Mit dem E-Bike durch Albanien: Porto Palermo und Himara
Wir haben nun schon einiges in Albanien gesehen, sind über Berge und durch Täler geradelt, haben eindrucksvolle historische Städte wie Korça und Gjirokastra erkundet, aber eins fehlt noch. Na klar, Wasser! Zwar haben wir gestern in Saranda schon am Meer übernachtet, aber so richtig was davon mitbekommen haben wir von der albanischen Riviera noch nicht. Gut, das es heute nach Porto Palermo und Himara geht und wir das nachholen können.
Wir lassen schnell den etwas unübersichtlichen Verkehr von Saranda hinter uns und radeln drauf los ins Hinterland. Hier gibt es nicht viel zu sehen und da es nieselt, beeilen wir uns, voran zu kommen. Bald bricht die Sonne durch die Wolken und das Meer kommt wieder in Sicht. Wir fahren steile Etappen, die die Akkus unserer E-Bikes ganz schön leersaugen. Gut, dass unser Begleitbus mit Ersatzakkus immer ein Stück hinter uns fährt. Wenn einem der Saft ausgeht, kann man einfach tauschen.



Anstrengend ist es Dank der elektrischen Unterstützung nicht wirklich und so können wir die herrlichen Ausblicke und steilen Abfahrten ganz entspannt genießen. Größte Bewunderung hege ich für die Menschen, die uns OHNE E-Bikes entgegenkommen, dafür würde mein Fitnesslevel definitiv nicht ausreichen. Wobei es natürlich auch in unserer Gruppe Ehrgeizigere gibt, die versuchen, mit möglichst wenig Unterstützung auszukommen. Ich persönlich bin dafür viel zu faul. 😀


Bald ist es Zeit für die Mittagspause und die machen wir in Porto Palermo, auf einer Terrasse mit Blick auf die leuchtend türkisfarbene Bucht. Diese liegt an der südlichen albanischen Riviera zwischen den steilen Hängen des Ceraunischen Gebirges. Durch ihre halbkreisförmige Form und den schmalen Zugang bietet sie natürlichen Schutz vor Wind und Seegang. Bereits in der Antiken wurde der Hafen unter dem Namen Panormus erwähnt und als sicherer Ankerplatz genutzt.

Ali Pascha von Tepelena
Auf einer schmalen Landzunge innerhalb der Bucht steht die Festung, die Ende des 18. Jahrhunderts unter Ali Pasha von Tepelena errichtet wurde. Genau, den kennen wir noch aus dem letzten Artikel über Butrint! 🙂 Nachdem er die ionische Küste von dort bis Vlora kontrollierte, ließ er mehrere Befestigungen bauen, um Handelsrouten und strategische Küstenpunkte zu sichern.
Ali begann seine Karriere übrigens als Karawanenräuber, der mit äußerster Brutalität vorging. Sein Weg führte ihn dann in die Armee des osmanischen Sultans, von dem er den Paschatitel erhielt. Durch kriegerische Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn erweiterte Ali kontinuierlich sein Einflussgebiet, bis es den Großteil Südalbaniens und Teile Nordgriechenlands umfasste.

In den 1780er-Lahren fühlte sich Ali schließlich mächtig genug, um sich gegen seinen Brotherren zu erheben und versuchte, ein eigenes Reich zu gründen, sozusagen der erste Versuch einen albanischen Staat zu kreieren. Zunächst konnte er einige Schlachten für sich entscheiden, doch seine Gier trieb ihn zu immer größeren Risiken und schließlich wandten sich seine eigenen Söhne gegen ihn und verrieten ihn. Sie ließen als Unterhändler verkleidete Attentäter zu ihm vor, die den Pascha seines Amtes auf sehr endgültige Weise enthoben. Sein Kopf wurde nach Konstantinopel gebracht und dort als Warnung und Abschreckung zur Schau gestellt.

So lange seine Herrschaft währte, ließ Ali Pascha viele Festungen errichten, darunter auch die in Porto Palermo, die wir uns jetzt genauer ansehen wollen. Früher lag die Burg auf einer richtigen Insel, die verbindende Landzunge ist neueren Datums und von Menschenhand geschaffen.

Die Festung von Porto Palermo
Die Anlage besitzt einen dreieckigen Grundriss mit bastionsartigen Ecken und einem Innenhof, der sich nach Westen öffnet. Im Inneren befinden sich gewölbte Hallen, Lagerräume und Innenhöfe; Steintreppen führen auf die Terrasse. Durch die vielen Fenster und Durchbrüche bieten sich immer wieder wunderschöne Aussichten und Motive und ich kann mich nicht beherrschen.






Der Eingang liegt geschützt zwischen zwei Bastionen, zusätzlich gesichert durch Schießscharten und Verteidigungsstellungen. Zeitgenössische Berichte des frühen 19. Jahrhunderts erwähnen eine militärische Garnison, Kanonenstellungen, Lagerhäuser, ein Zollhaus sowie eine Kirche. Die dem Heiligen Nikolaus geweihte Kirche ist bis heute erhalten und steht wie die Festung unter Denkmalschutz.

Rund um die Festung recken Oliven- und Granatapfelbäume ihre mit Früchten beladenen Zweige in den blauen Himmel und verstärken die mediterrane Atmosphäre noch. Ein perfekter Platz für ein kleines Nickerchen.




Militärische Nutzung im 20. Jahrhundert
Während des Zweiten Weltkriegs lag hier in der Region ein Zentrum der albanischen Marine, die maßgeblich von der Sowjetunion finanziert wurde. Zu dieser Zeit war das gesamte Gebiet militärische Sperrzone. Die Lage bot Schutz vor Aufklärung und schlechten Wetterbedingungen und war Teil der stark befestigten Küstenverteidigung des Landes im Kalten Krieg.

Der U-Boot-Bunker von Porto Palermo entstand in der Zeit des kommunistischen Regimes unter Enver Hoxha, als Albanien seine Küste massiv befestigte. Ab den späten 1960er-Jahren wurde in der geschützten Bucht eine unterirdische Anlage in den Fels getrieben. Kernstück ist ein rund 650 Meter langer Tunnel, der direkt vom Meer ins Innere des Berges führt. Er diente als geschützter Liege- und Wartungsplatz für mehrere U-Boote sowjetischer Bauart, darunter Einheiten der sogenannten Whisky-Klasse.

Die Wahl des Standorts war strategisch sinnvoll: Die schmale Einfahrt zur Bucht ließ sich gut kontrollieren, die umliegenden Berge boten natürlichen Sichtschutz, und die unterirdische Bauweise schützte die Boote vor Luftaufklärung sowie möglichen Angriffen. Die Anlage war Teil eines größeren militärischen Netzes entlang der albanischen Küste, zu dem Bunker, Küstenartillerie und Marinebasen gehörten.

Nach dem Ende des kommunistischen Systems in den 1990er-Jahren wurde der Stützpunkt außer Betrieb genommen. Die Tunnelanlage existiert weiterhin, wird jedoch nicht mehr genutzt. Teile des Areals unterliegen bis heute militärischer Verwaltung, weshalb der Zugang eingeschränkt oder offiziell nicht vorgesehen ist. Von außen – insbesondere vom Wasser aus – sind die Tunneleinfahrten und baulichen Strukturen jedoch noch erkennbar.
Himara, Küstenort zwischen Bergen und Meer
Nachdem wir die Festung und den Hafen ausgiebig bestaunt haben, geht es mit den Rädern weiter nach Himara. Die Stadt erstreckt sich entlang der langen Küstenlinie und bildet sozusagen das Zentrum der albanischen Riviera. Die Region ist kulturell von griechischen und albanischen Einflüssen geprägt. In den umliegenden Buchten befinden sich lange Kies- und Sandstrände wie Livadhi und Potami, während im Hinterland traditionelle Dörfer und Terrassenlandschaften das Bild prägen.



Abendspaziergang durch Himara
Wir unternehmen noch einen kleinen Spaziergang durch den Ort, dessen Farben in der untergehenden Sonne leuchten. Auf der Promenade warten diverse Crêpe-Stände auf Kundschaft und wir sind nur zu bereit, den verlockenden Düften zu folgen, schließlich ist es noch etwas Zeit bis zum Abendessen. Während meine Tante Banane, Zucker und Baileys wählt, entscheide ich mich für dunkle Schokolade. So viel sei verraten: Eine gute Wahl!


Der junge Mann, der die Süßspeisen fachmännisch zubereitet, erzählt uns, dass er ein Jahr als Koch in Leipzig gearbeitet hat. Seine Expertise schmeckt man, denn die Crêpes sind köstlich. So etwas leckeres habe ich hier gar nicht erwartet, denke ich. Im gleichen Moment frage ich mich: Und warum nicht? Wieso sollte es hier keine leckeren Crêpes geben? Sind wir da mal wieder den eigenen Vorurteilen aufgesessen, dass Menschen in touristischen Zentren nur schrottige oder minderwertige Ware anbieten? Vielleicht. Umso schöner, hier eines Besseren belehrt zu werden.


Da in unserer Reisegruppe das Coronavirus fröhlich weiter um sich greift, versuchen wir in einer Apotheke FFP2-Masken zu erstehen. Der freundliche Verkäufer zeigt uns normale Masken, versteht aber nicht, welche wir wirklich möchten. Anstatt einfach aufzugeben ruft er per Handy die arme Apothekerin herbei, die eigentlich schon Feierabend hatte und die mehr Englisch spricht. Das Ergebnis bleibt zwar leider das gleiche, aber ich bin beeindruckt von der Freundlichkeit und dem Engagement.

Abendessen mit (ungebetenen) Gästen
Durch die Abendsonne schlendern wir zurück zu unserem Hotel, wo wir auf der Terrasse das Abendessen einnehmen. Dienstbeflissen verscheucht unser Gastgeber immer wieder die kleinen Katzen mit einem Gartenschlauch, die an die Tische kommen und versuchen ein paar Happen zu erbetteln. Ich wünschte, er würde das lassen, kann ihm aber natürlich nicht vorschreiben, was er auf seinem eigenen Grund und Boden zu tun und zu lassen hat. Davon abgesehen sind natürlich nicht alle Gäste so an Katzenkontakt interessiert wie ich und zumindest tut er ihnen nicht weh.

Ich kann vermutlich froh sein, dass er keine härteren Geschütze auffährt, doch die kleinen, ausgehungerten Tiere, die noch klitschnass und zitternd versuchen sich dem Tisch zu nähern, brechen mir mal wieder das Herz. Während es also in mir emotional gewittert, merke ich, dass auch mein Körper einen Kampf ausficht: Der Coronavirus hat auch mich erwischt und erfreut ich mit Fieber, Husten und Schnupfen, sodass ich bald das Weite suche und mich auf mein Zimmer zurückziehe. Gut, dass wir nur noch eine Etappe vor uns haben!




One Comment
Ilonda Hengartner
Jeden Sonntag eine grosse Freude deinen Artikel zu lesen und wieder in die Veloreise Albanien einzutauchen! Vielen Dank und liebe Grüsse Ilonda