Mit dem E-Bike durch Albanien: Saranda und Butrint

Seien wir ehrlich: Radfahren im Regen macht nicht wirklich Spaß, daran ändern auch E-Bikes nichts. (Außer, dass das Wasser dann halt noch schneller gegen den Körper klatscht.) Und als wir am Morgen aus unseren Fenstern in Gjirokastra schauen, schüttet es in Strömen. Da das hier aber ja immer noch ein Urlaub ist, gönnen wir uns einen Luxus, um unsere heutige Etappe Saranda zu erreichen und auch noch einen Abstecher in die antike Ruinenstadt Butrint zu machen.

Regen statt Sonne, Bus statt Rad

Statt also um 8:00 Uhr aufzusteigen und loszustrampeln, warten wir ganz gemütlich bis 10:00 Uhr und fahren mit Taxen, während unsere Räder auf dem Hänger hinterherzockeln. So kommen wir ganz ohne jede Mühe nach Saranda. Das ist vielleicht auch gesünder, denn in unsere Reisegruppe hat sich das Coronavirus eingeschlichen und auch wenn wir die meiste Zeit an der frischen Luft sind, ist die Ansteckung kaum zu vermeiden. So holt es sich einen nach dem anderen, trotz Masken und Abstand.

Willkommen in Saranda

Saranda liegt direkt am Ionischen Meer und vor uns erhebt sich daraus die griechische Insel Korfu. Mit ihrem kristallklaren Wasser, der palmengesäumten Promenade und den zahlreichen Cafés und Restaurants hat sich Saranda in den letzten Jahren zu einem beliebten Urlaubsziel entwickelt. Und das merkt man, im Guten wie im Schlechten. Einerseits hat es hier ein großes Angebot an Geschäften, andererseits sind in den letzten Jahren unzählige Bettenburgen errichtet worden, die sich nun dicht an dicht am Ufer drängen.

Besonders in den Sommermonaten pulsiert hier das Leben: Strandbars, Bootsausflüge und Sonnenuntergänge über dem Meer ziehen Urlauber:innen aus Albanien und Tourist:innen aus aller Welt an. Jetzt, im Oktober, wo es zu kalt zum Baden ist, ist Saranda vergleichsweise ruhig.

Glücklicherweise bessert sich das Wetter und so können wir nach dem Mittagessen einen Teil der verpassten Strecke zurückfahren, um uns die Ruinenstadt Butrint anzusehen. Alle, die sich noch fit genug fühlen, besteigen die E-Bikes im Hof des Hotels und los geht’s. Doch schon der Start gestaltet sich etwas schwierig.

Vom Hotel führt eine sehr steile Auffahrt hoch zur Hauptstraße. Mit ein wenig Geschick, dem niedrigsten Gang und der höchsten Motorleistung ist das machbar, aber wer das noch nie versucht hat und zu langsam in die Pedale tritt, kippt unweigerlich um. Während die eine auf Tuchfühlung mit der Bougainvillea geht, haut es den anderen leider direkt vom Rad. Er nimmt’s aber sportlich und mit Humor und die Blessuren halten sich auch in Grenzen, sodass wir bald darauf Saranda verlassen und Kurs auf Butrint nehmen.

Auf nach Butrint

Butrint liegt etwa 15 Kilometer von Saranda entfernt. Während wir dorthin fahren, sehen wir immer wieder rechts und links der Straße unfertige Bauprojekte, die ich zuerst für moderne Ruinen halte. Vielleicht ist den Bauherren das Geld ausgegangen? Doch Nick erklärt uns, dass man hier in Albanien einfach anders vorgeht, als bei uns zu Hause.

Hier wird nicht ewig Kapital angespart, eine komplizierte Finanzierung ausgetüftelt und ein Kredit aufgenommen, der den Rest des Lebens abbezahlt werden muss. Stattdessen fängt man einfach an und baut, was man sich gerade leisten kann. So entsteht zum Beispiel der Rohbau, dann ist das Geld aufgebraucht und man muss warten, bis weitergebaut werden kann. So dauert der Prozess ein Gebäude zu bauen oft viele Jahre.

Das letzte Stück des Weges zur Ruinenstadt führt per Fähre über einen Kanal. Dabei handelt es sich um ein wirklich spannendes Gefährt, dass beim TÜV vermutlich Entsetzen auslösen würde. Doch es transportiert sowohl uns, als auch den Begleitbus sicher ans andere Ufer, wo es mit einem ordentlichen Rumms anlegt. Und dann haben wir auch schon die Tore nach Butrint erreicht.

Butrint im Wandel der Zeiten

Die Stadt ist ein nahezu archetypischer Querschnitt durch die mediterrane Geschichte. Zuerst kamen die Griechen, bauten eine Agora und nutzten die günstige Lage der Insel in der Lagune um Handel zu treiben. Mit der Flut wurden die einlaufenden Schiffe praktischerweise direkt vor die Haustür geschoben.

Danach kamen die Römer, machten aus der Agora ein Forum und ließen sich ebenfalls nieder. Um es etwas wohnlicher zu haben, wurden außerdem römische Bäder, ein Gymnasium und eine Kultstätte, die in späterer Zeit zu einer christlichen Kirche umfunktioniert wurde, errichtet. Und natürlich ein Amphitheater.

In einer in den 1930er-Jahren wieder aufgebauten Burganlage, die ursprünglich aus dem Mittelalter stammt, befindet sich ein kleines, aber feines Museum. 1992 wurde die Stadt Butrint zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Glücklicherweise ist hier einfach vieles in dem Zustand belassen worden, indem es war und es macht Spaß über das zum Teil dicht bewachsene Gelände zu schlendern und die vom Blattwerk umrankten Ruinen zu erkunden.

Die Ursprünge von Butrint

Der Legende nach wurde Butrint nach dem Fall Trojas im 13. Jahrhundert v. Chr. von den trojanischen Flüchtlingen Helenos und Andromache gegründet. Auch in Vergils berühmtem Epos „Aeneis“ spielt der Ort eine Rolle: Auf seiner Reise nach Italien soll Aeneas die Exilanten in Butrint besucht haben. Schon in der Antike war die Stadt also fest in den großen Erzählungen der Mittelmeerwelt verankert und ein Ort, an dem Mythos und Geschichte ineinanderfließen.

Archäologische Funde zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild. Zwar gibt es Hinweise auf eine Besiedlung bereits im 12. Jahrhundert v. Chr., doch erst im 8. Jahrhundert v. Chr. entwickelte sich Butrint zu einer bedeutenderen Siedlung. Ausgrabungen auf der Akropolis brachten zahlreiche importierte Keramiken aus Korinth aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. ans Licht. Diese Funde belegen, dass Butrint früh Teil eines weitreichenden mediterranen Handels- und Kulturnetzwerks war.

Butrint war also nicht nur ein Schauplatz antiker Sagen, sondern auch ein aktiver Knotenpunkt im Austausch zwischen Griechenland, Italien und der illyrischen Küste. Wer heute durch die Ruinen streift, kann praktisch durch die Jahrtausende wandeln.

Cäsars Vermächtnis in Butrint

Kurz vor seinem Tod im Jahr 44 v. Chr. gründete Julius Cäsar in Butrint eine römische Kolonie. Unter Kaiser Augustus wurde die Stadt weiter ausgebaut und entwickelte sich zu einem bedeutenden Außenposten des Römischen Reiches. Für eine kurze, aber prägende Zeit rückte Butrint damit ins Blickfeld jener Persönlichkeiten, die die Zukunft Roms bestimmten. Noch heute zeugen Statuen und Inschriften im Herzen Butrints von dieser Phase intensiver römischer Einflussnahme.

Vieles, was wir über Butrints Geschichte in dieser Epoche wissen, verdanken wir den Briefen des berühmten römischen Politikers und Redners Cicero. Sein Freund Atticus besaß ein Landgut in der Nähe von Butrint und fürchtete, durch die Ansiedlung römischer Kolonisten Land zu verlieren. In seiner Sorge bat er Cicero, sich politisch gegen die Gründung der Kolonie einzusetzen. Auch wenn Atticus’ eigene Briefe verloren gegangen sind, geben Ciceros erhaltene Schreiben spannende Einblicke in die politische Bedeutung Butrints zu jener Zeit.

Besonders interessant ist ein Zitat aus einem Brief Ciceros aus dem Jahr 56 v. Chr.: Er beschreibt Buthrotum (das heutige Butrint) als das, was Antium für Rom war, nämlich den ruhigsten, kühlsten und angenehmsten Ort der Welt. Schon damals galt die Region nämlich als idyllischer Rückzugsort mit besonderem Charme.

Freiheit in Stein gemeißelt: Sklavenfreilassungen in Butrint

Zu den bemerkenswertesten Funden in Butrint zählen eine Reihe von Inschriften, die von der Freilassung von Sklaven berichten. Diese sogenannten Manumissionen wurden zu Ehren des Heilgottes Asklepios vollzogen. Die Inschriften entdeckte man an zwei verschiedenen Orten: zunächst an der Mauer des Theaters, später auch auf wiederverwendeten Steinblöcken in einem Turm aus jüngerer Zeit. Einige dieser eindrucksvollen Zeugnisse sind noch heute vor Ort zu sehen.

Die Inschriften nennen nicht nur die Namen der Sklavenhalter, sondern geben auch spannende Einblicke in die Verwaltungsstruktur der Region. Offenbar war Butrint durch ein komplexes System verschiedener administrativer Gremien organisiert. Zudem dokumentieren die Texte die religiöse Vielfalt der Stadt: Neben Asklepios wurden unter anderem Zeus, Soter und Pan verehrt und Freilassungen erfolgten häufig zu Ehren dieser Gottheiten.

Frauen mit Besitzrecht

Besonders interessant ist, was die Inschriften über die Rolle der Frauen verraten. Anders als im klassischen Griechenland besaßen Frauen in Butrint offenbar weitreichendere Rechte. Sie durften selbst Sklaven besitzen und freilassen. Starb ein Ehemann, ging dessen Besitz nicht automatisch an den ältesten Sohn über, sondern an die Ehefrau.

Ein Beispiel aus einer Theaterinschrift lautet sinngemäß: „Lyso hat gemäß dem Gesetz der kinderlosen Bürger Aphrodisia, Aristonika, A…, Epikrat… freigelassen; sie sollen bei Lyso leben, solange sie lebt.“ Solche Texte machen Geschichte greifbar, indem sie von individuellen Schicksalen erzählen und den Schatten der Vergangeheit vielleicht kein Gesicht, aber zumindest einen Namen geben.

Ali Pascha: Der „muslimische Bonaparte“ von Butrint

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das einst mächtige Butrint nur noch ein bescheidenes Fischerdorf und nahezu in Vergessenheit geraten. In dieser Zeit fiel die Siedlung unter die Herrschaft von Ali Pascha, einer der schillerndsten und zugleich gefürchtetsten Persönlichkeiten der Geschichte des Epirus. Von seiner Residenz in Ioannina aus regierte er mit eiserner Hand. Ali Pascha, der oft als „muslimischer Bonaparte“ bezeichnet wurde, war für seine Rücksichtslosigkeit bekannt, brachte der Region aber durch den Bau von Straßen und einem dichten Netzwerk aus Festungsanlagen auch wirtschaftlichen Aufschwung.

Das Jagdrevier und das Ende einer Ära

Für Ali Pascha war Butrint weniger ein strategischer Außenposten, als vielmehr sein bevorzugtes Jagdgebiet. Um den Zugang zum Vivari-Kanal zu sichern, ließ er aber trotzdem die heute noch sichtbare Burg an dessen Mündung errichten. Doch seine Macht hielt nicht ewig: Im Jahr 1820 wurde er all seiner Ämter enthoben. Nur ein Jahr später fand das Leben des mächtigen Paschas ein gewaltsames Ende, als er in Ioannina ermordet wurde. Seine monumentalen Bauten, die man heute noch in der malerischen Kulisse Albaniens bestaunen kann, bleiben jedoch als steinernes Erbe seiner Herrschaft bestehen.

Langsam neigt sich der Tag dem Ende entgegen und es wird Zeit, Butrint zu verlassen. Schließlich müssen wir noch zurück zu unserer Unterkunft. Ich bin froh, dass dieser Ausflug heute noch möglich war, denn es wäre so schade, hätten wir Butrint verpasst. Durch den Sonnenuntergang geht es zurück nach Saranda.

One Comment

  • Ilonda Hengartner

    Ich freue mich jeden Sonntagmorgen auf die spannenden Reisebeiträge und tollen Fotos. Vielen Dank und liebe Grüsse Ilonda

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