Grönland

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Es hat alles so gut angefangen: Wir sind an Bord der MV Sea Spirit gegangen, um von Reykjavik in Island Weiterlesen
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Ganze vierzig Minuten habe ich geschlafen, dann klingelt der Wecker. Die letzten Stunden auf der Cape Race sind angebrochen, ich Weiterlesen
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Heute fahren wir zurück zum Ausgangspunkt unserer Reise, an den Kangia-Gletscher. Diesmal wollen wir uns den Eisfjord von der anderen Weiterlesen
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Im Kajak unterwegs vor Grönland – Kleiner Kajak-Guide

Kajak fahren – Das ist die Möglichkeit, neue Orte hautnah zu erkunden, Landschaften aus einer spannenden Perspektive zu sehen, körperlich aktiv zu sein und ein richtiges Abenteuer zu erleben. Kajak fahren, das geht auf fast allen Gewässern, auf Flüssen und Seen und natürlich auch auf dem Meer. In sogenannten Seekajaks entlang der felsigen Küsten Grönlands, hinein in schneebedeckte Fjorde und hindurch zwischen schimmernden Eisbergen – ein Traum, der für mich wahrgeworden ist.

Der Kajak-Club der MV Sea Spirit – Was ist das?

Als klar war, dass wir mit der MV Sea Spirit nach Westgrönland reisen, da war uns auch klar, dass wir ein besonderes Angebot vom Reiseveranstalter (Poseidon Expeditions) in Anspruch nehmen möchten: Den Kajak-Club!

Ich gebe zu, erst waren wir ein bisschen skeptisch. Denn der Kajak-Club kostet eine ganze Menge Geld. Dabei geht es aber nicht um einen einzelnen Ausflug während der Reise. Sondern man tritt dem Club für die gesamte Dauer bei und bekommt dann immer wieder die Möglichkeit, das arktische Meer mit dem Kajak hautnah zu erleben. So relativiert sich der hohe Preis auch etwas.

Wann genau man mit den Kajaks hinausfährt, das kann der Reiseveranstalter vorab nicht sagen oder garantieren. Denn auf einer Expeditionskreuzfahrt gilt: Alle Pläne können nur dann durchgeführt werden, wenn das Wetter es zulässt! Wir haben uns trotzdem entschieden, dem exklusiven Club beizutreten, denn tatsächlich können auf Arktis-Reisen maximal 8 Passagiere Teil dieses Abenteuers werden. (In der Antarktis maximal 16).

Wir hatten großes Glück und haben beide noch einen Platz ergattern können und nun möchte ich euch zeigen, warum wir diese Entscheidung und Investition keine Sekunde bereut haben, wie das Ganze abläuft, was es zu beachten gilt und warum wir fast jeden Tag Once-in-a-lifetime-Erlebnisse hatten.

Mit Seekajaks vor der Küste Grönlands – Was ist ein Kajak überhaupt?

Kajak, das Wort habe ich jetzt schon oft geschrieben. Weiß eigentlich jeder, was das ist? Das Kajak ist eine Erfindung der Inuit, also der indigenen Völker des Nordens und wurde ursprünglich zur Jagd und zum Fischfang eingesetzt. Der Name stammt aus dem Inuktitut, der Sprache der Inuit, und wird eigentlich “qajaq” geschrieben.

Bei den Booten der Inuit handelte es sich stets um Ein-Mann-Kajaks, die speziell für die jeweilige Person angefertigt wurden. Der Rahmen bestand aus Holz oder Knochen und wurde mit Robbenhaut bespannt, denn Bäume gibt es hier oben in der Arktis so gut wie gar nicht. Dementsprechend auch kein Holz für den Bootsbau. Die Robbenhaut wurde mit Sehnen vernäht. Diese dehnen sich aus, wenn sie nass werden und verschließen so die Nahtlöcher. Das Ergebnis: Ein dichtes Kajak!

Anders als beispielsweise beim Kanu sitzt man beim Kajakfahren nicht auf Boot und Wasser, sondern wirklich darin, man befindet sich also ganz nah an der Wasseroberfläche. Vorwärts bewegt man sich mit einem Doppelpaddel, das ein Blatt an jeder Seite hat, die abwechselnd eingetaucht werden. Ich finde das sehr viel angenehmer und intuitiver, als mit einem Stechpaddel oder mit Rudern unterwegs zu sein.

Kajaks sind schnell und wendig, das gilt auch für die abgerundeten Tourenkajaks, die auf Seen und Flüssen eingesetzt werden. Da wir aber im offenen Meer unterwegs sein werden, nutzen wir die längeren, spitz zulaufenden und noch schnelleren Seekajaks mit zwei Sitzplätzen.

Mit Seekajak in arktischen Gewässern – Die Ausrüstung

Da das Meer vor Grönlands Küste bekannterweise recht frisch ist, fahren wir immer nur in sogenannten Dry-Suits, also in Trockenanzügen raus. Das bedeutet, man braucht ein bisschen Vorbereitungszeit und kann nicht einfach frohgemut in die Kajaks hüpfen. Denn in die Trockenanzüge muss man sich regelrecht hineinschlängeln, dafür sorgen Gummimanschatten an den Armen und ein eng sitzender Neoprenkragen am Hals.

Ganz wichtig: Nach jedem Gebrauch muss man das Salzwasser aus dem Trockenanzug entfernen, damit es das Material nicht angreift. Dazu gibt es eine ganz einfache Methode: Duschen! 😀

Wenn man den Trockenanzug anhat, fühlt man sich wie eine Mischung aus Astronaut und Pinguin, dazu kommen noch Neoprenstiefel, die Rettungsweste und der Spritzschutz. Letzterer sorgt dafür, dass die Sitzöffnung im Kajak fest verschlossen wird und so kein Wasser, das vom Paddel tropft oder über den Rand schwappt, ins Innere des Boots gelangt.

Außerdem gehören zur Ausrüstung sogenannte Neoprenpfötchen, eine Art Fäustlinge aus Neopren, die am Paddel festgeklettet werden und den Händen Schutz vor Nässe und Kälte bieten.

Was man beim Seekajak fahren außerdem immer dabei haben sollte? Ein zweites paar trockene und vor allem trocken verstaute Handschuhe, eine Sonnenbrille, eine Kopfbedeckung und natürlich ein Gerät, mit dem man die absolut faszinierende Landschaft fotografieren kann. Achtung: Hier eignen sich wasserdichte Action-Cam oder Handy besser als eine große Kamera. Für letztere hat man eigentlich weder Platz noch Zeit, zumindest, wenn man auf einer geführten Tour ist.

Zusatz-Tipp: Mir hat das Neopren des Anzugs sehr am Hals gescheuert, gerade, wenn es nass wurde, weil es geregnet hat. Daher habe ich immer noch einen weichen Buff darunter angezogen, der die Haut am Hals schützt.

Wie steige ich in ein Seekajak ein und was gilt es zu beachten?

Die Kajaks sind an Deck unseres Expeditionsschiffes, der MV Sea Spirit verstaut. Wenn Eis, Wind und Wellen einen Ausflug zulassen, werden die Boote abgenommen und wie eine kleine Kette Entenbabys, die ihrer Mutter folgen, an eines der großen schwarzen Schlauchboote, der Zodiacs, gebunden.

In das steigen dann alle Mitglieder des Kajak-Clubs ein. Es sind immer zwei Guides dabei, unsere Lehrerin Eloisa und unser Lehrer Eduardo, beide stammen aus Südamerika, sind passionierte Kajak-FahrerInnen und echte ExpertInnen.

Sind wir an der Stelle angekommen, an der wir kajaken möchten, begeben wir uns nach und nach in die Boote. Diese werden dazu längsseits ans Schlauchboot geholt und man setzt sich auf dessen Rand. Dann positioniert man beide Füße gleichzeitig im Kajak, stemmt sich mit den Armen hoch und verlagert das Gewicht. Hintern in den Sitz und Beine im Inneren des Bootes ausstrecken. Dann wird der Spritzschutz angebracht.

Rechts und links im Innern des Kajaks befinden sich Fußrasten, beziehungsweise am hinteren Platz Pedale, mit denen man das Seekajak über Zugleinen und ein kleines Ruder steuern kann. Die Rasten und Pedale müssen vor Fahrtantritt auf die Beinlänge der jeweiligen Person eingestellt werden, sonst wird es ungemütlich.

Oder, wie im Fall von Renate, unserer 81-jährigen Powerfrau im Club: unmöglich. Ihre Beine sind schlicht nicht lang genug, um an die Steuerpedale zu reichen, weshalb sie immer vorne sitzen und ihre Mitfahrerin Suzzy steuern muss.

Da ich ab und zu Fotos machen möchte ist schnell entschieden, dass ich bei uns vorne sitze. Eduardo stellt mir die Fußrasten ein. Im Kajak sitz man mit zum O geöffneten, also nach außen fallenden Beinen. Die Knie werden unterhalb des Randes eingeklemmt. So hat man mehrere Berührungspunkte und maximale Stabilität auf dem Wasser.

Seekajak fahren – So geht es

Sitzt man einmal drin im Kajak, möchte man ja auch voran kommen. Das ist auf glatter See logischerweise deutlich einfacher, als bei Gegenwind und Wellen, aber auch die gehören beim Kajakfahren auf offenem Meer natürlich dazu.

Grundsätzlich haben wir gelernt, dass man das Paddel so hält, als hätte man zwischen Paddel und Körper eine große Pizzabox auf dem Schoß. Und die soll möglichst nicht gequetscht werden, damit die Pizza genießbar bleibt. Scherz beiseite: Das ist eine Hilfe, damit man nicht versucht, die Kraft zum Paddeln aus den Armen zu holen, sondern aus dem Rücken. Da soll sie nämlich herkommen, sonst wird es schnell ermüdend und schmerzhaft. Also gilt es, bei der Paddelbewegung den gesamten Oberkörper zu drehen.

Beim Paddeln sollte man darauf achten, das Paddel nicht zu hoch zu heben, die Faust am Paddel soll maximal auf Kinnhöhe kommen. Denn sonst läuft das kalte Wasser das Paddel entlang und auch in die Handschuhe, was man natürlich möglichst vermeiden möchte.

Wichtig ist, dass man im Gleichschlag paddelt. Auf den entstandenen Fotos können mein Verlobter und ich sehen, dass wir das nur selten hinbekommen. Trotzdem schaffen wir es, das Kajak in Fahrt zu setzen und auch die Navigation klappt ganz gut. Da der Hintermann natürlich keine freie Sicht hat, sollte man als Vorderfrau sagen, wenn man beispielsweise auf einen kleineren Eisberg zusteuert.

Ein “Oh!” ist allerdings nicht ausreichend, wie ich feststellen musste. “Anuschka, sag nicht einfach OH! Sag mir, was da ist und in welche Richtung ich ausweichen soll!” Tja, hat er ja nicht ganz Unrecht. Aber ich war einfach viel zu fasziniert! Eis, Da! Direkt vor uns im Wasser! Womit wir jetzt endlich auch mal zur Kajak-Action kommen!

Erster Ausflug im Seekajak am Kap Farvel

Ich möchte euch noch von mehreren Abenteuern im Seekajak erzählen, aber da dieser Artikel schon recht lang ist, gibt es heute erstmal eine Kostprobe: Unser allererstes Kajak-Abenteuer vor der Küste Westgrönlands! Genauer gesagt: Unser erster Ausflug überhaupt, denn nach der Überfahrt von Island nach Grönland gehen wir hier zum ersten mal von Bord.

Nahe der schroffen, felsigen Küste besteigen wir unsere insgesamt 5 Kajaks und legen los. Wir folgen Elo, die uns durch die kleinen Eisberge und Schollen navigiert. Denn dieses Jahr hat es hier unten, am Südzipfel Grönlands, erstaunlich viel Eis.

Das Paddeln ist anstrengend, macht aber auch sehr viel Spaß und aufgrund der körperlichen Anstrengung muss man auch keine Angst vor der Kälte haben. Zuerst liegt dichter Nebel tief über der Küste, wie ein weißes Band aus Wasser. Wir alle müssen uns erst an das Kajakfahren gewöhnen, doch schnell lernen wir, was zu tun ist und die Kajaks gleiten durch die Wellen. Hinter uns wird die Sea Spirit immer kleiner.

Irgendwann bricht sogar die Sonne durch, lässt die Unterseiten der Eisberge türkis aufleuchten und die Felsen im waren Licht erglühen. Und wir wissen schon jetzt: Der Kajak-Club lohnt sich!

Disclaimer: Ich habe die Reise an Bord der Sea Spirit bei einem Wettbewerb gewonnen. Ich selbst musste also nichts für die Reise bezahlen, werde für meine Artikel aber auch nicht vom Reiseveranstalter bezahlt. Ich gebe hier meine eigene Meinung wieder.

Copyright: Viele der hier gezeigten Bilder wurden vom Bordfotograf Page Chichester, Kajak-Guide Eloisa Berrier oder Kajak-Guide Eduardo Larranaga aufgenommen.

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Expeditionskreuzfahrt Grönland: Seekrank und was dagegen hilft

Es hat alles so gut angefangen: Wir sind an Bord der MV Sea Spirit gegangen, um von Reykjavik in Island nach Grönland überzusetzen und dann die Westküste der größten Insel der Welt zu erkunden. Unsere Kabine ist wunderschön, das Essen lecker, die Menschen nett. Wäre da nicht ein klitzekleines Problem. Erinnert ihr euch an meine Ostsee-Überquerung? Und was ich da die ganze Zeit gemacht habe? Richtig! Ich habe seekrank unfreiwillig die Fische gefüttert.

Leinen los: Die Sea Spirit sticht in See

Kaum sind wir an Bord, da gibt es auch schon die Notfalleinweisung, inklusive Versammeln und Anlegen der Rettungswesten. Noch während des folgenden Lunchs legt das Schiff ab. Aufgrund der nicht ganz einfachen Wetterverhältnisse war die Sea Spirit einen Tag später als erwartet in Reykjavik eingetroffen und natürlich möchte der Kapitän keine weiteren Verzögerungen. Sehr verständlich.

Wusstet ihr, dass das Schiff 2019 mit Stabilisatoren von Rolls Royce ausgestattet wurde? Diese Information war mein Rettungsring, mein Fetzen Hoffnung, an den ich mich seit knapp einem Jahr klammere, was die Überfahrt betrifft. Rolls Royce! Ich meine, diese Stabilisatoren müssen doch was können, oder? Der Fetzen flattert allerdings schnell in der rauen Meeresbrise davon, als Expeditionsleiter Aaron uns erklärt, dass wir mit Wellen zwischen drei und vier Metern Höhe auf der Überfahrt zu rechnen haben.

Klingt gar nicht so hoch, oder? Aber wer stand denn im Schwimmbad schon mal auf dem 3-Meter-Brett, hat runtergeguckt und festgestellt, sooo niedrig ist es doch nicht? Na, seht ihr! Ein Standardzimmer in Deutschland hat eine Deckenhöhe von 2,30m bis 2,50m. Jetzt stellt euch mal vor, euer Zimmer würde sich um diese Höhe auf und ab bewegen.

Die Sea Spirit verlässt den Hafen und mir wird relativ schnell klar, dass ich weder im Speisesaal, noch in der Lounge bleiben kann. Hier sind die Fenster für die Überfahrt noch abgedeckt und das Auge findet keinen Horizont. Mein Kopf wird schwummrig, mein Magen protestiert: Ich bin seekrank.

Seekrank an Bord

Auf unsicheren Puddingbeinen schleiche ich in unsere Kabine. Wie schon mal geschrieben, befindet sich diese glücklicherweise mittig im Schiff, hier merkt man das Stampfen nicht ganz so schlimm. Und wenn man sich dann noch quer auf das Bett legt, den Kopf auf einen Kissenhaufen und den Blick aus dem Fenster geht es sogar fast. Fast.

Die nächsten zwei Tage werde ich übrigens nichts anders machen. Ich schlafe sogar in dieser Haltung. Das geht Dank der Reisetabletten sogar gut und viel, denn die machen sehr müde und ich nehme alle 8 Stunden eine ein, die mich ausknockt. Hier ein ganz großes Dankeschön an den Bordarzt, der Dramamine kostenlos an die Passagiere verteilt. Dank ihm habe ich mich tatsächlich kein einziges Mal übergeben. Ich bin sicher, ohne das Dramamine (und vermutlich auch ohne die Rolls Royce Stabilisatoren) wäre alles viel schlimmer gewesen.

Trotzdem bin ich ein bisschen niedergeschlagen. Ich hatte mir vorgestellt, wie wir die Überfahrt nutzen, um alle kennenzulernen, das Schiff zu erkunden, die ersten Bilder zu machen, Ausschau nach Walen halten und im Salon Tee trinken. Nicht, reglos wie ein toter Fisch seekrank auf dem Bett zu liegen.

Pustekuchen. Wann immer ich versuche aufzustehen macht mir der Nordatlantik klar, dass das keine gute Idee ist.

Einer muss ja gehen

Mein Freund ist tapfer, er wagt sich immer wieder aus der Kabine, besorgt uns die Gummistiefel und die roten Expeditionsparkas, sowie geschnittene Äpfel und Cracker, das Einzige, was ich runterbekomme. Was sehr schade ist, denn wenn ihr den vorigen Artikel gelesen habt wisst ihr, wie gut das Essen an Bord der Sea Spirit ist! Mein Freund schafft es sogar zu einigen Mahlzeiten und einem Vortrag, obwohl auch er seekrank ist. Er kann aber berichten, dass von den 94 Passagieren die meisten verschwunden scheinen.

Was mache ich in den zwei Tagen, wenn ich mal wach bin? Ich schaue den Vorhängen beim Schwanken zu. An denen kann man die Bewegung des Schiffes nämlich sehr genau ablesen. Ich sage mir selbst, dass es ja vorbeigeht und ich aus Erfahrung weiß, dass es mir sofort wieder gut geht, sobald sich der Seegang beruhigt. Ich male mir all die tollen Dinge und Erlebnisse aus, die auf uns warten. Hier habe ich mehr Glück, als mein Freund: Ihm wird zwar nicht ganz so übel, dafür schwankt es für ihn immer noch viele Tage lang, auch auf festem Boden.

Außerdem bin ich froh, dass ich nichts wahnsinnig Spannendes verpasse. Denn das Meer, und das ist das Einzige, was es zu sehen gibt, kann ich auch von unserer Kabine aus beobachten.

Zwei Mal verlasse ich die Kabine, um dem obligatorischen Vortrag zum Verhalten in der Arktis und der Einweisung des Kayak-Clubs, dem mein Freund und ich für die Dauer der Reise angehören, beizuwohnen. Jeweils ein recht kurzes Vergnügen, von dem ich mich leider schnell wieder verabschieden muss.

Es geht aufwärts

Unser armer Kabinensteward bietet immer wieder an unser Bett zu machen, da ich daran aber wie festgetackert bin, hat er keine Chance auch nur unsere Kabine aufzuräumen. Er kümmert sich trotzdem rührend und als ich zum ersten Mal etwas Hunger verspüre und zwar auf Oliven, da dauert es keine 5 Minuten, bis er mit einem Schälchen klopft.

Im Nachgang wird uns klar, dass wir uns hier auf einem richtigen Luxusschiff befinden und natürlich auch die Rezeption hätten anrufen können, um uns Essen bringen zu lassen. Bettina, die stellvertretende Expeditionsleiterin erzählt mir sogar, dass sie extra immer ein Auge darauf hat, dass seekranke Passagiere ihre Äpfel geschnitten bekommen. Schließlich bekäme man die so viel einfacher runter!

Irgendwann wird es besser. Ich ziehe meinen neuen Parka an, den ich sogar behalten darf, torkele auf den Gang und aus der Tür an Deck. Frische Luft! Wenn man in der Mitte des Schiffs bleibt, den Rücken fest an die Wand gepresst und den Blick in die Ferne gerichtet, kann man es sogar ein paar Minuten aushalten.

Am zweiten vollen Tag auf See schaffe ich es sowohl zum Mittag-, als auch zum Abendessen. Und lerne endlich ein paar Mitreisende kennen. Ich bin richtig stolz! Aber auch immer noch ziemlich mitgenommen. Das Wissen, dass ich nur noch eine Nacht vor mir habe, hilft aber.

Und eines morgens ist es vorbei. Wir haben es geschafft! Kap Farvel liegt vor uns, die Südspitze Grönlands. Am Abend erfahren wir, dass die Wellen während der Überfahrt tatsächlich 7 Meter hoch waren.

Und Page Chichester, der Fotograf, zeigt uns ein Video, dass er während der Überfahrt gemacht hat.

Ahoi!

Meine Tipps gegen Seekrankheit

Ich beglückwünsche alle, die waschechte Seebären sind und denen kein Wellengang etwas anhaben kann! Ganz ehrlich, schön für euch! Für den leidenden Teil der seefahrenden Bevölkerung, der seekrank wird, hier aber noch mal alle Tipps zusammengetragen:

Reisetabletten: Frühzeitig Dramamine einnehmen

Ich muss gestehen, wir hatten auch Kaugummis dabei, aber mit denen konnte ich gar nichts anfangen. Schmecken eine Minute sehr scharf und dann nach nichts. Wie lange soll man die eigentlich kauen? Lieber habe ich die Reisetabletten genommen. Dabei ganz wichtig: Einnehmen, bevor es zu spät ist! In unserem Fall habe ich die erste genommen, kaum dass wir an Bord waren und das war auch gut so. Und dann alle 8 Stunden eine. Der Wirkstoff Dramamine (Dosierung 50g) hat es mir hierbei wirklich angetan, die Tabletten haben sehr gut gewirkt.

Ruhe und Entspannung: Ablenkung durch Hörbücher

Ja ja, klingt einfacher, als es ist! Aber erstens machen die Reisetabletten eh müde und zweitens ist einem nicht schlecht, wenn man schläft. Wer kann also: Ab ins Bett! Zudem nützt es gar nichts, sich selber zu stressen und immer wieder aufzustehen, um die eigenen Grenzen zu testen. Führt nur zu noch mehr Übelkeit, meiner Erfahrung nach. Wem es zu langweilig wird, dem empfehle ich Hörbücher oder Hörspiele. Fernsehen oder Lesen kam für mich nicht in Frage, aber Augen zu und Ohren auf geht!

Quer zur Schiffsbewegung liegen

Wenn ihr Glück habt, dann steht euer Bett quer zur Bewegungsrichtung des Schiffes. Stampft es auf und ab, sollte das Bett im rechten Winkel zur Schiffslänge stehen, rollt es von rechts nach links, dann ist auf der Schiffsachse ausgerichtet besser.

Die Sea Spirit hat öfter gestampft als gerollt, wofür unsere Bettausrichtung nicht optimal war. Aber man kann sich ja auch quer drauflegen. Dann noch einen Hocker oder irgendwas unter die Füße und wenn es möglich ist: Nach draußen schauen!

Vielleicht bin ich diesbezüglich komisch, denn es heißt ja immer, wer seekrank ist, solle den Horizont beobachten. Am Horizont konnte ich aber ja sehen, wie sehr das Schiff sich auf und ab bewegte, weil der ständig unter der Reling verschwand. Ich habe daher lieber in den Himmel geguckt. Der hat sich wenigstens nicht bewegt.

Essen: Grüne Äpfel gegen Seekrankheit

Ich weiß, wer seekrank ist denkt, er bekommt so gar nichts runter. Es stimmt aber, auf leeren Magen schlägt die Übelkeit noch schlimmer zu, als auf vollen. Grüne Äpfel gelten auch unter erfahrenen Seeleuten und Tauchern als gutes Heilmittel gegen Seekrankheit und zusammen mit ein paar Crackern handelt es sich doch schon fast um eine Mahlzeit! Essen lenkt außerdem ab und unterbricht die öde Langeweile ein bisschen.

Luft statt Bewegung

In vielen Tipps heißt es immer, man solle sich bewegen und gegen die Seekrankheit ankämpfen. Was soll ich sagen, vielleicht bin ich einfach eine Lusche oder nicht so die geborene Kämpferin, aber das hat es bei mir nur schlimmer gemacht. Frische Luft hingegen tat wirklich gut. Wer also reich ist und es sich leisten kann: Nehmt eine Kabine, in der man das Fenster aufmachen kann! Dann muss man sich für die frische Luft nämlich nicht bewegen.

Disclaimer: Ich habe die Reise an Bord der Sea Spirit bei einem von Poseidon Expeditions veranstalteten Wettbewerb gewonnen. Ich selbst musste also nichts für die Reise bezahlen, werde für meine Artikel aber auch nicht vom Reiseveranstalter bezahlt. Ich gebe hier meine eigene Meinung wieder.

Copyright: Einige der hier gezeigten Bilder und Videos wurden vom Bordfotograf Page Chichester aufgenommen.

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Expeditionskreuzfahrt Grönland: An Bord der MV Sea Spirit

Im Juli 2022 passiert eines der schönsten Dinge meines Lebens: Ich gewinne eine Expeditionskreuzfahrt in die Arktis, entlang der Westküste Grönlands. Veranstalter der Reise ist Poseidon Expeditions und das Traumschiff, dass mich an all die schönen Orte wie Narsaq, Paamiut und Sisimiut bringen soll, ist die MV Sea Spirit.

Ich möchte euch in den kommenden Wochen von der Reise berichten und auch von einem ganz besonderen Ereignis, das auf diesem Schiff stattgefunden hat.

Zuerst aber möchte ich ein bisschen über dieses fantastische Schiff selbst erzählen. Wer schon mal an Bord war, wird sich wie zu Hause fühlen, und wer überlegt, eines Tages an Bord zu gehen, dem werde ich mit diesem Erfahrungsbericht hoffentlich eine Entscheidungshilfe liefern können.

Die MV Sea Spirit

Kreuzfahrtschiff – das ist ja eher ein Vehikel, mit dem ich persönlich nicht so wahnsinnig viel anfangen kann. Das liegt aber auch daran, was ich mir klischeehaft darunter vorstelle: Riesige Pötte mit bis zu 7.000 Passagieren, Shopping Malls und Restaurantmeilen, Dauerbespaßung und Poollandschaft.

Dass es auch anders geht, habe ich schon 2017 an Bord der Cape Race erlebt, auf meiner ersten Kreuzfahrt in die Arktis. An Bord dieses Schiffes haben nur 12 Passagiere Platz und die Reise war für mich lebensverändernd schön.

Daher habe ich auch davon geträumt, noch einmal mit dem Schiff nach Grönland zurückzukehren, aber bitte nicht auf einem Riesenkahn. Doch es gibt ja auch Anbieter mit kleineren Schiffen und eins davon ist die MV Sea Spirit. Sie bietet 114 Passagieren Platz und kann damit fast schon als familiär gelten. Die Sea Spirit ist hauptsächlich in polaren Regionen unterwegs, sie fährt unter der Flagge von Madeira, ist 91 Meter lang und 16 Meter breit.

Titanic statt 90er-Chic: Ausstattung der Mv Sea Spirit

Aus lauter Neugier habe ich mir mal Kabinen auf einer AIDA angeschaut – und war entsetzt. Ein neonbunter Teppich in pink und grün, dazu Möbel in Buchefurnier wie aus den 90ern. Und das waren sogar die teuersten Kabinen, die man buchen konnte. Versteht mich nicht falsch, ich will wirklich niemanden beleidigen, der gern mit diesen Schiffen fährt. Nur mein Geschmack ist es ganz und gar nicht.

Ein Glück, dass es auf der Sea Spirit ganz anders aussieht. Ich weiß, dass es wohl nicht besonders schmeichelhaft wirkt, ein Schiff mit der Titanic zu vergleichen. Aber sehen wir mal vom Eisberg-Desaster ab, denn mir geht es nur um die wundervolle Innenausstattung des Schiffes. Überall finden sich Marmor, Holz und Messing und man kommt sich vor, wie in einem alten, romantischen Abenteuerfilm.

Dabei ist die Sea Spirit kein uralter Kahn, sie ist mit einem Stapellauf 1991 sogar jünger als ich. 2017 wurde sie renoviert und dabei hat man darauf geachtet, dass es den Passagieren in den 53 Kabinen an nichts mangelt.

Unsere Kabine an Bord der MV Sea Spirit

Wir wissen schon vorab, unsere Kabine trägt die Nummer 428 und liegt auf dem Club-Deck. Sie ist auf der Steuerbordseite (also rechts) und befindet sich ziemlich mittig im Schiff. Pro-Tipp: Wer anfällig für Seekrankheit ist (wie die Autorin selbst) sollte unbedingt eine Kabine im mittleren Teil des Schiffs buchen, denn hier schwankt es am wenigsten!

Als wir an Bord gehen und die Tür zu unserem Reich für die nächsten Wochen durchschreiten, könnte ich heulen vor Glück! Unsere Kabine ist wunderschön. Es gibt einen kleinen begehbaren Kleiderschrank, ein Bad mit Dusche, Toilette und Waschbecken und das Zimmer selbst mit großem Fenster, Doppelbett, Sofa, Couchtisch, Vitrinenschrank, Fernseher und Toilettentisch mit drei Spiegeln. Alles wirkt sauber, ordentlich und unfassbar gemütlich. Überall gibt es Stauraum, so dass man ganz bequem den kompletten Koffer ausräumen kann und alles seinen Platz findet.

Ich fühle mich wirklich wie in einem Film und kann es kaum erwarten, die Eisberge am Fenster vorbeiziehen zu sehen, im Bett zu kuscheln und am Tisch in mein Reisetagbuch zu schreiben. Außerdem eignet diese Kabine sich ganz hervorragend, um sich auf ein bestimmtes, feierliches Ereignis vorzubereiten, dass auf dieser Reise stattfinden soll.

Unterhaltung garantiert: Salon, Bibliothek und Vortrags-Lounge

Doch nicht nur unsere Kabine lädt zum Aufenthalt ein, auch die anderen Räume erwarten die Gäste mit Behaglichkeit und klassischer Eleganz. Da gibt es die Club-Lounge, die ich lieber den Salon nenne und die sich ebenfalls auf Deck 4 befindet. Hier wird nachmittags der Tee und das Gebäck serviert, man hat einen herrlichen Rundum-Ausblick und man kann es sich in kleinen Sesselchen oder auf Sofas gemütlich machen. Wer kann, hat sogar die Möglichkeit Klavier zu spielen.

Direkt daneben befindet sich die umfangreiche Bibliothek mit Werken zu den Polargebieten in verschiedensten Sprachen. Wer sich für Arktis und Antarktis, die polare Flora und Fauna oder die Geschichte der Entdeckungsreisen in diese Gebiete interessiert, wird hier garantiert fündig. Eigentlich lese ich wahnsinnig gern, wenn aber draußen Eisberge vorbeiziehen oder Wale gesichtet werden, hält mich dann doch nichts in der Bibliothek.

Bildung kommt auf der Reise aber definitiv nicht zu kurz, denn fast jeden Tag werden Vorträge in deutscher oder englischer Sprach (bei Bedarf mit Simultan-Übersetzung) angeboten. Wir lernen mehr über das Leben und die Kultur der Inuit, die Vegetation der von uns besuchten Regionen, Seevögel, Wale und Fotografie. Und wer danach immer noch Fragen hat, kann natürlich jederzeit die erfahrene Crew und den jeweiligen Experten darin mit Fragen löchern.

Schlemmen bis zum Umfallen: 4 Mahlzeiten pro Tag

Es gibt aber nicht nur geistige Nahrung, denn um das leibliche Wohl muss sich auf diesem Schiff nun wirklich niemand sorgen. Vier Mahlzeiten pro Tag lassen nun gar kein Hunger-Gefühl aufkommen. Morgens gibt es ein reichhaltiges Frühstück mit süßen und herzhaften Optionen, Porridge, Baked Beans und Speck, Marmelade, (echter!) Nutella, Brötchen, Toast und Croissants. Dazu Tee, Kaffee, heiße Schokolade und Saft und wer möchte auch jede Menge Obst.

Mittags erwartet uns ein abwechslungsreiches Buffet zum Lunch im Speisesaal. Als Vorspeise kann man sich verschiedene Salate zusammenstellen oder die Suppe des Tages kosten und jeder wird für den Hauptgang fündig: Egal ob Fisch, Fleisch oder vegetarische Alternative, die Speisen sind ausnahmslos lecker und mit Liebe zubereitet und angerichtet. Zu meiner großen Freude gibt es oft die Möglichkeit, Kartoffelpürree mit Bratensauce zu essen, mein absolutes Soulfood.

Nachmittags gibt es den schon erwähnten Tee im Salon. Wobei die Bezeichnung eigentlich Quatsch ist, denn Zugang zu Tee, Kaffee, Kakao und frischem Wasser hat man an Bord immer. Um 16 Uhr werden aber Scones mit Marmelade und eine Auswahl an Gebäck und Torten bereitgestellt. Für erstere entwickelt mein Freund eine begeisterte Vorliebe.

Und danach ist es auch nicht mehr lang bis zum Dinner, das meistens gegen 19 Uhr beginnt. Hier wird á la carte gespeist, wobei man bei Vor-, Haupt- und Nachspeise stets die Wahl aus mehreren Gerichten hat. Wasser, Brot und Butter stehen auf allen Tischen bereit, alle weiteren Getränke zahlt man extra.

Und sollte es einmal vorkommen, dass das Mittagessen ausfällt, weil eine Aktivität an Land geplant ist, dann kann man sicher sein, dass man ein Lunchpaket bekommt. Es ist also ganz leicht, auf der Sea Spirit zu einer kleinen, glücklichen Kugel zu mutieren!

Purer Luxus: Fitnessraum und Whirlpool an Deck

Wer das nicht möchte, wie mein Freund, hat natürlich die Möglichkeit, das bordeigene Gym zu besuchen. Dort finden sich Stepper, Fahrräder, Hantelbänke und Yoga-Matten. Natürlich mit Ausblick auf die See. Ich war auch da! Also…um ihn zu fotografieren. 😀

Ich bin eben mehr so der Chiller und mich zieht der kleine Whirlpool auf Deck 5 magisch an! Zu Beginn der Reise, die recht stürmisch ist, ist das Becken noch abgedeckt, doch als wir in Grönland ankommen, wird die Plane entfernt und kurz darauf blubbert und sprudelt es fröhlich.

In der Kabine findet man Bademantel und Schlappen und da ich ja auf jeder Reise einen Bikini einpacke, bin ich bestens vorbereitet. Ab in den kleinen Pool und die vorbeiziehende Landschaft bestaunen. Schneebedeckte Gipfel ziehen vorbei, während ich vor mich hin köchel. Ich gestehe allerdings, allzu lange hält man es im Jacuzzi nicht aus, denn es wird wirklich warm. Aber dann kann man ja eine Runde ums Schiff joggen. So kühlt man ab und hat dann wenigstens auch ein bisschen Sport gemacht. 😉

Rundum-Service: Expeditionsteam und Crew

Bei einer Reise an Bord der Sea Spirit ist also allerhand inklusive, zum Beispiel der leuchtend rote Expeditionsparka mit Patches, die anzeigen, ob man in die Nord- oder Südpolargebiete gereist ist. Aber auch alle, die an Bord arbeiten, sind bereit sich liebevoll um ihre Gäste zu kümmern.

Das beginnt beim Kabinensteward, der liebevoll jeden Morgen und Abend das Bett macht. Der Küchencrew, die die tollsten Speisen zaubert. Dem Kapitän und seiner Mannschaft die jeden Tag mit voller Konzentration und auch mit vollem Körpereinsatz dafür sorgen, dass das Schiff fahren kann und auch dorthin fährt, wo es soll.

All den unsichtbaren Helfern, die man nicht mal sieht, die aber jeden Tag dafür sorgen, dass es überall sauber und sicher ist. Dem Barteam, das die Gäste mit jeglichen Wunschgetränken versorgt. Und natürlich den Mitgliedern des Expeditionsteam, die unermüdlich planen, erklären, organisieren, betreuen und, wenn sich die Wetterbedingungen plötzlich ändern, wieder von vorne anfangen muss.

Es gab keine einzige unangenehme Situation, kein Mal, an dem man nicht freundlich behandelt und angelächelt worden wäre, vom Morgengruß über die Lautsprecher bis zum Nachtisch beim Dinner.

Disclaimer: Ich habe die Reise an Bord der Sea Spirit bei einem Wettbewerb gewonnen. Ich selbst musste also nichts für die Reise bezahlen, werde für meine Artikel aber auch nicht vom Reiseveranstalter bezahlt. Ich gebe hier meine eigene Meinung wieder.

Copyright: Alle der hier gezeigten Bilder ohne mein Logo wurden vom Bordfotograf Page Chichester aufgenommen.

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Grönländische Kuriositäten: Funny Facts über die größte Insel der Welt

Grönland ist ein Land mit einer so atemberaubenden Natur, dass diese oft alle Aufmerksamkeit eines Besuchers auf sich zieht. Wie überall lohnt sich aber auch hier ein zweiter Blick, auf die Menschen, ihre Geschichte und ihre Kultur, denn so stößt man schnell auf hochinteressante Merkwürdigkeiten. Ich habe in den letztlich nur wenigen Tagen, die ich an den Küsten der größten Insel der Welt verbracht habe, erstaunliches über sie gelernt.

Die Farben der grönländischen Siedlungen

Jeder kennt die anheimelnden Bilder der bunten Häuschen des Nordens. Während in Schweden das Falun-Rot vorherrscht, gibt es in grönländischen Dörfern ein breites Farbspektrum. Hätte man mich gefragt, meine Theorie wäre gewesen, dass man in einem Land mit 10 Monaten Winter einfach ein bisschen Farbe braucht.

Da hätte ich aber den Praxissinn der Grönländer heftigst unterschätzt. Früher hatten die Farben, in denen die Häuser der Grönländer gestrichen wurden, nämlich bestimmte Bedeutungen. So konnte sich auch ein Fremder, der zum ersten Mal in einen Ort kam, sofort zurechtfinden. Allerdings variieren die Angaben, welche Farbe welches Gebäude kennzeichnete. Folgendes hat uns unser Guide aber erklärt:

Grün – Ein Laden oder ein Geschäft
Gelb – Arzt oder Krankenhaus
Rot – Gebäude der Gemeinde, zum Beispiel die Schule
Blau – Privathaus, bzw. Fischerei und Seefahrt

Lost Place Qullissat

Grönländische Hausnummern

Jetzt wissen wir also, wie wir ein bestimmtes Gebäude an der Farbe erkennen. Das ist auch gut, denn versucht man es mit einer konkreten Adresse, fällt der Blick schnell auf die zwei Hausnummern. Zwei? Ja, viele Häuser in Grönland haben nicht nur eine Hausnummer, sondern zwei. Wie kommt das?

Früher wurden die Hausnummern in grönländischen Siedlungen chronologisch vergeben, wer also das erste Haus baute bekam die Nummer 1, das zweite die 2 usw. Dabei war es egal, an welcher Stelle die Häuser errichtet wurden. Der dänischen Regierung war dieses Kuddelmuddel ein Graus und sie entschied, dass man das so doch bitte einfach nicht machen könne.

Also wurden die Häuser nach europäischer Sitte neu durchnummeriert, sodass viele Häuser bis heute zwei unterschiedliche Nummern haben. Ob das den Briefträger jetzt weniger verwirrt?

Kleine Flaggenkunde

Aus dem Pool der skandinavischen Flaggen sticht die grönländische heraus: Sie zeigt einen roten Halbkreis auf weißem Grund und einen weißen Halbkreis auf rotem. Von Schweden, Norwegen, Finnland, Dänemark und Island kennt man stattdessen das “Skandinavische Kreuz” auch Philippuskreuz genannt. Dass sich diese Flaggen alle ähneln hängt mit der eng verwobenen Geschichte der Länder zusammen.

Auch Grönland hätte beinahe eine solche Flagge erhalten: 1983 fand ein Referendum statt, in welchem das Volk entschied, wie die zukünftige Flagge aussehen sollte. Favorit war zunächst auch ein Kreuz, weiß auf grünem Grund. Letztlich hat man sich aber für den gespiegelten, rot-weißen Halbkreis entschieden, der die im Meer versinkende Sonne darstellt. Mich erinnert das Design ein bisschen an die Flagge der Samen.

Die Legende von der Disko-Insel

Ich habe während meiner Zeit in Grönland ja nur einen Bruchteil dieses riesigen Landes zu Gesicht bekommen, dafür aber einen sehr spektakulären. Die Disko-Insel und die sie umgebende Disko-Bucht bieten alles, was man sich von Grönland wünscht: Eisberge, Fjorde, Gletscher, Tundra und Wale.

Zu der Insel selbst existiert auch eine Legende. Angeblich lag die „Große Insel“ ursprünglich viel weiter südlich vor der westgrönländischen Küste. Dort versperrte sie den Menschen aber die Sicht aufs Meer, weshalb zwei Schamanen sie an ein Kinderhaar banden und mit Hilfe ihrer Gesänge und Kajaks weiter gen Norden zogen. Denn die Sicht auf’s Meer bedeutet den Grönländern eine Menge. Kein Wunder, in einem Land, in dem nur die Küsten bewohnbar sind.

Missionierung

Wie fast alle Ureinwohner durften auch die Grönländer natürlich nicht in ihrem heidnischen Glauben verweilen, man musste ihre Seelen ja vor der Hölle retten, in die sie gar nicht gekommen wären, hätte man ihnen nichts davon erzählt.

Da in Grönland aber alles ein bisschen anders ist, wussten die Menschen dort mit dem Satz „Unser täglich Brot gib uns heute“ wenig anzufangen, aus dem einfachen Grund, dass sie Brot gar nicht kannten. Ein besonders trickreicher Missionar soll den Satz daher wie folgt für seine Schäfchen übersetzt haben: „Unseren täglichen Seehund gib uns heute.“

Keine letzte Ruhe

Gestorben wird immer, natürlich auch in Grönland. Überall findet man dort kleine Friedhöfe, die meist ihren ganz eigenen Charme haben. Grundsätzlich dominiert aber eine Vorliebe für einheitlich weiße Kreuze und überbordenden, bunten Plastikblumenschmuck. Manchmal sogar noch mit Heliumballon. Wichtig ist aber, wie wir schon wissen, dass die Toten einen guten Blick aufs Meer haben. Denn der Ozean spielt in den Leben der Grönländern eine große Rolle, damals wie heute.

Während Plastikblumen natürlich ein Phänomen unserer Zeit sind, existieren auch viel ältere Gräber in Grönland. Aufgrund der meist gefrorenen Erde war es natürlich nicht so einfach, die Toten in ihr zu bestatten, weshalb diese oft in Steinhügeln ihre letzte Ruhe finden sollten. Haben wir diese auf unseren Wanderungen entdeckt, konnten wir manchmal sogar Schädelknochen erkennen, wenn wir durch die Steine hindurchspähten.

Und jetzt kommt etwas, was mich richtig wütend macht: Unser Guide hat uns gebeten, nicht zu genau zu beschreiben, wo wir solche Gräber gefunden haben, da es tatsächlich abartige Menschen gibt, die diese plündern um die Knochen auf ebay zu verkaufen. Auf ebay. Hallo?! Wie respektlos kann man sein?!

Okay, ich gebe zu, das war jetzt kein besonders lustiger Fakt, aber ich musste es trotzdem loswerden. Ich hoffe, euch haben die Hintergrundinfos zu Grönland gefallen.

Bis bald und gute Reise!

Cape-Race-Polarkreuzfahrten-Groenland-Rosas-Reisen

Grönland-Reisebericht: You’re now leaving the arctic – Come back soon

Ganze vierzig Minuten habe ich geschlafen, dann klingelt der Wecker. Die letzten Stunden auf der Cape Race sind angebrochen, ich muss dringend duschen und packen. Mit allem habe ich leichte, nein, seien wir ehrlich, gravierende Koordinationsschwierigkeiten, die Folgen der letzten feuchtfröhlichen Nacht. Als ich Elke vor meiner Tür besorgt fragen höre „Did you bring her back alive?“ will ich das natürlich bestätigen, die Jungs sollen wegen mir und unseres gestrigen Abenteuers keinen Ärger bekommen. Hastig stolpere ich zur Tür, falle über meinen Koffer, lege mich auf die Fresse und fluche laut. Die Jungs vor der geschlossenen Tür lachen. „As you hear.“

Zum Frühstück kann ich nur ein Wasserglas annehmen. Ich sitze auf der Bank in der Küche und schaue Emmet und Jack zu. Die Minuten laufen runter und mir ist übel. Ich glaube, dass das zwar auch an Schlafmangel und Alkohol liegt, aber nicht nur. Das hier ist viel eher psychosomatischer Natur. Dieses Schiff verlassen zu müssen bereitet mir Übelkeit. An meinen Job zu Hause denken zu müssen macht mich verrückt. Das hier zurückzulassen, nach allem, was passiert ist. Nein. Das geht nicht. Aber es muss gehen.

Die Koffer sind schon an Land, im Hafen von Ilulissat, der erste Teil der Passagiere auch. Ich kann es nicht länger herauszögern. Eine letzte, feste Umarmung. Kim, Emmet. Dann steige ich ins Zodiac. Der Motor schreit, die Schraube rotiert, wir verlassen die Cape Race. Obwohl ich lieber heulen möchte, lächle ich die Crew an. Auf dem Pier springt Jack in das Zodiac, um es zurückzubringen. Als er ablegt fällt es mir verdammt schwer, nicht meinen Koffer reinzuwerfen und hinterherzuspringen.

Während wir auf das Taxi warten halte ich es kaum aus. Mir ist schwindelig. Ich muss mich bewegen. Rennen. Ich sprinte einmal durch den Hafen, hetze ein paar Steine hoch und werfe einen letzten Blick auf die Cape Race, die weiter draußen zwischen Eisbergen in der Sonne liegt. Auf dem blau glänzenden Polarmeer. Und wie verrückt hoffe ich, dass das nicht das Ende, sondern der Anfang ist.

Groenland-Diskobucht-Eisberge

Grönland-Reisebericht: Stupid, reckless things

Heute fahren wir zurück zum Ausgangspunkt unserer Reise, an den Kangia-Gletscher. Diesmal wollen wir uns den Eisfjord von der anderen Seite ansehen. Als wir aus den Zodiacs krabbeln, erwartet uns eine Mückenplage. Wir können Gott auf Knien danken, dass wir bisher von den Biestern verschont wurden, dann sie rauben einem den letzten Nerv. Die Viecher stechen dir mal locker durch deine Klamotten, aber es ist heute so warm, dass man einfach keine Lust hat, sich komplett zu vermummen. Das beste Mittel ist meiner Meinung nach flottes Gehen, dann lässt man die Mücken wenigstens zum Teil hinter sich.

Nach einem kurzen Lauf über die Tundra öffnet sich uns auf dieser Reise der Superlative mal wieder ein kolossaler Ausblick. Der Eisfjord liegt in all seiner Schönheit vor uns. Und je weiter ich runter zum Eis klettere, desto weniger Mücken folgen mir. Ich suche mir einen ruhigen Platz und fange an, über die letzten Tage nachzudenken. Über das, was sie und die Begegnungen auf dieser Reise in mir ausgelöst haben. Viel zu schnell müssen wir wieder los.

Auf dem Rückweg teilt sich unser Grüppchen immer weiter, bis ich praktisch mein eigenes anführe. Tja, was soll ich sagen, vielleicht übe ich mich einfach schon mal als Guide. Da ich mal wieder als erste an der Landungsstelle bin, halte ich dann auch mal ganz fachmännisch das Zodiac an Ort und Stelle, während die anderen einsteigen. Ich hole Hartmuts vergessenen Rucksack und schiebe das Schlauchboot an, bevor ich reinspringe. Das klappt doch alles schon ganz gut. Immer dran denken: Seemansgriff. Eine Hand für das Schiff, eine für dich. Leiter, Ponton, Zodiac. Bämm!

Was folgt ist einer meiner absoluten Höhepunkte der Reise. Falls man das überhaupt sagen kann, befinde ich mich hier doch in einem konstanten Emotionsrausch, als hätte ich sonstwas eingeschmissen. Zum Abschluss fährt die Arktis alles auf, was sie hat. Wir machen eine Panoramafahrt durch das Eis, wie man sie niemals noch mal erleben kann. Die Eisberge sind unglaublich und türmen sich zu immer neuen Formen vor uns auf.

Ich schnappe mir meine Kopfhörer. Mit rauschendem Blut kann ich keine Sekunde länger stillsitzen. Zuerst bin ich ganz alleine am Bug und ich tanze mir verdammt nochmal die Seele aus dem Leib, während ich die ganze Schönheit der Arktis in mich aufsauge. Ich habe nur eine Jeans und einen dünnen Pulli an, aber kalt ist mir bei weitem nicht. Zu meiner geliebten Musik hüpfe und tanze ich durch diese magische Welt und es ist mir völlig egal, ob ich mich dabei mal wieder zum Affen mache. Genau das brauche ich gerade so dringend.

Nach und nach kommen auch die anderen Passagiere hoch und ich gebe mir zumindest Mühe, ihnen nicht durchs Bild zu tanzen. Irgendwann kann ich nicht mehr, hab alles gegeben, genauso wie die Arktis. Selten bis nie war ich so erschöpft-glücklich.

Die Serie an Highlights reißt aber nicht ab. Unser letztes Abendmahl nehmen wir als BBQ bei strahlendem Sonnenschein an Deck ein. Jack grillt, wir essen, die Eisberge um uns rum schimmern im Licht. Dann kommt die ganze Crew an Deck und nimmt unseren Applaus für die fantastische letzte Woche entgegen. Zuletzt lege ich mit Mitpassagier Bernd eine sehr freie Tango-Interpretation aufs Stahlparkett, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Während die anderen noch den Nachtisch genießen finde ich mich auf der Brücke wieder, wo ich mich mit Kim und Travis unterhalte. Und wo ich etwas schüchtern frage, was man denn eigentlich können muss, um auf so einem Schiff mitzufahren. Und ob Frauen überhaupt in der Crew erlaubt sind. Dann sagt Kim den Satz, der mich zum Zittern bringt.

„You know, we’re one hand short here. We could use some help.“

Wäre ich ein etwas böserer, noch egoistischerer Mensch, als ich sowieso schon bin, ich würde schreien JA! Aber ich habe eine Schwester zu Hause, die jeden Moment meine Nichte zur Welt bringen wird. Und ich habe ein echt mieses Projekt, dass auf der Arbeit auf mich wartet und das ich keiner meiner Kolleginnen zumuten will. Und ich habe natürlich einen Arbeitsvertrag. Aber…Gott, als Sven auch noch sagt „Lass es doch drauf ankommen, was kann dein Chef machen?“ brauche ich all meine Willenskraft um ein „Maybe next season?“ zwischen meinen Zähnen hervorzupressen. Kim lächelt „Sure, just leave your contact information.“

Kurz darauf spricht mich Robin, der Zweite Offizier, an, der unser Gespräch mit angehört hat. „Do you have experience as a waitress?“ Naja, es gab da diesen furchtbaren Sommer, in dem ich versucht habe, mich zu Tode zu kellnern, also…“Yes!“ Er plant ein eigenes Unternehmen, wahrscheinlich um Spitzbergen, auch ihm soll ich mal meine E-Mailadresse aufschreiben. Mein Herz rast.

Um zehn Uhr sehen wir uns als gemeinsamen Abschluss eine kleine Slideshow unserer Erlebnisse an, die Sven, der Fotograf der Expedition, zusammengestellt hat. Wir lassen die Reise Revue passieren: Unsere Ankunft in Ilulissat, der Eisfjord und die Cape Race, Qeqertarsuaq, die Wanderungen durch die Tundra, der Lost Place Qullissat, Ritenbenk,  der Eqi-Gletscher und mein Sprung in den Arktischen Ozean. Es folgen jede Menge Dankes und Bittes, es liegt eine feierliche Stimmung über dem holzgetäfelten Salon. Ich sinniere so vor mich hin, da bemerke ich plötzlich durch eins der Salonfenster eine rote Bewegung auf Deck.
Die Jungs.
In den Survival Suits.
Ich spurte zur Tür, drehe den Verriegelungsmechanismus und reiße sie auf.

„Are you going to do stupid, reckless things without me???
Travis schließt die Tür sacht und sagt die magischen Worte: „Wanna come?“

Ich platze fast. NATÜRLICH WILL ICH! Aber was werden Brigitte und Hartmut sagen? Sie haben mir diese Reise meines Lebens beschert und ich will sie nicht in Sorge versetzen. Sie hatten glaube ich schon die ganze Zeit Angst, dass ich mich aus Versehen kopfüber in einen Wasserfall stürze oder so. Aber, aber, aber…

Meine rasenden Gedanken werden von Jaron unterbrochen. „Guys, we can’t! They will kick our ass, if we take a guest! Even if it’s the youngest and most agile one we ever had on board.“ Okay, das will ich wirklich nicht. Auch wenn ich es liebe, mit den großen Jungs spielen zu dürfen, sie sollen dafür nicht ihre Jobs verlieren. Also gibt es einen Alternativplan: Ich komme mit, darf aber nicht auf die Eisberge. Damit können alle leben und ich schmeiße mir in Windeseile alle Klamotten über, die ich finden kann.

Ich schnappe mir meine Actioncam und springe in das wartende Zodiac. Wir fahren los in die tiefstehende Sonne und einen Ozean voller Eis. Mein Herz schlägt so schnell, dass ich fast keine Luft kriege und ich bekomme das Grinsen einfach nicht aus dem Gesicht. Die Jungs sind so gelöst, das ist ansteckend. Wir fahren zum ersten Eisberg und sie springen raus, Emmet bleibt bei mir im Zodiac. Die anderen verschwinden hinter der ersten Kuppe und wir fahren um den Eisberg, um sie auf der anderen Seite zu erwarten. Aber sie kommen nicht. Wir warten. Wir fahren um den Eisberg rum.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Nichts. Das Grinsen vergeht mir. Wir machen den Motor aus und lauschen. Immer noch nichts.

„Emmet, is this a sick joke?“ „No, I promise. If I can’t find them in the next minutes, we gotta call Kim.“

Da hören wir sie lachen. Sie sind auf der anderen Seite. Sie haben in der Mitte des Eisbergs einen See entdeckt, den Travis auf den Namen Travis Lake taufen musste. Stupid, reckless, incredible guys. Dann beginnt das Freizeitvergnügen und sie rutschen in ihren Anzügen den Eisberg runter, springen von Vorsprüngen und haben einen Heidenspaß. Irgendwann fragt ausgerechnet Jaron, ob ich auch auf den Berg will. Klar will ich, aber irgendwo hab‘ ich dann doch auch einen Selbsterhaltungstrieb. Ich bin die Einzige die keinen Survival Suit trägt. Über die Gefährlichkeit von Eisbergen habe ich euch ja schon ein bisschen was erzählt. Schweren Herzens lehne ich ab. Und habe trotzdem the time of my life.

Wir fahren von Eisberg zu Eisberg, immer auf der Suche nach guten Rutschbahnen oder Sprungbrettern. Alle Last, alle Sorge, die ich jemals empfunden habe, ist weg. Irgendwann spüre ich meine Zehen und Finger nicht mehr und ich sehe den Jungs zu, wie sie eine riesige Rampe auf einem Monster von Eisberg hochjagen. Plötzlich hören wir Gebrüll hinter uns. Ein kleines Schiff treibt einige hundert Meter entfernt, an Deck stehen Menschen die panisch winken und rufen. Es ist klar, dass man sich Sorgen macht.

„Travis, is this illegal?“ „Not as far as I know. But they might think that we’re in danger, because of the survival suits. If they call a rescue team, we are fucked.“

Ups. Jungs, runter da, aber schnell! Nachdem wir alle wieder an Bord haben gibt es noch eine letzte Dummheit. Wir fahren in einen Canyon aus Eis. Zwei Eisberge, die sich weit über unseren Köpfen schon fast berühren und eine schmale Gasse bilden. Aus Eis, das sich jederzeit bewegen kann. Emmet, der mir immer wieder versichert hat, dass er nicht „superstitious“ nur „a little stitious“ sei, und der nicht einmal Titanic an Bord gucken will, schließt die Augen. „If you have to do this, Travis, do it quick.“ Wir fahren ohne Probleme ziwschen den Eiswänden herum, drehen um und nehmen Kurs auf die Cape Race.

Es ist nach eins, als wir alle wieder in der Küche sitzen und uns unter Gelächter die Videos angucken. Die Stunden rasen dahin. Irgendwann stehen die Alkoholvorräte des Eigners auf dem Tisch und der Rest der Nacht ist ein einziger Rausch.

Was bisher geschah:

Ankunft in Ilulissat // Der Eisfjord und die MS Cape Race // Auf Qeqertarsuaq // Die Tundra und das Inuksuk // Lost Place Qullissat // Die Arktis ist mein Spielplatz // Der Eqi-Gletscher und mein Bad im Polarmeer

Wie es weitergeht:

You’re now leaving the Arctic – come back soon!

Bad im Polarmeer, Grönland

Grönland-Reisebericht: Der Eqi-Gletscher und mein Bad im Polarmeer

Über Nacht bewegen wir uns durch den Atâsund (Ikerasak) zum Eqi-Gletscher. Da ich noch ziemlich lange mit Emmet gequatscht habe, schlafe ich die Nacht friedlich durch. Um sieben werde ich aber schlagartig wach, als sich mein Bett um mindestens 50 Zentimeter absenkt um dann wieder hochzuschnellen. Mir wird kotzübel.

Ich rolle mich aus dem Bett und wanke zu Kabinentür, die ich mehr auftrete als öffne. Mit der Hand klammere ich mich am Türrahmen fest. Blöde Idee, denn natürlich macht die Tür das Geschwanke mit und verpasst mir einen blau-lilanen Fingernagel. Auf mein dezentes Gefluche wird mit Gelächter reagiert und ich schaue in drei amüsierte Gesichter. Dann wird mir der Grund für den plötzlichen Wellengang erklärt.

Die hier recht häufig stattfindenden Abbrüche des Gletschers lösen natürlich Wellen aus, die bis zum Schiff schlagen und dieses ordentlich in Bewegung versetzen. Na gut. Schlecht ist mir jetzt trotzdem. Aber nur, bis ich den ersten Blick auf den Gletscher werfe. Dann ist alles andere vergessen. Es tut mir Leid, aber das ist unfuckingfassbar! Dass ich hier sein darf, dass ich so etwas sehe, das ist fast zu viel.

Als ich in den Salon komme, werde ich mit einem „Ach was, auch schon wach? Hast du etwa durchgeschlafen???“ begrüßt. Ähm ja, hab ich, hätte ich nicht gesollt? Ich erfahre, dass es in den Doppelkabinen, die im Gegensatz zu meiner unter Deck in der Nähe des Bugs liegen, wohl eher mau aussah mit der Nachtruhe.

Eqi-Gletscher, Disko-Bucht
MS Cape Race, Grönland
Eqi-Gletscher, Grönland

Gegen zwei hat es so heftig gerumst, dass meine Tante aus dem Bett gesprungen ist, in der vollen Überzeugung: Das Schiff sinkt! Dann ist sie auf die Brücke gerannt um den Kapitän zur Rede zu stellen. Der hat sie dann aber erst mal beruhigend in den Arm genommen und ihr erklärt, dass alles in Ordnung ist, wir durch einen Eisfjord fahren und wohl noch die ganze Nacht Eis brechen werden, dass das Schiff dafür aber auch gemacht sei.

Statt sich wieder hinzulegen hat meine Tante sich angezogen und dem Kapitän mit wachsamen Augen Gesellschaft geleistet. Irgendjemand muss ja die Verantwortung übernehmen! Da hab ich wohl einiges verpasst, letzte Nacht!

MS Cape Race, Grönland

Mit den Zodiacs geht es an Land und wir wandern über die Moräne um einen guten Blick auf den Gletscher zu bekommen. Hier treffen wir dann auch zum ersten Mal andere Touristen, was sich wirklich verrückt anfühlt. Es sind aber auch nur etwa fünf. Überlaufen ist Grönland Gott sei Dank wirklich noch nicht.

Oben angekommen raubt dieses Land mir mal wieder den Atem und in mir schlagen die Wellen so hoch, wie unten auf dem Meer nach einem Abbruch. Eine riesige, etwa hundert Meter hohe Wand aus kantigem Gletschereis erhebt sich in den Himmel und dahinter folgt eine unglaubliche Eismasse, soweit das Auge reicht. Die Luft ist erfüllt vom Donnern und Stöhnen des Eises, das immer weiter komprimiert wird, bis irgendwann ein Teil nachgibt und mit Krachen in die See stürzt.

Eqi-Gletscher, Grönland
Eqi-Gletscher, Disko-Bucht, Grönland

Ganz weit entfernt schaukelt die Cape Race, winzig sieht sie aus. Und sie kommt mir vor, wie das Schiff, dass mich nach Nimmerland bringen kann. Auf dass ich nie erwachsen werden muss und diesen Traum für immer leben kann. Wer weiß…vielleicht…Sven und Elke, unsere Guides, haben in den letzten Tagen einige Bemerkungen gemacht, die sich in mir festgesetzt haben. Genau wie Emmet, als wir uns letzte Nacht an Deck unterhalten haben. Sie alle spüren, welche Begeisterungsstürme der Norden in mir auslöst, welche Lebensfreude. Und wie gerne ich hierbleiben würde. Und sie sagen mir, dass es Möglichkeiten gibt. Ob als Teil der Crew oder als Guide.

Wir machen uns auf den Rückweg, inklusive Abstecher über die Tundra und zu einem beeindruckenden Wasserfall. Natürlich kann ich mich mal wieder nicht an das Tempo der Gruppe halten und hopse in meinem ganz eigenen über den schmalen Grat aus Geröll.  Dementsprechend bin ich auch als erste wieder bei unseren Schwimmwesten und schlüpfe in die Gummistiefel.

Eqi-Gletscher, Grönland

Nach und nach treffen die anderen ein, aber ich habe das Gefühl, etwas stimmt nicht. Wo bleibt Brigitte, die doch sonst immer nur kurz hinter mir ist? Ich laufe zurück und sehe sie. Und ich sehe an ihrer Kleidung, dass sie gestürzt sein muss. Mir bleibt kurz das Herz stehen, hoffentlich ist sie okay. Das ist sie, zwar ist die Kamera leicht demoliert, der UV-Filter gesprungen und sie selbst ein bisschen geschockt, aber ganz tapfer macht sie sich zurück auf den Weg zum Schiff. Glück gehabt.

Unfall am Eqi-Gletscher

Ich glaube, das ist es, was mich an der Arktis so fasziniert, so makaber das klingt: Ein kleiner Fehler, ein falscher Schritt, der zu Hause nicht viel bedeuten würde, und hier bist du verletzt, vielleicht tot. Meine Nerven vibrieren bei solchen Gedanken und jagen mir das Leben durch den Körper. Nie fühle ich mich so lebendig wie hier oben.

Zurück an Bord kämpfen wir uns durch das breiige Eisfeld des Fjords, immer wieder erschüttern Kollisionen das Schiff. Ich lasse die Beine über dem Bug baumeln und versuche, all das ganz bewusst wahrzunehmen. Die Wärme der Sonne über und des roten Stahls unter mir, die strahlend weißleuchtenden Eisberge, das türkisblaue Wasser und die Vibration der Maschine.

Am Abend ankern wir wieder mal vor einer aufgegebenen Siedlung, diese war bereits Drehort für den Film „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“. Und jetzt wartet schon der nächste Adrenalinkick. Die Cape Race, dieses wunderbare Schiff, hat sogar eine Sauna. Die wird nach dem Abendessen aufgeheizt und zusammen mit Wolfgang, Robin, Jack und später Emmet mache ich es mir in dieser kleinen Höhle aus Zedernholz gemütlich.

Nachdem die Diskussion über das passende Outfit für dieses Vorhaben unter meinen Mitpassagieren bereits für Erheiterung sorgte, bin ich doch ganz froh, mich gegen die Freikörperkultur entschieden zu haben, ich wäre nämlich die einzige gewesen. Und auch wenn mir Sätze wie „Oh god, you smell so girly, move again“ und „You know, you’re very attractive and we haven’t seen a girl in a month“ durchaus schmeicheln, wir wollen es doch mal nicht übertreiben.

Nach dem ersten Saunagang heißt es natürlich: Abkühlen! Die Jungs haben den Kran, mit dem normalerweise die Zodiacs auf Deck gehoben werden, so ausgerichtet, dass ein Seil über die Bordwand baumelt. Mit dessen Hilfe schwingen wir uns ins Polarmeer. Wusstet ihr, dass Salzwasser einen tieferen Gefrierpunkt hat, als 0 Grad?

Ich jetzt schon. Das Wasser ist kalt. Unglaublich kalt. Es ist so kalt, dass es sich wie tausend Nadelstiche auf der Haut anfühlt. Es presst mir beim Aufprall alle Luft aus den Lungen und als ich prustend auftauche und versuche, neuen Sauerstoff durch selbige zu jagen geht das einfach nicht. Ich kann nicht einatmen. Mein Körper steht unter Schock. Also mache ich mich schleunigst auf den Weg zur Leiter und sobald ich aus dem Wasser bin, kann ich auch wieder Luft holen.

Bad im Polarmeer, Grönland
Bad im Polarmeer, Grönland
Bad im Polarmeer, Grönland

Gott, was für ein unglaublich berauschendes Gefühl. Hier stehe ich, klatschnass auf Deck, umgeben von verrückten, lachenden Idioten und wir haben nichts Besseres zu tun, als in den arktischen Ozean voller Eisberge zu springen! Can life get any better?

Allerdings muss ich zugegeben, so hardcore wie Wolfgang bin ich dann doch nicht. Er geht ganz entspannt und langsam über die Leiter ins Wasser und sagt nachdem er wieder oben ist: „Ach, das reicht noch nicht als Abkühlung.“ Und steigt seelenruhig noch mal runter. Respekt, mein Lieber!

Wir huschen wieder in die Sauna, in der uns bald Kapitän Kim und später noch Expeditionsleiterin Elke Gesellschaft leisten. Zum Schluss gibt es noch einen Gemeinschaftssprung mit Robin, Emmet und Jack, den Sven glücklicherweise perfekt fotografisch festhält. Nach und nach gehen alle duschen und ins Bett.

Am Ende sind nur noch Emmet und ich übrig und erzählen uns aus unseren sehr unterschiedlichen Leben, erst in der Sauna, später bei seiner Gute-Nacht-Zigarette auf dem Deck. Er erzählt mir ein bisschen von Nova Scotia und seinen Reisen, aber viel mehr reden wir über mich. Als ich um weiß der Geier wie spät ins Bett falle, weiß ich, dass Grönland einiges verändern wird.

Was bisher geschah:

Ankunft in Ilulissat // Der Eisfjord und die MS Cape Race // Auf Qeqertarsuaq // Die Tundra und das Inuksuk // Lost Place Qullissat // Die Arktis ist mein Spielplatz

Wie es weitergeht:

Stupid, reckless things // You’re now leaving the Arctic – come back soon!

Eisberg Lange Bugt Grönland

Grönland-Reisebericht: Die Arktis ist mein Spielplatz

Der Anker geht runter, die Kette rasselt und wir sind in der Langebugt (Kangerdluk) angekommen. Damit haben wir jetzt bereits einen Großteil der Disko-Insel umrundet. Vor uns liegt ein schmaler Bergsattel und dahinter befindet sich der Eisfjord von Torssukatak. Den wollen wir uns heute ansehen, das heißt uns steht eine kleine Bergtour bevor. Aber ehe wir auch nur dazu kommen zu Frühstücken, beginnt ein unglaubliches Spektakel direkt vor der Cape Race.

Genau vor unserem Schiff verköstigen sich eine Buckelwal-Mutter und ihr Junges. Keine 30 Meter von uns entfernt. Sie scheuchen unzählige Fische auf, die an die Oberfläche schwimmen. Dann reißen die Wale ihre riesigen Mäuler auf und schlucken ganze Schwärme. Immer wieder tauchen sie auf, zeigen uns ihre Köpfe und Rücken und wir können uns gar nicht sattsehen an diesen beeindruckenden Tieren. Die Mutter ist zu groß um in der vergleichsweise flachen Bucht (Travis, der Erste Offizier, misst etwa 38 Meter) zu fluken, doch das Kleine zeigt uns mehrfach seine Schwanzflosse. Irgendwann ist die Show vorbei und die beiden ziehen langsam ihrer Wege.

Wir tun das auch und begeben uns an den Aufstieg des schmalen Bergsattels, der uns den Blick auf den Eisfjord versperrt. Aus den 100 angegebenen Höhenmetern werden doch ein paar mehr und um uns wehen die Nebelschwaden. Als wir nach einer spaßigen Kletterei oben ankommen, bin ich kurz ein bisschen enttäuscht. Kein grandioser Ausblick. Meh! Nur weitere Felshänge.

Andererseits hat es hier einen wunderschönen kleinen See, der malerisch zwischen den Steilwänden verborgen liegt. Also erstmal ein Gruppenfoto gemacht. Ich stelle die Kamera auf, drücke auf Selbstauslöser und renne los, um auch auf das Bild zu kommen. Der Rest der Gruppe geht mehr oder weniger fest davon aus, dass ich mir bei dem Gespurte eher den Hals breche. Aber ich doch nicht! Call me Bergziege!

Lange Bugt Grönland
Grönland Disko-Bucht

Nachdem wir dann aber doch noch den nächsten Buckel überqueren, sind alle Wünsche erfüllt: Da, viele Meter unter uns liegt der Eisfjord und erstreckt sich in die Ferne, bis das Auge ihn im Dunst nicht mehr erkennen kann. Tief unter uns schwimmen unzählige Eisberge auf dem tiefblauen Wasser. Kann ein Mensch eigentlich platzen vor Glück? Ausnahmsweise schaffe auch ich es mal, mich ruhig hinzusetzen und den Moment zu genießen. Aber natürlich nicht lange. Bald bin ich wieder auf den Beinen und kraxel ein bisschen den Abhang hinab. Ich kann es einfach nicht lassen, ich MUSS mich hier bewegen. Grönland ist so eine einmalige Chance, so ein Geschenk, dass ich alles sehen, anfassen, berühren und erfahren will.

Grönland Eisfjord Diskobucht

Während sich meine Mitpassagiere danach von unserem Ausflug erholen, schnobere ich also auf der Suche nach Beschäftigung durch die Küche. Emmet lädt mich belustigt ein, mit ihm Brownies zu backen, während Jack und Marko eine wohlverdiente Ruhepause einlegen und Kapitän Kim zu Mittag isst.

Es ist ein bisschen wie mit 7 Jahren in der Weihnachtsbäckerei: Ich bin von oben bis unten voll mit Mehl und Puderzucker, nasche ständig aus dem Schokoladenbeutel und könnte nicht mehr Spaß haben, während Emmet den Großteil der eigentlichen Arbeit macht. Dabei lachen wir immer wieder über unsere Verständigungsschwierigkeiten, denn meine Aufgabe ist es, ihm die Anweisungen aus dem amerikanischen Backbuch vorzulesen und mein diesbezügliches Fachvokabular lässt doch zu Wünschen übrig.

Ms Cape Race Brownies backen

Später an diesem Tag landen wir in Ritenbenk an, auch hier gibt es einige verlassene Häuser. Während ein Teil unserer Gruppe sich nach deren kurzer Besichtigung für eine Zodiac-Cruise entscheidet, kann ich mich von der wunderschönen Landschaft noch nicht losreißen. Ich wandere alleine über das sonnenbeschienene Alluttoq (Arve-Prinsens-Eijland) und hüpfe von Stein zu Stein. Hinter jeder Biegung wartet ein neues Abenteuer auf mich. Ein neuer grandioser Ausblick, ein fantastisch geformter Eisberg, eine niedliche Bucht mit Steinstrand.

Plötzlich höre ich schnelle Schritte hinter mir. Ich habe kaum Zeit mich umzudrehen, als Robin, Emmet und Jack auch schon an mir vorbeirasen. Es dauert einen Moment bis ich begreife, was das sein soll. Trailrunning. Klar, wieso nicht? Wenn man tagelang auf einem Schiff arbeitet, hat man wahrscheinlich ein ziemliches Bewegungsbedürfnis. Trotzdem wirkt das Ganze so absurd, dass ich lachen muss: Drei Jungs trailrunnen nur im T-Shirt über eine Felsenküste in Grönland, im absoluten Nichts. Wo es gar keine Trails gibt.

Im Vorbeilaufen laden sie mich ein, sie zu begleiten, aber ich winke grinsend ab. Ihre Freude und ihr Bewegungsdrang sind zwar einfach nur ansteckend, aber für Trailrunning habe ich dann doch nicht das Richtige an. Später treffe ich wieder auf Brigitte, die auch hier geblieben ist, und wir erkunden gemeinsam die leerstehenden Gebäude. Auch hier stoßen wir wieder auf die Jungs, die das Ganze zu ihrem Spielplatz machen und ihre nicht ganz unbeeindruckenden sportlichen Fähigkeiten zur Schau stellen. Hier ein paar Parcour-Sprünge, da ein paar Klimmzüge…Nichts gegen meine Grölnlandreisefreunde, aber ich bin doch ganz froh, auch ein paar Gleichaltrige um mich zu haben.

Und hey, spielen kann ich auch!

Queen of the Arctic
Grönland Cape Race

Was bisher geschah:

Ankunft in Ilulissat // Der Eisfjord und die MS Cape Race // Auf Qeqertarsuaq // Die Tundra und das Inuksuk // Lost Place Qullissat

Wie es weitergeht:

 Der Eqi-Gletscher und mein Bad im Polarmeer // Stupid, reckless things // You’re now leaving the Arctic – come back soon!

Ritenbenk Grönland
Lost Place Qullissat

Grönland-Reisebericht: Lost Place Qullissat

Nach dem Frühstück bringt uns unsere Crew nach Qullissat (ausgesprochen Kuschlissatt), einer verlassenen Siedlung im Nordosten der Disko-Insel. In Grönland gibt es viele verlassene Siedlungen, was meist mit der dänischen Politk der 60er Jahre zusammenhängt. Durch das konservierende, kalte und trockene Klima der Arktis verrottet hier nur wenig und auch nach Jahren stehen die Häuser noch, als ob ihre Bewohner sie erst vor ein paar Monaten verlassen hätten. Die Arktis braucht lange, um sich von solchen Wunden zu erholen und die Spuren der Zivilisation zu tilgen.

Zodiac MS Cape Race

“Lost Places” in Deutschland sind in der Regel entweder überlaufen, oder man sollte sich gut überlegen, ob man sie besucht, da das sehr teuer werden kann, wenn man erwischt wird. Sven, unser Guide, sagt nur:

“Als deutscher Reiseleiter sage ich euch natürlich, dass ihr besser nicht in die Häuser geht, das könnte gefährlich sein. Der grönländischen Mentalität entsprechend sage ich, seid nicht blöd, passt auf, wo ihr hintretet und behandelt die Häuser mit Respekt. Vielleicht kommen ihre Bewohner oder deren Nachfahren noch einmal wieder.”  

Qullissat wurde 1924 gegründet und hatte den einzigen Zweck, Steinkohle abzubauen. Doch der Transport von der Mine gestaltete sich schwierig, da sich das Ufer nicht eignete, um dort einen richtigen Hafen anzulegen. So musste die Kohle erst auf kleine Boote geschafft und von dort auf ein größeres, weiter draußen ankerndes Schiff verladen werden. Dieses Spielchen rentierte sich auf Dauer nicht.

Doch nicht nur wirtschaftliche, auch machtpolitische Gründe spielten bei der Zwangsschließung eine Rolle, wahrscheinlich sogar die größere. Denn der dänischen Regierung war die ausschließlich von Grönländern bewohnte Siedlung, die sich zu einer starken Gemeinschaft entwickelte, ein Dorn im Auge. Deshalb wurde der Entschluss gefasst, diese 1972 zu räumen und Familien durch Umsiedlungen auseinanderzureißen. Einfach so, manche Einwohner kamen nach Ilulissaat, manche nach Nuuk und wer richtig Pech hatte musste nach Tasiilaq, auf die andere Seite Grönlands und war von Freunden und Verwandten durch eine 1000 km breite Eiskappe getrennt.

Wir streifen also durch das Dorf und ich bin froh, dass es hier nicht dunkel wird, dann dann wäre es wirklich unheimlich. Zum Teil sind die Häuser komplett leergeräumt, nur ein einsamer Schaukelstuhl steht noch da. In manchen findet man aber noch Spuren eines längst vergangenen Alltags. Im Krankenhaus zum Beispiel stehen noch Gitterbetten und ein alter Röntgenapparat.

Mich hat übrigens jeder ausgelacht, der erfahren hat, dass ich eine Stirnlampe dabei habe, weil doch die Sonne gar nicht untergeht. Jetzt bin ich aber froh, sie dabei zu haben, denn so kann ich in die finsteren Eiskeller klettern und mich auch dort umschauen.

Mit Sven erkunde ich die Häuser derjenigen, die wohl am meisten an der Mine verdient haben. Es sind schöne Häuser, man hat das Gefühl, hier wohnte mal das Geld. Und man müsste nur ein bisschen Hand anlegen, um alles wieder wohntauglich zu machen. Aber will man in einer Geisterstadt leben?

Irgendwann schauen wir auf die Uhr und merken, dass wir spät dran sind, eigentlich soll uns das Zodiac bereits abholen. Als wir zur Küste kommen, sehen wir es ablegen, unsere Mitreisenden lachen uns aus und winken. Pfff, denke ich mir, ich hab kein Problem hier zu bleiben. Ich hab noch längst nicht alles gesehen, was ich gerne sehen will. Als Jaron uns dann doch noch holen kommt fragt Sven auch nur: “Wieso hast du uns kein Gewehr mitgebracht, wir wollten noch was bleiben!”

Nach dem Abendessen landen wir mit den Zodiacs auf Nussuaq (=Halbinsel, die Grönländer sind doch recht pragmatisch bei der Namensgebung) an und machen einen Abendspaziergang entlang der Küste. Dabei behalten wir natürlich immer das Meer im Auge, es könnten ja Wale auftauchen. Auf einmal entdeckt jemand ein Zodiac auf dem Wasser, das schnell als eines der unsrigen identifiziert wird. Aber was macht es da? Das fragen wir uns alle. Da bemerke ich etwas, dass mir den Mund offenstehen lässt. Da ist jemand auf dem Eisberg.

Um mein Erstaunen zu verstehen müsst ihr wissen, dass Eisberge wahnsinnig gefährlich sind. Sie können jederzeit und ohne Vorwarnung auseinander brechen oder rollen. Bekanntlich sind ja nur 10% des Eises über der Oberfläche und man hat keine Ahnung, was der arktische Ozean mit der Unterseite anstellt. Zudem können um den Eisberg herum Strömungen entstehen, die dich unter das Eis ziehen. Und dann ist es ziemlich schnell vorbei. Also ist es immer eine gute Vorgehensweise, Eisbergen nicht zu nahe zu kommen. Dachten wir.  

Elke, unsere Expeditionsleiterin, schaut grimmig durch ihr Fernglas und erklärt, dass das wohl schon öfter vorgekommen ist. Ich will gerade fragen was, als ich sehe, dass eine der winzigen Figuren auf dem Eisberg Anlauf nimmt, den Berg runterrutscht und ins Wasser fällt. Kurz danach taucht sie auf und beginnt zum Zodiac zu schwimmen.

Eisberge Grönland Disko-Insel

Die Jungs von der Crew machen einen Ausflug. Einen arktischen Ausflug. Dazu trägt man natürlich Survival Suits, Neopren-Trockenanzüge, mit denen man eine Zeit in dem eiskalten Wasser überleben kann.Wenn man in der Arktis ist und jeden Tag 16 Stunden auf einem Schiff arbeitet, hat man sich ein bisschen Spaß verdient, oder? Und hier oben muss man halt gucken, wo man den herbekommt.

Mein Verstand gibt Elke recht, die sich über die Leichtsinnigkeit ärgert. Wenn die draufgehen, haben wir echt ein Problem. Aber meistens kann ich meinen Verstand ja recht gut ignorieren und stattdessen das Spielkind rauslassen und das schreit innerlich: ICH WILL AUCH!

Was bisher geschah:

Ankunft in Ilulissat // Der Eisfjord und die MS Cape Race // Auf Qeqertarsuaq // Die Tundra und das Inuksuk

Wie es weitergeht:

 Die Arktis ist mein Spielplatz // Der Eqi-Gletscher und mein Bad im Polarmeer // Stupid, reckless things // You’re now leaving the Arctic – come back soon!