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Sylt mit dem E-Bike: Radtour nach Hörnum

Obwohl ich eigentlich dazu neige in Stresssituationen das Essen einzustellen, scheint sich das im letzten Jahr geändert zu haben. Dabei war das echt stressig. Pandemie, der Afghanistaneinsatz meines Freundes, die furchtbare Situation auf der Arbeit (Rückblick 2021) – Stress gab es genug und trotzdem wiege ich im März überraschenderweise soviel wie noch nie.

Fast jede Hose kneift und als ich mich auf Sylt zum ersten Mal seit Monaten auf ein Fahrrad schwinge, bin ich entsetzt. Nach wenigen hundert Metern zieht es in meinen Beinen, ich habe kaum die Ausdauer ein paar Kilometer am Stück zu radeln. Das ewige zu Hause sitzen und der Kauf des Autos machen sich unangenehm bemerkbar. Und leider habe ich nach meiner zweiwöchigen Krankheit Anfang Januar auch jede Disziplin verloren, was die tägliche Yogaeinheit betrifft. Seufz.

Im perfekten Influencer-Universum wäre das der Moment, wo ich mich am Riemen reiße, meine Ernährung umstelle und den Urlaub auf Sylt nutze, um wieder richtig fit zu werden. In der Realität bin ich einfach nur unendlich dankbar, als meine Tante vorschlägt, sich für die langen Touren nach Hörnum und List E-Bikes zu leihen.

Denn ich WILL die Insel sehen, ich WILL, dass sie mir Freude macht. Nach so langer erzwungener Reiseabstinenz wünsche ich mir nichts mehr als ein paar unbeschwerte Tage voller kleiner Entdeckungen. Und als ich vor dem Fahrradverleih am Bahnhof das erste Mal in die elektrisch unterstützen Pedale trete weiß ich, das ist die richtige Entscheidung. Klar, eigentlich müsste ich und es wäre besser, hätte ich…hätte, hätte, E-Bike-Kette! Wenn mir diese Bequemlichkeit dabei hilft, abzuschalten und zu genießen, wäre es dann nicht dämlich, darauf zu verzichten? Und mich stattdessen zu quälen?

Denn obwohl wir großes Glück mit dem Wetter haben und die Sonne vom Himmel strahlt, weht doch immer und überall ein Wind und leider scheint er auch immer und überall von vorn zu kommen. Mit dem E-Bike ist das allerdings kein Problem. Kurz von Eco auf Tour geschaltet und schon sause ich mit Gegenwind den Berg hoch! Okay, also eher Hügel, aber es geht fix!

Das E-Bike ist also bereit, aber wohin soll es denn nun gehen? Am ersten Tag radeln wir munter los Richtung Hörnum, ganz allein und durch schönste Heidelandschaft. Manchmal fühle ich mich fast an Inuvik und die Tundra im Herbst erinnert. Die Sonne strahlt vom Himmel, so dass die kleinen Tümpel eine stahlblaue Farbe erhalten.

Außerdem liegt rund um Rantum so eine wissenschaftliche Stimmung in der Luft. Dort stehen, auf abgezäuntem Gelände, einige Baracken und der LORAN-C-Sender. Ursprünglich wurde der Mast und die Station von der US Coast Guard betrieben (kein Wunder also, dass mir das hier alles so amerikanisch vorkommt). 1994/95 wurden sie von der der Kieler Wasser- und Schifffahrtsdirektion Nord übernommen. Seit 2015 ist die Anlage stillgelegt.

Im Hafen von Hörnum angekommen halte ich Ausschau nach Willi, der Robbe, die hier laut meiner Tante im Hafenbecken leben soll. Erst später lese ich betrübt, dass Willi schon tot ist. Aber er, der eigentlich eine sie ist, hat wohl eine Nachfolgerin herangezogen, nämlich Sylta. Aber die schaut wohl nur in den Sommermonaten vorbei und so bleibe ich ohne Robbensichtung.

Stattdessen umrunden wir den Leuchtturm von Hörnum, der ebenfalls ein schönes und wohl auch einfacheres, da statisches Fotomotiv abgibt. Unseren Besuch beenden wir im Südkap am Strand mit heißem Tee und einer eigentlich völlig überflüssigen Waffel für mich. Aber hey, es ist ja Urlaub und ich wollte mir die schönen Dinge nicht versagen, ihr erinnert euch?

Auf dem Rückweg machen wir einen kleinen Abstecher zum Rantumer Becken. Dort werden wir mit der Sichtung von Graugänsen und Weißwangen-/Nonnengänsen belohnt, die in wildem Flug durch die steife Brise flattern. Ich bin eher keine Vogelperson, bei Dokus bin ich immer etwas enttäuscht, wenn es nur um Vögel und Fische geht. Aber hier geht selbst mir das Herz auf!

Das Angebot meiner Tante uns auch die Sansibar anzuschauen lehne ich dankend ab. Irgendwie kann ich mich mit dem Sylter Upperclass-Leben so gar nicht identifizieren. Vor allem, wo es mit dem E-Bike doch so viel schöne Natur zu entdecken gibt!

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