Blogparade „Denkanstoß“: Das Volk des Nordens

denkanstoss

Samen. Der eine mag bei diesem Wort ans Gärtnern denken, der andere an Bienchen und Blümchen. Aber ich wette, die wenigsten denken dabei an eine über 1000 Jahre alte Kultur. Dass das Volk, das sich selbst Sámi nennt, kaum über Skandinavien hinaus bekannt ist, finde ich schade und deswegen werde ich jetzt ein bisschen über diese Menschen erzählen.

Warum diese Blogparade?

Den Denkanstoß zu diesem Artikel habe ich auf dem Bloggertreffen #blogcharity erhalten, dass Anja von Travel on Toast in Köln organisiert hat. Bei dem Treffen ging es auch darum, mal darüber nachzudenken, wie wir reisen, was wir dabei erleben und wie wir im Nachhinein davon erzählen. Ich glaube, viele haben sich auf ihren Reisen schon ein Mal kritisch mit den vorgefundenen Verhältnissen auseinandersetzen müssen: Soll ich wirklich auf diesem Elefanten reiten, auch wenn ich sehe, dass es ihm hier nicht gut geht? Muss ich tatsächlich in den Seaworld-Park? Will ich in dieses Land reisen, wenn ich weiß, dass man dort nicht frei seine Meinung äußern darf, dass Frauen dort weniger Rechte haben, dass Kinder hungern?

Weil ich es wichtig und richtig finde, sich mit diesen Fragen auseinander zu setzen, möchte ich gerne eine Blogparade unter dem Titel „Denkanstoß“ starten und ich lade alle herzlich ein, daran teilzunehmen. Was hat euch zum Nachdenken bewegt, ins Grübeln gebracht? Ob Umweltverschmutzung, Klimawandel, Menschenrechte, Katastrophen oder Tierquälerei, auf was möchtet ihr einmal aufmerksam machen? Ich würde mich freuen, eure Artikel (auch gerne schon bestehende) hier verlinken zu dürfen! Schreibt mir einfach eine Mail oder postet in den Kommentaren.

Die Samen und ihre Geschichte

Zurück zu den Sámi. Auch ich hatte als Kind lediglich mal von einem Volk der „Lappen“ gehört (eine eher als herabsetzend empfundene Bezeichnung, wenn sie von Fremden verwendet wird), die irgendwo im Norden leben. Mehr Vorkenntnisse hatte ich nicht, als ich 2013 zum ersten Mal in die Arktis reiste, die hauptsächliche Heimat der Samen. Es gibt heute Volksstämme in Finnland, Russland, Schweden, Norwegen und der Ukraine.

Meine erste Begegnung mit den Samen

Zu meinem Urlaub in Nordfinnland gehörte auch eine Schneemobiltour, auf der wir einen „echten“ Samen bei seiner Arbeit begleiteten. Hannu-Pekka legte sich einen Überwurf um, der ihm zumindest einen Hauch von Tradition verlieh, passend zu seinen mandelförmigen Augen und dem etwas flächigeren Gesicht. Markku hingegen, ebenfalls Same und zweiter Guide auf der Tour, sah so klassisch mitteleuropäisch aus, wie es nur ging. Die beiden verkaufen sich aber auch nicht als „anders“ im Gegenteil, ich fand sogar, dass die „Kostümierung“ eigentlich nicht passte. Schließlich leben sie nicht in der Vergangenheit und auf einem Schneemobil ist ein flatternder Umhang nicht gerade das Praktischste. Ich habe mich gefragt, ob Hannu-Pekka ihn nur für uns angezogen hat, oder weil er ihn selber tragen wollte. Aber ich hab mich nicht getraut ihn zu fragen. Und mich ein bisschen im Touristen-Rudel geschämt. Aber genossen habe ich den Tag trotzdem sehr.

Unterdrückung und Benachteiligung

Die Samen wurden als Minderheit, wie so oft in der Weltgeschichte, lange benachteiligt und unterdrückt. Ihre Sprache wurde verboten, sie wurden gewaltsam zu Christen bekehrt, ihre religiösen Stätten und Gegenstände zerstört, Sippenverbünde durch Neuverteilungen zerrissen. Noch im 17. Jahrhundert wurden sie versklavt und in Silberminen zum Arbeiten gezwungen. Ihr Land wurde an neue Siedler vergeben, die sich weder um Bräuche noch Besitz scherten. Durch exzessive Bejagung der Rentiere litten die Sámi an Nahrungsknappheit, besonders schlimm waren diese Ungerechtigkeiten in den schwedischen Gebieten.

Mit den Rassentheorien wurden auch die Samen als minderwertiges Volk diskriminiert und sahen sich weiteren Anfeindungen ausgesetzt. Bis in die 20er Jahre empfanden es sowohl Schweden als auch Norwegen als Pflicht, die Samen zu kontrollieren, da diese nicht in der Lage seien, sich selbst zu regieren. Am „Institut für Rassenbiologie“ wurden Untersuchungen durchgeführt, die belegen sollten, dass sich die Samen bloß nicht mit anderen Ethnien vermischen durften. Könntet ihr auch kotzen, wenn ihr so was lest?

Die Samen heute

Bis heute ist das Verhältnis der Samen zu den Regierungen schwierig, bisher hat nur Norwegen einen Vertrag zur Sicherung der Rechte der Ureinwohner ratifiziert. Das alles soll aber niemanden davon abhalten heute in die betreffenden Gebiete zu reisen, finde ich. Im Gegenteil, ich glaube, je mehr Menschen überhaupt von der Existenz dieser Kultur erfahren, umso besser.

Heute sind viele der in Nordskandinavien lebenden Samen entweder im Fischfang oder der Rentierzucht beschäftigt. Letzteres lässt sich natürlich wunderbar mit dem Tourismus verbinden. So lernen auch wir Hannu-Pekkas Herde kennen, dürfen einmal das Lasso werfen (nur auf ein an den Zaun montiertes Geweih) und die Rentiere füttern. Wir lernen etwas über die Ohrmarken und das Problem der Vielfraße. Wen die ganze Geschichte interessiert, der möge hier klicken.

 

Nachdem mein Interesse an dieser Kultur geweckt war, habe ich mich auch während meiner Arbeit in Finnland weiter damit auseinandergesetzt. So bin ich zum Beispiel auf die samische Sängerin Sofia Jannok gestoßen, die „Joik“, den klassischen samischen Gesangsstil, in ihre Lieder mit einfließen lässt.

Samische Trachten

Ziemlich hin und weg bin ich auch von den meist rot, blau und gelb gestalteten Trachten der Sámi. Ich wusste, dass es nicht unbedingt im Sinn der Sámi war, als ich mich 2015 zu Karneval als Samin verkleidete. Denn die Samen mögen es nicht, wenn jemand, der nicht zu ihrem Volk gehört, ihre traditionelle Kleidung trägt. Und ich habe auch versucht, unter einem Instagram-Schnappschuss auf die Problematik hinzuweisen, ein bisschen Kritik blieb mir trotzdem nicht erspart. Außerdem fragte mich jeder zweite auf der Straße, was mein Kostüm denn darstellen solle, von den Vorschlägen Putin-Mädel bis Vodka-Braut war einiges dabei. Letzteres ist allerdings meine Schuld, denn da ich keine Sámi- Mütze auftreiben konnte, habe ich einfach eine Fellmütze genommen.

sami

Trotzdem habe ich das Kostüm gern getragen, denn einerseits gefällt mir der Stil dieser traditionellen Kleider, zum anderen hat es mir Spaß gemacht, mit Menschen ins Gespräch zu kommen und ihnen wenigstens zu erzählen, dass es die Sámi gibt. Und ihr wisst das jetzt auch.

Bis bald und gute Reise!

P.S.: Wer die Kleidung mal im Original sehen möchte findet beim guardian ein paar wunderschöne Fotos!


Teilnehmer der Blogparade:

  1. Liescheradieschen reist – Denkanstoß-oder wie nachhaltig sind wir unterwegs?
  2. Hallo Rio! – Reisen: Wie kritisch soll und muss man sein?
  3. Paradise found – Denkanstoß: Wie nachhaltig ist Reisen?
  4. Die Bilderbummler – Moskau: Besuch im Lenin-Mausoleum
  5. Fernweh & Heimatliebe – Haitauchen in Gansbaai

16 Gedanken zu “Blogparade „Denkanstoß“: Das Volk des Nordens

  1. Liebe Rosa,
    auf unserer Norwegenreise bin ich über Verkaufsstände auf die Sámi gestoßen, die in einem kleinen Geschäft am Hafen von Honningsvag (Nordkapp) handgemachte Pullover und Artikel aus Horn verkaufen. Ich habe mir einen kleinen Anhänger mit mythischen Zeichen gekauft. Zu gerne würde ich mehr über die Sámi wissen und sie besuchen. Vom Jolk-Gesang habe ich mal gehört, die Kleidung finde ich wunderbar und farbenfroh.

    Ich denke schon, dass man diese Volksgruppen besuchen sollte. Nur so können wir dazu lernen und werden überhaupt darauf aufmerksam. Es ist sicher beim Reisen immer eine Gradwanderung zwischen zur Schau gestellter Exotik und wahrem Leben. Es wäre immer schöner, jemanden persönlich zu kennen und einige Zeit mit dem Volk zu verbringen. Das ist leider nicht jedem Reisenden möglich. So lange die Sámi selbst mit den Besuchern ein Einkommen generieren, habe ich keine Probleme damit. Wenn sie aber, wie in manchen anderen Ländern, nur zur Schau gestellt werden, wird es schwierig.

    Liebe Grüße
    Renate

    1. Liebe Renate,
      danke für deinen ausführlichen und reflektierten Kommentar! Du hast vollkommen Recht mit allem was du schreibst. Ich hoffe, dass vielleicht sogar der ein oder andere durch meinen Post anfängt sich für die Sámi und ihre faszinierende Kultur zu interessieren. Umso besser natürlich, dass das bei dir schon vorher der Fall war! 🙂 Und ich finde auch, dass, wenn der Kontakt gewünscht ist, es ein ganz tolles Erlebnis ist, sich auf Reisen eine Kultur näher bringen zu lassen! Danke für deinen Beitrag!
      Liebe Grüße,
      Rosa

  2. Dein „Denkanstoß“ hat mir gut gefallen und ich finde ihn auch gerade beim Reisen wichtig. Ich glaube jeder von uns trägt in seinem Rucksack auch immer ein Päckchen Vorurteile mit sich herum. Es ist gut, sich dies bewusst zu machen und sich dann auf Begegnungen einzulassen. Wie oft ist es mir anschließend passiert, dass ich durch diese Begegnungen überrascht, manchmal beschämt und sehr oft bereichert wurde. Deswegen versuche in nach Möglichkeit beim Reisen nicht nur faszinierende Landschaften kennenzulernen, sondern versuche offen für die Menschen zu sein, denen ich begegne. Das geht natürlich auch hier in Deutschland, doch ich glaube, dass eine Konfrontation mit ganz anderen Lebensräumen und anderen Lebensbedingungen den persönlichen Blickwinkel erweitert, wenn man sich darauf einlässt. Darum wünsche ich dir, dass du noch oft solche Begegnungen wie mit dem Volk der Samen haben wirst.

    1. Liebe Brigitte,
      vielen Dank für deinen schönen Kommentar! Du hast absolut Recht, man reist doch immer mit bestimmten Vorstellungen und Erwartungen. Und manchmal ist es das Beste, wenn die im positiven Sinn enttäuscht werden!

  3. Sehr spannend, ich höre mir gerade das Video an, danke dafür! Und natürlich auch für Deine Auseinandersetzung. Dass Du die Tracht angezogen hast, verstehe ich vollkommen, ich hätte es vermutlich aber nur in einem Blogbericht wie diesem verbreitet und ohne die falsche Pelzmütze. Einerseits finde ich es nicht besonders toll, wenn Gesellschaften etwas für sich alleine beanspruchen und finde es daher auch etwas albern, dass die Samen es nicht mögen, wenn jemand „Außenstehendes“ (diese Denke alleine finde ich schon unangenehm) ihre Klamotten trägt. Andererseits haben alle Trachten ja eine bestimmte Geschichte, die mit ihnen erzählt wird, und jemand, der die Geschichte nicht kennt, „erzählt“ sie damit eben nicht korrekt. Dass du nur in Deutsch auf die Problematik auf Instagram hingewiesen hast, hat Dri vermutlich die Kritik eingebracht – ich hoffe, du hast sie nicht zu schwer genommen. Sie war wohl irgendwo berechtigt, andererseits wolltest Du eigentlich zum Nachdenken anregen.
    Danke für diesen interessanten Artikel, der auch mich mal wieder zum Nachdenken angeregt hat und so schön viele Ebenen hatte. 🙂
    Viele Grüße
    /inka

    1. Liebe Inka,
      danke für dein Lob, ich freu mich, wenn dir die Idee gefällt. Und die Musik! 🙂
      Es ist eben ein schmaler Grat auf dem man mit Dingen wie dem Kostüm wandelt, aber alles in allem denke ich, dass es mehr Nutzen als Schaden gebracht hat. Und mit der Kritik kann ich umgehen, ich hatte ja schon im Vorfeld damit gerechnet. 🙂
      Liebe Grüße
      Rosa

  4. Liebe Anuschka,

    ich habe gleich mal ordentlich in die Tasten gehauen und dabei rum gekommen ist dieser Artikel: http://lieschenradieschen-reist.com/denkanstoss/

    Ich halte Nachhaltigkeit auf Reisen für ein ganz wichtiges Thema bei dem wir uns ruhig auch mal an die eigene Nase fassen können. Ich bin sehr gespannt, was noch so für Meinungen dabei rum kommen.

    Liebe Grüße,
    Lynn

  5. Hei Rosa,

    spannend deine Gedanken zu lesen! Ich war auch schon ein paar Mal in Lappland (Finnland). In Finnland habe ich das Gefühl, dass die Samen sehr assimiliert sind und sich kaum mehr vom Durchschnittsfinnen unterscheiden. Dem ganzen Touristenrummel in Lappland stehe ich eher kritisch gegenüber… habe irgendwie ein ungutes Gefühl dabei, dass mittlerweile solche Massen nach Lappland reisen und meinen von einer Safari zur nächsten hetzen zu müssen (https://nordetrotter.wordpress.com/2016/01/20/lappland-im-winter-ueber-den-tourismus-30c-und-das-eisloch/). Umweltfreundlich sind diese Reisen auch nicht gerade… Andererseits: Ohne den Tourismus würden wahrscheinlich noch mehr Samen in die Städte abwandern…

    1. Hej Heike,

      danke für den interessanten Artikel, ich hab mich in so vielem wiedererkannt! Ich sag nur Eisloch…Und ich denke, du hast völlig Recht, dass die Samen sich dem Tourismus zugewandt haben ist nicht zuletzt auch eine Überlebensstrategie. Man kann sich nur schwer entscheiden ob lieber so oder gar nicht.

      Wenn du mit dem Artikel an der Blogparada teilnehmen möchtest, würde ich mich freuen, wenn du das vielleicht kurz in einem Absatz am Anfang deines Artikel erläutern, und hierher verlinken würdest!
      Wenn nicht ist aber auch nicht schlimm, dein Kommentar bleibt ja auf jeden Fall hier!

      Liebe Grüße,
      Rosa

  6. Liebe Rosa,

    ein schöner Artikel und eine tolle Überlegung dahinter. Indigene Völker und Reiselust haben viel miteinander zu tun. Es wäre schön, wenn mehr Reisende davon erfahren.

    Viele wissen zum Beispiel nicht, dass weltweit indigene Völker von ihrem Land vertrieben werden – angeblich um die Umwelt durch Nationalparks besser zu schützen – gleichzeitig aber das Gebiet für Touristen erschlossen wird. Wenn mehr Reisende kritisch nachfragen würden, könnten wir für das Leben vieler indigener Familien einen echten Unterschied machen.

    Ein trauriges Beispiel ist Indien: http://www.survivalinternational.de/ueber/tiger-indien

    Viele Grüße
    Linda von Survival International, der globalen Bewegung für die Rechte indigener Völker

    1. Hey Linda,
      danke für den interessanten Link! Und vor allem Danke für euer Engagement! Super, was ihr leistet!
      Liebe Grüße
      Rosa

    1. Hey Kerstin,
      super, vielen, vielen Dank für deinen Beitrag! Jetzt haben wir doch schon einige interessante Gedanken zusammen. 🙂
      Liebe Grüße,
      Anuschka

    1. Hey Jenny,

      sehr cool, dass du doch noch dabei bist! Ein supertoller Artikel, bin sehr froh, dass ich ihn verlinken darf! Ich wünsche dir noch einen schönen zweiten Advent.

      Alles Liebe,
      Anuschka

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