Allein in St. Peter Ording: Von vergessenen Unterhosen und lächelnden Fremden

Schockschwere Not. Ich habe das Reisen verlernt. Vielleicht nicht ganz und komplett, aber durch die Corona-Zwangspause hat auf jeden Fall meine organisatorische Reiseroutine gelitten. Hab ich früher schon allein von berufs wegen jedes dritte Wochenende mein Köfferchen gepackt, so ist es jetzt ein Großereignis, es überhaupt rauszuholen.

Da sollte man meinen, dass Geist und Verstand in höchster Alarmbereitschaft sind und alles doppelt und dreifach prüfen. Zumal bei einer Packlisten-Fetischistin wie mir. Aber was soll ich sagen? Für St. Peter Ording habe ich anscheinend in geistiger Umnachtung gepackt.

Ich nehme ja grundsätzlich für jede Eventualität etwas mit und gebe gerne zu, dass nicht immer alles davon nötig wäre. Aber was sind zwei Dinge, die absolut essenziell sind? Die auf keiner noch so kurzen, noch so improvisierten Reise fehlen dürfen? Genau, Zahnpasta und Unterwäsche. Und was habe ich geschafft zu vergessen? Genau, Zahnpasta und Unterwäsche.

Glücklicherweise fällt mir mein Faux pas noch siedend heiß ein, während ich im Büro sitze. Ich will direkt nach der Arbeit los, vor mir und Birdie (meinem Jimny) liegen knapp fünf Stunden Fahrt und ich wäre gerne um 22 Uhr an der Nordsee. Da mein zu Hause genau in der anderen Richtung liegt, sehe ich es nicht ein, nach Feierabend noch mal dorthin zu düsen. Nun, Frau weiß sich ja zu helfen. Also schnell in der Mittagspause in den Rossmann geflitzt und die fehlenden Dinge besorgt. Dass ich damit jetzt keinen Blumentopf in Sachen Passform gewinne ist klar, aber ich fahre ja auch allein und habe nicht vor, irgendjemandem meine Unterwäsche zu präsentieren.

Allein unterwegs – Beängstigend oder Bereichernd?

Womit wir zum nächsten wichtigen Punkt der Geschichte kommen. Okay, ob der davor wichtig war, sei mal dahin gestellt. Aber worauf ich hinaus will ist: das alleine unterwegs sein. Vielleicht sogar, das alleine als Frau unterwegs sein. Denn als ich im Büro erzähle, was ich an diesem Wochenende vorhabe, wird ganz selbstverständlich angenommen, ich sei mit meinem Freund unterwegs. Fehlanzeige.

Ich fahre dieses Wochenende an die Nordsee und werde es mit wildfremden Menschen verbringen. Meine Kollegin scheint um meinen Geisteszustand besorgt (gut dass ich ihr nichts von der neuen Vergesslichkeit erzählt habe), definitiv aber um meine Sicherheit. Was, wenn mir etwas passiert? Ganz allein die weite Strecke mit dem Auto. Also, mit dem Auto. Mein Jimny fühlt sich gemobbt. Und dann auch noch mit Männern treffen, die ich nicht kenne? Was, wenn das völlig verrückte sind? Aber der Reihe nach…

Als ich im Mai einen Online-Vortrag über meine Grönlanderfahrungen halte, kontaktiert mich danach einer der Zuhörer. Er ist Fotograf, ihm hat meine Art zu berichten gefallen und er fragt, ob wir nicht vielleicht zusammen ein Projekt starten wollen. Au ja, denke ich! Denn seien wir ehrlich, ich gebe mir große Mühe mit meinen Fotos, aber der Pro werde ich wohl nicht mehr. Er hingegen sucht jemanden, der die Geschichte zu seinen Bildern erzählt. Win-win also. Bei vielen Leuten würde jetzt vielleicht ein großes „Aber“ im Kopf auftauchen. So wie bei meiner Kollegin.

Da ist zum Beispiel das gern genutzte Axtmörder-Argument. Aber woher soll der arme Mann denn wissen, dass ich nicht die verrückte Axtmörderin bin? Kann er nicht. Und trifft sich trotzdem mit mir, obwohl er mich nicht kennt. Und was das alleine mit dem Auto unterwegs sein angeht: Klar kann ich nicht alles selber reparieren, wenn unterwegs etwas sein sollte. Aber im Zweifel kann ich den Notdienst rufen und viel mehr würde mein Freund wohl auch nicht machen.

Es liegt in meiner Natur, offen und freundlich zu sein (zumindest hoffe ich das) und ich glaube, dass macht es den Menschen leichter, auf mich zuzugehen. Darüber bin ich sehr froh, denn so eröffnen sich mir immer wieder Chancen und Möglichkeiten.

Das soll nicht heißen, dass ich leichtsinnig, übermäßig vertrauensselig oder unvorsichtig bin. Aber ich glaube, es bringt einen auch nicht weiter, von Menschen immer das Schlechteste anzunehmen. Vor alle nicht, wenn sie den ersten Schritt auf dich zumachen, was ja auch Überwindung kostet. Und wenn mir mein Bauchgefühl signalisiert, dass alles gut ist.

Endlich wieder unterwegs

Ich habe also ein paar Mal mit Johannes geskyped, ihn kennengelernt und mich mit ihm für ein Wochenende in St. Peter Ording verabredet. Er macht dort sowieso häufig Urlaub mit seiner Lebensgefährtin und kennt die Gegend gut. Damit ich aber auch etwas zu unserem Ausflug beitragen kann, setze ich mich mit der Tourismuszentrale in Verbindung und bekomme dort supernetten Kontakt zu Jan, der uns direkt einlädt, am Beach-Cleanup teilzunehmen. Denn dort werde sich halb St. Peter Ording versammeln und wir haben die Möglichkeit, Land und Leute besser kennenzulernen. So kommt es also zu den Verabredungen mit wildfremden Menschen.

Da mein Freund anderweitige Pläne hat, fahre ich allein in nach St. Peter Ording. Und was soll ich sagen? Es ist schön! Es ist schön, auch mal wieder allein unterwegs zu sein, neue Leute zu treffen, die Gegend auf eigene Faust zu erkunden. Damit will ich gar nicht sagen, dass ich es nicht liebe, mit Freund oder Familie unterwegs zu sein. Im Gegenteil. Obwohl es nur ein Wochenende ist, vermisse ich meinen Freund.

Aber ich merke auch, dass es mir gut tut zu wissen, dass ich alleine unterwegs und trotzdem glücklich sein kann. Statt kuscheln gibt es abends eben Einschlaf-Yoga. Statt seiner Hand nehme ich die Kamera und mache mit ihr den Strandspaziergang. Und statt mit ihm Essen zu gehen, gehe ich allein und finde das voll in Ordnung.

Allein heißt nicht gleich allein

Außerdem: Allein bin ich ja gar nicht! Ich treffe Johannes und mit ihm unterwegs zu sein ist unkompliziert und macht Spaß. Es ist dank Corona so lange her, dass ich jemand fremdes getroffen habe, von dem ich noch kaum etwas weiß und mit dem ich mich noch über so viel austauschen kann. Ich genieße das sehr. Und als ich nach unserem Trip Johannnes‘ Fotos sehe, platze ich innerlich vor Freude! So, so schöne Bilder bekomme ich sonst fast nie auf Reisen und schon gar nicht von mir. Es lohnt sich also 1000%ig, auch mal alleine loszuziehen, bzw. mit Menschen, die man noch gar nicht kennt.

St. Peter Ording macht es mir allerdings auch einfach. Ich kann mich nicht erinnern, je von so vielen Menschen freundlich angelächelt worden zu sein, wie hier. Vielleicht achte ich wenn ich allein bin einfach mehr auf meine Umgebung, vielleicht liegt es an meinem eigenen Dauerlächeln, aber überall sehe ich nette, lächelnde Menschen.

Meine unglaublich lieben Airbnb-Gastgeber, die mich einladen, Kräuter in ihrem Garten zu pflücken und fragen, ob sie morgens auch nicht zu laut sind und mich wecken. Der Ticketverkäufer der Fähre, der Mann mit dem Golden Retriever auf der Seebrücke, der Kellner der mir meinen Veggieburger bringt. Und viele, viele Strandspaziergänger dazu. Also, begleitet mich in den nächsten Wochen gerne an die Nordsee! Vielleicht habt ihr danach ja auch mal Lust, dorthin zu reisen.

Ein Großteil der Bilder dieses Beitrags stamm von Johannes Kaiser von Kaiser Schäfer Fotoworks, dem ich für das tolle Wochenende und die wunderschönen Bilder von Herzen danke.

8 Comments

  • Claudia Schäfer

    So schön geschrieben. Mit dem allein reisen ist das ja so eine Sache. Allein sein können oder Allein sein müssen ist da ein großer Unterschied. Ich liebe es allein zu reisen, es stärkt auf jedenfalls nochmal das Selbstvertrauen. Ich muss es aber nicht. 😉 Viele können es sich auch glatt weg nicht vorstellen auch mal allein was zu unternehmen. Schade eigentlich, oder? VG Claudia

    • Rosa

      Liebe Claudia, danke für das Feedback! 😊 Können ist auf jeden Fall besser, als müssen. Ich bin auch sehr froh, meist die Wahl zu haben. Aber immer, wenn ich mich dann für allein entscheide, was zugegebenermaßen nicht so oft ist, bin ich überrascht, wie viel Spaß es macht und wie gut es mir tut. Aber für manche Leute ist es vielleicht wirklich nicht das Richtige.

  • Tommy

    Huhu, toller Artikel !
    Da die meisten Leute die ich so kenne nicht so wirklich auf Reisen stehen, blieb mir nichts anderes übrig als mich alleine in die Abenteuer zu stürzen. Seid meinen 18 Jebensjahr bin ich alleine auf Reisen, bisher gab es genau zwei Mal eine Ausnahme wo ich mal nicht alleine Unterwegs war. Das erste mal war es 2017 auf einen Trip nach New York, mit einer kleinen Gruppe, es hat echt viel mehr Spaß gemacht als alleine so eine große Stadt alleine zu erkunden. Das andere mal war direkt ein Jahr später auf einem Trekking Urlaub durch die Wildnis in Norwegen.
    Das alleine Reisen hat schon seine Vorteile, aber ab und an macht es echt Spaß mit Leuten zu verreisen die auf der gleichen Wellenlänge sind, denn dann macht so ein Urlaub doch mehr Spaß, vor allem wenn man sich mit den Sachen zu 100% einig ist was man macht 🙂

    Wenn man aber nicht immer jemanden hat der mit auf Reisen gehen möchte, geht man alleine auf die Reisen und macht das Beste draus. Aber das wichtigste ist man sieht und erlebt was schönes auf seinen Reisen, egal ob alleine oder nicht. Alles ist besser als den Urlaub auf dem heimischen Sofa zu verbringen.
    Liebe Grüße
    Tommy

    • Rosa

      Hey Tommy,

      wow, da bist du ja ein echter Pro im allein unterwegs sein! Finde ich richtig super, dass du dich nicht von deinem Umfeld hast anstecken lassen und einfach dein Ding gemacht hast. Ganz nach dem Motto: Besser alleine als gar nicht. Und ja, natürlich, ich finde es auch oft schön, alles mit jemandem teilen zu können und nicht jeden Moment allein erleben zu müssen, aber ab und an schadet es ja auch nicht. 🙂 Menschen kann man ja auch unterwegs kennenlernen und manchmal entstehen richtige Reisefreundschaften daraus.

      Liebe Grüße
      Anuschka

  • DieReiseEule

    Hallo Anuschka,

    ich finde es erstaunlich, dass im Jahr 2021 Frauen die allein reisen immer noch ein bisschen wie Aliens angesehen werden. Bei Männer sieht man das als normal an. Auch, dass diese allein im Restaurant essen gehen. Als Frau wird man entweder sehr mitleidig angeschaut oder angesprochen, wo denn die Begleitung sei.
    Ich reise sehr gerne alleine, obwohl ich inzwischen wieder verheiratet bin und natürlich auch mit meinem Mann verreise. Alleine erlebe ich aber ganz andere Dinge und habe oft sehr bereichernde Begegnungen. Ich suche mir bewußt Länder aus, in denen ich mich sicher fühle. Australien, Neuseeland, aber auch die meisten europäischen Länder kann man als Frau hervorragend allein bereisen.
    Deutsche Städte sowieso.
    Und „allein“ wird gerne mit „einsam“ verwechselt. Doch aus meiner Erfahrung sage ich, am einsamsten kann man sich mitten in einer Gruppe fühlen. So wie es in Filmen manchmal gezeigt wird: Man selbst steht in der Mitte und alle anderen drumherum sind im Turbotempo unterwegs.

    Liebe Grüße und weiter tolle Reise (allein oder wie auch immer)
    Liane

    • Rosa

      Liebe Liane,

      ich bin auch immer wieder überrascht. Ich merke, dass es in meiner „Reise-Bubble“ ganz normal ist, aber Menschen außerhalb dieses Mikrokosmos scheinen tatsächlich oft noch Bedenken zu haben. Nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern, genau wie du ansprichst, was z.B. das allein Essen gehen betrifft. So nach dem Motto: Was denken die Leute denn? Dabei ist es doch so egal, was die Leute denken, solange ich Spaß habe.

      Und für mich ist es immer wieder eine beeindruckende Erfahrung, wie viel leichter man Kontakte knüpft, wenn man allein unterwegs ist. Dazu muss man natürlich eine gewisse Offenheit an den Tag legen, der ein oder die andere vielleicht sogar Mut, aber es lohnt sich immer. Denn du hast 100% recht: Einsam, das möchte man nicht sein, das hat aber nichts damit zu tun, wie viele Menschen man um sich hat. Und so lange ich auf Reisen bin, Eindrücke sammel und Abenteuer erlebe, fühle ich mich nur ganz selten einsam, ob allein oder nicht spielt dabei gar keine Rolle.

      Ich bin happy, dass wir heute die Möglichkeiten haben und auch ich habe mich ehrlich gesagt noch nirgendwo gefürchtet, wo ich „allein“ unterwegs war, in Schweden nicht, auf Spitzbergen nicht und ganz bestimmt nicht in St. Peter Ording.

      Dir wünsche ich auch weiterhin nur schöne und spannende Erlebnisse, egal ob allein, mit Partner oder FreundInnen! <3

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