Roadtrip Kanada & Alaska: Inuvik – Ein Besuch in der Arktis

Es gibt viele Dinge, auf die ich mich im Vorfeld der Reise gefreut habe- Bären, Berge, Kanufahren – aber am allermeisten habe ich mich auf Inuvik gefreut.

Inuvik – Schmelztiegel der Kulturen

Inuvik ist eine Stadt in den Northwest Territories. Um genau zu sein sogar die größte Stadt Kanadas nördlich des Polarkreises. Hier treffen Kulturen und Traditionen aufeinander. Denn für die Gwich’in, eine indianische Stammesgruppe, liegt hier der nördlichste Punkt ihres Territoriums, während es für die Inuvialuit, einen Inuit-Stamm, der südlichste Punkt des ihrigen ist. Erstere stellen etwa 15% der Bevölkerung, letztere immerhin 25%. Der Rest sind Menschen europäischer Herkunft, die vor allem im Tourismus oder in der Forschung arbeiten.

Als wir uns früh morgens von Dawson auf den Weg zum kleinen Flughafen der Stadt machen, pocht mein Herz. Endlich wieder Arktis! Da wir mit einer kleinen Maschine fliegen, haben wir nur wenig Gepäck dabei und das schiebe ich unruhig zwischen meinen Füßen hin und her. Mein Blick fällt auf das Rollfeld, das sich dunkel und leer vor dem Fenster erstreckt. Direkt dahinter türmen sich Berge, von denen sich langsam Dunst über das Tal legt.

Was schön aussieht an diesem düsteren Morgen, wird uns fast zum Verhängnis. Denn der Flughafenmitarbeiter teilt uns kurz darauf mit, dass er sich nicht sicher sei, ob unsere Maschine, die von Whitehorse kommt und uns nach Inuvik bringen soll, überhaupt hier in Dawson zwischenlanden kann. Die Sichtverhältnisse seien möglicherweise zu schlecht. Schon überlegen wir, ob wir mit dem Auto hochfahren sollen, eine Fahrt von 15 Stunden nonstop auf dem Dempster Highway scheint aber wenig verlockend.

Doch wir haben Glück, bald darauf zerschneiden die Propeller des Flugzeugs aus Whitehorse die dicken Nebelschwaden und die Räder setzen auf dem Schotter auf. Unsere Rucksäcke werden verstaut, wir auch und die Räder heben wieder ab. Das Ganze hat vielleicht zwanzig Minuten gedauert.

Das Flugzeug braucht nur etwas mehr als eine Stunde nach Inuvik und wenn die Wolkendecke aufreißt, kann ich unter uns den Dempster Highway erspähen, der sich nach Norden schlängelt.

Inuvik liegt im riesigen Delta des MacKenzie und dieses sehen wir, als sich unser Flugzeug seinem Ziel nähert. Nachdem wir unsere Rucksäcke in Empfang genommen haben, quetschen wir uns zusammen mit einem Doktoranden, der hier den Permafrost studieren will, in ein Taxi und rumpeln über die Schotterstraße die 10 Kilometer nach Inuvik hinein.

Erste Anlaufstelle Imbissbude

Da wir Dawson ohne Frühstück verlassen haben, machen wir uns als erstes auf die Suche nach etwas Essbarem. Das ist gar nicht so einfach wie gedacht, ein Café oder ähnliches gibt es hier nicht. Ein vorgezogenes Mittagessen lässt sich aber einrichten und so genießen wir Grilled Cheese Sandwiches auf Plastikstühlen in der Sonne.

Was nach einem günstigen Imbiss klingt ist es bei Weitem nicht, denn Lebensmittel sind hier oben wahnsinnig kostspielig. Im Supermarkt, in dem wir kurz danach einkaufen, kostet eine Packung Toast 9$, eine Konserve 12$ und vom Obst fange ich gar nicht erst an. Aber klar, alles was hier in den Regalen steht, hat einen langen Weg hinter sich. Ich genieße den Luxus hierin zu reisen und mich nur kurz verpflegen zu müssen, als ich aber darüber nachdenke, was solche Preise für die Einheimischen bedeuten müssen, stellt sich mir schon die Frage, wie man sich sowas leisten soll.

Wie ich tanzend ein Karibu häute

Nächster Halt ist, wie könnte es ander sein, das Visitor Center von Inuvik. Und wie sich herausstellt, kommen wir gerade rechtzeitig zu einer Drum and Dance Session der Inuvialuit. Zwei Männer, zwei Frauen und ein kleines Mädchen präsentieren den Zuschauern in traditioneller Kleidung den musikalischen und tänzerischen Aspekt ihrer Kultur.

Die Fellspitzen der Handschuhe und des Besatzes glänzen in der kalten arktischen Sonne, während rhythmische Schläge auf den Trommeln ertönen. Wir bekommen jeden Tanz erklärt und am Ende dürfen alle mitmachen. Wir lernen den „Skinscraping Dance“, mit unseren Armen versuchen wir darzustellen, wie wir ein Tier häuten und die Haut säubern. Olivia, die junge Tänzerin, leiht mir dafür ihre Fellhandschuhe und ich freue mich wie eine Schneekönigin.

Paul erzählt uns, dass die Trommeln der Inuvialuit früher mit Karibuhaut bespannt waren, heute verwendet man Fallschirmseide. Diese klingt zwar nicht ganz so voll, ist aber leichter zu pflegen. Außerdem schwindet die Zahl der Karibus. Olivia erzählt, als sie klein war, habe sie fast täglich Rentierfleisch gegessen, heute kommt es nur selten und zu besondere Anlässen auf den Teller.

Im Visitor Center werden wir freundlich empfangen und ich erhalte sogar ein kostenloses Zertifkat, das besagt, dass ich den Polarkreis überquert habe. Das habe ich zwar schon mehrfach, aber es schwarz auf weiß zu haben schadet ja nicht. Zusätzlich erhalten wir Infos, was wir in den nächsten Tagen hier alles unternehmen können, und so finden wir uns wenige Stunden später im Eingangsbereich des Aurora Research Institute wieder.

Das Aurora Research Institute

Wir sind nicht allein, es hat sich eine kleine Gruppe zusammengefunden, die jetzt auf Socken im Foyer steht und auf unsere Führerin wartet. Diese zeigt uns die Räumlichkeiten, die Bibliothek, die Labors und die Equipment-Räume und erklärt uns die Arbeit, die hier geleistet wird. Das Institut gehört zum Aurora College und wird somit staatlich finanziert, gilt in Inuvik aber dennoch als „neutraler“ Boden. Wenn also Stadtverwaltung, Gwich’in und Inuvialuit etwas zu besprechen haben, treffen sie sich hier im Konferenzsaal.

Das Aurora Institute bietet Forschern aus aller Welt einen Arbeitsplatz und während wir durch die Gänge tapsen, kehrt gerade eine große Gruppe Deutscher vom Alfred-Wegener-Institut von ihrer „Yukon Coast Expedition“ zurück. Während dieser haben sie die Auswirkungen des Klimawandels auf Hershel Island erforscht. Nach einem netten Plausch zieht es mich wieder in die Bibliothek, die vollgestopft ist mit Polarliteratur. Ich setze mich auf den Teppichboden, ziehe Bücher aus den Regalen und versinke in den Schicksalen fremder Menschen, die längst tot sind.

Die Igloo Church – Katholische Kirche mal anders

Noch am selben Abend widmen wir uns DER Sehenswürdigkeit Inuviks, der Igloo Church. 1958 wurde mit dem Bau des imposanten Gebäudes begonnen. Die Pläne stammten von einem jungen Mann, der Blaupausen weder lesen noch zeichnen konnte, aber den Traum von einer runden Kirche hatte. Eine Baugenehmigung beantragte er nicht, diese erteilte die kanadische Regierung aber glücklicherweise nachträglich.

Die Igloo Church wurde komplett von Freiwilligen in ihrer Freizeit errichtet und besteht zum größten Teil aus recycelten Materialien. Die Fenster kommen aus einer abgerissenen Kirche in Alberta, das Holz stammt von Frachtkisten und die Altarverzierungen sind nichts anderes als polierte Dachschindeln. Doch das alles fügt sich zu einem stimmigen, sogar irgendwie eleganten Kuppelbau zusammen. Und das obwohl die Kirche wegen der Unkenntnisse des Baumeisters in Statik massiver konstruiert ist, als sie müsste.

Die Kreuzwegbilder an den Wänden finde ich auf den ersten Blick furchtbar kitschig, doch als ich höre, dass sie innerhalb von nur vier Monaten von einer Künstlerin im Teenageralter ohne jede Vorerfahrung, dafür aber mit ganz viel Heerzblut für die Kirche gemalt wurden, schelte ich mich selbst respektlos.

Spaziergang im Licht der Mitternachtssonne

Wir verlassen die Kirche und entschließen uns, noch einen kleinen Abendspaziergang zu machen. Die Sonne übergießt immer noch alles mit warmem Schein und so wenden wir uns dem See zu. Dabei stoßen wir auf den Trans Canada Trail, der durch Inuvik verläuft und die verschiedenen Gewässergrenzen Kanadas verbindet: Im Osten den Atlantik, im Westen den Pazifik und im Norden den Arktischen Ozean.

Nach diesen vielen Eindrücken an nur einem Tag krieche ich müde in mein Bett. Die Mitternachtssonne scheint noch lange durch mein Fenster, als ich schon längst eingeschlafen bin und vom nächsten Tag träume. Dann geht es noch weiter nach Norden, an die Beaufort See.

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