Roadtrip Kanada & Alaska: Der Dempster Highway und eine Wanderung am Campbell Lake

Unseren letzten Tag in den Northwest Territories wollen wir nutzen, um noch ein wenig die Umgebung zu erkunden. Wir mieten uns einen alten Jeep und werfen einen Blick auf die Karte. Nun ja. Entweder, wir fahren auf dem Dempster Highway nach Norden, oder nach Süden. Eine andere Straße gibt es nicht.

Da wir Tuktoyaktuk im Norden schon besucht haben, entscheiden wir uns für die Route Richtung Süden. Im Visitor Center gibt man uns den Tipp, zu einem Aussichtspunkt am Campbell Lake zu fahren. Dort gäbe es auch einen Wanderweg, aber man wisse nicht, ob der noch gut in Schuss sei. Im Zweifel sollen wir lieber nur die 10 Minuten bis zum Aussichtspunkt gehen.

Wir halten zuerst am Gwich’in Territorial Campground, weil wir uns nicht sicher sind, ob hier der Aussichtspunkt ist. Das ist er nicht, und nach einem kurzen Erkundungsrundlauf fahren wir weiter. Im Sommer muss der Platz aber herrlich zum Campen sein.

Zwei Kilometer weiter finden wir dann, was wir gesucht haben: Den Tithe geh Chii vitaiii View Point. Jo, ich hab mir das auch erstmal aufgeschrieben, damit ich es nicht vergesse. 😉 Die Aussicht lohnt sich wirklich, weit unter uns breiten sich der Campbell Lake und das umliegende Schwemmland aus. Wir entscheiden, uns auf den Rundwanderweg zu wagen, er sieht doch rech neu und gut gepflegt aus. Das ist die richtige Entscheidung, wie wir schnell merken, denn es ist eine der schönsten Wanderungen unserer Reise. Der Herbst ist hier oben schon ein Stückchen weiter vorangeschritten als im Yukon Territory.

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Der Weg ist nicht lang, man läuft nur etwa eine Stunde. Der Trail ist gut markiert und wirkt sehr neu, so zum Beispiel die immer wieder auftauchenden frischen Holzbohlen. Ich verstehe nicht, warum man uns im Visitor Center davon mehr oder weniger abgeraten hat. Dieser Trail gehört beworben! Zumal es hier jetzt nicht sooo wahnsinnig viele Dinge zu unternehmen gibt.

Nach einer kurzen Snackpause steigen wir wieder in unseren Jeep und erkunden auf dem Dempster Highway die Tundra nördlich von Inuvik. Es ist erstaunlich, wie gut man hier die Veränderung der Landschaft beobachten kann. Im Süden gibt es noch Bäume und Felsen, im Norden verliert sich das schnell und die flachen Ebenen sind mit Tümpeln gesprenkelt. Auch hier zeigen sich uns die schönsten Farben des Indian Summer.

 

Unseren Jeep haben wir bei Judi geliehen, einer recht ruppigen Dame, die in Inuvik nicht nur die Arctic Chalets und Leihwagen vermietet, sondern auch einen Kennel mit weißen Huskies leitet. Sie ist zwar nicht besonders freundlich, lässt mich die Hunde aber noch kurz besuchen, als wir den Wagen zurückbringen. Für mich natürlich ein kleines Highlight! Und ein schöner Abschluss für diesen Teil der Reise, denn nun geht es mit dem Flugzeug zurück nach Dawson City.

Roadtrip Kanada & Alaska: Der MacKenzie River und mein Leben als Inuitjägerin

Roadtrip-Kanada-Rosas-Reisen-Inuvik-MacKenzie-Inuit (1)Der Tag beginnt kalt und regnerisch. Nach dem strahlenden Sonnenschein gestern wirkt Inuvik heute grau und abweisend. Genau das richtige Wetter also, um einene Bootsausflug zu machen. Und zwar auf dem riesigen MacKenzie River!

Jerry, den wir bereits vom Vortag kennen, packt uns in seinen Pick Up und wir rollen durch die wenigen Straßen der Stadt zur Rampe am Fluss, wo ein kleines Boot in den trüben Fluten schaukelt. Während wir alle mehr oder weniger erfolgreich versuchen, uns die Rettungswesten anzuziehen, fällt mein Blick auf ein in eine Nische gestopftes Kleidungsstück. Wie der Jagdparka von John gestern, zieht auch dieses mich wie hypnotisch an. Es ist aus Seehundfell.

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Eigentlich mag ich kein echtes Fell. Es bereitet mir Unbehagen, die Vorstellung, dass es sich dabei mal um ein lebendiges Wesen mit Gefühlen und Bedürfnissen gehandelt hat, das sterben musste, weil ein Mensch es so wollte. Und nicht, weil seine Zeit gekommen war. Unerträglich ist es, wenn ein Tier nur aus dem Grund umgebracht wird, um seine Haut als Verzierung zu nutzen.

Und dennoch stehe ich hier an Bord dieser winzigen Nusschale und kann nicht anders, als meine Hand auszustrecken und über den seidigen Pelz zu fahren. Hier oben in der Arktis ist einiges anders. Vielleicht bin sogar ich anders. Ich habe schon öfter gemerkt, dass mir hier oben Dinge nichts ausmachen, die mich zu Hause stören würden. Damit meine ich aber nicht Tierquälerei aus Profitgier.

Aber ich meine, dass ich es akzeptieren kann, dass es hier eine andere, mir fremde Kultur gibt, von der die Jagd ein wichtiger Bestandteil ist. Man gibt sich Mühe, möglichst alle Bestandteile der Beute zu verwerten: Blase, Sehnen, Knochen, Zähne, Fleisch und Fell. In der Arktis kann man sich den Luxus der Verschwendung schlicht nicht leisten. Vor allem Lebensmittel sind extrem teuer und ich frage mich nicht zum ersten mal, wie viele Jobs man hier haben muss, um über die Runden zu kommen.

Jerry reißt mich aus meinen Gedanken, in dem er den Motor anlässt und ablegt. Wir fahren nur wenige Meter, denn auf der anderen Seite des Flusses wartet einer der Könige des Nordens auf uns: Ein Weißkopfseeadler! Wir dümpeln träge auf dem Fluss, der Adler sitzt still auf seinem Ast. Und dann beginnt Jerry zu erzählen.

Er ist halb Inuvialuit und halb Gwich’in und hier, im Delta des MacKenzie, aufgewachsen. Der Fluss bestimmt sein Leben. Als Junge zog er im Winter mit seinem eigenen Hundegespann über den gefrorenen Fluss um seinem Vater bei der Jagd zu helfen, um die Familie zu ernähren. In den 50er Jahren drohte Aklavik, die bis dahin größte Siedlung der Region, in den Fluss zu rutschen, weshalb sie aufgegeben und stattdessen Inuvik gegründet wurde.

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Um Inuvik wirtschaftlich zu stärken, versuchte die kanadische Regierung Rentiere und samische Hirten aus Russland anzuwerben. Doch statt der geplanten 18 Monate brauchten die Herden 5 Jahre, bis sie den langen Weg bewältigt hatten. Und als sie in Inuvik eintrafen, beschlossen die Rentiere, dass es ihnen dort nicht gefällt und zogen weiter. An einen Ort, der heute Reindeer Station heißt.

Für die Samen war es ein großes Abenteuer, für das sie entlohnt wurden, so dass sich in Russland viele Frewillige finden ließen. Bedingung der Regierung war allerdings, dass die Hirten bereits verheiratet waren und ihre Frauen mit auf die Reise gingen, um die Männer bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Am letzten Tag der Anwerbung soll ein junger, unverheirateter Mann sich mit seiner Herde beworben haben und abgelehnt worden sein. Nach der Mittagspause kam er wieder. Verheiratet. Und brach dann nach Kanada auf.

Ich muss grinsen, als ich mir den Antrag vorstelle: „Du, hör mal, ich mag dich echt gern. Hättest du nicht Lust mit mir und meinen Rentieren tausende Kilometer zu Fuß durch Alaska und Kanada zu wandern? So etwa anderthalb Jahre? Ja? Super, dann müssten wir jetzt nur noch fix zum Standesamt. Pack die Puschen ein, morgen geht’s los!“

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Trotz derartigem Enthusiasmus brachte die ganze Aktion nicht den gewünschten Erfolg. Jerry erklärt es uns so, dass die Inuit das Teilen einfach zu sehr verinnerlicht haben. In rauen klimatischen Bedingungen, wie sie hier nun einmal herrschen, ist jeder auf den anderen angwiesen und man hilft sich. Daher verschenkten die Inuit mehr Rentierfleisch, als sie verkauften.

Nun erfahre ich auch, wie man finaziell hier oben überleben kann. Jerry hat 25 Jahre als Polizist für die Royal Canadian Mounted Police gearbeitet und dann noch einmal 16 Jahre für die kanadischen Nationalparks. Jetzt arbeitet er für Tundra North Tours und ein Rentnerdasein ist nicht in Sicht. Jobtechnisch ist es ihm gelungen, sich an die Veränderungen, die die Arktis und die in ihr lebenden Volksgruppen heimsuchen, anzupassen. Trotzdem hat er gewisse Traditionen bewahrt, wie eben die Jagd.

Er zieht den Seehundparka aus der Nische und zeigt ihn uns. Seine Frau hat ihn genäht. In einer Kiste unter der Bank finden sich auch noch Kamiks (Stiefel) aus Karibuhaut und Fäustlinge aus Wolfsfell. Lächelnd reicht er mir die Sachen: „Zieh sie an, wenn dir kalt ist. Es gibt nichts, was besser wärmt!“ Tatsächlich ist es auf dem Fluss kalt, aber auch wenn mir warm wäre, hätte ich das Angebot wohl angenommen. Was anderen der Designerdress ist, ist mir anscheinend ein Fellparka. Ich fühle mich wie eine Inuitprinzessin. Oder eigentlich eher wie eine Jägerin.

Mittlerweile sind wir weit auf dem Fluss gefahren, aber die Landschaft berührt mich nicht halb so sehr, wie Jerrys Erzählungen. Vom Fluss aus ist nicht viel zu sehen und das Wetter ist auch nicht das beste. Trotzdem treten wir aus der kleinen Kabine auf das noch kleinere Deck und Jerry erzählt uns, wie er mit seinem Cousin John, den ich am Vortag kennengelernt habe, auf Waljagd war. Sie haben Belugas gejagt. Er zeigt mir die Harpune, die er dafür benutzt. Die dient heutzutage aber nur noch dazu, den Wal zu markieren. Getötet wird er mit einem Gewehr, das geht schneller und erspart dem Tier hoffentlich einige Schmerzen.

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Wieder kämpft es in mir. Ich liebe Tiere. Ich möchte niemals einem Tier weh tun. Und doch stehe ich hier, gehüllt in Pelze toter Tiere mit einer Harpune in der Hand und stelle mir vor, wie es wäre in einem Umiak, einer Art Kanu, auf die Jagd zu paddeln. Ich stelle mir die Geräusche vor, die Gerüche, das Salz auf den Lippen, den Trommelschlag meines Herzens. Ich bin fasziniert, angezogen, neugierig. Aberdann stelle ich mir einen Blick in das Auge eines weißen Wals vor, von der Harpune getroffen, eingekesselt. Und dann knallt ein Schuss.

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Nein. Ich bin wohl keine Inuitjägerin. Nicht mal konsequent in Gedanken. Trotzdem stelle ich mir die ganze Rückfahrt über vor, wie ein Leben hier wohl wäre. Am Rand der Welt. Wie ich mit einem Ulu, einem Messer, Schneeblöcke für ein Iglu schneide, während um mich herum Amarok (Wolf), Aklak (Grizzly), Nanuk (Eisbär), Mukluk (Bartrobbe) und Aivik (Walross) herumstreifen. Ohne, dass ich sie töten müsste.

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Meine Tante kann wohl Gedanken lesen: „Jerry, hast du vielleicht noch ein paar unverheiratete Söhne? Wir hätten hier eine willige Kandidatin.“ Ich verkrieche mich in der Seehundfellkapuze, die nach Lagerfeuer riecht, und lächele.

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Roadtrip Kanada & Alaska: Inuvik – Ein Besuch in der Arktis

Es gibt viele Dinge, auf die ich mich im Vorfeld der Reise gefreut habe- Bären, Berge, Kanufahren – aber am allermeisten habe ich mich auf Inuvik gefreut.

Inuvik – Schmelztiegel der Kulturen

Inuvik ist eine Stadt in den Northwest Territories. Um genau zu sein sogar die größte Stadt Kanadas nördlich des Polarkreises. Hier treffen Kulturen und Traditionen aufeinander. Denn für die Gwich’in, eine indianische Stammesgruppe, liegt hier der nördlichste Punkt ihres Territoriums, während es für die Inuvialuit, einen Inuit-Stamm, der südlichste Punkt des ihrigen ist. Erstere stellen etwa 15% der Bevölkerung, letztere immerhin 25%. Der Rest sind Menschen europäischer Herkunft, die vor allem im Tourismus oder in der Forschung arbeiten.

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Roadtrip Kanada & Alaska: Über Carmacks nach Dawson City


Wer nicht an Reisestories interessiert ist, der möge direkt runterscrollen, da finden sich meine Tipps zu Dawson City!

Trostloses Carmacks

Nach unseren ersten aufregenden Tagen in Whitehorse mit Kanutour auf dem Yukon, Besuch einer Huskyfarm und einer sonnigen Wanderung am Fish Lake, machen wir uns jetzt auf den Weg in den Norden. Etappenziel ist das legendäre Dawson City. Um nicht ewig im Auto zu sitzen, haben wir aber einen Zwischenstopp in Carmacks eingeplant. Die Route bietet einige hübsche Fotostopps, so dass es sich lohnt, sich nicht zu hetzen.

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