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Sylt im März – Das Echte im Falschen finden

Selten ist es mir so schwer gefallen, einen Artikel zu schreiben. Viele Male setze ich an, doch die Worte wollen nicht wie sonst aus meinen Fingern fließen. Mein Hirn zerfrisst sich selbst mit Fragen nach dem Sinn und Unsinn eines Sylt-Artikels. Nach echten Emotionen und falschen Eindrücken.

Ein Beispiel gefällig?

Die Tage auf Sylt starten entspannt. An den ersten Morgen zieht geisterhaft der Seenebel durch die Straßen, schnell getrieben vom Meereswind und so feucht, dass sich das Gesicht sofort mit feinem Tau besetzt. So schauen wir aus dem warmen Häuschen im Heideweg hinaus in die Kälte, trinken in Ruhe unseren Tee und warten auf die Rückkehr der Sonne.

Entspannt. In Ruhe. Die Worte kommen mir vor wie Hohn und lassen einen bitteren Nachgeschmack zurück, der nicht am Tee liegt. Wie kann ich hier entspannt und in Ruhe sitzen, wenn in Europa Krieg herrscht?

Diese Sylt-Reise ist gekennzeichnet von krassen Gegensätzen, von der immer wiederkehrenden Frage, was gerecht ist. Ist es gerecht, dass ich hierhin fahre, den Frieden dieser so gehypten Insel in der Vorsaison genieße, während woanders der Frieden gebrochen wurde? Ist es gerecht, dass schon am zweiten Tag die Sonne vom Himmel strahlt, ein Geschenk und ein Segen, der mir die letzten Monate so gefehlt hat? Darf ich das alles genießen? Kann ich das überhaupt? Ist das nicht falsch?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht, zwischen dem an sich schon ironischen, weil verkrampften Versuch mich zu entspannen, unserem Umzug, meiner Jobsuche, der finanziellen Situation und jeden Tag die Sorge, was wohl in der Zeitung stehen mag. Es ist März 2022 und zum ersten Mal in meinem Leben wird ein europäisches Land mit einem Angriffskrieg überzogen. Russland ist in die Ukraine einmarschiert.

Auf Sylt hingegen, der besungenen und bestaunten Insel, merkt man oberflächlich nichts davon. Keine Flaggen, keine Demos, keine Aufregung. Oft haben wir das Gefühl, allein unterwegs zu sein. Doch die Welt lässt sich immer nur kurz aussperren. „Sie haben heute Nacht ein Atomkraftwerk beschossen“, sagt meine Tante am zweiten Morgen zu mir, als ich aus meinem Zimmer komme.

Entsetzen, Angst und vor allen Dingen Hilflosigkeit. Und immer Schuld. Ich fühle mich schlecht, so viel zu klagen, wo ich so wenig Grund dazu habe. Aber wie mal ein sehr schlauer Mensch sagte: Wir befinden uns hier nicht bei der Leidensolympiade, es geht nicht darum, wer den größten Schmerz empfindet. Jeder Schmerz, jede Angst hat ihren Grund, oft sogar ihre Berechtigung. Aber Ablenkung tut not und ich hoffe, diese auf Sylt zu finden.

Aber gibt es über Sylt überhaupt noch irgendetwas zu schreiben? Die ehrliche Antwortet lautet: Nein. Ganz bestimmt nicht. Und so tue ich mich wieder schwer. Auch wenn ich weiß, dass die besten Artikel immer die mit den fünf Restauranttipps oder zehn Hotspots sind, habe ich nicht das Gefühl, mit so einem Artikel noch irgendeinen Beitrag zu leisten.

Es bleibt der Ursprungsgedanke dieses Blogs, eine Art Tagebuch in dem ich meine Reiseerinnerungen festhalte. Aber auch das ist nicht so leicht. Denn der Gedanke an das, was gerade in der Welt passiert, radelt immer mit über die einsamen Wege durch die Dünen.

Aber versuchen möchte ich es trotzdem, denn ich bin sehr dankbar für das, was ich hier erleben darf. Also nehme ich euch in den nächsten Beiträgen mit auf „diese Insel“, nach Sylt, zu einsamen Stränden, leuchtender Heide und atemberaubenden Sonnenuntergängen.

4 Comments

  • Brigitte Wallraf

    Ja liebe Anuschka, ich finde es richtig und wichtig, dass du diesen Artikel schreibst. Dass du all die Zweifel, Bedenken, Gefühle, die diese Auszeit begleitet haben, benennst. Denn ich glaube, dass viele Menschen hier bei uns sich ständig mit denselben Fragen auseinandersetzen. Darf ich mich freuen, wenn andere Menschen auf der Flucht sind oder sich im Krieg befinden, wenn sie schreckliches Leid erfahren? Die Antwort fällt mir nicht leicht und ich hoffe, dass ich mich nicht selbst damit belüge. Denn ich glaube, dass wir die Pflicht haben, Freude zuzulassen, wenn wir sie erleben, traurig zu sein, wenn wir es sind, verzweifelt, glücklich, all das sollten wir wahrnehmen. Dann sollten wir uns darüber austauschen, nicht alleine bleiben mit diesen widerstreitenden Gefühlen. Wir sollten überlegen, was können wir tun, um den Menschen in diesem Krieg zu helfen. Wie können wir uns stärken, dass wir auch unsere Ohnmacht aushalten können.
    Wie haben wir diese Woche „ausgehalten“? Wir haben morgens ausführlich die Zeitung gelesen und darüber gesprochen, haben uns berühren lassen, waren fassungslos und hilflos. Dann haben wir uns auf die Räder geschwungen und haben uns vom Wind, dem Meer und dem Licht berühren lassen und waren dankbar dafür. Abends haben wir uns wieder die neuesten Nachrichten angesehen und uns wieder den gleichen Gefühlen ausgesetzt. Diese Widersprüche sind nicht aufzulösen. Und trotzdem glaube ich, dass wir es richtig gemacht haben.
    Und ja, Sylt braucht deinen Artikel. Es lohnt sich, die andere Perspektive auf diese widersprüchliche Insel zu richten.

    • Rosa

      Liebe, liebe Brigitte,
      ich habe auch das Gefühl, dass es richtig ist, wenigstens das ganze Wirrwarr an Gefühlen hier anzusprechen und nicht einfach wie vorher weiterzumachen und Artikel zu posten. Und andererseits möchte ich genau das machen, Artikel schreiben, mich ablenken, unterhalten, mich an dem Erlebten freuen, denn das ist meine Art, dankbar zu sein. Dankbar dafür, dass ich in den schweren Momenten nicht allein sein musste und auch die schönen teilen konnte. Dass du mir diese Insel gezeigt hast, mein Zuckerlevel konstant hoch gehalten und die Sonnenuntergänge mit mir genossen hast. 😉
      Und ich freue mich, bald mit dir Marburg und die Umgebung zu erkunden!

  • Georg

    Rosa auf meiner Lieblingsinsel. Wie schön.
    Wir mögen Sylt seit Jahren. Im Frühjahr und im Herbst findet man am besten viele schöne, ruhige Plätzchen. Ich liebe vor allem den Sonnenuntergang am Roten Kliff und die Ruhe auf dem Ellenbogen; und natürlich die Braderuper Heide.

    • Rosa

      Lieber Georg,
      ich war tatsächlich überrascht, wie wenig los war, vor allem natürlich an den Stellen, die man nicht mit dem Auto erreicht. Wir hatten aber auch großes Glück! Im März hat man bestimmt nicht immer so tolles Wetter. Es war so abwechslungsreich, die Gegend um Hörnum mit der Heide so ganz anders als der Deich nach List…Die Sonnenuntergänge werden mir auf jeden Fall auch im Gedächtnis bleiben, gerade der am Roten Kliff war toll. Und auch hier waren wir praktisch allein. Ich freu mich, wenn du auch in die nächsten Artikel mal reinschaust, da finden sich dann bestimmt ein paar „Bekannte“! 🙂

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