Roadtrip Kanada & Alaska: Skagway – Ein Ort der Gegensätze

Die Fähre von Haines nach Skagway legt ab und wir fahren in der Morgensonne durch die Bucht des Chilkoot Inlet. Unser treues Chevy-Monster ist sicher im Bauch des Schiffes verstaut und ich vertrete mir die Beine an Deck. Die Steilhänge des Fjords ziehen rechts und links vorbei und ich stelle mir vor, dass jetzt doch ein Orca auftauchen könnte. Aber wahrscheinlich hat mich die Bärenexplosion von gestern übermütig gemacht.

Skagway – Ein Städtchen im Belagerungszustand

Die Fahrt dauert nur eine Stunde, dann kommt Skagway in Sicht. Beziehungsweise die vier riesigen Kreuzfahrtschiffe, die das kleine Städtchen wie hungrige Wölfe belagern. Aus ihnen strömen Massen von Besuchern an Land und wimmeln durch die Straßen, wie über hundert Jahre vor ihnen die Stampeders im Goldrausch.

Gold gibt es hier immer noch jede Menge, an der Hauptstraße wechseln sich Souvenir- und Schmuckläden ab. Auf die nur etwa 850 Einwohner kommen mehrere Tausend Touristen. Eigentlich bin ich kein Freund von so etwas, trotzdem kann ich nicht leugnen, dass Skagway unterhaltsam ist, gerade nach den letzten Tagen, in denen wir nur wenigen Menschen begegnet sind.

Und so lasse auch ich mich anstecken und schlendere im hellen Sonnenlicht an den Schaufenstern vorbei. Fast alles ist hier günstiger als in Kanada und ich kann meine Einkaufsliste an Mitbringeseln problemlos abhaken.

Ruhe und Einsamkeit beim Chilkoot Trail Outpost

Unsere Unterkunft liegt nicht in Skagway selbst und so fahren wir noch ein Stück Richtung Dyea bis wir den Chilkoot Trail Outpost erreichen, ein Rondell von Holzhütten, deren Veranden mit Hollywoodschaukeln und Schnitzereien ein wahres Idyll bieten.

Meine Tante und ich beschließen, ein wenig die Umgebung zu erkunden und es dauert nicht lang, bis wir auf den Trail stoßen, der zum Chilkoot Pass führt. Wir wandern ein Stück darauf, doch schon die ersten paar hundert Meter zeigen uns, was für ein hartes Los die willigen Goldsucher hatten. Der Trail steigt stetig und steil an, führt über Wurzeln und Steine. Hier mit Gepäck hochzuwandern war bestimmt kein Vergnügen. Zumal jeder Stampeder eine Tonne an Verpflegung mitbringen musste, sonst durfte er die Grenze nach Kanada nicht überqueren.

Den frühen Abend verbringen wir mit einer Besichtigung des Slide Cemetery. Dieser Friedhof liegt mitten im Wald und ist die letzte Ruhestätte für die Opfer eines Lawinenunglücks, das sich Ende des 19. Jahrhunderts hier ereignete. Auf den Dyea Flats, die wir im Anschluss besuchen, entdecken wir in der Ferne eine Bärin mit zwei Jungen.

Nach dem Abendessen macht unser Gastgeber Fred uns ein Lagerfeuer und stattet uns mit allem aus, was man für S’Mores braucht: Schokolade, Kekse, Marshmallows und Grillspieße. Wir sitzen in Decken am Feuer und reden, während über uns ein grandioser Nachthimmel aufzieht. Meine Haare riechen nach Rauch, als ich ins Bett gehe.

Ruhiges Raften auf dem Taiya River

Der nächste Tag führt uns auf den Taiya River. Aber bevor wir den Fluss in einem Schlauchboot sitzend genießen dürfen, müssen wir uns doch noch einmal auf den Chilkoot Trail begeben. Unser Guide Joe holt uns ab und gemeinsam mit einigen anderen Besuchern von den Kreuzfahrtschiffen machen wir uns auf den Weg.

Während der zwei Meilen im Wald erfahre ich, dass Joe aus South Dakota stammt und seit sechs Jahren hier arbeitet. Neun Monate im Jahr ist er in Skagway, Weihnachten verbringt er mit seiner Familie und den Rest der Zeit in der Nähe des Äquators. Joe wirkt mit seinen hellbraunen Wuschellocken und den langen Schritten, die er macht, tiefenentspannt. Ich beneide ihn ein bisschen. Und nicht nur darum, dass er beim Anstieg gar nicht aus der Puste kommt.

Am Fluss erwarten uns unser großes Gummigefährt, Stiefel und Schwimmwesten. Wir ziehen das Boot in den Taiya River und begeben uns auf eine gemähchliche Fahrt. Stromschnellen gibt es hier keine, nur ab und an müssen wir einem in den Fluss gerutschten Baum ausweichen. So bleibt Zeit für Fragen und herrliche Aussichten.

Außerdem entdecken wir zwei Seehunde, die auf der Jagd nach Lachsen ihre natürliche Umgebung verlassen und sich ins Süßwasser gewagt haben. Ich hoffe, sie finden den Weg nach Hause wieder. Nach nur etwa 40 Minuten ist die Fahrt zu Ende und wir kommen ziemlich genau vor unseren Hütten wieder an.

Schrille Show um Soapy Smith

Hier machen wir uns stadtfein, denn für den Nachmittag steht ein wahres Kontrastprogramm an. Wir lassen uns von den „leichten Mädchen“ Skagways in die berühmte Gold Rush Show um den Banditen Soapy Smith entführen. Auf der Bühne wirbeln die bunten Röcke, die Bardamen geben sich alle Mühe uns zu verführen und am Ende stirbt Soapy einen tragischen aber immerhin schnellen Heldentod, während sein Rivale noch 12 Tage vor sich hin krepiert. Ich bin etwas geflashed. Wirklich empfehlen kann ich das Spektakel nicht guten Gewissens, aber irgendwie gehört es auch dazu.

Soapy Smith gab es übrigens wirklich und so lassen wir es uns nicht nehmen, sein Grab auf dem Gold Rush Cemetery zu besuchen. Den Klamauk von gestern noch in den Ohren wird man hier ziemlich schnell geerdet. Nun ja, das ist wohl Sinn und Zweck eines Friedhofs. Denn hier liegen nicht nur Ganoven, sondern auch ihre Opfer.

Zum Beispiel James Mark Rowan, ein Deputy, der in den Querelen zwischen Smith und seinem Widersacher in die Schusslinie geriet. An dem Tag, an dem sein Sohn geboren wurde. Oder eine junge Frau namens Ella Wilson. Sie starb mit nur 18 Jahren, ihre leicht zynische Grabinschrift lautet: „She gave her honor for the life of Skagway.“ Ellas Schicksal war es also, sich ihr Geld auf dem Rücken zu verdienen. Um dann erwürgt zu werden, bevor ihr Leben richtig angefangen hatte.

Reid’s Falls

Hinter dem Friedhof führt ein kurzer Pfad zu den Reid’s Falls, einem malerischen Wasserfall, der sich rein und klar zwischen Bäumen und Felsblöcken ergießt. Ein Sinnbild des Friedens und der Ruhe.

Der ständige Wechsel zwischen lärmenden Menschenmassen auf den Straßen und völliger Einsamkeit im Wald, lauter Fröhlichkeit und stiller Einkehr, traurigen Geschichten und schönster Landschaft verwirrt mir etwas die Sinne. Und so bin ich froh, auf der nächsten Autofahrt alles verarbeiten zu können. Skagway ist schon ein ganz besonderes Erlebnis.

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