OTA Globetrotter Rodeo: Matsch und Motoren am Erzberg


Der Motor des Saurer 6DM brummt und lässt die Sitze vibrieren, dann stößt der Schweizer Militär-LKW zischend Luft aus. Im nächsten Moment kippt das Führerhaus nach unten, nur um sofort wieder steil nach oben zu zeigen. Die Berge fallen unter die Horizontlinie und ich sehe nur noch den strahlend blauen Himmel. Die riesige Maschine klettert über die Erdhügel und Sandberge, als wären sie nichts. Und ich krieg das Grinsen nicht aus dem Gesicht, denn ich sitze darin und fühl mich wie ein Kind auf dem Spielplatz!


Musik:  Beautiful Mood / von Dag Reinbott / https://www.terrasound.de; Accelerator / von Dag Reinbott / https://www.terrasound.de

Herzlich willkommen zum OTA Globetrotter Rodeo am Erzberg! Auf diesem Offraod Festival in der Steiermark treffen sich jedes Jahr tausende Fans der motorisierten Fortbewegung, um ihrer Leidenschaft zu frönen: Mit geländegängigen Fahrzeugen durch die Gegend zu ballern.

  Zu Recht könnte man sich die Frage stellen, was zum Geier ich da verloren habe. Ich hab ja nur ein Fahrrad.

Ich bin hier, um über Grönland zu erzählen. Carla von Backpack Stories hat mich eingeladen, sie zu begleiten und am Lagerfeuer meine Reisegeschichten zum Besten zu geben. Das mache ich aber nur am Samstagabend und den Rest der Zeit treibe ich mich nach Lust und Laune auf dem Gelände rum. Das Festival ist nämlich zugleich auch eine Messe.

So lande ich unter anderem am Stand der Deutschen Zentrale für Globetrotter, wo ich nicht nur jede Menge von den Mitgliedern über ihre Reisen erfahre, sondern auch einen Sitzplatz, Getränke und wohlmeinende Tipps bekomme.

„Wandern am Lake Louise? Pfff, wenn du schon mal da bist, mach doch Buschflieger-Trampen. Ich garantier dir, dich nimmt wer mit! Und dann hast du wirklich was zu erzählen!“

Interessante Idee…Den Vorschlag mich mit der Domain zeltwichtl.de selbstständig zu machen, nehme ich dann aber nicht ganz ernst, ich vermute, er ist den vielen leeren Bierflaschen geschuldet.

Da die Sonne vom Himmel strahlt, kann ich mich nicht überwinden, mich ins Vortragszelt zu setzen, obwohl dort einige Hochkaräter der Abenteurer-Szene sprechen. Stattdessen begeben Carla und ich uns zur Hauptattraktion: Dem Offroadgelände!

Der Erzberg wird heute noch zum Tagebau genutzt, und wenn ich ehrlich bin: Er sieht aus wie ein Verbrechen. Rund um das Tal, in dem wir sind, ragen steile Berggipfel mit schroffen Felswänden in die Höhe, auf den unteren Hängen stehen dicht die Nadelbäume. Mein Herz geht auf! Und dann ist da der Erzberg, aufgerissen und in Terrassen planiert, seit Jahrhunderten wird hier abgebaut. Mein Herz geht zu.Aber gut, so wie es hier aussieht, macht es auch nichts, wenn die Trucks anrollen und alles platt machen. Und die kommen in Scharen. Wir stehen mit offenen Mündern da und werden alle paar Sekunden von den vorbeidonnernden Fahrzeugen eingestaubt. Und dann zeigen die Jungs (und auch ein paar Mädels), was ihre Kisten können.

Sie klettern über Hügel, kämpfen sich Steilhänge hinauf, brettern durch den tiefsten Matsch und ziehen sich gegenseitig mit ihren Seilwinden raus, wenn doch mal einer stecken bleibt. Da gibt es LKWs, Jeeps, Pick Ups, Unimogs und Bullis. Und alle Fahrer haben dieses Grinsen im Gesicht. Das wollen wir auch! Wir haben Glück, wir dürfen in Roberts Nissan Irgendwas Truck Platz nehmen und er hüpft mit uns über die Erdhügel. Der Dreck spritzt und ich bin glücklich. Noch besser wird es, als wir dann in den eingangs erwähnten LKW umsteigen. Allein um reinzukommen muss ich gut 1,30m hochspringen. Anschnallgurte gibt’s hier keine, dafür eine Stange zum Festhalten. Die Zeit rast und irgendwann muss Carla ihr Event ankündigen. Ich darf aber sitzen bleiben und weiter über die Hügel hoppeln. Bis Robert angefunkt wird. Ich versteh gar nix, der österreichische Dialekt ist mir nicht so geläufig. Aber irgendwas ist wohl passiert und der LKW wird gebraucht.

Wir fahren zu einem riesigen Schlammloch, wo die Feuerwehr gerade zwei Teenager aus dem Treibsand zieht. Die Jungs wollten sich eine Mutprobe liefern, die schief gegangen ist. Glücklicherweise ist keinem was passiert und die Feuerwehr war schnell da. Wir bringen einen der matschigen Jungs zurück ins Camp, wo er von seinem Vater sofort ordentlich zusammengefaltet wird. Huiiii, in dessen Haut möcht ich grad nicht stecken.

In meiner dafür umso lieber, denn Robert fährt mich einfach weiter mit sich rum. In der Zwischenzeit ist es dunkel geworden und das Offroadgelände wird geschlossen. Oben steht aber noch der Nissan Irgendwas, und den müssen wir jetzt holen. Kaum sind wir oben am Berg aus dem LKW in die Nacht ausgestiegen, rast ein Orga-Jeep um die Ecke und blendet uns mit seinen Scheinwerfern am Überrollbügel. Der Fahrer fragt Robert irgendwas. Maaaann, es kann doch echt  nicht sein, dass ich hier kein Wort verstehe! Ist aber leider so. Nach einem raschen Wortwechsel springt der Typ wieder ins Auto und fährt weg. Als ich Robert frage, was los ist, grinst er mich an und antwortet mir in schönstem Hochdeutsch:

„Die haben gesehen, dass ich mit dir alleine hier hochfahre und wollten nur sichergehen, dass du freiwillig hier bist und ich dich auch wieder runterbringe.“

„Hatten die Angst, dass du mich auch in das Schlammloch wirfst?“

„Ähm nein, darum ging es eigentlich nicht.“

Oh.

Verstehe.

Also, an meinem Dauergrinsen hätte man wohl sehen können, dass ich nicht entführt wurde, aber nett, dass man sich Sorgen um mich macht. Vielleicht hätte man dann aber auch mal mich nach meinem werten Befinden fragen sollen, statt nur den potentiellen Entführer… 😀 Eigentlich hab ich aber ja auch schon als Kind gelernt hat, nicht zu fremden Männern ins Auto zu steigen. Ach. Was soll’s! Irgendwie muss ich ja auch wieder runter vom Berg.

Mit dem Nissan Irgendwas driften wir die Piste runter und mit Adern voller Adrenalin geht es zu meinem Vortrag. Ich bin megaaufgeregt, hab ich doch das Gefühl, alle hier haben mindestens zehnmal die Welt umrundet, mit Krokodilen und Haien gekämpft und in der Sahara bei 70° alle Reifen gewechselt. Mit einer Hand. Oder so. Kein ganz einfaches Publikum.Aber sobald meine Präsentation läuft, vergesse ich meine Ehrfurcht und hab einfach Spaß. Ich stehe vor einem LKW mit Monitor, über mir leuchten die Sterne, vor mir prasselt das Lagerfeuer. Geht’s noch besser? Ich glaube nicht. Und anscheinend merkt man das, denn nachher bekomme ich viel positives Feedback. Als ich todmüde ins Bett falle, habe ich das Gefühl eine kleine Sonne im Bauch zu haben.

Das Globetrotter Rodeo trägt seinen Namen zu Recht, ist ein ganz schön wilder Ritt!

 

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