Mit dem E-Bike durch Albanien: Entlang der Vjosa
Die heutige Etappe auf unserer Radtour durch Albanien führt uns ins weitläufige Tal der Vjosa, einem der letzten großen Wildflüsse Europas. Sie entspringt im Pindos-Gebirge in Griechenland, wo sie Aoos heißt, fließt dann über weite Strecken durch Albanien und mündet schließlich bei Vlora in die Adria. Insgesamt ist sie etwa 270 Kilometer lang.
Was die Vjosa so besonders macht, ist ihr nahezu unbeeinflusster Zustand: Sie ist weder durch große Staudämme reguliert noch durchgehend begradigt oder kanalisiert. Stattdessen verzweigt sie sich in zahlreiche Arme, schüttet Kies- und Sandbänke auf, verlagert ihr Bett und schafft so ein hochdynamisches Flusssystem, das sich ständig verändert. Genau daran wollen wir heute entlangradeln.

Begegnungen mit Ziegenherden
Wir kommen herab aus den Bergen, und während der langen Abfahrten eröffnet sich uns eine fantastische Aussicht auf den Fluss, der sich weitverästelt durch das Tal ergießt. Die Bergflanken haben hier noch einmal deutlich an Höhe zugelegt, und in der Ferne erhebt sich ein gewaltiges Massiv. Immer wieder kreuzen Schaf- und Ziegenherden unseren Weg, sodass Vorsicht geboten ist.


Denn die E-Bikes verleiten ohnehin dazu, recht flott unterwegs zu sein, und bergab auf den fast leeren Straßen wird man schnell leichtsinnig. Ich übe mich darin, meine Umgebung aufmerksam im Blick zu behalten und jede Veränderung wahrzunehmen, während ich die Serpentinen hinabrausche. Und genau das rettet mich auch vor einer unschönen Überraschung: Ich bemerke rechtzeitig die frischen Hinterlassenschaften der Tiere auf der Straße und bremse. Gut so, denn hinter der nächsten Kurve steht die Herde seelenruhig mitten auf der Fahrbahn.







Im Tal angekommen, ist es Zeit für unsere Kaffee- und Teepause. Während ich meinen Bergtee trinke, zieht sich mein Herz zusammen. Ein streunender Hund, abgemagert und mit viel zu langen Krallen, bedeckt von Ekzemen, schleicht hoffnungsvoll über den Parkplatz, wird aber immer wieder verscheucht. Der Blick aus seinen braunen Augen geht mir durch und durch. Hilflos stehe ich da und kann wieder einmal gar nichts tun, wüsste nicht einmal was. Dabei schreit alles in mir danach, etwas zu unternehmen.


Situation der Streuner in Albanien
Ich wünschte, ich könnte hier nur einen einzigen Tag erleben, an dem mir das Mitleid für die Tiere nicht die Seele zerfrisst. Denn was ich hier jeden Tag sehe, macht mich unglaublich traurig. Dabei handelt es sich oft gar nicht um absichtliche oder bewusste Grausamkeit den Tieren gegenüber, sondern eher um Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit. Die Streuner sind halt einfach da und solange sie nicht stören, werden sie ignoriert. Niemand käme auf die Idee, einen Straßenhund ins Auto zu packen, und mit ihm wegen einer entzündeten Pfote zum Tierarzt zu fahren. Das ist ehrlicherweise immer mein erster Impuls, nur habe ich kein Auto, kein Geld und keine Ahnung.

Nun ja, Tierliebe muss man sich eben auch leisten können, oder? Und bei einem durchschnittlichen albanischen Nettoeinkommen von 700 bis 800 € im Monat stehen Tierarztbesuche mit fremden Streunern bestimmt bei niemandem ganz oben auf der Prioritätenliste. Eine einzelne Person kann nur in Einzelfällen helfen. Um das Problem der Straßentiere (das ja nicht einmal als solches wahrgenommen wird) im Ganzen anzugehen, bräuchte es schon eine staatliche Initiative.
Immerhin dürfen nach albanischem Gesetz Tiere nicht unnötig leiden und Einschläferungen sind nur unter strengen Voraussetzungen durch Tierärzte zulässig. Tötungen wie in anderen Ländern sind also zumindest nicht der Ansatz. Immerhin.

Was ich in den letzten Tagen in Albanien gelernt habe, ist, dass Leid und Schönheit hier so nah beieinanderliegen, dass nach einer herzzerreißenden Begegnung kaum eine Stunde vergeht, bis mich die beeindruckende Landschaft wieder einfängt und die epischen Bilder die traurigen verdrängen. Und so ist es auch heute, als wir weiter radeln.
An den Ufern der Vjosa
Vor uns öffnet sich ein atemberaubender Anblick: Die Vjosa zieht sich wie ein helltürkisfarbenes Band durch ihr fast weißes Flussbett aus Stein und Kies, im Hintergrund erheben sich grün bewachsene Felshänge, deren Spitzen die Wolken an den Bäuchen kitzeln. Hier und da leuchten die orangefarbenen Dächer kleiner Dörfer, oft auf Terrassen oberhalb des Flusses gelegen, um vor Hochwasser geschützt zu sein.

Immer wieder wird die Vjosa von Hängebrücken im mehr oder minder passierbarem Zustand überspannt, die mir das Gefühl geben (mal wieder), auf den Spuren vergangener Herrscher Gondors unterwegs zu sein. Gut, mit den Argonath ist hier nicht zu rechnen, aber passen würde es schon.


Versteckt im Gebüsch am Straßenrand findet sich der Zugang zu den Überresten einer Brücke, die Ende des Zweiten Weltkriegs von den Italienern während ihres Rückzugs zerstört wurde. Sie verband Albanien mit Griechenland, denn die Grenze ist hier für einige Kilometer identisch mit dem Flusslauf. Der Fluss war hier nicht nur Verkehrsweg und Lebensader, sondern auch immer wieder geopolitische Trennlinie und Zeuge zahlreicher historischer Umbrüche.



Lange Zeit war die Vjosa jedoch durch zahlreiche geplante Wasserkraftwerke bedroht. Dagegen regte sich über Jahre hinweg massiver Widerstand von lokalen Gemeinden, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie internationalen Umweltorganisationen. Der Protest hatte schließlich Erfolg: 2023 wurde die Vjosa in Albanien offiziell als Nationalpark ausgewiesen, einschließlich großer Teile ihrer Nebenflüsse.

Damit ist sie der erste Nationalpark Europas, der einen gesamten Wildfluss schützt. Heute gilt die Vjosa nicht nur als ökologisch einzigartig, sondern auch als Symbol dafür, dass umfassender Flussschutz selbst im dicht besiedelten Europa noch möglich ist.
Unser Mittagessen nehmen wir auf einem Balkon über der Vjosa ein, der zu einem Restaurant gehört, das sich direkt neben einer Brücke befindet. Diese ist zwar etwas wackelig, aber noch begehbar. Bei einem kleinen Rundgang treffe ich Esel, Pferde und natürlich noch mehr Hunde, die teilweise sehr interessiert an unserem kleinen Bus sind.






Nach dem Essen sind es nur noch einige hundert Meter zu unserer heutigen Unterkunft. Ein hübsches Steinhaus mit Balkonen, die in das Tal hinausblicken. Schnell beziehen wir unsere Zimmer, denn der Nachmittag wartet mit noch einem weiteren Highlight auf uns.

Die Thermalquellen von Benja
Wir besuchen die Thermalquellen von Benja, auch bekannt als Bënjë-Bäder. Die Quellen liegen am Zusammenfluss des Langarica-Flusses mit der Vjosa und speisen zwei natürliche Steinbecken mit mineralhaltigem Wasser. Das Wasser hat hier eine konstante Temperatur von etwa 26 bis 28 Grad Celsius und wird seit Jahrhunderten für therapeutische Zwecke genutzt, insbesondere bei Haut- und Gelenkbeschwerden.

Der Weg zu den Becken führt über eine elegante osmanische Steinbrücke aus dem 18. Jahrhundert, für deren Überquerung man besser schwindelfrei sein sollte. Wer hier auf stille Stunden der Entspannung hofft, den muss ich leider enttäuschen: Die Quellen sind längst kein Geheimtipp mehr. In den Becken tummeln sich zahlreiche Menschen, aus mitgebrachten Lautsprechern klingt albanische Musik.

Die Beliebtheit der Quellen scheint große Pläne nach sich zu ziehen: Ein riesiges Areal wird derzeit zum Parkplatz umgebaut, es wird planiert und betoniert, und auch erste kleine Häuschen stehen bereits, vermutlich künftige Übernachtungsmöglichkeiten. Ich lasse mich davon aber nicht abschrecken, balanciere über die schmale Brücke, lege meine Tasche ab und wage mich in eins der Becken.
Die Ränder sind von weichen, glitschigen Algen überzogen, ein Gefühl, bei dem ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich es mag. Auf dem Boden jedoch liegt angenehmer Kies, in den man die Zehen graben kann. Im kleineren Becken läuft das Wasser kontinuierlich über den Rand und direkt in den Fluss, fast wie bei einem natürlichen Infinity-Pool.

Hinter den Quellen beginnt der Langarica-Canyon, eine enge, spektakuläre Schlucht mit steilen Felswänden, die eine beinahe unwiderstehliche Anziehungskraft auf mich ausübt. Doch bei einer Gruppenreise ist die individuelle Entscheidungsfreiheit begrenzt, und so bleibt die kleine Kletterpartie fürs Erste ein unerfüllter Wunsch.

Abend im Vjosa-Tal
Nass aber glücklich geht es bei herrlichem Wetter zurück zu unserer Unterkunft und einer heißen Dusche. Einige Mitreisende sind nicht gerade begeistert, dass es sich bei unseren Bädern um waschechte Nasszellen im wahrsten Sinne des Wortes handelt: Die Dusche ist nicht abgetrennt und wenn man duschen möchte, sollte man zuerst das Klopapier aus der Gefahrenzone evakuieren.
Mich stört das ehrlicherweise nicht, da hab ich schon unangenehmer in deutschen Kasernen geduscht. Hauptsache, das Wasser ist warm und ich nutze die Gelegenheit, ein paar meiner Kleidungsstücke zu waschen. Schließlich sind wir schon ein paar Tage unterwegs und auch wenn ich nicht gerade zurückhaltend mit meinem E-Bike-Akku umgehe, ist doch das ein oder andere Shirt durchgeschwitzt.

So richtig wusste ich im Vorfeld nicht, was ich einpacken sollte, lag doch meine letzte Radreise schon 10 Jahre zurück und war eher spontaner Natur. Mittlerweile weiß ich: Leggings, Sportsocken, Sport-BH, T-Shirt und Fleece sind meine liebsten Begleiter. Während ich also auf dem Bett sitze, den Blick ins Tal schweifen lasse und versuche, mein Fleece trockenzuföhnen, fällt mir wieder unser erster Abend in Albanien ein.
Touristische Infrastruktur ohne Tourismus?
Während der kleinen Vorstellungsrunde sagten fast alle aus der Gruppe, sie seien gekommen, um das authentische Albanien vor Einsetzen des Massentourismus zu erleben. Der Tag heute hat mir gezeigt, wie sehr wir schon auf dem Weg dorthin sind, aber auch, dass dieses Ansinnen in der Realität bei einigen mehr Frust als Freude auslöst. Die Zimmer sind zu klein, zu schäbig, der Wein nicht dem Erleseneres gewöhnten Gaumen genehm, die Bäder unmöglich und dass man mit offenem Kamin heizt, so weit kommt es noch. Aber man hat die ganze Nacht gefroren. Ja, ach was.

Ich verstehe das. Diese Reise ist kein Schnäppchen, und für das Geld könnte man anderswo luxuriös urlauben. Aber darum ging es ja nicht, oder? Dass hier noch nicht Alles westeuropäischen Standards entspricht, habe ich zumindest vermutet. Ein Land ohne Massentourismus, aber mit entsprechender Infrastruktur und Ausstattung schließt sich selbst aus.
Klar, dauerhaft würde mir hier auch einiges auf die Nerven gehen: Der Mangel an Nachttischlampen und Nutella, der Überfluss an hungernden Tieren und Müll. Aber ich bin nur zu Besuch und ich versuche, dieses authentische Albanien, von dem immer die Rede ist, so anzunehmen, wie es ist. Das bedeutet nicht, dass ich hier alles schön finde. Das bedeutet nur, dass ich versuche, keine unrealistischen Erwartungen zu haben, die dann enttäuscht werden und die ich dem Land im Anschluss zum Vorwurf mache.
Entwicklung des Tourismus in Albanien
In den letzten Jahren hat sich der Tourismus in Albanien rasant entwickelt: Von einem lange für Ausländer:innen weitgehend unbekannten Land am Rande Europas zu einem der am schnellsten wachsenden Reisedestinationen des Kontinents. Zur Zeit der kommunistischen Ära war Albanien nahezu abgeschottet, in den 1990ern und frühen 2000ern blieben politische Instabilität, Wirtschaftskrisen und der Balkan-Konflikt ein Hindernis für internationale Besucher:innen.
Erst ab den 2010er Jahren setzte ein nachhaltiger Wandel ein, als die Regierung und internationale Partner begonnen haben, Infrastruktur auszubauen und das Kulturerbe zu fördern. Heute schlägt das Pendel in die Gegenrichtung aus: Zwischen 2019 und 2023 kletterten die internationalen Ankünfte deutlich, und Albanien rangierte 2024/25 laut der Welttourismusorganisation in Europa unter den Spitzenreitern beim Zuwachs der Touristenzahlen.

Positive Auswirkungen
Der Tourismussektor trägt daher mittlerweile einen bedeutenden Anteil zur Wirtschaft bei. Er schafft Hunderttausende Arbeitsplätze und hilft, Einkommen zu generieren, wo wenige andere Perspektiven bestehen. Alte Ortskerne und historische Stätten wurden restauriert, was nicht nur Besucher:innen anzieht, sondern auch lokale Identität und Infrastruktur stärkt. Projekte wie die UNESCO-Schutzgebiete, Nationalparks wie der der Vjosa und Initiativen zur Förderung von Kulturtourismus zeigen, wie man ökologische und kulturelle Werte mit wirtschaftlicher Entwicklung verbinden kann. Das sind die positiven Effekte, aber…

Die Schattenseiten
…es gibt eben auch Schattenseiten. Das schnelle Wachstum führt zu Überlastung beliebter Orte, steigenden Preisen in der Hochsaison und infrastrukturellen Engpässen. Das wird gerade in der Wasserversorgung und im Verkehr zum Problem. In einigen Regionen sorgen steigende Immobilienpreise und kommerzielle Überentwicklungen für sozialen Druck auf Einheimische. Zudem gibt es Debatten über Umweltbelastungen, Müllprobleme und die Frage, ob Tourismuseinnahmen gleichmäßig verteilt werden oder vorwiegend großen Investoren zugutekommen.
Albanien ist nach einer langen Phase des Stillstands mit einer Geschwindigkeit an seine Nachbarn angepasst worden, die einen schwindlig machen kann. Und ich habe den Eindruck, dass es für viele Menschen nicht so einfach ist, bei all diesen Entwicklungen Schritt zu halten. Und es ist bestimmt nicht an mir, über diese Menschen zu urteilen. Denn ich fühle mich genauso hin- und hergerissen zwischen Begeisterung und Melancholie, ob der Erlebnisse in diesem spannenden Land.




One Comment
Ilonda Hengartner
Juhui Sonntagmorgen und wieder ein spannender Beitrag von Anuschka. Ich freue mich jedes Mal. Liebe Grüsse Ilonda