Mit dem E-Bike durch Albanien: Der Llogara-Pass, Vlora und das Ende dieser Reise

Die Nacht war schrecklich, Corona sei Dank. Als ich mich morgens aus dem Bett quäle habe ich kaum geschlafen, denn das haben Fieber, Kopf-, Hals- und Gliederschmerzen nicht zugelassen. Die Vorstellung, in diesem Zustand auf ein Fahrrad zu steigen, hat wenig Verlockendes. Dabei warten heute mit dem Llogara-Pass und Vlora die letzten Highlights unserer Reise auf uns! Grummelnd werfe ich ein paar Medikamente ein und steige traurig in den Begleitbus. Einerseits bin ich froh, mich jetzt nicht körperlich betätigen zu müssen und es ist definitiv auch vernünftiger. Andererseits beneide ich den Rest der Gruppe, der sich auf die Räder schwingt.

Über den Llogara-Pass

Da der Begleitbus für Notfälle gedacht ist, fährt er natürlich immer hinter der Gruppe und so kann ich die Radler:innen beobachten, wie sie die steile Bergstraße in Angriff nehmen. Heute werden wir die meisten Höhenmeter der Reise bewältigen. Der Llogara-Pass gehört zu den eindrucksvollsten Landschaftsabschnitten Albaniens. Die Passstraße windet sich in zahlreichen Serpentinen auf etwa 1.027 Meter Höhe hinauf und führt durch den Llogara-Nationalpark, ein Gebiet mit dichten Pinienwäldern, klarer Bergluft und spektakulären Aussichtspunkten.

Und den Gedanken, das alles aus dem Autofenster an mir vorbeiziehen lassen zu müssen, halte ich genau bis zur Kaffeepause aus. Dann kicken die Medikamente und jegliche Vernunft segelt von dannen. Andererseits: Wann werde ich nochmal eine E-Biketour durch Albanien machen und die Chance bekommen? Richtig, vielleicht nie. Und deshalb packe ich mich warm ein, stelle meinen Motor auf die höchste Unterstützungsstufe, kippe literweise heißen Tee in mich rein und zockel langsam den Berg hinauf. Denn das will ich einfach nicht verpassen, den letzten Tag in Albanien möchte ich im Sattel verbringen.

Begegnungen am Berg

Serpentine um Serpentine arbeite ich mich vor, genieße die frische Luft und horche in mich hinein, ob meine körperliche Verfassung sich verschlechtert. Hinter jeder Wegkehre warten neue Ausblicke, sei es das Hinterteil einer grasenden Kuh, eine Ziegenherde, Schafe, mit Graffiti verzierte Ruinen, freundliche Botschaften oder einfach dichter Nebel.

Mit dem Nebel verschwindet leider auch die Sicht und die Temperaturen fallen, sodass ich nicht mit atemberaubenden Fotos der Aussicht am Pass aufwarten kann. Nachdem wir diesen überquert haben, erwartet uns eine eiskalte, zwei Kilometer lange Abfahrt, auf der ich sehr dankbar für meine warmen Handschuhe bin.

Abfahrt nach Vlora

Nach dem Mittagessen geht es weiter bergab Richtung Vlora. Die Sonne kommt raus und wärmt uns. Vlora liegt im Südwesten Albaniens an der Stelle, an der sich Adriatisches und Ionisches Meer treffen. Wir rollen die Straße entlang auf den Ort zu. Die Stadt zählt zu den wichtigsten Küstenorten des Landes und hat auch historische Bedeutung: Hier wurde 1912 die Unabhängigkeit Albaniens ausgerufen. Heute ist Vlora vor allem für ihre lange Uferpromenade, Strände und ihre Rolle als Ausgangspunkt für Ausflüge zur Halbinsel Karaburun oder entlang der Riviera bekannt. Unser Hotel liegt etwas außerhalb der Stadt in einem Gebiet, in dem gerade massenweise Ferienunterkünfte hochgezogen werden.

Das Ende der Reise

Und dann ist er da, der Moment, in dem ich das E-Bike zum letzten Mal für diese Reise abstelle. Unsere E-Biketour durch Albanien ist zu Ende. Wer meine Berichte von der Ankunft in Tirana über den Ohridsee und Korça, durch Berge und Täler, nach Gjirokastra, Saranda und Himara bis hierher verfolgt hat, der weiß: Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Ich musste erst einmal den Rhythmus eines Landes finden, das so gar nicht wie meine üblichen Destinationen ist. Und jetzt stehe ich hier in Vlora, am Ende meiner Reise.

Ich wäre lieber etwas zentraler untergebracht, andererseits haben wir hier ein echtes Luxushotel mit allen Annehmlichkeiten. Und da ich nicht wirklich fit bin, wäre ein ausgedehnter Stadtbummel sowieso nicht vernünftig gewesen. Stattdessen wird es noch ein kleiner Spaziergang zum Strand. Jetzt, in der Nachsaison, ist hier alles leer, still und verlassen.

Der Strand wirkt etwas trostlos in seiner Einsamkeit und mit dem Plastikmüll, der sich zwischen Sand und Steinen breit macht. Die melancholische Stimmung passt allerdings ganz gut zu meiner eigenen. Die Sonne versinkt langsam hinter den Bergen und lässt die Wellen, die sich an dem im flachen Wasser liegenden Schiffswrack brechen, glitzern. Ein schönes Symbol für meinen eigenen körperlichen Zustand könnte man meinen. Wobei es mir vergleichsweise gut geht, der Tag auf dem Rad scheint mir nicht besonders geschadet zu haben.

Wie habe ich Albanien empfunden?

Während ich den Wellen zusehe, überlegt mein Kopf schon, wie er diese Reise einordnen soll. Was hat mir besonders gefallen, was überhaupt nicht? Wurden meine Erwartungen an dieses Land erfüllt? Welche hatte ich überhaupt?

Albanien ist ein Land der Kontraste. Da sind die quirligen Städte, voller Fahrzeuge, Neubauten und Menschen und Tiere, die irgendwie versuchen, ihren Platz zwischen all den anderen zu finden. Da sind die einsamen Bergpässe, auf denen die Zeit stillzustehen scheint und wo man sich zwischen alten Mercedes-Modellen und neugierigen Blicken wie in einem zeitlosen Roman fühlt. Da ist der Müll und die Streuner an jeder Straßenecke, die keine Illusion einer Hochglanzfassade zulassen. Da sind aber auch die atemberaubenden Ausblicke, die man ganz allein in sich aufsaugen kann, von freien Flüssen und wilden Wäldern.

Licht und Schatten

Was ich gelernt habe: Wer Albanien nur für einen Strandurlaub besucht, verpasst das Beste. Die wahre Seele des Landes liegt im Hinterland, im ursprünglichen Tal der Vjosa und in den staubigen Serpentinen der Berge. Wenn ich die Augen schließe und an die letzten Tage zurückdenke, sind es nicht primär die Sehenswürdigkeiten wie die „Stadt der Steine“ Gjirokastra oder das kulturelle Korça, die hängen bleiben. Es sind die kleinen, warmen Momente: Der Verkäufer in der Schlucht, der uns mit Nüssen und Honig beschenkte und kein Geld nehmen wollte. Der Bauer mit seinem Esel und seiner Kuh in der herbstlichen Landschaft. Der verborgene Brückenkopf mit der unglaublich schönen Aussicht ins Flusstal.

Natürlich gab es auch Schattenseiten. Der Anblick der zahllosen Hunde, Katzen, Esel, und Pferde, die aus meiner zugegeben nicht objektiven Sicht kein schönes Leben führen, hat mein Herz schwer gemacht. Die Infrastruktur zeigt an vielen Stellen die Narben des schnellen Wachstums. Albanien ist im Aufbruch, es will entdeckt werden, bevor der Massentourismus das Ursprüngliche glattbügelt, verliert aber durch den Eifer sich zu öffnen vielleicht auch ein bisschen an Charakter. Doch wer will diesen Enthusiasmus verurteilen? In einem Land, das so lange unter fremder Herrschaft und Diktatur zu leiden hatte, ist er wohl mehr als verständlich.

Mach’s gut, Albanien

Bin ich froh, dass ich meine angestammten polaren Reisegebiete verlassen habe, um mich in Albanien aufs Rad zu schwingen? Definitiv. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet und bin immer wieder überrascht worden, denn obwohl mir hier bestimmt nicht alles gefällt, gab es doch Momente, die mir im Gedächtnis bleiben werden. Albanien hat mich herausgefordert, mich manchmal melancholisch gestimmt und mich am Ende doch positiv überrascht. Nicht durch Perfektion, sondern durch seine Ecken, Kanten und die unglaubliche Herzlichkeit seiner Menschen.

Die Sonne geht ein letztes Mal für mich in Albanien unter, während ich umkehre und am Strand zurückgehe. Müde bin ich. Ich biege ab und sehe unser Hotel, den Luxusklotz mit riesigem Pool umgeben von Baustellen, auf denen Hühner herumpicken. Ich muss ein bisschen lächeln.

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