern wir darauf in die weiße Wildnis der Disko-Insel. Traum in Weiß, Tag in Weiß – als hätte Grönland gewusst, dass ich heute heirate, präsentiert es sich ganz wie die Braut. Und ich liebe es. Schnee an meinem Hochzeitstag, für mich perfekt!

Mein Mann und ich ziehen langsam an unseren Mitwanderern vorbei und irgendwann laufen wir an der Spitze des Zuges roter Poseidon-Jacken. Damit erschließt sich uns ein völlig ungestörtes Panorama, bis auf die Skiläuferinnen, die wir auf der nächsten Kuppe einholen. Eine von ihnen trägt eine lange Stange auf dem Rücken. Es handelt sich um eine Art Schraube, mit der Bohrkerne zu Forschungszwecken aus dem Boden entnommen werden können, denn bei den Damen handelt es sich um Wissenschaftlerinnen.

Sie warnen uns, dass der Trail nur noch ein paar Meter weiterführt. Wir laufen dennoch auch das letzte Stück, das schließlich in einer Schleife zurückführt. Um uns herum ist nichts, alles ist weiß und unberührt von menschlichen Spuren. Wie unglaublich schön. Ich bin so dankbar, das an meinem Hochzeitstag erleben zu dürfen.

Der schwarze Strand von Qeqertarsuaq

Auf dem Rückweg verlassen wir die Gruppe und den Pfad, kurz bevor wir die Siedlung erreichen. Mein Mann betätigt sich als Schneepflug und fräst uns mit seinem Körper eine Schneise quer über das Fußballfeld des Dorfs. Denn linkerhand liegt nun der schwarze Strand von Qeqertarsuaq, übersät von Eisbrocken. Und den sollte man sich wirklich nicht entgehen lassen.

Während draußen in der Bucht richtig große Eisberge treiben, ist das angetriebene Eis schon deutlich geschrumpft. So wird der Strand für uns zum Abenteuerspielplatz und wir zu Kindern. Wir klettern auf die Brocken, liefern uns eine kleine Schneeballschlacht oder machen Blödsinn mit den langen, gläsern wirkenden Eiszapfen.

Überall gibt es am schwarzen Strand etwas zu entdecken: blaue Muscheln, die am Stein festgewachsen sind, verheißungsvolle Höhlen, die erkundet werden wollen oder angeschwemmte Eisstücke, die aus der Ferne wie Robbenbabys aussehen (Ich war dann schon etwas enttäuscht, muss ich gestehen.).

Eisberge in der Disko-Bucht

Auch der Ausblick ist ein fesselndes Schauspiel, denn die Eisberge haben die unterschiedlichsten Größen, Farben und Formen. Mal entdeckt man einen Bogen, mal ein pilzartiges Gebilde oder etwas, das entfernt an Nessie von Loch Ness erinnert.

Der Himmel ist dramatisch mit grauen Wolken verhangen, doch immer wieder bricht Licht hindurch und wird von dem Eis zurückgeworfen. Irisierendes Blau und strahlendes Weiß auf dem dunklen Blaugrau des Ozeans. Es ist wie im Märchen. Wenn dann noch ein Schwarm Vögel vorbeizieht und sich schwarz vor den Eisbergen abzeichnet, hat man wirklich das Gefühl, mitten in einer Naturdoku zu stehen.

Die Schlittenhunde von der Disko-Insel

Wie eingangs schon erwähnt, hatten wir ja die Information, dass die Grönländer auf Qeqertarsuaq immer noch mit den Schlittenhunden unterwegs seien und auf unserer Wanderung hatten wir uns anhand der Spuren selbst davon überzeugen können. Wer mich ein bisschen kennt, der weiß, dass ich Schlittenhunde liebe. Schließlich habe ich einen Winter in Finnland verbracht und sie trainiert und war auch in Lappland und auf Spitzbergen mit ihnen unterwegs.

Für mich war daher klar: Ein Besuch muss auf jeden Fall auf den Tagesplan. Ich wiederhole mich, aber kann sich jemand einen besseren Hochzeitstag vorstellen? Trauung auf dem Schiff, Schnee, Eisberge UND Schlittenhunde! Um sie zu finden müssen wir auch nur unseren Ohren folgen, wie schon in Sisimiut. Wir schlendern durch den Ort, bis wir zu einer offenen Talsenke kommen. Und da sind sie!

Dutzende Schlittenhunde sind hier angekettet und vertreiben sich die Langeweile mit Schlafen, Heulen und Spielen. Der Schnee ist so tief, dass wir die Straße nicht verlassen können und die Hunde von dort aus beobachten. Das ist aber grundsätzlich auch sinnvoll, den grönländische Schlittenhunde sind keine Schmusetiere. Sie sind sehr wild, werden für die Arbeit abgerichtet und auch dazu, im Notfall einen Eisbären anzugreifen. Streicheleinheiten sind sie hingegen eher nicht gewohnt.

Ein trauriger Moment an einem perfekten Tag

Wie sehr das gegen meine innerste Herzensregung geht, wird mir dann auch in den folgenden Minuten schmerzlich bewusst. Auf dieser Reise erlebe ich fast nur schöne Momente, doch der nächste soll sich bitter einbrennen. Wir gehen die Straße weiter hinab und treffen auf drei kleine Jungen, die direkt vor ihrem Haus Tauziehen mit einem sehr niedlichen Welpen spielen.

Ich bleibe stehen und grüße und schaue mir das so harmlos wirkende Spiel an. Ein Foto mache ich natürlich nicht, denn das wäre ohne Einverständnis der Eltern übergriffig und unverschämt. Mein Mann will mich schon weiterziehen, er ahnt, was gleich passieren wird und will mir das ersparen. Mir fehlt diese Intuition in dem Moment völlig. Ich bin so gebannt von dem kleinen, unschuldigen Hund, dass ich wie festgefroren stehenbleibe. Der Anblick macht mich so froh.

Doch dann rennt einer der Jungen los. Vielleicht feuert ihn unsere Anwesenheit an und er will beweisen, wie cool er ist. Er holt eine leere Colaflasche aus Hartplastik. Und mit dieser schlägt er den Welpen dann mit voller Kraft auf den Kopf. Einmal. Zweimal, Dreimal, Viermal. Dabei lacht er. Der Welpe versteht gar nichts, duckt sich verängstigt und winselt vor Schmerz. Er versucht auszuweichen, aber die Jungen halten ihn fest.

Die harte Wahrheit

Mir wird schlecht. Die Tränen brennen schon in meinen Augen. Am liebsten würde ich loslaufen, dem Jungen die Flasche aus der Hand reißen und…Ich konnte Gewalt gegen Menschen schon immer besser ertragen, als gegen Tiere. Stattdessen tue ich das Einzig vernünftige, so traurig es klingt. Ich drehe mich um und beginne, die Straße runterzulaufen. Weg von dem Geschehen.

Mein Mann ist neben mir, drückt meine Hand. Ich sehe ihn an, will mein Entsetzen in Worte fassen, aber es geht nicht. “Ich weiß”, sagt er und schaut mich traurig an. Der Zauber des Tages beginnt sich aufzulösen, wie wirbelnder Schnee im Nichts der windgeplagten Tundra. Aber das lasse ich nicht zu. Ich versuche, das eben noch so warme Glück festzuhalten.

Denn ich weiß, dass das hier nun mal so ist. Und dass ich kein Recht habe, mich einzumischen. Dass es nur Kinder sind. Dass die Hunde hier noch viel Schlimmeres erleiden müssen. Dass ich mich nicht als Moralapostel aufspielen darf. Und trotzdem…die Unbeschwertheit ist fort. Schweigend kehren wir um Richtung Dorf.

Der Ort Qeqertarsuaq

Es ist gut, dass Qeqertarsuaq so unglaublich schön ist. Eine Schönheit, die durch den weißen Schnee im Kontrast zu den bunten Häusern noch vervielfacht wird. Denn so kann ich mich ablenken, konzentriere mich darauf, Motive zu finden und festzuhalten und übe mich in Akzeptanz und Toleranz. Und Gründe, den Auslöser meiner Kamera zu drücken, gibt es massenhaft: Die Reihe der pastellfarbenen Häuser, die richtig leuchten. Die beinahe meterlangen Eiszapfen, die von den Dächern hängen. Die Eisberge, die direkt hinter den Häusern aufragen. Die Wäsche, die jemand wirklich optimistisches zum Trocknen rausgehangen hat.

Mein Herzschlag beruhigt sich, die Übelkeit geht. Das gehört eben auch dazu. Wenn es überall wäre wie zu Hause, dann bräuchte man ja nicht reisen. Und bei all dem Glück, dass ich hier erleben kann, löst sich dieser bittere Tropfen auf, ohne diese Reise zu vergiften.

Denn Grönland ist schön.

Grönland ist ganz anders und auf diese Andersartigkeit muss man sich einlassen.

Aber dann reißt sie einen von den Füßen und trägt einen hinaus in eine Bucht voller schimmernder Eisberge.

Disclaimer: Ich habe die Reise an Bord der Sea Spirit bei einem Wettbewerb von Poseidon Expeditions gewonnen. Ich selbst musste also nichts für die Reise bezahlen, werde für meine Artikel aber auch nicht vom Reiseveranstalter bezahlt. Ich gebe hier meine eigenen Erfahrungen wieder.

Copyright: Einige der hier gezeigten Bilder (die ohne mein Logo) habe nicht ich gemacht, sie stammen vom fantastischen Bordfotografen Page Chichester.

Hochzeit-Arktis-Groenland-Expeditionsschiff

Traumhochzeit Arktis: Trauung auf einem Expeditionsschiff vor Grönland

Wo fange ich an, wenn ich die Geschichte unserer Hochzeit erzählen will? An dem Tag, an dem er mir einen Antrag macht? An dem Tag, an dem ich erfahre, dass ich endlich wieder nach Grönland reisen werde? Nein, ich muss früher beginnen. Am Anfang. Achtung, das wird lang! Und kitschig.

Wie alles begann

Vor sechs Jahren ändert sich in meinem Leben in kürzester Zeit sehr viel. Im Frühling beende ich eine lange Beziehung, was weh tut, aber richtig ist. Im Sommer reise ich zum ersten Mal nach Grönland und bin völlig überwältigt. Im Herbst bekomme ich eine E-Mail in der steht:

Hallo Anuschka, bei unserem “Schicksal” stehst du gerade wahrscheinlich entweder vor dem Traualtar oder schipperst auf einem Forschungsschiff durch die Arktis, aber ich wäre dann jetzt auch mal bereit für ein richtiges Treffen. 😉

Dem vorangegangen sind drei Jahre, in denen ich immer wieder zufällig einen Mann getroffen habe, den ich sehr sympathisch und der mich toll fand, aber es war nie der richtige Zeitpunkt. Dann kommt der 11. Oktober 2017, unser erstes Date, und alles passt. Seit diesem Tag sind wir ein Paar.

Wir erleben viel zusammen, schwindelerregende Höhen und bodenlose Tiefen, fantastische Reisen und herzzerreißende Kriegseinsätze. Aber: Wir schaffen es jedes Mal, auch wenn es nicht immer leicht ist. Wir schaffen es, füreinander da zu sein oder uns wieder zu finden, wenn wir uns verloren haben. Wir schaffen es, miteinander statt gegeneinander zu kämpfen. Wir schaffen es, dass unsere Liebe Zeit und Raum erträgt und dabei nicht weniger wird, sondern mehr.

Havstenssund-Schweden-Schaeren-Paar

Mein 30. Geburtstag und Corona

Zu meinem 30. Geburtstag macht er mir das tollste aller Geschenke: Er klappert all meine Freunde und Familie ab und sammelt Geld, um mir eine Anzahlung für den Arktis-Trip meiner Träume zu schenken. Eine Reise mit einem Expeditionsschiff entlang der Ostküste Grönlands.

Wir buchen für den Spätsommer 2020 und ich bin überglücklich. Und als er zu mir sagt, ich solle doch neben all der Outdoor-Ausrüstung, den Wanderstiefeln und Fleecejacken auch Platz im Koffer für ein schönes Kleidungsstück lassen, ein hübsches Kleid zum Beispiel, da ahne ich, dass er Pläne für diese Reise hat. Dass er eine Frage stellen will.

Dann kommt Corona. 2020: Die Reise wird abgesagt und verschoben. 2021: Die Reise wird abgesagt und verschoben. 2022 muss ich die Reise schließlich selbst stornieren. Corona ist mir nicht gnädig, ich habe meinen Job verloren, muss den nächsten aufgeben, brauche das Geld zurück. Mit einem Expeditionsschiff nach Grönland zurückzukehren ist ein Traum, den ich begraben muss. Denke ich.

Rosas-Reisen-30-Jahre-Abenteuer-Arktis

Der Antrag

2022 im Mai, wir sind gerade in die Nähe von Marburg gezogen. Es ist ein schöner Frühlingstag, wir beschließen einen kleinen Ausflug zu machen und mieten uns ein Tretboot auf der Lahn. Im Schatten eines Baumes halten wir an, Schwäne ziehen vorbei.

Er sagt:

“Also, Anuschka, das hier ist kein Schiff und es gibt auch keine Eisberge, aber ich wollte fragen, ob du meine Frau werden willst?”

Ja.

Das Gewinnspiel von Poseidon Expeditions

Eines schönen Sommerabends stolpere ich über ein Gewinnspiel auf Instagram. Poseidon Expeditions, ein Anbieter für Polarexpeditionen, veranstaltet einen Wettbewerb: Der beste Beitrag gewinnt eine Reise mit der MV Sea Spirit von Island bis nach Ilulissat an der Westküste Grönlands. Ich schnappe mir unseren Kater, verwandle das Wohnzimmer in eine Kulisse und hoffe. Hoffe ganz fest, jeden Tag. Und dann…

Dann bekomme ich diese Nachricht: “Der glückliche Gewinner, der uns nächstes Jahr auf einer Arktis Expeditionskreuzfahrt begleitet ist ROSAS REISEN!” Die Tränen fließen, ich bin völlig aufgelöst. Der arme Mann von Poseidon, mit dem ich telefoniere, fragt immer wieder, ob es mir gut geht. Ja, ich weiß nur nicht wohin mit mir vor Glück. Und als er anbietet, dass eine zweite Person mich zu einem rabattierten Preis begleiten kann, werde ich fast ohnmächtig. Und es keimt eine Idee in meinem Kopf.

Wie ein Echo ertönt:

Hallo Anuschka, bei unserem “Schicksal” stehst du gerade wahrscheinlich entweder vor dem Traualtar oder schipperst auf einem Forschungsschiff durch die Arktis, aber ich wäre dann jetzt auch mal bereit für ein richtiges Treffen. 😉

Hochzeit in der Arktis?

Warum nicht…beides? Warum nicht in Grönland heiraten? Warum nicht eine Hochzeit mit dem Menschen, den ich am meisten liebe an dem Ort, den ich am meisten liebe? Mit Eisbergen im Hintergrund? Und heißt es nicht in alten Filmen immer, dass Kapitäne an Bord Trauungen durchführen dürfen…?

Ich frage Poseidon Expeditions, ob irgendetwas in der Richtung möglich sei.

We don’t know who will be Captain and EL to get confirmation now, but please be sure we do our best to arrange this ceremony.

Mit Hochzeitskleid an Bord der MV Sea Spirit

Und so beginnt das größte aller Abenteuer! 10 Monate später brechen wir auf. Einen Anzug und ein Brautkleid im Gepäck, fliegen wir von Frankfurt nach Reykjavik und gehen an Bord der wunderschönen MV Sea Spirit. Manchmal kann ich das alles nicht glauben.

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Wir setzen über nach Grönland und die Crew versucht, einen Termin für uns zu finden, doch die schwierigen Eisverhältnisse machen so manche Pläne zu Nichte. Irgendwann steht fest: Übermorgen, am 4. Juni um 11.30 Uhr werden wir in der Disko-Bucht vor Anker gehen und Kapitän Oleg Kleptenko wird uns trauen.

Warum mich das wahnsinnig glücklich macht? Abgesehen, von dem sowieso Offensichtlichen hat das mehrere Gründe. Zum einen sind wir mittlerweile wirklich in der Arktis angekommen, denn am Vortag haben wir auf dem Weg nach Sisimiut den Polarkreis überquert. Und zum anderen war ich hier schon einmal, 2017, als alles begann. Qeqertarsuaq, die Disko-Insel, ist für mich sowieso schon ein Ort, den ich mit sehr, sehr glücklichen Erinnerungen verbinde und es erscheint mir nur passend, dass wir hier heiraten.

Am Abend stellt das Expeditionsteam wie immer das Programm für den nächsten Tag vor. Diesmal aber mit einer kleinen Besonderheit: Unsere Hochzeit auf Deck 5 wird angekündigt. Und alle Passagiere sind eingeladen!

Einige, die wir in den letzten Tagen schon kennenlernen konnten, haben wir natürlich auch schon persönlich eingeladen. Für die meisten ist das Ganze aber eine Überraschung und mein Gesicht beginnt zu glühen, als sich fast 90 Köpfe zu uns umdrehen. Ich hoffe nur, dass niemand von der Aktion genervt ist.

Hochzeitsvorbereitungen auf einem Expeditionsschiff

Der Morgen des 4. Juni bricht an und damit der Tag unserer Hochzeit. Nach dem Frühstück beginnen wir mit unseren Vorbereitungen. Gut, dass wir schon in Reykjavik ein wahnsinnig nettes Pärchen aus Frankfurt kennengelernt haben, die, obwohl wir uns nur Minuten kannten, ohne Zögern eingewilligt haben, unsere Trauzeugen zu sein.

Mein Freund verabschiedet sich in die Kabine von Sybille und Joachim und ich beginne, mich in unserer fertig zu machen. Vor dem Fenster unseres wunderschönen, klassischen Domizils ziehen Eisberge vorbei. Auf dem Bett liegt das Brautkleid und mein kleiner Plastikblumenstrauß, die mit mir um die halbe Welt gereist sind. Für heute. Für diesen Moment. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen.

Aber Sybille ist ja da. Sie hilft mir mit Kleid und Schleier, denkt an alles und atmet tief mit mir durch. Die Aufregung steigt. Ich versuche mir mit zitternden Fingern die Haare zusammenzustecken und mein von der Arktis etwas in Mitleidenschaft genommenes Gesicht zu verschönern.

Etwas Altes, etwas Blaues, etwas Neues und etwas Geliehenes

Ich sitze an unserem Frisiertisch, alles glänzt, das Holz, das Messing. Die MV Sea Spirit ist ein traumhaftes Schiff, dessen Einrichtung für einen feierlichen Anlass nicht passender sein könnte. Neben mir liegt ein kleiner rosa Samtbeutel, darin ein blauer Stein und ein alter Pfennig von 1950.

An meinem Turnschuh, den ich in Ermangelung schickeren Schuhwerks anziehen werde, baumelt ein kleiner Lederanhänger mit der Aufschrift “Pina”. All das hat meine Freundin Anna mir geschickt: Etwas Neues, etwas Blaues, etwas Altes und etwas Geliehenes. Bei dem Anhänger handelt es sich tatsächlich um den vom Halsband ihres Hundes Pina.

Auch meine Schwester hat an mich gedacht: Auf einem alten Porzellanteller wartet eine blaue Kerze darauf, romantische Stimmung zu erzeugen und auf dem Bett liegen ein brandneues Stammbuch und ihr Strumpfband von ihrer eigenen Hochzeit. Obwohl weder Freunde noch Familie heute an meiner Seite sind habe ich ganz und gar nicht das Gefühl, allein zu sein.

Und ich bin es auch nicht, denn hier, auf dem Schiff habe ich ja bereits neue Freunde gefunden.

Reling statt Altar

11.24 Uhr… 11.25 Uhr… Die Minuten verstreichen quälend langsam. Dann, ein Klopfen an der Tür. Peter aus dem Expeditionsteam steht da und sagt mir, dass es jetzt losgeht. Über sein Walkie-Talkie gibt er durch, dass sich die Braut nun auf den Weg macht.

Ich verlasse unsere Kabine, meine Schleppe gleitet über den dunkelblauen Teppich. In den marmornen Flur, nach links, die Treppe hinauf und wieder links um die Ecke. Vor mir liegt der Gang, der auf Deck 5 hinausführt. Ich kann das Lied hören, dass ich mir für meinen Einzug gewünscht habe.

Die Tür am Ende des Ganges öffnet sich wie von selbst. Ich höre ein leises Seufzen, sehe unendlich viele rote Expeditionsjacken der Passagiere, die Spalier stehen. Und alle lächeln mich an. Meine Trauzeugin flüstert noch “Schreiten!”, aber dieser Rat verhallt leider ungehört, als ich das Gesicht meines Verlobten an der Reling entdecke.

Als ich einmal seine Augen gefunden habe, halte ich mich daran fest, so blau wie das Meer und der Himmel. Ich sehe nur noch ihn. Mein Fixstern, mein Leuchtfeuer in der Nacht, mein sicheres Schiff auf rauer See.

Es kommt mir vor, als würde ich langsam auf ihn zugehen, durch den Gang der roten Jacken, doch auf dem Video hinterher sehe ich, dass ich mehr auf ihn zu renne.

Trauung durch den Kapitän

Erst Sekunden später nehme ich alles andere wahr. Den Kapitän in seiner schmucken Uniform, der auf uns wartet und freundlich lächelt. All die Menschen um uns herum, die beschlossen haben, Teil dieses Moments zu sein und mit uns diese Hochzeit zu erleben.

Und dann beginnt die Trauung. Feierlich nimmt der Kapitän uns das Eheversprechen ab. Dabei unterläuft ihm ein winziger Versprecher, an den ich mich bis ans Ende meiner Tage erinnern werde, weil er viel besser ist, als der ursprüngliche Text. In diesem heißt es “to honour and comfort”, also “zu ehren und Trost zu spenden”. Was der Kapitän sagt ist: “to honour and confront”, also “zu ehren und zu konfrontieren”.

Ganz ehrlich, Recht hat er! Natürlich möchte ich meinen Partner lieben und ehren und für ihn da sein. Aber ich glaube, zu einer guten Partnerschaft gehört auch genau das: Probleme nicht totzuschweigen, sondern sie anzusprechen. Denn nur so kann es funktionieren!

Happy end? Happy start!

Als mein Freund mir den Ring auf den Finger schiebt, zittert meine Hand. Genau wie meine Stimme, als ich ihm mein Eheversprechen vortrage. Aber nicht vor Kälte, wie alle (und auch ich insgeheim) befürchtet haben.

Denn wir sind umgeben von Eisbergen, so wie ich es mir gewünscht und kaum darauf zu hoffen gewagt hatte. Aber Poseidon Expeditions und der Kapitän machen alles perfekt. Letzterer hat sogar extra das Schiff so gedreht und vor Anker gesetzt, dass wir einen Eisberg im Hintergrund haben.

Doch obwohl wir von Eis und Schnee umgeben sind, ist mir keine Sekunde kalt. Ob es an den zwei langen Wollunterhosen liegt, die ich unter dem Kleid trage, oder an meinem Glück, das überlasse ich eurer Vorstellung.

Die ersten Takte des Liedes, das wir uns für den Hochzeitstanz ausgesucht haben, erklingen. Wir wiegen uns langsam im Kreis, das Schiff legt ab und sanfte Wellen rollen unter uns hindurch. Im Refrain heißt es:

Oh, the rhythm of my heart
Is beatin’ like a drum
With the words “I love you”
Rolling off my tongue
Oh, never will I roam
Now I know my place is home
Where the ocean meets the sky
I’ll be sailin’

Und der Moment brennt sich in mein Gedächtnis ein für die Ewigkeit.

https://www.instagram.com/p/CtjwvzZIiyr

Das größte Danke aller Zeiten

Ich möchte die Gelegenheit nutzen und all den lieben Menschen danken, die diesen Tag mehr als perfekt gemacht haben.

Zuallererst natürlich Poseidon Expeditions, ohne die dieser Traum niemals hätte wirklich werden können. Agnes, mit der ich im Vorfeld Kontakt hatte, die mir versichert hat, dass das alles Realität ist und die mit ihrem Freund Stefan unzählige Bilder und Videos gemacht hat!

Bettina vom Expeditionsteam, die Tag und Nacht gearbeitet und trotzdem Zeit gefunden hat, die beste Wedding Plannerin aller Zeiten zu sein. Die sich immer wieder Gedanken gemacht hat, wie wir all meine Wünsche umsetzen können, ob Musik, Eisberg oder Örtlichkeit. Die mir auch im Nachhinein noch die Koordinaten unseres genauen Trauortes geschickt hat.

Sybille und Joachim, die uns vor der Reise nicht gekannt haben, aber gleichzeitig beste Freunde, Eltern und Trauzeugen in Personalunion waren. Joachim, der seine Finger warm gehalten hat, damit er im richtigen Moment geschmeidig die Ringe herausholen konnte. Sybille, die immer zur rechten Zeit am rechten Ort war, um den Blumenstrauß in Empfang zu nehmen, mein Kleid zu richten und mir bei allem zu helfen.

Die Passagiere, wie Renate, Suzy, Max, Laurel, Ron, Roberta, Ernst, Hans-Ulrich, Mike, noch eine Suzy, Barbara und viele, viele andere, die sich so mit und für uns gefreut haben. Die das ganze Spektakel angenommen, akzeptiert und sogar gefeiert haben. Die Menschen, die mir hinterher sogar USB-Sticks geschenkt haben, mit Fotos von uns.

Der Kapitän, der selber aufgeregt, aber so freundlich war und der dieser Zeremonie eine solche Feierlichkeit verliehen hat, dass mir jetzt noch die Tränen kommen.

Der Crew und dem Expeditionsteam, die uns alle von vorne bis hinten unterstützt haben. Vom Champagner im Kühler über die Handtuchschwäne auf dem Bett, der Buttercremetorte mit Herzchen und der Salbe gegen meine natürlich genau zur falschen Zeit auftauchenden entzündeten Lippe.

Ich danke euch allen von ganzem Herzen und ich werde niemals vergessen, was ihr für uns getan habt!

Disclaimer: Ich habe die Reise an Bord der Sea Spirit bei einem Wettbewerb von Poseidon Expeditions gewonnen. Ich selbst musste also nichts für die Reise bezahlen, werde für meine Artikel aber auch nicht vom Reiseveranstalter bezahlt. Ich gebe hier meine eigenen Erfahrungen wieder.

Copyright: Alle der hier gezeigten Bilder habe logischerweise nicht ich gemacht. 😉 Viele stammen vom fantastischen Bordfotografen Page Chichester, aber auch von all den unglaublich netten Menschen, die diesen Tag gefeiert haben und so lieb waren, mir die Bilder zu überlassen.

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Expeditionskreuzfahrt Grönland: Sisimiut – Die wahre Hauptstadt Grönlands

Auf unserer Reise mit der Sea Spirit besuchen wir viele Orte an der Westküste Grönlands. Einer davon ist die Hauptstadt Nuuk, die im letzten Artikel eine gewisse Rolle spielte. Doch Nuuk ist nur Hauptstadt geworden, weil es die Dänen so entschieden haben und wenn man nach Sisimiut kommt, dann hört man die Menschen sagen: Das hier ist die wahre Hauptstadt Grönlands!

Zukunft durch Bildung

Sisimiut liegt auf dem 66. Breitengrad und da wären wir schon bei einem entscheidenden Unterschied zu Nuuk. Denn so liegt Sisimiut etwa 50 Kilometer nördlich des Polarkreises und daher in der Arktis. Mit knapp 5.500 Einwohnern ist Sisimiut zwar deutlich kleiner als Nuuk, aber immer noch die zweitgrößte Stadt des Landes. Hier findet sich auch die größte Fischfabrik Grönlands.

Wir erkunden die Stadt zu Fuß, gemeinsam mit Jörg, einem einheimischen Guide. Aus dem Hafen folgen wir der Straße bergauf. Rechterhand liegt das Museum, das wir uns später noch anschauen werden. Auf der linken Seite befinden sich eine Schule und ein Gebäude der Gemeindeverwaltung. Jörg erklärt, dass die Schüler in Grönland Geld für ihren Schulbesuch und auch für ihr Studium erhalten. Denn der Schlüssel zur Unabhängigkeit und Autonomie liege in der Bildung.

Jörg ist ganz anders, als unser Guide in Nuuk und trotzdem brennt er genauso für die Autonomie seines Landes. Er wirkt aber weniger idealistisch, vielleicht ein bisschen müder und abgeklärter. Aber er ist stolz auf Sisimiut, die wahre Hauptstadt, die mit einer Hochschule für handwerkliche Berufe den jungen Menschen eine Zukunftsperspektive bietet.

Expeditionskreuzfahrt-Groenland-Sisimiut-Strasse

Außerdem haben hier fast alle Häuser Zu- und Abwasserleitungen, was in Grönland keine Selbstverständlichkeit ist. Im Winter wird eine dritte Leitung aktiv, die die anderen beiden davor bewahrt einzufrieren. Wir gehen weiter immer bergauf in Richtung eines kleinen Sees.

Die Grönland-Hunde von Sisimiut

Und dann begegnen wir ihnen endlich! Ich habe schon die ganze Reise darauf gewartet und nun ist es soweit: Die grönländischen Schlittenhunde! Um diese Rasse zu schützen, darf es nördlich des Polarkreises in Grönland keine andere Hunderasse geben und verlässt ein Grönland-Hund dieses Gebiet einmal, so darf er nie zurückkehren.

Während im Süden Grönlands Hunde einen ähnlichen Status wie bei uns zu Hause haben, als Haustier und Freund, werden die Grönland-Hunde noch zur Arbeit eingesetzt. Dementsprechend ist das Verhältnis der Halter zu ihren Tieren auch deutlich weniger emotional, als ich es gewöhnt bin. Aber natürlich muss ich das als Gast in diesem Land akzeptieren und respektieren, auch wenn ich am liebsten hinlaufen, die Hunde von ihren kurzen Ketten losbinden und sie streicheln würde.

Das geht aber nicht und wahrscheinlich würde ich dabei auch ein paar Finger verlieren, denn diese Hunde sind keine Schmusetiere.

Das Arctic Circle Race – Start und Ziel in Sisimiut

Unsere Gruppe wendet sich nun dem See zu, der am Fuß einer Bergkette das Ende der Stadt bildet. Hier startet und endet jedes Jahr das Arctic Circle Race, ein Langlauf-Wettrennen. Dabei legen die Läufer in durchschnittlich etwa drei Tagen 160km zurück und haben dabei mit Temperaturen von -30° zu tun. Sogar der dänische Kronprinz hat einmal teilgenommen.

Wer absehen kann, dass er oder sie wohl nicht als Erste/r ins Ziel gehen wird, versucht stattdessen gerne Letzte/r zu werden, erklärt uns Jörg. Denn auch dafür gibt es einen Preis. Auf der anderen Seite des Sees findet sich ein Gemeindehaus mit der Büste des Gründers des Rennens davor.

Trial by combat – Aber mit Lachen!

Schräg gegenüber befindet sich das Gerichtsgebäude, das mit der Darstellung eines Trommeltänzers geschmückt ist. Warum? Weil die Grönländer Streitigkeiten früher per Tanz-, Grimassen- oder Sprachduell lösten. Ziel war es, den Gegner zum Lachen zu bringen und wer zuerst lachte, hatte den Streit verloren. Sollte er dann immer noch nicht bereit sein, klein beizugeben, so musste er den Ort friedlich verlassen.

Klingt gar nicht so schlecht, oder? Wahrscheinlich hat das auch nicht immer geklappt, aber mir gefällt die Idee sehr, statt per Kampf oder Gerichtssitzung zu entscheiden, es erstmal mit Lachen zu versuchen. Ich könnte mir vorstellen, dass einige Probleme vielleicht auch gar nicht mehr so gravierend wirkten, wenn man erstmal gemeinsam gelacht hatte. Heute läuft das natürlich auch ein bisschen anders, aber das Emblem soll die Menschen daran erinnern, trotz allem den Humor nicht zu verlieren.

Fischmarkt und Museum

Unser Guide führt uns jetzt zum Fischmarkt von Sisimiut, wo allerdings für den heutigen Tag schon alle Geschäfte erledigt sind. Allerdings kann man immer noch riechen, was hier stattgefunden hat. Der Markt ermöglicht den hiesigen Fischern und Jägern, sich auf ihre eigentliche Tätigkeit zu konzentrieren und ihre Beute einfach hier abzugeben, wo sich dann die Käufer einfinden.

In der Nähe des Markts befinden sich mehrere Wohnkomplexe, etwas, das man nur in größeren Städten in Grönland sieht. Auch wenn diese Gebäude längst nicht den Charme eines einzelnen Hauses ausstrahlen, so gibt man sich dennoch Mühe, sie mit Murals zu verschönen und die Gelegenheit zu nutzen, die heimische Fauna zu porträtieren.

Expeditionskreuzfahrt-Groenland-Sisimiut-Wohnblock-Mural-Graffiti

Wir beenden unsere Tour am Museum von Sisimiut, wo wir noch einiges über die verschiedenen Schlitten, die in Grönland genutzt werden, lernen. Es gibt unterschiedliche Schlittenarten und auch unterschiedliche Möglichkeiten, die Fächergespanne anzuordnen. Wenn du mehr über Schlittenhunde und Gespannarten wissen möchtest, dann schau mal in mein kleines Musher-ABC!

Im Zweifel: Swingerparty!

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Im Museum selbst gibt es eine Ausstellung, in der sowohl ein virtueller christlicher Priester, als auch ein grönländischer Schamane Fragen beantworten. Und das durchaus mit Humor! Ein Beispiel: Was tue ich, wenn meine Frau trotz vieler Versuche nicht schwanger wird? Während der Priester nur Beten und Hoffen im Angebot hat, gibt der Schamane einen etwas pragmatischeren Rat. Zuerst solle man ein großes Fest veranstalten, bei dem alle sich näher kommen könnten, eine Art Swingerparty also. Wenn die Dame danach immer noch nicht guter Hoffnung sei, dann nehme man sich halt einfach eine zweite Frau.

Ein Besuch bei den Schlittenhunden

Da wir noch etwas Zeit haben, bevor wir an Bord der Sea Spirit zurück müssen, beschließen wir, einen der umliegenden Hügel zu erklimmen. Der Wind nimmt ordentlich zu und oben angekommen können wir uns fast dagegen lehnen. Endlich sind wir aber weit genug im Norden, dass statt Regen Schnee vom Himmel fällt. Der Blick auf die umliegenden schneebedeckten Berge ist fantastisch.

Wir steigen auf der anderen Seite des Hügels ab und hören schon, dass wir uns wieder in der Nähe von Schlittenhunden befinden. Also folgen wir der Straße und dem Gebell und stehen bald vor einer weiteren kleinen Kolonie. Wir dürfen bei einer Fütterung zuschauen und als wir die Straße noch etwas weiter entlangstromern, knacken wir den Jackpot, zumindest für mich: Wir treffen auf einen Wurf herumtollender Welpen.

Nachdem Mutter und Vater sich überzeugt haben, dass wir keine Bedrohung darstellen, entspannen sie sich wieder und lassen uns Zeuge des Treibens der tapsigen Kleinen werden. Diese tollen wild über- und durcheinander, spielen Tauziehen oder kullern einfach den Hang hinunter. Ich bin im 7. Himmel! Meine Finger erfrieren, während ich ein Foto nach dem anderen schieße und immer dichter der Schnee fällt. Irgendwann kann mich mein Freund aber doch überzeugen, zum Schiff zurückzukehren. Denn morgen… da wird dort etwas ganz besonderes passieren!

Disclaimer: Ich habe die Reise an Bord der Sea Spirit bei einem Wettbewerb von Poseidon Expeditions gewonnen. Ich selbst musste also nichts für die Reise bezahlen, werde für meine Artikel aber auch nicht vom Reiseveranstalter bezahlt. Ich gebe hier meine eigene Meinung wieder.

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Koloniales Erbe und Aufbruchsstimmung – Ein Besuch in Grönlands Hauptstadt Nuuk

Die Sea Spirit legt im Hafen von Nuuk, der Hauptstadt Grönlands an, und die Gangway steht bereit. Neugierig steigen wir hinunter in den Hafen, doch noch bevor wir uns groß umschauen könnten, steht schon ein Reisebus inklusive grönländischem Guide bereit. Und er wird uns mitnehmen, auf eine kleine Reise durch Nuuk, aber auch durch die Vergangenheit.

ACHTUNG: Triggerwarnung – dies ist kein besonders schöner Feel good-Artikel. Es geht um das, was der grönländischen Bevölkerung unter dänischer Vorherrschaft angetan wurde.

Ich finde aber, dass, wenn man in ein anderes Land reist, ein Blick hinter die Fassade dazu gehört. Natürlich beobachte ich gern friedlich Tiere oder genieße schöne Orte, aber gerade heutzutage gilt es, genau hinzuschauen und dunkle Ereignisse der Vergangenheit nicht totzuschweigen. Diese gehören ebenso zu Grönland, wie die atemberaubende Natur. Wem das zu viel ist, der kann gerne beim nächsten Artikel wieder einsteigen!

Die Grönländer und der Wunsch nach Unabhängigkeit

Seit 1721 war Grönland dänische Kolonie und wurde im 20. Jahrhundert Teil des dänischen Reichs. In den 1950er Jahren fand eine sogenannte Dekolonialisierung statt, was zunächst bedeutete, dass die Grönländer überhaupt wieder Zugang zur restlichen Welt erhielten, nachdem sie lange von den Dänen abgeschottet wurden. Doch auch danach hat Dänemark die Grönländer bevormundet und teilweise sogar misshandelt. Zudem werden auch heute noch viele wichtige Entscheidungen, die Grönland betreffen, nicht von den Grönländern selbst, sondern von den Dänen getroffen werden.

Nuuk als Hauptstadt

Eine davon war, Nuuk (früher Godthåb) im Jahr 1950 zur Hauptstadt zu machen. Als unser Guide uns herumführt meint er nur trocken: “Wir hätten uns diesen Ort niemals als Hauptstadt ausgesucht, Nuuk ist nicht mehr als eine dänische Kolonie. Aber nun müssen wir das Beste draus machen.” Mittlerweile hat Nuuk etwa 20.000 Einwohner. Bei ca. 56.000 Grönländern insgesamt, lebt hier also mehr als ein Drittel der Bevölkerung der Insel. Hier findet sich auch die einzige Universität des Landes, an der etwa 500 Studierende eingeschrieben sind.

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Universitätsgebäude

Die Urbanisierung ist in Nuuk deutlich zu spüren, gerade im Vergleich zu winzigen Orten wie Narsaq, Qassiarsuk oder Paamiut. Hier gibt es jede Menge asphaltierte Straßen, öffentliche Verkehrsmittel und Gebäudekomplexe, nicht nur einzelner bunter Häuser und Schotterwege. Und überall wird gebaut. Die Grönländer halten Schritt, wie unser Guide stolz erklärt. Und sie haben keine Probleme damit, Neuerungen zu adaptieren und sich daran zu gewöhnen, seien es Handys oder Internet.

Groenland-Nuuk-Kolonialgeschichte-Hauptstadt

Öffnung Grönlands als Ziel der Grönländer

Der Flughafen in Nuuk unterhält bisher nur Verbindungen nach Dänemark und Island, doch er wird gerade ausgebaut und die Grönländer wollen den Flugverkehr unbedingt auch von und nach Nordamerika ermöglichen. Die Dänen sehen das natürlich nicht so gerne, aber zumindest unserem Guide ist das ziemlich egal. Er brennt für die Unabhängigkeit und Autonomisierung seines Heimatlandes.

So berichtet er uns, dass in den letzten Monaten der Entwurf für eine eigene Verfassung fertiggestellt wurde, an dem die Grönländer insgesamt sieben Jahre gearbeitet haben. Denn die grönländische Repräsentation im dänischen Parlament ist ein Witz: 2 von 200 Sitzen. Das reicht den Grönländern nicht und die eigene Verfassung könnte ein weiterer Schritt auf dem langen Weg aus Dänemarks Einflussbereich sein.

Nach wie vor ist der mit Abstand wichtigste Wirtschaftszweig in Grönland der Fischfang, doch auch der Tourismus gewinnt immer mehr an Bedeutung. Dieses Jahr werden etwa 700 Kreuzfahrtschiffe in Nuuk erwartete, aber eine Flugverbindung nach Westen würde die Zahl der Besucher noch deutlich erhöhen. Und die Grönländer wieder ein Stückchen unabhängiger machen.

Von der Vergangenheit in die Zukunft

Als wir uns dem Zentrum nähern, fällt mein Auge auf ein Graffito. Es zeigt einen Ladebalken, der den vermeintlichen Fortschritt Grönlands anzeigt. Wobei Fortschritt vielleicht nicht das richtige Wort ist, eher die Veränderung. Radikale Öffnung und Neuerung sind schön und gut, aber wenn man sich dieses Wandbild anschaut, dann bekommt man ein Gefühl dafür, dass die Grönländer auch Angst haben, ihre sowieso schon verdrängte und unterdrückte Kultur noch weiter zu verlieren.

Es wird nicht einfach werden, ein modernes und zukunftsorientiertes Land zu sein und gleichzeitig eine Kultur zu bewahren, die sich nicht aus sich selbst heraus weiterentwickeln durfte. Ich bin froh, dass es in fast jedem Ort ein kleines Museum gibt. Und auch wenn manche stöhnen, dass es langweilig sei und fast immer nur die gleichen Exponate zu sehen seien, finde ich es wichtig, die Erinnerung an das Vergangene zu konservieren und zu bewahren.

Unten links das Museum im alten Kolonialhafen

Sedna statt Egede – Die Legende der Königin der Meere

Wir erreichen den alten Kolonialhafen mit der Statue von Hans Egede, dem Gründer der Siedlung, aus der Nuuk entstanden ist. Hoch auf einem Hügel thronend überblickt er herrisch und streng das Gelände. In den letzten Jahren kam es immer wieder zu Vandalismus und Stimmen wurden laut, dieses Denkmal des umstrittenen Missionars zu entfernen. Noch ist es nicht so weit.

Aber unten, im Hafen, dort findet man das, was Egede so verzweifelt versuchte in Grönland auszumerzen. Den Glauben an Götter und mächtige Wesenheiten. Dort, mit den schlagenden Wellen zu ihren Füßen, sitzt Sedna. In der traditionellen Überlieferung der Inuit ist sie die Mutter aller Meerestiere.

Je nach Region unterscheidet sich die Legende in ihren Details. Allgemein aber erzählt man: Sedna war eine wunderschöne junge Frau, die nicht heiraten wollte. Mal heißt es, sie wurde von ihrem Vater gezwungen einen Raben zu heiraten, mal, dass sie weggelaufen sei und gemeinsam mit Seevögeln auf einer Klippe gelebt habe.

Irgendwann hatte ihr Vater aber Mitleid, beziehungsweise, Sedna wollte nach Hause zurückkehren. So kam der Vater um sie in seinem Boot zurückzubringen. Doch sie wurden von den wütenden Vögeln angegriffen. So attackiert stieß der feige Vater Sedna über Bord um selbst zu entkommen. Und als sie sich am Bootsrand festhielt, da schlug er ihr mit dem Paddel die Finger ab.

Sedna sank auf den Meeresgrund, umhüllt von ihrem langen Haar. Und aus ihren abgeschnittenen Fingern wurden die Bewohner des Ozeans: Robben, Walrosse und Wale. Sedna wurde zur Meeresgöttin und wenn Fischer auf’s Meer hinausfahren, dann bitten sie Sedna, ihnen gnädig zu sein. Nur mit ihrem Segen kann es gelingen etwas zu fangen. Denn sie sorgt für das Gleichgewicht im Ozean. Wenn die Menschen sich schlecht benehmen und Sedna verärgern, dann schickt sie ihnen Wellen und Stürme und verwehrt ihnen, ihre Kinder zu fangen. Dann müssen die Menschen Sedna besänftigen, indem sie ihr das lange Haar kämmen.

Groenland-Nuuk-Kolonialgeschichte-Meeresgoettin-Sedna

Traurige Vergangenheit: Zwanghafte Geburtenkontrolle durch Dänemark

Wir fahren mit dem Bus zu einem kleinen Friedhof direkt an der Küste. Auf Halbmast flattert die grönländische Fahne im Wind. Auch hier haben sich die Grönländer bewusst gegen das so gängige Philippuskreuz oder auch skandinavische Kreuz entschieden, das die Flaggen von Finnland, Schweden, Dänemark, Norwegen und Island ziert.

Die grönländische Flagge ist horizontal zweigeteilt und zeigt einen geteilten rot-weißen Kreis auf weiß-rotem Grund. Es gibt mehrere Interpretationen der Symbolik. Eine besagt, es handele sich um die untergehende Sonne, die im Meer versinkt. Der Designer der Flagge selbst hat erklärt, der weiße Streifen repräsentiere die Gletscher, der rote Streifen den Ozean, der rote Halbkreis die Fjorde und der weiße Halbkreis die Eisberge und das Packeis. 

Als unser Guide nach dem Altersdurchschnitt in Grönland gefragt wird, erhalten wir eine traurige Antwort. Die grönländische Bevölkerung ist relativ alt mit einem hohen Anteil an über 60-Jährigen. Das liegt daran, dass die dänische Regierung von den 60ern bis in die Mitte der 70er Jahre und wohlmöglich sogar noch länger dafür gesorgt hat, dass viele der grönländischen Frauen keinen Nachwuchs bekommen konnten.

Zwangsverhütung mit Spiralen

In diesen Jahren wurden Mädchen und Frauen unwissentlich oder sogar gegen ihren Willen auf Geheiß der dänischen Regierung Spiralen eingesetzt. Sogar junge Mädchen im Alter von nur 15 Jahren sollten so daran gehindert werden, Kinder zu bekommen. Es wurde sogar extra ein vermeintlich fortschrittliches Gesetz erlassen, das den Ärzten erlaubte, junge Mädchen ohne Beisein und Wissen ihrer Eltern zu beraten und zu behandeln. Grundsätzlich eine gute und richtige Idee, die hier aber pervertiert wurde, um die eigene Agenda durchsetzen zu können.

Insgesamt waren wohl mindestens 4.500 Frauen betroffen. Bei der damaligen Bevölkerungszahl von nur 40.000 Menschen, bedeutet das, dass möglicherweise die Hälfte aller gebärfähigen Frauen (etwa 9.000) betroffen war. “Warum?”, fragt man sich entsetzt.

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Kostenkontrolle und Abhängigkeit

Es ging darum, die dänischen Kosten für Grönland möglichst gering zu halten. Die Geburtenrate war in den letzten Jahren enorm gestiegen, zumindest für grönländische Verhältnisse. Kindergärten, Kitas und Schulen kosteten den Staat Geld, hinzu kamen mögliche Sozialleistungen. Man wollte verhindern, dass die Frauen zu Müttern wurden und so als Arbeitskraft wegfielen. Und natürlich spielte auch das Gefühl der eigenen Überlegenheit eine Rolle, mit der derartige Verbrechen seit je her gerechtfertigt wurden. Frei nach dem Motto: Wir sind gebildeter und wissen, was das Beste ist. Schon ein paar Jahre zuvor, in den 50er Jahren, wurden grönländischen Familien ihre Kinder weggenommen und in Dänemark zur Adoption freigegeben.

Es mag ebenfalls eine Rolle gespielt haben, dass man die Bevölkerungszahl gering halten wollte, um einem möglichen Kontrollverlust vorzubeugen. Viele kolonialisierte Staaten auf der ganzen Welt wurden in diesen Jahrzehnten unabhängig und Dänemark wollte seinen Anspruch wohl festigen. Schließlich ist Grönland wirtschaftlich und geografisch unter verschiedenen Aspekten sehr wichtig für Dänemark. Wie das verrückte Angebot vom ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, Grönland der dänischen Regierung abzukaufen, zeigt.

Der “gute” Ruf der skandinavischen Länder

Als ich all das erfahre, wird mir schlecht. Erst kann ich es gar nicht glauben. Das liebe nette Dänemark, unser guter Nachbar, so eine dunkle Kolonialgeschichte? Die skandinavischen Länder haben heutzutage einen fantastischen Ruf und ein sehr positives Standing in Europa. Da überrascht es einen immer wieder, wenn solch dunklen und traurigen Kapitel ans Tageslicht kommen. Völlig unvorbereitet trifft es mich aber nicht, denn schon 2017 bin ich auf die Spuren der brutalen dänischen Kontrolle über Grönland gestoßen, als ich den Lost Place Qullissat besuchte.

Dieses koloniale Denken, der Missbrauch durch ein ach so westliches und zivilisiertes Land und das vielleicht noch zu meinen Lebzeiten… ich verstehe die glühende Leidenschaft, mit der unser Guide von der Unabhängigkeit Grönlands als erklärtem Ziel spricht. Und ich drücke ihm verdammt noch mal die Daumen!

Disclaimer: Ich habe die Reise an Bord der Sea Spirit bei einem Wettbewerb von Poseidon Expeditions gewonnen. Ich selbst musste also nichts für die Reise bezahlen, werde für meine Artikel aber auch nicht vom Reiseveranstalter bezahlt. Ich gebe hier meine eigene Meinung wieder.

Copyright: Alle der hier gezeigten Bilder ohne mein Logo wurden vom Bordfotograf Page Chichester aufgenommen.

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Expeditionskreuzfahrt Grönland: Paamiut

Paamiut, ein weiterer Ort an der Westküste Grönlands, den wir auf unserer Reise mit der Sea Spirit besuchen. “Nur” ein weiterer Ort könnte man meinen. Wieder ein paar bunte Holzhäuser in der Wildnis. Aber ich finde, jeder Ort in Grönland hat seinen ganz eigenen Charme, seinen ganz eigenen Charakter, und so bin ich gespannt, was uns in Paamiut erwartet, als wir vor Anker gehen.

Im Regen durch Paamiut

Im Vergleich zu den bisher besuchten Orten wie Narsaq und Qassiarsuk liegt Paamiut nicht in einem Fjord, sondern relativ dicht an der Küste. Davor erstreckt sich jedoch ein Schären-Labyrinth aus kleinen, felsigen Inseln. Wie auch schon an den vorigen Tagen regnet es leider, weshalb wir zuerst das örtliche Museum ansteuern, um ein bisschen unsere Kleidung zu trocknen und die Exponate anzuschauen.

Da deren Zahl jedoch recht überschaubar ist, dauert unser Besuch nicht allzu lang und so schlendern wir durch den Ort. In Paamiut ist heute Kindertag und zu deren Belustigung fahren die Feuerwehrautos durch die Straßen und es gibt Feuerwerk. Auf dem örtlichen Fußballplatz, die es fast überall in Grönland gibt, findet ein kleines Match statt.

Ausblick über Paamiut

Paamiut ist mit seinen etwa 1.300 Einwohnern nicht allzu groß und um uns einen besseren Überblick zu erschaffen, erklimmen wir einen der umliegenden felsigen Hügel. Hier entschließen wir uns, etwas das Hinterland zu erkunden und bis zu einem Tümpel zu laufen, den wir von der Kuppe aus entdeckt haben. Schnell haben wir Straßen und Asphalt hinter uns gelassen und wandern über die grönländische Tundra.

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Wanderung durch die Tundra mit Gruselfaktor

Der Boden ist vollgesogen mit Wasser, das zwischen den grasigen Forstaufbrüchen in Lachen steht. Immer wieder sprenkeln weiße oder rosafarbene Blumeninseln den steinigen Untergrund. Hier und da liegt sogar noch alter, verharschter Schnee.

Wir erreichen den Tümpel nach einer halben Stunde, Paamiut ist hinter den Hügeln verschwunden und wir sind ganz allein. Im Nieselregen wirkt der Ort melancholisch, beinahe auch ein bisschen unheimlich. Irgendwie würde es einen gar nicht wundern, hier eine Leich zu finden, schießt es mir durch den Kopf. Ich teile den morbiden Gedanken mit meinem Freund, der nur stumm nickt und mit dem Finger auf etwas in dem Tümpel zeigt.

Dort liegt ein einzelner Schuh. Es ist nicht der einzige Müll und wahrscheinlich hat ihn nur jemand verloren, aber er gibt dem Kino in meinem Kopf neue Nahrung. Vielleicht habe ich aber auch einfach zu viele nordische Crime-Serien gesehen. Denn abgesehen von diversem entsorgtem oder vergessenem Unrat entdeckten wir nichts weiter beunruhigendes.

Schaumparty am Kindertag

Wir wandern zurück und als wir wieder nach Paamiut kommen, schlägt die Atmosphäre um. Statt Melancholie lassen wir uns von der im wahrsten Sinne überschäumenden Freude der spielenden Kinder anstecken. Diese toben immer noch auf dem Fußballfeld in etwas, das ich zunächst für Schnee halte. Als wir näher kommen wird uns klar: Die Kinder waten knietief im Löschschaum der Feuerwehrautos und haben einen Riesenspaß mit dieser Schaumparty.

Freudig kommen sie uns mit ausgebreiteten Armen entgegengerannt, um uns auch eine Portion zu verpassen. Sehr höflich warten sie aber ab, ob man vielleicht wegrennen möchte. Ist das nicht der Fall und man öffnet sogar die Arme, dann ist man bald ebenfalls von oben bis unten mit Schaum bedeckt.

Gut eingeschäumt schlendern wir weiter durch Paamiut, werfen einen Blick in die Kirche und auf eine Statue mit gekreuzten Walflossen und lesen die Inschrift auf der Brücke: ” Paamiut Asasara”. Unsere Kajak-Lehrerin und Grönland-Expertin Elo hat uns das Wort bereits beigebracht. Asasara ist ein Kosewort und bedeutet in etwa “Mein Liebling”. Ich weiß noch nicht, ob Paamiut mein Lieblingsort auf dieser Reise wird, aber einen Besuch ist es allemal wert.

Disclaimer: Ich habe die Reise an Bord der Sea Spirit bei einem Wettbewerb von Poseidon Expeditions gewonnen. Ich selbst musste also nichts für die Reise bezahlen, werde für meine Artikel aber auch nicht vom Reiseveranstalter bezahlt. Ich gebe hier meine eigene Meinung wieder.

Copyright: Alle der hier gezeigten Bilder ohne mein Logo wurden vom Bordfotograf Page Chichester aufgenommen.

Groenland-Qassiarsuk-Brattahlid-Kirche

Expeditionskreuzfahrt Grönland: Qassiarsuk und Erik der Rote

Wir sind unterwegs mit der Sea Spirit und erkunden die Westküste Grönlands! Nachdem wir schon am Kap Farvel mit den Kajaks unterwegs waren und Narsaq vom Wasser und zu Fuß kennengelernt haben, führt unser Abenteuer uns heute in das winzige Dorf Qassiarsuk.

Mit den Kajaks an der Küste vor Qassiarsuk

Warum gerade hierhin? Qassiarsuk gilt als der erste Orte, an dem die Wikinger in Grönland siedelten! Und bevor wir Fuß auf diesen historisch bedeutsamen Boden setzten, machen wir es genauso wie die Wikinger und nähern uns vom Wasser aus. Wir steigen in unsere Kajaks und gleiten die Küste entlang.

Eduardo, unser Guide, erklärt uns, welche verschiedenen Gesteinsarten wir hier sehen und warum sie zum Teil wie ineinandergeschoben wirken. Die See ist spiegelglatt, die Oberfläche wird nur von den stetig fallenden Regentropfen in Unruhe versetzt. So paddeln wir ruhig und gleichmäßig und gleiten doch recht schnell voran. Am hoch aufragenden Ufer grasen Schafe am Hang und immer wieder sehen wir auch kleine Lämmer.

Als wir umkehren und Kurs auf Qassiarsuk nehmen, entdecken wir sogar einen Polarfuchs, der sich auf flinken Pfoten seinen Weg durch das Geröll sucht. Sein Fell ist weiß-braun gescheckt, er befindet sich mitten im Wechsel von Winter- zu Sommergarderobe. Bevor wir am Strand von Qassiarsuk anlanden, drehen wir noch eine kleine Ehrenrunde um einen der Eisberge, der dort auf den Wellen dümpelt.

Kajak-Kayak-Guide-Groenland-Expedition-Eisberg

Brattahlid, die erste Siedlung der Wikinger in Grönland

Wir ziehen die Kajaks auf die Steine, befestigen die Spritzschutze, die wie Schürzen an uns herunterhängen, und machen uns auf, die Siedlung kennenzulernen. Auch heute leben hier noch Menschen, es sind aber nur sehr, sehr wenige: 63, um genau zu sein. Die meisten betreiben Schafzucht, wie wir ja schon mit eigenen Augen sehen konnten. Von denen gibt es auch ein paar mehr, nämlich 8.500.

Ansonsten ist Qassiarsuk im Vergleich zu Narsaq winzig und unbedeutend, wäre da nicht…ja, wäre da nicht Erik der Rote gewesen. Denn er hat hier um 985 die erste Siedlung der Wikinger gegründet, Brattahlid. Erik kam aus Norwegen und selbst dort sind die Bedingungen ja manchmal recht rau und unfreundlich. Man stellt sich die Frage, warum er meinte, dass gerade nach Grönland zu ziehen eine gute Idee gewesen sei.

Nun ja, Erik hatte was ausgefressen. Der Beiname “der Rote” kommt nämlich nicht von ungefähr, er spielt auf das Blut an, mit dem der Herr sich besudelte, als er in Norwegen jemanden umbrachte. So musste er Norwegen hinter sich lassen und zog erst einmal nach Island. Aber auch dort konnte er es nicht lassen, beging wieder einen Mord und wurde verbannt.

Erik der Rote

So ließ der gute Erik Frau und Kinder zurück und machte sich auf, das große Land im Nordwesten zu erkunden, dass andere schon vor ihm gesichtet und davon berichtet hatten. Er fuhr drei Jahre lang die grönländische Küste auf und ab und aufgrund der eisigen Winter sah es manchmal gar nicht gut für ihn aus. Aber er überlebte, kehrte schließlich nach Island zurück und tat dort seine etwas verrückte Idee kund Grönland zu besiedeln.

Das mit dem Eis und der Kälte hat er wohl ein bisschen geschönt, denn ihm wird die Bezeichnung Grünland zugeordnet, mit der er mutmaßlich Siedler anlocken wollte. Das klappte auch und 25 Schiffe stachen von Island in See. Es kamen aber leider nur 11 an. Trotzdem machten die Siedler es sich im heutigen Qassiarsuk gemütlich und lebten dort zeitgleich mit den Inuit, wenn man auch nicht sagen kann miteinander.

Die Wikinger-Kultur in Grönland

Die Wikinger nahmen die Inuit nämlich nur als bessere Tiere wahr, denn deren enorme Körperlraft, die gutturale Sprache und das Hinein- und Hinauskrabbeln durch die niedrigen Hauseingänge auf allen Vieren, den Verzehr von rohem Fleisch und das enge Zusammenleben empfanden sie als fremdartig und animalisch. Erik und seine Familie hingegen lebten in hölzernen Langhäusern mit Feuer- und Kochstelle, separater Schlafkammer und abgetrennten Bereichen für die unverheirateten Frauen.

Blick in ein Winterhaus der Inuit
Blick in ein Langhaus der Wikinger

Denn die beiden Bevölkerungsgruppen hätten unterschiedlicher kaum sein können. Die Wikinger lebten in Holzhäusern, trugen selbst gewebte Wollkleidung und hatten insgesamt eine ganz andere Kultur, als die Inuit, die in Grashäusern lebten, Pelze und Leder trugen und sich hauptsächlich von Jagd und Fischfang ernährten. Dafür bot Grönland auch die bessere Grundlage, denn Holz und Wolle gab es dort nicht. So mussten die Wikinger alles importieren, was sie benötigten. Daher segelte Leif, der Sohn von Erik und seiner Frau Tjodhilde, viele Male zurück nach Island, wo er mit dem christlichen Glauben in Kontakt kam und die Idee des Christentums schließlich nach Grönland brachte.

Wie das Christentum nach Grönland kam

Erik der Rote war wenig erbaut, seine Frau hingegen war begeistert und konvertierte schon bald. Der daraus entstehende Unfriede zwischen den beiden Eheleuten gipfelte darin, dass Tjodhilde Erik aus dem gemeinsamen Schlafzimmer verbannte. Erst der von Erik in Auftrag gegebene Bau einer Kirche konnte seine Frau besänftigen. Auch wenn die Intention wohl weniger dem tiefen geistigen Glauben, sondern recht körperlichen Bedürfnissen entsprang. Heute kann man Nachbauten der verschiedenen Behausungen in Qassiarsuk anschauen und auch eine Replik der kleinen Kirche.

Der grönländische Glaube – Tupilaks

Von den Inuit hingegen ist deutlich weniger zu bestaunen. Dabei ist deren Kultur mindestens genauso faszinierend. Die Inuit glaubten nicht an einen Gott, sondern an viele. Oder zumindest mächtige Wesenheiten, die das Schicksal der Menschen beeinflussten. Einige dieser Wesenheiten konnte man sich dienstbar machen, in dem man zum Beispiel sogenannte Tupilaks schnitzte.

Tupilaks sind oft gruselig und böse aussehende Figuren, in deren Herstellung all der eigene Ärger und Groll floss. Denn man stellte sie her, um seinen Feinden zu schaden. Waren sie fertig, so versenkte man sie im Meer und die Tupilaks machten sich auf den Weg zu ihren Opfern. Doch Vorsicht war geboten: War der Geist des Feindes stärker als der eigene, so konnte er die bösen Tupilaks abwehren und auf ihren Schöpfer zurückhetzen!

Disclaimer: Ich habe die Reise an Bord der Sea Spirit bei einem Wettbewerb von Poseidon Expeditions gewonnen. Ich selbst musste also nichts für die Reise bezahlen, werde für meine Artikel aber auch nicht vom Reiseveranstalter bezahlt. Ich gebe hier meine eigene Meinung wieder.

Copyright: Alle der hier gezeigten Bilder ohne mein Logo wurden vom Bordfotograf Page Chichester aufgenommen.

Groenland-Expedition-Kreuzfahrt-Narsaq-Bucht

Expeditionskreuzfahrt Grönland: Ein Besuch in Narsaq

Unser erster Landgang auf der Expeditionskreuzfahrt von Island nach Westgrönland war der Ort Narsaq. Geplant war eigentlich Qaqortoq, doch dieses Jahr gibt es an der Südspitze Grönlands ungewöhnlich viel Eis und der Fjord, in den wir hätten fahren müssen, ist für die Sea Spirit nicht passierbar. Das gehört übrigens zu einer Expeditionskreuzfahrt dazu: Alle Pläne sind genau das, nämlich Pläne. Ob sie Realität werden, hängt jederzeit von Wetter- und Eisverhältnissen ab.

Sich darüber zu grämen, wenn eine Programmänderung stattfindet macht also gar keinen Sinn. Natürlich ist es schade, wenn man sich auf einen bestimmten Punkt gefreut hatte. Aber eine solche Reise ist eben auch ein kleines Abenteuer, dass uns zeigt, das wir nicht alles bestimmen und vorplanen können. Und da heißt es flexibel bleiben und sich über das freuen, was möglich ist. In diesem Fall: Narsaq!

Und möglich gemacht wird viel, wenn man mit Poseidon Expeditions unterwegs ist. Wie im letzten Post beschrieben, sind mein Freund und ich dem Kajak-Club beigetreten und konnten unsere erste Ausfahrt am Kap Farvel unternehmen. Damit wir von unserem Aufenthalt in Narsaq so viel wie möglich haben, heißt es heute: Zuerst in die Trockenanzüge, dann mit dem Zodiac an Land und ab ins Museum, da dieses recht zeitigt schließt.

Die drei Häfen von Narsaq

Wir legen im zweiten Hafen von Narsaq an. Denn obwohl der Ort mit seinen etwa 1.300 Einwohnern recht überschaubar ist, hat er drei Häfen. Oder zumindest Buchten, die als solche fungieren. Im ersten, dem kommerziellen Hafen, liegt unser Schiff vor Anker. Bei dem zweiten handelt es sich um einen für die kleineren Privatboote der Einwohne rund Besucher. Der dritte Hafen ist der Jagdhafen. Hier werden Jagd- und Fischbeute an Land gebracht.

Wir begeben uns aber zunächst in den zweiten, den hier können wir mit unserem Schlauchboot problemlos und trocken landen und stehen dann quasi direkt vor dem kleinen Museum von Narsaq. Als wir aus dem Zodiac klettern muss ich kurz innehalten, denn es ist das erste Mal seit sechs Jahren, dass ich wieder grönländischen Boden betrete. Wie lange habe ich auf diesen Moment gehofft und gewartet. Für meinen Freund ist es sogar das allererste Mal überhaupt. Nun gut, so richtig passend gekleidet sind wir in unser Kajak-Montur für diesen Moment nicht. Oder für einen Museumsbesuch.

Im Museum von Narsaq

Traditionelle grönländische Kleidung: Spitzenstiefel und Perlenkragen

Wir dürfen aber trotz wippender Spritzschutze und Neoprenstiefelchen das lang gezogene Gebäude betreten. Hier gibt es grönländische Kleidung zu sehen, vom traditionellen Anorak aus Seehundfell bis zur festlichen Tracht. Diese besteht bei den Frauen aus den hohen weißen Stiefeln, den Kamiks. Diese sind oft mit weißer Häkelspitze und einer gestickten Blumenborte verziert, die in Handarbeit gefertigt wird. Gleiches gilt für die aufwendig gestalteten und gemusterten Perlenkragen.

Der Kragen wird über einem farbigen Hemd getragen. Junge Mädchen tragen bis zu ihrer Hochzeit rote Hemden, dann wechseln sie zu blau. Direkt nach der Hochzeit handelt es sich um einen ganz hellen Farbton, der aber mit Ablauf der Jahre immer dunkler wird und so den Ehestand anzeigt. Im Museum kann man ein sehr schönes Exemplar in einem dunklen Petrol bewundern.

Wie gerne hätte ich auch eine solche Tracht, die zu Feierlichkeiten getragen wird. Aber mir ist auch klar, dass kulturelle Aneignung ein Problem ist und die Grönländer wahrscheinlich wenig erbaut wären, würde ich mir ein solches Outfit zulegen. Schön ist es aber trotzdem. Sehr sogar!

Grönländischer Hochzeitsbrauch: Kaffee für alle

Im Hinblick auf gewisse bevorstehende Ereignisse frage ich unseren Guide, ob es bestimmte Bräuche zu Hochzeitsfeierlichkeiten in Narsaq oder überhaupt in Grönland gibt. Ja, die sogenannte Kaffeemik! Dabei handelt es sich um ein ganztägiges Kaffeetrinken, zu dem das Brautpaar alle Freunde, Bekannte und Einwohner des Orts und vielleicht sogar des Nachbarorts einlädt. Jeder kann zu jeder Zeit vorbeikommen und sich eine Tasse Kaffee und etwas Gebäck reichen lassen. Dabei geht es weniger um die Speisen, als um den Austausch, die Gespräche, vielleicht sogar das Kennenlernen.

Jagd aus dem Kajak: Jagdtechnik der Inuit

Im oberen Teil des Museums finden sich Kajaks und Jagdausrüstung. Wie in meinem Beitrag über das Kajak fahren schon erzählt, ist dieses Boot eine Erfindung der Inuit, die hauptsächlich zur Jagd diente. Um Robben zu erlegen wurden Harpunen verwendet.

Diese werden mit Hilfe einer Schleuder geworfen und der Widerhaken des Speerkopfs bohrt sich in das Tier. Der Kopf selbst löst sich aus dem Speer, welcher dann sofort wieder mit einer Leine eingeholt wird. Schließlich war und ist Holz in Grönland ein sehr seltenes Gut, das nicht verschwendet werden darf. Meist handelt es sich bei Holz um Treibholz, das aus Sibirien stammt und an den grönländischen Küsten angespült wird.

Die Speerspitze selbst bleibt im Tier stecken und ist über ein aus Sehnen gefertigtes Band mit einem mit Luft gefüllten Magensack verbunden. Dieser fungiert als eine Art Boje. Die Robbe ist nun verletzt, aber noch nicht tot und mit der Boje wird sie gleichzeitig markiert und an der Flucht gehindert. Da Robben scharfe Krallen besitzen, darf der Jäger dem Tier zunächst nicht zu nahe kommen. Es könnte sonst das Kajak zerstören. Erst wenn die Robbe geschwächt und entkräftet ist, paddelt der Jäger heran und tötet sie mit einem speziellen Messer.

Als überzeugte Vegetarierin kommt mir das natürlich sehr brutal und qualvoll vor. Aber auf meinen vielen Reisen habe ich auch gelernt, dass das eine sehr westeuropäisch sozialisierte Sichtweise ist, die einen nicht daran hindern sollte, spannende Aspekte fremder Kulturen kennenzulernen.

Narsaqs Rentierstein: Der sagenumwobene Tugtupik

In einem weitern Raum kann des Museums werden Geologen vor Freude Luftsprünge machen, denn hier finden sich allerlei steinige Exponate. Eines davon ist rosa, an manchen Stellen sogar pink: Der Tugtupik! Er kommt nur an ganz wenigen Orten auf der Erde vor und einer davon ist Narsaq.

Er ist auch als Rentierstein bekannt, denn der Legende nach findet man ihn dort, wo die Rentiere ihre Kälber zur Welt bringen. Bei der Geburt sprenkelt ihr Blut den Boden und färbt so den Stein.

Grashaus statt Iglu: Ein grönländisches Winterhaus

Elo, unsere Kajak-Lehrerin und Fachfrau zu Grönland, zeigt uns ein grönländisches Winterhaus, erbaut aus Gras und Steinen. Es hat nur einen Raum, der mehreren Familien als Zuhause diente. Dominiert wird der Raum von einer großen Plattform, die zugleich Bettstatt und Aufenthaltsort war. Da es hier kaum Brennmaterial gibt, wurde wenig gekocht, die meisten Mahlzeiten wurden roh verzehrt. So kam es übrigens auch zu der abfälligen Bezeichnung Eskimo, die übersetzt Rohfleischfresser bedeutet. Heute spricht man von Grönländern oder Inuit.

Licht und Wärme spendete also kein Feuer, sondern Specksteinlampen, in denen Wal- oder Robbenfett verbrannt wurden. Um nicht zu frieren und sich körperlich fit zu halten, entwickelten die Inuit Spiele, die auch auf kleinstem Raum gespielt werden konnten und die Geschicklichkeit, Balance und Kraft trainierten.

Narsaq vom Wasser aus

Jetzt haben wir jede Menge über die Menschen und das Leben hier gelernt und als Historikerin besuche ich sehr gern Museen. Was mir aber als Abenteurerin noch lieber ist: Alles mit eigenen Augen entdecken! Gut, dass es für und nun in den dritten Hafen geht, wo wir in unsere Kajaks klettern und beginnen zu paddeln.

Als erstes können wir uns vom Zweck dieser Bucht selbst überzeugen, den auf den Wellen treibt das Fell einer Robbe. Ihre Überreste sind auf den steinigen Grund des Hafenbeckens gesunken. Schade, dass man nicht alles vom Tier verwertet hat, denke ich. Denn so kenne ich es eigentlich aus dem Norden, wo Rohstoffe und Ressourcen knapp sind. Daher werden sie hier in der Regel nicht verschwendet .

Hier im Hafen ist das Wasser klar und ruhig, doch in der nächsten Bucht erwarten uns etwas mehr Wellengang und wunderschöne Eisberge. Wir kreisen um das Eis, betrachten es von all seinen Seiten und in all seinen Facetten. Eisberge üben eine kaum beschreibbare Faszination aus. Man kann sie stundenlang anschauen, ohne sich zu langweilen.

Narsaq zu Fuß

Soviel Zeit haben wir aber nicht, denn wir wollen uns Narsaq ja nicht nur anschauen, sondern es auch erkunden. Also, flugs zurück zur Sea Spirit, raus aus den Trockenanzügen und hinein in normale Kleidung und dann mit Zodiacs zurück in den Ort!

Vom Hafen aus laufen wir rechts den Hügel hinauf, mitten zwischen die bunten Häuser. Ich liebe die Farben Narsaqs, hier gibt es Gebäude in blau, pink und türkis. Wir begegnen dem ersten und einzigen Eisbären unserer Reise. Zumindest dem, was einem Eisbären optisch am nächsten kommt: Ein extrem wuschelfelliger weißer Hund, der sich alle Mühe gibt, uns von seiner hölzernen Veranda aus zu verbellen.

Von einigen Silos aus haben wir einen guten Blick auf die Stadt und die Bucht, in der die Sea Spirit ankert. Über eine grasige Senke geht es weiter in den nächsten Teil Narsaqs. Vorbei am Friedhof mit den vielen einheitlichen, weißen Kreuzen und einigen Plastikblumen und der hübschen Kirche. Den Berg hinauf findet sich zuerst eine Art Minisupermarkt oder Kiosk und dann das Ulu Net Café.

Lokale grönländische Biere aus der Qajaq-Brauerei

Begeistert nutzt mein Freund die Gelegenheit, sich mit der lokalen Braukunst bekannt zu machen. Denn in dem Café gibt es neben diversen Speisen auch die Biere der ortsansässigen Qajaq-Brauerei zu kaufen. Drei Flaschen wandern über die Theke, jedes mit einem liebevoll gestalteten Etikett. Es gibt die Sorten Umimmak (Moschusochse), Ukaleq (Schneehase) und Aqisseq (Alpenschneehuhn). Bei dem ersten handelt es sich um ein dunkles Lager, bei dem zweiten um ein Maibock Lager und bei dem dritten tatsächlich um ein Ale mit der Bezeichnung Kölsch.

Wir müssen lachen, hier, am Ende der Welt treffen wir auf unsere Heimat Köln. Die Qajaq-Brauerei verwendet zur Herstellung Gletscherwasser, das Bier wird hier in Narsaq gebraut und abgefüllt. Mein Freund kürt übrigens Umimmak zum geschmacklichen Sieger. Im Ulu Café dürfen wir dann sogar noch mit einem Pin auf einer riesigen Weltkarte markieren, wo wir herkommen. Und obwohl wir gerade in der Nähe von Marburg wohnen, nehmen wir natürlich Köln.

Anekdote: Die verrückten deutschen Alkoholiker

Hier möchte ich noch eine kleine Anekdote erzählen. Da die Etiketten der Biere so hübsch sind, möchte ich diese gern in mein Reisetagebuch kleben. Also packen wir die leeren Flaschen in unseren Rucksack und nehmen sie mit zurück an Bord. Aber wie bekomme ich sie nun ab? Unser Waschbecken ist zu flach, also schnappe ich mir den Mülleimer, fülle ihn mit Wasser und versenke die Flaschen darin, damit die Etiketten sich lösen.

Ich komme mir noch sehr schlau vor, denn ich mache das Ganze nach dem Frühstück, als unser Kabinensteward Emery schon mit unserem Zimmer durch ist. Jetzt habe ich bis zum Abendessen Zeit, bis er wiederkommt um unser Bett aufzudecken. Bis dahin kann ich ja alles locker wieder wegräumen. Denkste. Denn als ich nachmittags kurz in unsere Kabine muss, finde ich dort Emery, der gerade eine neue Mülltüte in den Mülleimer spannt.

Peinlich! Ich versuche stotternd zu erklären, was ich vorhatte, doch er schüttelt nur lächelnd den Kopf und versichert mir, dass alles gut sei, er sich um alles gekümmert habe und nun alles wieder seine Ordnung habe. Ich glaube, er hält uns für verkappte, heimlich trinkende Alkoholiker, die auf krude Art und Weise versucht haben, die Beweise loszuwerden. Sei’s drum, Etiketten und Flaschen sind jetzt jeden falls weg und ich schwöre mir, dem armen Mann ein ordentliches Trinkgeld zu hinterlassen.