Gletscherwanderung und Schneemobiltour auf Spitzbergen

Die Polarnacht auf Spitzbergen: Drei Tage im hohen Norden

Der Tag, an dem der Teufel mir einen Handel anbietet
17. Dezember 2017

Das moderne Zeitalter ist Segen und Fluch zugleich und gerade im Norden empfinde ich es eher als letzteres. Trotzdem kann ich mich seiner Anziehungskraft nicht erwehren. Nach meiner ersten Nacht im Basecamp in Longyearbyen wünsche ich mein Handy trotzdem zum Teufel. Ich habe ehrlich gesagt gedacht, dass ich hier oben eh keinen Internetempfang haben würde, aber da habe ich mich getäuscht. Die Norweger sind schon ein cleveres Völkchen. Sie wissen, dass die meisten Dinge, die an einem extremen Ort wie Spitzbergen funktionieren, es mit Sicherheit auch auf dem Festland tun. Äußerst reichweitenstarke Sendemasten zum Beispiel. Bald wird es auf der Insel 5G geben. Was zur Hölle…?

Tja, und so fällt es mir nicht so leicht wie sonst, mich voll und ganz auf diese Reise einzulassen. Das liegt natürlich auch an den letztlich nur wenigen Stunden, die ich hier oben verbringe. Aber eben auch an dem, was ich zu Hause zurückgelassen habe und was mir nicht aus dem Kopf geht. Jetzt bin ich hier, in der Arktis, meinem liebsten Platz auf der ganzen Welt, und möchte doch gleichzeitig zu Hause sein.

Aber ich wäre nicht ich, wenn ich nicht versuchen würde, das Beste draus zu machen. Und die Arktis macht es mir diesbezüglich auch leicht. Denn um 10 Uhr steht Morten, mein Guide auf der Matte und wedelt fröhlich mit Steigeisen und Kletterhelm. Wir fahren raus aus Longyearbyen zum Lars-Gletscher. Am Ende der kleinen Stadt stellen wir den Jeep ab, schnallen die Spikes an die Füße und begeben uns an den Aufstieg.

Morten trägt wie immer ein Gewehr, das ist Vorschrift auf Spitzbergen, wegen der Eisbären. Das letzte Mal, dass ein Eisbär jemanden angegriffen und getötet hat, ist zwar bereits 20 Jahre her, aber man will es ja nicht unbedingt darauf ankommen lassen. Und daher kommt man hier auf Spitzbergen auch sehr einfach an solche Waffen. Man muss nur einen Brief an den Gouverneur schreiben und darin angeben, dass das Gewehr der „polar bear protection“ dient. Der norwegischen Regierung ist es anscheinend lieber, man erschießt sich aus Versehen selbst, anstatt dass man von einem Eisbären um die Ecke gebracht wird. Finde ich sehr sympathisch!

Morten und ich kommen ins Gespräch und er erzählt mir, dass er hier die Ausbildung zum Arctic Guide absolviert hat, auf die ich auch ein Auge geworfen habe. Mir fehlen ja leider die 6 Monate Arbeitserfahrung in der Arktis, die man benötigt um zugelassen zu werden. Wir steigen höher und höher, ich folge Morten in seinen Fußstapfen. Denn der weiche Pulverschnee erweist sich als trügerisch und verdeckt so manches Mal tiefe Gletscherspalten. Irgendwann hält Morten an und lässt den Rucksack von den Schultern gleiten. Wir haben unser Ziel erreicht. Eine Gletscherhöhle.

Durch einen niedrigen Eingang zwängen wir uns unter das Eis. Am Anfang können wir noch aufrecht gehen, doch die Höhle wird immer schmaler, so dass wir erst auf Knien, später auf dem Bauch vorwärts rutschen. Dabei sind wir umgeben von glänzendem, glitzernden Eis, das das Licht unserer Stirnlampen tausendfach gebrochen zurückwirft.

 

Wir machen es uns unter langen, spitzen Dolchen aus Eis auf einer kleinen Erhebung gemütlich. Morten hat heißen Tee dabei und Schokolade. Und er brüht sogar frischen Kaffee auf. Mit heißen Getränken im Bauch schalten wir die Stirnlampen aus und sitzen in völliger Dunkelheit und Stille. Nicht, dass es draußen irgendwie hell oder laut gewesen wäre, aber hier herrscht ein absolutes Extrem. Hier unter der Erd…dem Eis, das sich über unseren Köpfen türmt, in einem schmalen Tunnel sind alle Sinne betäubt. Auch wenn man meinen könnte, dass man dann besser hört, habe ich eher das Gefühl auch Geräusche wie meinen Atem nur durch Watte wahrzunehmen.

Ich weiß nicht, ob wir eine Minute oder eine Stunde so dasitzen, aber schließlich erhellt Mortens Lampe die Höhle wieder und wir begeben uns an den Abstieg. Denn auf Ruhe und Frieden folgen bei mir gerne wieder Adrenalin und Geschwindigkeitsrausch. Ich habe für den Nachmittag eine Schneemobiltour gebucht!

Andreas, mein Guide, holt mich am Basecamp ab. Er stammt aus Wien, so dass wir uns auf Deutsch unterhalten können. Wir haben direkt einen Draht zueinander und er fragt mich über meine Arktis-Erfahrung aus. Mir bleibt kaum Zeit Gegenfragen zu stellen, denn bald haben wir die anderen Gäste an Bord und stehen vorm Equipment-Raum.

Während Andreas die anderen Teilnehmer mit warmer Kleidung ausstattet, warte ich mit meinen eigenen arktistauglichen Sachen draußen. Nach ein paar Minuten geht die Tür auf und Andreas drückt mir zwinkernd eine Leine in die Hand. „Passt du kurz auf sie auf?“ Am anderen Ende der Leine tobt ein Huskywelpe. Ihr Name ist Midi und bald wird sie ihr Herrchen auf ausgedehnte Skiwanderungen begleiten. Als ich mich neben ihr auf die Knie gleiten lasse, hüpft mein Herz, wie es das nur hier oben kann.

Sobald die Gruppe endlich fertig eingepackt ist, besteigen wir die Schneemobile. Auch hier darf ich auf Grund meiner Vorerfahrung die Nachhut bilden. Andreas überprüft noch einmal die Maschinen, legt an meiner einen Schalter um, grinst mich an und sagte: „Viel Spaß!“ Ich ahne, was er getan hat und es ist mir nur Recht. Normalerweise fahren die Schneemobile im Eco-Mode, das heißt, sie sind gedrosselt und laufen verbrauchsarm. Andreas hat meine Maschine in den Sport-Modus geschaltet und das reize ich jetzt aus.

Ich mache den gleichen Blödsinn wie in Finnland, lasse mich hinter die Gruppe zurückfallen und jage dann in halsbrecherischem Tempo hinterher. 100 km/h auf einem kettengetriebenen Schneemobil machen sich schon ganz ordentlich. Die Maschine ruckt und bockt und ich bin froh, dass ich mich gut genug auskenne, um nicht herunter zu fallen. Wie bei so vielen Dingen hat man hier am meisten Kontrolle, wenn man nicht krampfhaft darauf besteht, das heißt, man muss dem Lenker und den Kufen Spiel lassen und das ganze Geeier mit der Hüfte abfangen, dann fahren die Mobile wie auf Schienen.

Schade nur, dass ich nicht wirklich die Landschaft bestaunen kann, denn dafür ist es einfach zu dunkel. Aber der entgegenkommende Schnee bewirkt einen netten Star-Wars-Hypersprung-Effekt, und als wir anhalten und die Motoren abstellen, gewöhnen sich meine Augen auch wieder an das weiße Dunkel. Wir stehen da, im Adventalen, und über uns beginnt sich hinter den Wolken das Nordlicht zu regen. Als Andreas fragt, ob wir weiterfahren wollen, bin ich die einzige, die nein sagt. Ich möchte hier bleiben, in der Stille und dem Nichts, die doch so aufregend sein können.

Doch natürlich geht es weiter und natürlich genieße ich auch den Rest der Fahrt, das Driften über das Eis und das Gefühl der Freiheit, das bei mir bei hohen Geschwindigkeiten ganz schnell aufkommt. Viel zu schnell ist alles vorbei und Andreas bringt mich zurück zum Basecamp. Bevor ich aussteigen kann, hält er mich am Arm zurück. „Magst du heute Abend noch was mit mir trinken gehen?“ Kurz überlege ich, ob das irgendwie falsch wäre. Aber auch wenn man es nicht glauben mag, ich habe das Gefühl, dass er sich einfach nur mit mir unterhalten will und deshalb willige ich ein.

Um zehn Uhr abends sitze ich dann ein bisschen nervös in einem kleinen Pub in Longyearbyen. Ich war erst nicht sicher, ob ich ihn finden würde, allerdings ist die Auswahl in Longyearbyen doch recht beschränkt. An der einen großen Straße, die es gibt, springt mir das Schild schon auf 30 Meter Entfernung ins Auge. Als ich gerade an meiner Sprite nippe, kommt Andreas zur Tür herein, sieht mein Getränk und bricht in Lachen aus. „Weißt du, dass wir hier eine eigene Brauerei haben? Warte, ich hol dir ein Bier!“

Er kommt mit zwei gefüllten Gläsern zurück, setzt sich zu mir und dann erzählt er. Von der Arktis, seiner Entscheidung, hier hoch zu kommen, dem Leben auf Spitzbergen. Den Arbeitsbedingungen, den Wohnverhältnissen. Den Eisbären, den Polarlichtern. Den Nächten in der Hängematte in der Gletscherhöhle und seinen Plänen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich dem Teufel gegenübersitze, der mir bei Starkbier einen Handel anbietet. Aber er will nicht meine Seele, er will mein Herz. Nicht für sich selbst, sondern für den Norden. Und noch vor ein paar Monaten hätte ich es ihm freudestrahlend überschrieben. Aber jetzt gehört es nicht mehr der Arktis allein.

Irgendwann bin ich so knülle, dass ich mich am Tisch festhalte und merke, dass ich definitiv frische Luft brauche. Es ist spät, als wir die Bar verlassen, aber hier oben, wo es immer dunkel ist, ist die Uhrzeit eigentlich egal. Wir laufen durch die stillen Straßen zu Andreas Wohnung und holen Midi, den Welpen. Mit ihr an der Leine werden meine Lebensgeister wieder aktiv und in dem bittersüßen Bewusstsein, dass das schon mein letzter Abend auf Spitzbergen ist, tolle ich mit ihr durch Longyearbyen. Schnell stehen wir drei wieder vor dem Basecamp.

Als wir uns verabschieden sagt Andreas etwas, was mich noch lange beschäftigen wird: „Weißt du, ich musste dich für heute Abend einladen und dir all das sagen. Ich hab es in deinen Augen gesehen. Das Arktis-Fieber. Du musstest das alles wissen. Und vielleicht folgst du ja irgendwann deinem Herzen.“

Noch vor drei Monaten hätte ich wahrscheinlich gefragt, ob er mir helfen kann, einen Job zu finden und ob ich übergangsweise bei ihm wohnen kann. Aber jetzt? Jetzt sehnt sich mein Herz nicht nur nach der Arktis, sondern auch wieder nach einem Menschen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe zwei Leben, zwei Herzen. Ein ganz reales und eins, das ewig lockt, mit Schnee und Eis und Hunden und Wäldern. Und immer wenn ich hier oben bin, wird das zweite ein bisschen echter und sie beginnen ihre Plätze zu tauschen. Aber ich habe Angst und lasse es nicht zu.

Hier stehe ich, am Ende der Welt und fühle, dass es mir irgendwie doch gelungen ist, anzukommen. Und trotzdem muss ich am nächsten Morgen wieder in ein Flugzeug steigen und Svalbard verlassen. Es ist der richtige Ort, aber nicht die richtige Zeit. Aber ich weiß, dass ich irgendwann wiederkomme. Und bleibe. Ganz bestimmt.

4 Gedanken zu “Gletscherwanderung und Schneemobiltour auf Spitzbergen

  1. Ein sehr persönlicher Bericht. Danke, dass du uns daran teilhaben lässt. Ich habe den Artikel mit offenem Mund verschlungen.

    Eis und Schnee – das hat was. Meine Grönlandreise im letzten Jahr hat mich auch infiziert mit dem „Kältevirus“. Ich mag die leisen Töne und die Abgeschiedenheit dort. Nicht für immer, aber für immer wieder.

    Es grüßt
    DieReiseEule

    1. Hallo liebe Eule! 😉

      Danke, für deinen lieben Kommentar. Ja, das da oben ist irgendwie eine ganz andere Welt, die einen total gefangen nimmt. Für immer könnte ich es da glaube ich auch nicht aushalten…aber allzu lange wegbleiben mag ich genauso wenig. 🙂

      Geht es bei dir denn auch bald nochmal in den Norden?

      Liebe Grüße
      Anuschka

  2. Ein sehr schöner Bericht. Ich kann dich gut verstehen. Ich glaube viele Leute wollen nicht einmal ihrem Herzen folgen weil sie nicht mutig genug sind etwas neues auszuprobieren. Du hast nun die Schwierigkeit zwei Wegen zu folgen. Ich bin überzeugt diese Wege werden sich zu gegebener Zeit kreuzen und gemeinsam weiter führen.
    Liebe Grüsse
    Elias

    1. Danke, manchmal muss man genau so was lesen, um wieder mutig zu sein. Dein netter Kommentar kommt für mich genau zur richtigen Zeit 🙂 Ich hoffe, dass du Recht hast, denn wenn ich beides kombinieren könnte, dann wäre das die Erfüllung eines großen Wunsches!

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