Spitzbergen – Ankunft auf dem 78. Breitengrad

Kopf hoch, Kätzchen, bald gehst du auf Reisen!

Dass man mich zum Reisen ermuntern muss ist definitiv nicht normal. In der Regel mache ich nichts lieber, als meinen Koffer zu packen, meine Wohnung abzuschließen und mich zum Flughafen zu begeben. Mich voll und ganz auf eine Reise einzulassen und sie mit Kopf und Herz zu genießen. Gerade, wenn es in die Arktis geht. Und meine Reise nach Spitzbergen war auch ein lange gehegter Traum. Nachdem ich im Sommer bereits in Grönland gewesen war, wollte ich den Norden jetzt noch einmal im Winter erleben. Manchmal, ach was, immer, kommt es aber anders als man denkt und das ist auch die Erklärung, warum es seit einiger Zeit so still auf dem Blog ist. In meinem Privatleben hat sich eine Menge getan und wer bis über beide Ohren verknallt ist, der vernachlässigt auch mal sträflich seine Internetpräsenz.

Eigentlich gehört mein Herz ja der Arktis, seit einiger Zeit muss die es sich aber teilen, weshalb ich meine Reise nach Spitzbergen auch mit einem lachenden und einem weinenden Auge angetreten bin. Trotzdem war ich sehr gespannt, was mich da oben auf dem 78. Breitengrad erwarten würde. Und von meinem kleinen Abenteuer im Norden möchte ich euch natürlich erzählen. Ich freu mich, wenn ihr mich durch diese Zeit begleiten mögt, hier kommt mein Reisetagebuch:

Die Polarnacht auf Spitzbergen: Drei Tage im hohen Norden

Der Tag, an dem ich auf dem 78. Breitengrad ankomme
15. Dezember 2017

Nachdem ich in Oslo zweimal auf Grund meiner eigenen Blödheit durch den Security-Check musste, sitze ich jetzt schweißgebadet im Flugzeug. Es war echt nicht eine meiner intelligentesten Ideen, die Polarstiefel und den Expeditionsparka schon für die Anreise anzuziehen. Naja, aus Fehlern lernt man und zumindest die Stiefel werden auf der Rückreise definitiv in den Koffer wandern!

Die vergangene Nacht im Hotel in Oslo war erstaunlich erholsam, auch wenn ich zuerst ins falsche gegangen bin. Wenn ich mir das so angucke sollte man nicht meinen, dass ich mich überhaupt allein in der Welt zurechtfinde. Aber das tue ich doch einigermaßen, und mein Kompass zeigt verlässlich nach Norden. Das Flugzeug wird gleich in Tromsø zwischenlanden und von dort weiter nach Longyearbyen, der Hauptstadt Spitzbergens, fliegen. Was mich da erwartet? Keine Ahnung. Dunkelheit. Und hoffentlich ein Bus, der mich zum Basecamp bringt.

Unter mir gleiten verlassene Schneelandschaften dahin, nur unterbrochen von dunklen Flussläufen und Seen. Und nirgendwo eine Spur von Menschen. Obwohl es erst kurz nach 11 Uhr ist, sinkt die Sonne hinter uns bereits langsam auf den Horizont zu. Polarnacht, ich komme. Und ich bin mir sicher, trotz aller Verliebtheit, wenn ich erst eine Fuß auf arktischen Boden setze, werde ich wieder zu Hause sein.

Der Anflug auf Tromsø ist unglaublich. Schneebedeckte Berge in unzähligen Ketten soweit das Auge reicht. Dazwischen die Buchten in tieftürkis. Wenn man sich zwischen diesen Gipfeln verirrt, dann war’s das. Und man wird wahrscheinlich niemals gefunden. Hach, morbide Gedanken, aber sie treiben mir doch das Adrenalin durch die Adern. Das Arktisfieber hat mich wieder.

Unser Kapitän holt mich dann aber auf den banalen Boden der Tatsachen zurück, im wahrsten Sinne des Wortes. Unser Flugzeug ist kaputt. Schön übrigens, dass man das feststellt NACHDEM wir damit über ganz Norwegen geflogen sind. Und schade, dass es nicht erst auf Spitzbergen aufgefallen ist. Denn jetzt stehen wir wie bestellt und nicht abgeholt auf dem Rollfeld. Soweit ich das gebrochene und ziemlich genuschelte Englisch unseres Kapitäns verstehe, werden wir wohl den fliegenden Untersatz wechseln müssen, da unsere Windschutzscheibe locker ist. Alle im Flugzeug sind ganz entspannt und warten einfach ab, nur die Durchsagen bekommen einen leicht hysterischen Unterton. Der Kapitän ermahnt uns immer wieder ganz ruhig zu bleiben. Er werde sich jetzt persönlich nach einem andren Flugzeug für uns umschauen und dieses inspizieren, aber wir bräuchten uns keine Sorgen machen, der Rest der Crew würde an Bord bleiben. Herrlich!

Nachdem der Kapitän das neue Flugzeug nun persönlich für tauglich befunden hatte, bleibt Tromsø hinter uns und wir nehmen weiter Kurs nach Norden. Das erste, was ich auf Spitzbergen sehe, ist natürlich ein Eisbär! Allerdings kein echter. Ausgestopft steht er auf dem Gepäckband und starrt mich aus stumpfen Augen an.

Draußen erwartet mich klirrende Kälte und tatsächlich auch der Bus. Wir rumpeln durch die Dunkelheit auf Longyearbayen zu, zum Basecamp, meiner Unterkunft für morgen und übermorgen. Heute werfe ich dort aber nur mein Gepäck ab. Es geht nämlich noch weiter raus. Gemeinsam mit einem internationalen Sammelsurium an Pärchen werde ich abgeholt, es geht zum „Trapper’s Dinner“ und schon auf dem Weg dorthin kommen wir an diversen Kennels vorbei. Mich hält es kaum auf meinem Sitz: Endlich wieder Schlittenhunde! Als wir aussteigen, erwartet uns Morten, unserer norwegischer Guide für die nächsten Tage. Er erzählt uns ein bisschen über das Leben auf Svalbard und zeigt uns verschiedene Tierfallen, die früher von Trappern benutzt wurden.

Dann dürfen wir endlich in den Dogyard. 100 Alaska-Huskies begrüßen uns schwanzwedelnd, heulend und bellend. Glücklicherweise sind sie genauso erfreut und stürmisch wie ich und werfen sich in meine ausgebreiteten Arme. Noch so ein Desaster wie in Grönland hätte ich auch nicht überstanden. Die dort gehaltenen Thule-Hunde sind sehr viel wilder und gefährlicher und man sollte sie tunlichst nicht streicheln, wenn einem die eigenen Finger lieb sind. Als absolute Tiernärrin hatte ich tatsächlich überlegt, ob man denn wirklich fünf an jeder Hand braucht. Auf Spitzbergen besteht diese Gefahr nicht, hier sind die Hunde an Streicheleinheiten gewöhnt. Schnell habe ich einen Liebling gefunden, Kuura. Mit eisblauen Augen blickt er mich vertrauensvoll an, stupst seinen Kopf gegen meine Brust und vergräbt ihn dann unter meinem Arm.

Zurück in der Trapperhütte bekommen wir Rentierstew serviert und ich muss Morten gestehen, dass ich Vegetarierin bin. Er nickt verständnisvoll, ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob er das Konzept wirklich verstanden hat. Denn in dem anderen Eintopf, den er mir kurz danach hinstellt, schwimmt doch etwas, das verdächtig nach Speck aussieht. Nun gut, man will ja nicht so sein. Das Gespräch dreht sich um Spitzbergen und seine bewegte Geschichte. Erst seit dem Svalbard-Vertrag von 1925 gehört die Inselgruppe offiziell zu Norwegen. Der Vertrag hat eine Laufzeit von 100 Jahren, 2025 werden die Karten neu gemischt. Viele Nationen haben Interesse, schließlich gibt es hier Bodenschätze und man kann ganz wunderbar Langstreckenraketen von hier abfeuern.

Um Spitzbergen zu halten, bemüht sich Norwegen, den Großteil der Bevölkerung zu stellen. Einheimische gibt es hier nicht, alle Einwohner sind zugewandert und verdienen sich ihren Lebensunterhalt bei einem der drei großen Arbeitgeber der Insel: Der Wissenschaft, den Minen oder dem Tourismus. Alles nicht die arbeitnehmer- und familienfreundlichsten Arbeitsfelder, sodass Norwegen erhebliche Nachwuchsprobleme auf Spitzbergen hat. Obwohl ein spannendes Thema, fallen mir irgendwann die Augen zu, die Anreise fordert ihren Tribut.

Die Nacht verbringe ich in einer großen Holzhütte mit Kamin, Expeditionsschlafsack und Rentierfellen. Ich muss gestehen, dass ich schon etwas skeptisch bin, als Morten mich zu einer klapprigen Holztür führt, die eine Scheune dahinter vermuten lässt. Hinter zwei weiteren Toren verbirgt sich aber dann ein Raum mit nordischem Charme. Und verdammt viel Platz. Platz für locker 15 Personen. Und ich werde ganz alleine hier schlafen. Erst freue ich mich über diesen überraschenden Überfluss an Privatsphäre, dann dämmert mir, welche Temperatur in der Hütte herrscht und dass es doch einen Unterschied macht, ob sich darin 15 Körper oder nur einer befinden.

Zwar gibt sich Morten alle Mühe, zündet das Feuer und die Kerzen an, trotzdem werde ich in der Nacht dreimal wegen der Kälte wach, die Temperatur fällt unter 0 Grad. Ich quäle mich aus dem Schlafsack um das Feuer neu zu entfachen und schaffe dies auch nach wenigen Minuten. Stolz krieche ich wieder in die Daunen. Nach dem dritten Mal wird mir aber klar, dass meine hervorragenden Feuermacherqualitäten wohl eher mit dem ordentlichen Durchzug des Kamins zusammenhängen. Aber obwohl ich das Gefühl habe, als würde ich mein Gesicht in einen Kühlschrank halten, schlafe ich gut in meiner ersten Nacht auf Spitzbergen. Denn ich weiß, dass die Hunde nur ein paar Meter entfernt schlafen und wie ich von morgen träumen.

 

 

4 Gedanken zu “Spitzbergen – Ankunft auf dem 78. Breitengrad

  1. Schön, wieder einen Reisebericht von dir zu lesen. Als du mir von deinem Vorhaben erzählt hast, mitten im tiefsten Winter nach Spitzbergen zu reisen, habe ich dich, entschuldige bitte, für leicht verrückt erklärt. Was kann man da schon sehen in der Polarnacht? Und du hast mich eines besseren belehrt. Man sieht nicht nur eine Menge, man nimmt auch anders wahr. Dazu gehören besonders die Stille, die Weite und die Einsamkeit. Dadurch nimmt man „das Leben“ mit Sicherheit intensiver wahr. Und nun kann ich mir fast vorstellen, dass ich auch gerne ein bisschen verrückt wäre…

    1. Liebe Brigitte,
      Gott sei Dank können wir im August wieder zusammen verrückt sein! Da ist es zwar dann nicht dunkel, aber ich bin mir sicher, wir werden uns bestens amüsieren! Ich freue mich wahnsinnig auf unser nächstes gemeinsames Abenteuer, denn es doch immer schöner, wenn man die Erlebnisse einer Reise mit Menschen teilen kann, die man liebt. <3

  2. Ich wartete schon sehnsüchtig auf deine Berichte aus Spitzbergen und freue mich, dass es nun los geht.
    Das muss ja ein super Jahresabschluss gewesen sein für dich. Eine tolle Reise in den Hohen Norden und dazu noch das private Glück.
    Liebe Grüsse
    Elias

    1. Hey Elias,
      danke für den lieben Kommentar! 🙂 Ja, der Blog kam in letzter Zeit etwas zu kurz, aber jetzt bin ich wieder da und die nächsten Spitzbergen-Artikel liegen schon als Entwürfe bereit!
      Liebe Grüße
      Anuschka

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