Mit dem E-Bike durch Albanien: Der Ohridsee
Ja gut, ich habe großartig angekündigt, mit dem Fahrrad durch Albanien zu fahren. Aber ich muss zugeben, zunächst steige ich erstmal in einen Bus. Denn unsere Tour startet nicht aus dem lärmenden und quirligen Stadtverkehr Tiranas heraus, sondern an den sanften Ufern des türkisfarbenen Ohridsees. Und dort werden wir tatsächlich mit dem Auto hingebracht.
Eine kurze Geschichte Albaniens
Auf der Busfahrt erzählt uns unser Reiseleiter Nick ein bisschen über die Geschichte Albaniens. Als autonomer Nationalstaat existiert es tatsächlich erst seit 1912. Davor war es seit dem 15. Jahrhundert Teil des Osmanischen Reichs. Der albanische Nationalheld Skanderbek hatte zuvor versucht, die Machtübernahme zu verhindern und für fast 30 Jahre er gemeinsam mit den albanischen Feudalherren gegen die Osmanen gekämpft und deren Truppen in Schach gehalten.
Nach seinem Tod gelang es seinem Sohn, der zwar bereits erwachsen, aber noch sehr jung und politisch unerfahren war, nicht, die Einheit der Albaner zu bewahren und so fielen die Ländereien nach und nach an die Osmanen. Zuvor hatte Albanien etwa 100 Jahre lang zum Oströmischen, davor zum gesamtrömischen Reich gehört.
Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen die Kommunisten die Macht und hielten diese 45 Jahre lang bis zur Wende und zum Zerfall des Ostblocks. Einen Großteil dieser Zeit regierte Enver Hoxha (gespr:.: Hodscha), der ein strenges Regime etablierte und beispielsweise jegliche Form der Religionsausübung untersagte. Er starb 1985 und mit dem Eisernen Vorhang fiel auch der Klammergriff des Kommunismus um Albanien. Seitdem ist es eine Demokratie, in der Religionsfreiheit herrscht. Heute ist etwa die Hälfte der Bevölkerung muslimischen Glaubens und 30 % christlich, davon 20 % orthodox und 10 % katholisch.
Der Ohridsee
Während wir Nick lauschen und das uns zum Teil völlig unbekannte Land etwas besser kennenlernen, taucht am Horizont der Ohridsee auf. Der See liegt malerisch an der Grenze zwischen Albanien im Westen und Nordmazedonien im Osten. Mit einer Fläche von rund 358 km² und einer Tiefe von bis zu 288 Metern zählt er zu den tiefsten Seen Europas. Sein Alter wird auf ein bis drei Millionen Jahre geschätzt. Die albanischen Hauptorte am Seeufer sind Pogradec und Lin, die jeweils ihren ganz eigenen Charme versprühen.



Der Ohridsee gehört außerdem zu den artenreichsten Süßwasserseen der Welt. Über 200 endemische Arten, darunter einzigartige Forellenarten, haben hier ihren Lebensraum. Dank der klaren Wasserqualität, bei der die Sichttiefe oft über 20 Meter reicht, lassen sich Fische und Wasserpflanzen mühelos beobachten. Der See selbst steht unter Naturschutz und ist Teil des UNESCO-Welterbes.

Für die Albanerinnen und Albaner ist der Ohridsee ein beliebtes Erholungsgebiet. Pogradec lockt mit Badeorten, gemütlichen Spazierpromenaden und charmanten Cafés. Lin, ein historisches Dorf auf einer Halbinsel, beeindruckt mit traditionellen Steinhäusern und ausgezeichneten Fischrestaurants. Ob Schwimmen, Kajakfahren, Angeln oder Wandern, der Ohridsee bietet für jeden Natur- und Aktivurlauber genau das Richtige. Das ist allerdings auch ein Problem, denn mittlerweile leidet der See durch den immer stärker zunehmenden Tourismus unter der Verschmutzung durch Abwässer und Abfall.
Rauf auf’s Rad
Zeit, uns dieses Naturwunder einmal selbst anzusehen. Kurz vor dem See erhalten wir unsere fahrbaren Untersätze. Die sind leider nicht ganz so bequem und flexibel in den Einstellungsmöglichkeiten, wie gehofft, aber irgendwann haben alle ein Rad unterm Hintern, mit dem sie einigermaßen klarkommen. Meine Aufmerksamkeit ist sowieso schon seit Minuten anderweitig gefesselt, denn während wir auf dem kleinen Parkplatz unsere Proberunden drehen, haben wir neugierige Gesellschaft bekommen. Zwei Streunerhunde haben sich uns vorsichtig genähert und nachdem ich meine friedlichen Absichten überzeugend rüberbringen konnte, gibt es eine intensive Streicheleinheit.


Streunende Tiere werden mir in den nächsten Tagen wieder und wieder und wieder begegnen und sie werden der Grund sein, warum Albanien mir ein wenig das Herz bricht. Doch es hat auch Pflaster mitgebracht und während die anderen noch ihre Wasserflaschen verstauen (oder feststellen, dass sie keine dabei haben), radel ich schon einmal den Weg auf und ab und beobachte den Mann, der mit einem über die Schulter geschlungenen Beutel das Feld abgeht und mit rückartigen, routinierten Bewegungen Saat ausbringt.

Es ist ein idyllisches Bild, dass man aber wahrscheinlich nur als solches empfindet, wenn man an den Einsatz von Maschinen gewöhnt ist und in romantisierende Nostalgie verfällt, sobald man Menschen derart anstrengende Tätigkeiten verüben sieht. Ich bin mir nicht sicher, ob der Mann selber seine Arbeit als so fotogen empfinden würde wie meine Reisegruppe und ich, aber er grüßt uns freundlich während er weiter Samen auf den Boden wirft.


Als alle abfahrbereit sind, starten wir unsere Tagesetappe am Ufer des Ohridsees. Der See ist etwa 30 Kilometer lang und acht bis zwölf Kilometer breit. Jetzt, im Oktober, ist das Wasser zu kalt zum Baden, doch die Wellen lecken fröhlich plätschernd am Ufer und die Oberfläche glitzert in der Herbstsonne. Darauf tummeln sich Kormorane und Blässhühner. Ab und an lässt sich auch ein Reiher blicken. Immer wieder passieren wir Straßenhändler und -händlerinnen, die uns Zwiebeln und Trockenfrüchte zum Kauf anbieten. In krassem Gegensatz zu dieser friedlichen Natürlichkeit stehen der viele Müll am Straßenrand und das totgefahrene Kätzchen auf der Fahrbahn, bei dessen Anblick sich mein Herz schmerzhaft zusammenzieht.

Die Bunker
Irgendwann entdecken wir eine seltsame Kuppel am Ufer des Sees. Es handelt sich um eine Art Mini-Bunker. In Albanien begegnet man ihnen fast überall: Kleine, halbkugelförmige Betonbauten tauchen am Straßenrand auf, stehen auf Feldern, an Stränden oder lehnen sich scheinbar achtlos an Berghänge. Selbst mitten in Städten sind sie zu finden.

Entstanden sind sie während der kommunistischen Diktatur unter Enver Hoxha, vor allem zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren. Hoxha war von der Vorstellung besessen, Albanien könne jederzeit angegriffen werden. Er misstraute nahezu jedem Staat, egal ob aus dem Westen, dem Osten oder sogar ehemaligen Verbündeten. Aus dieser Angst heraus ließ er ein beispielloses Verteidigungssystem errichten, das das gesamte Land überziehen sollte. Hunderttausende Bunker wurden gebaut. Schätzungen gehen von rund 170.000 bis über 700.000 Bunkern aus, genaue Zahlen gibt es bis heute nicht.

Die meisten dieser Bunker waren winzig und für ein oder zwei Soldaten gedacht. Sie sollten im Ernstfall gemeinsam ein Netz des Widerstands bilden, denn die Bevölkerung war angehalten, das Land selbst zu verteidigen. Viele Zivilisten erhielten militärische Schulungen, während enorme Mengen an Geld, Material und Arbeitskraft in Beton gegossen wurden. Zu einem Einsatz kam es jedoch nie, die befürchtete Invasion blieb aus.

Nach dem Zusammenbruch des Regimes Anfang der 1990er-Jahre blieben die Bunker zurück. Sie waren zu massiv, um sie einfach zu entfernen, und zu zahlreich, um sie systematisch abzureißen. So wurden sie Teil des Alltags. Manche verfielen langsam, andere bekamen neue Funktionen als Lagerräume, Cafés, kleine Museen oder Kunstorte. An einigen Stränden dienen sie heute sogar als ungewöhnliche Fotomotive.

Für viele Albaner und Albanerinnen sind die Bunker bis heute ein widersprüchliches Symbol. Sie erinnern an eine Zeit der Isolation, der Angst und der Verschwendung in einem armen Land, gehören aber zugleich untrennbar zur eigenen Geschichte.

Über die Grenze nach Nordmazedonien
Am frühen Nachmittag erreichen wir unser Hotel in Tushemisht am südlichen Ende des Sees. Vom Fahrradsattel geht es direkt zu Tisch, wo wieder die landestypische Kost auf uns wartet: Kartoffelpuffer, Maisbrot, Tsatsiki, Ofenkartoffeln, gebackene Zucchini und Paprika.

Nach dem Essen schwingen wir uns gesättigt wieder auf die Räder und überqueren die in nur ein paar hundert Meter Entfernung befindliche Grenze nach Nordmazedonien. Ein Grenzübertritt per Fahrrad, das ist ein Novum für mich. Unsere Ausweise werden inspiziert, dann dürfen wir unter den strengen Augen der grenzeigenen Katzenkontrolleure passieren.



Das Kloster St. Naum
Ein paar Kilometer die Straße hinunter liegt das Kloster St. Naum, gegründet im 8. Jahrhundert und heute UNESCO-Weltkulturerbe. Eine hübsche, orthodoxe Anlage mit Kapelle und sozusagen Premiumlage direkt am Ohridsee. Abgesehen von der Kapelle mit ihren beeindruckenden Fresken, die Szenen aus dem Alten und Neuen Testament darstellen, gibt es hier eine kleine Gartenanlage und frei herumstreifende Pfauen zu entdecken, deren blaues Gefieder in der Sonne leuchtet. Ach ja, und eine katzige Einlasskontrolle gibt es hier auch!





Gegründet wurde das Kloster im 10. Jahrhundert von dem byzantinischen Mönch Naum von Ohrid, einem Schüler des heiligen Kyrill, der zusammen mit Methodius die slawische Schrift und Kultur verbreitete. Das Kloster gehört zu den bedeutendsten religiösen Stätten der Region und zieht jedes Jahr zahlreiche Besucher:innen an.






Eine der beiden Quellen, die den See speisen, befindet sich ebenfalls hier. Das Wasser stammt aus einem höher gelegenen See jenseits der Bergkuppen, die sich vor dem nordmazedonischen Himmel abzeichnen. Dort versickert es und kommt dann hier wieder an die Oberfläche. Die zweite Quelle liegt in der Nähe unserer Unterkunft.





Zurück in Tushemisht
Nach unserer Rückkehr dorthin begebe ich mich noch auf einen kleinen Erkundungsgang auf Schusters Rappen. Dabei begegne ich einem tatsächlichem, einem schwarzen Pferd, das hier frei herumstreunt und sichtlich Spaß daran hat, am Strand für Unordnung zu sorgen. Es ist sozusagen Herr der Straße und hat gar keine Scheu, den Verkehr aufzuhalten und demonstrativ vor dem geschlossene Visitor Center einen Haufen Pferdeäpfel zu platzieren. Irgendwie ist mir das Tier direkt sympathisch.



Ich genieße den Sonnenuntergang auf einem der Holzstege, die in den Ohridsee hineinragen und sehe zu, wie die leuchtende Scheibe rasch hinter den Bergen im Westen verschwindet. Das Dämmerlicht macht seinem Namen als Blaue Stunde alle Ehre und taucht den Horizont in unterschiedlichste Schattierungen jener Farbe. Ein beeindruckender Abschluss für den ersten richtigen Tag unserer Radreise durch Albanien.





One Comment
Ilonda Hengartner
War sehr interessant wieder in die Radreise durch Albanien “einzutauchen”. Tolle Fotos. Ich freue mich auf den nächsten Newsletter