Mit dem E-Bike durch Albanien: Korça

Heute steht eine deutlich längere Tagesetappe als gestern auf dem Programm. Rund 52 Kilometer radeln wir nach Korça, einer der kulturell bedeutendsten Städte Albaniens. Die Universitätsstadt gilt als geistiges Zentrum des Landes, ist bekannt für ihre Musik- und Literaturszene, ihre historische Architektur und eine vergleichsweise weltoffene Atmosphäre. Nicht ohne Grund wird Korça oft als das „Paris Albaniens“ bezeichnet. Wir lassen also die Ufer des Ohridsees hinter uns, drehen ihm buchstäblich den Rücken zu und strampeln hinein in die Berge. Stetig geht es bergauf, bis auf etwa 900 Meter Höhe, hinein in eine ganz andere Landschaft und ein neues Kapitel unserer Reise.

Abschied vom See, Aufbruch in die Berge

Gemeinsam mit einem Rudel streunender Hunde verfolgen wir aber zunächst das Müllauto, bevor wir die Ausläufer der Siedlungen hinter uns lassen und in eine Region kommen, von der ich glaube, dass hier keine solcher Service angeboten wird. Darauf lassen zumindest die immer wieder auftauchenden Müllhalden am Straßenrand schließen.

Wir treten in die Pedale und tauchen ein in die etwas zersiedelte Bebauung der Berge. Hier gibt es keine städtischen Zentren, keine organisch gewachsenen Orte mit gesellschaftlichen Lebensmittelpunkten wie Marktplätze.

Radfahren auf Albaniens Straßen: Zwischen Pferdewagen und Lastwagen

Wir fahren die Bundesstraße entlang und werden immer wieder von Autos und Lkws überholt, während wir selbst mit unseren schnellen E-Bikes an Traktoren und Pferdewagen vorbeiziehen. Vielleicht liegt es daran, dass die Albanerinnen und Albaner eben auch langsame Verkehrsteilnehmer:innen gewohnt sind, dass sie uns kein einziges Mal unfreundlich oder gestresst begegnen. Im Gegenteil, oft werden wir freundlich gegrüßt oder von Kindern sogar begeistert angefeuert. Überholende Autofahrer nutzen die Hupe lediglich als Gruß oder Warnsignal, nicht als Ventil für angestauten Frust über die Radfahrer:innen, die sich dort auf “ihrer” Straße breit machen.

Ich vermute, Radtourist:innen sind hier einfach noch kein alltäglicher Anblick und somit eher interessantes Kuriosum, denn ärgerliches Verkehrshindernis. Beim Blick in manche Gesichter meine ich tatsächlich eine gewisse Überraschung, vielleicht sogar Belustigung zu erkennen, wenn wir vorbeistrampeln. Ganz nach dem Motto: Den Touris fällt auch immer wieder was neues, beklopptes ein.

Hinein ins Hinterland

Über unseren Köpfen summen und knacken die Stromleitungen, in der Ebene brennen Torffeuer. Ihr Duft erinnert mich an meine Kindheit, wenn ich am Bach hinterm Haus “Überleben in der Wildnis” gespielt und Pilze über einem kleinen Lagerfeuer geröstet habe.

Auf den uns umgebenden Feldern wachsen Zwiebeln und Kartoffeln, auch Reihen von Apfelbäumen ziehen an uns vorbei. Immer wieder passieren wir kleine Schaf- und Ziegenherden, manchmal müssen wir auch anhalten, um, diese über die Straße zu lassen. Esel und Pferde grasen am Straßenrand, manche von ihnen tragen schwere Holzsättel. Diese wirken urtümlich und pittoresk, doch mein erster Gedanke ist, wie beschwerlich es für die Tiere sein muss, diese Tag und Nacht zu tragen.

Ankunft in Korça, dem kulturellen Herzen Südostalbaniens

Am frühen Nachmittag treffen wir in Korça ein. Unser Hotel liegt zentral, nur einen Steinwurf von der orthodoxen Auferstehungskathedrale entfernt. Sie wurde Anfang der 1990er Jahre erbaut, unmittelbar nach dem Ende der kommunistischen Diktatur, als es Christen in Albanien erstmals wieder erlaubt war, ihren Glauben offen zu praktizieren.

Auf dem Platz davor stehen zur großen Freude der Kinder zahlreiche elektrische Spielzeugautos und Motorräder bereit. Es ist laut, bunt und lebendig.

Die Gründung der Stadt

Gegründet wurde Korça von einem Mirahori, einem militärischen Führer aus der Region, der Ende des 15. Jahrhunderts Opfer der sogenannten Knabenlese durch die Osmanen wurde. Damals mussten alle christlichen Familien einen Sohn an das Reich und zu dessen Diensten abtreten. Die Jungen im Alter von etwa sechs bis zehn Jahren wurden nach Konstantinopel gebracht und dort ausgebildet. Dabei wurden ihre individuellen Fähigkeiten und Talente ergründet und ein entsprechender Berufszweig gewählt: Verwaltung, Militär, Unterhaltung usw.

Der Stadtgründer Korças wurde nach der Lese zu einem der erfolgreichsten Militärs und war federführend bei der Eroberung Konstantinopels, wodurch er das Vertrauen des Sultans gewann, der seine Karriere weiter förderte und ihm irgendwann sogar eine Bitte gewährte. Der Mann erhielt nach seinem Abschied die Erlaubnis, eine Siedlung in seiner Heimat zu gründen. Zuerst ließ der Mann, mittlerweile kein Christ mehr, natürlich eine Moschee errichten, dann folgten Wohnhäuser und weitere Bauten.

Die Muslime im Osmanischen Reich waren von der Steuerpflicht ausgenommen, dafür wurden die Christen mit umso höheren Abgaben belastet. Das führte nicht selten zu einem Glaubensübertritt aus wirtschaftlichen Gründen, denn nicht nur mussten weniger Steuern gezahlt werden, auch die Berufsaussichten waren deutlich besser. Während die erste Generation vielleicht trotzdem noch heimlich ihren Glauben praktizierte, so grub der muslimische Glaube mit jeder nachfolgenden tiefere Wurzeln.

Da der Großteil des Balkans damals christlich war, trug er nicht nur einen erheblichen Teil der Finanzierung des Reichs, sondern stellte Dank der Knabenlese auch einen Teil von dessen Eliten. Ein Paradoxon, das verständlicher wird, wenn man das junge Alter bedenkt, in dem die Kinder ihren Eltern weggenommen wurden.

Sehenswürdigkeiten in Korça zwischen Geschichte und Beton

Am Nachmittag schlendern wir durch Korça, von der Kathedrale über den ehemaligen Basar, der heute ein hübsches gepflastertes Rondell mit jeder Menge Restaurants ist. Weiter geht es zur Moschee, einem der ältesten islamischen Bauwerke Albaniens und ein stilles Zeugnis der osmanischen Vergangenheit Korças. Errichtet wurde sie Ende des 15. Jahrhunderts von eben jenem Mirahor, der auch als Stadtgründer gilt. Ihre schlichte Architektur fügt sich erstaunlich harmonisch in das Stadtbild ein. Keine überbordende Verzierung, kein protziger Prunk.

Ganz anders der moderne Turm, Red Tower genannt, der unweit des Zentrums in den Himmel ragt. Er wirkt wie ein Fremdkörper und erfüllt nicht einmal eine Funktion. Denn mittlerweile wird er nicht mal mehr als Aussichtsplattform genutzt und ist dauerhaft geschlossen. Für seinen Bau wurden alte Bäume gefällt und Sitzbänke entfernt , Orte des Schattens und der Begegnung gingen verloren. Der Beton dominiert den Platz, wo einst Luft und Leben Raum hatten. Dass dieses Bauwerk von einem deutschen Architekten aus Münster entworfen wurde, führt irgendwie zu einem leichten Schamgefühl. Der Turm ist ein Beispiel dafür, wie moderne Stadtentwicklung allzu oft über Menschen, Geschichte und Maßstäbe hinwegplant.

Die Streuner und mein Herz

Doch während mein Auge zwischen alt und neu, hübsch und hässlich umherwandert, bleibt es vor allen Dingen immer wieder an den Tieren hängen. Ihr Anblick macht mir zu schaffen. Hungrige Welpen, entzündete Pfoten, traurige Blicke und ein kleines Kitten, das mitten auf der Straße verzweifelt und wahrscheinlich vergeblich nach seiner Mutter ruft.

Der Hund, der seinen Kopf auf der Bordsteinkante ablegt und sehnsüchtig auf den Eingang der Metzgerei schaut. Die schwangere Katze, die um meine Beine streift und nicht nur um Futter, sondern auch um ein wenig Aufmerksamkeit und Zuneigung bettelt. Der angefahrenen kleinen Schlange, der nichts übrig bleibt, als hier qualvoll auf ihr Ende zu warten. Die angebundenen Pferde, die kaum Bewegungsfreiheit haben und die stoisch hin und her schwanken.

Mein Herz blutet.

Aber immerhin , das hat mir unser Führer versichert, sind die Menschen Albaniens den Tieren nicht übel gesonnen. Sie werden nicht absichtlich grausam behandelt oder zur Belustigung gequält. Ihre Anwesenhiet wird meist toleriert oder ignoriert und manchmal werden die sogar wahrgenommen und gefüttert. Auf ewig werde ich der jungen Frau dankbar sein, die auf die Straße läuft, die Autos anhält und das Kitten herunterscheucht.

Bier aus Korça und Abendessen in der Vila Cofiel

Bevor wir zum Abendessen ein uriges Lokal aufsuchen, kehren wir noch in der Brauerei von Korça ein. Umgerechnet kostet ein Krug mit etwa 400 ml 80 Cent für ein helles Bie rund etwa 1 € für ein dunkles. Fast schade, dass ich weder das eine noch das andere mag, meine Reisegruppe favorisiert aber das dunkle.

Zu Abend essen wir in einem urigen, aber etwas beengten Lokal, der Vila Cofiel. Wieder werden viele vegetarische Speisen serviert, mein absoluter Favorit sind diesmal im Filoteig gebackene Mozzarellaröllchen mit Sesam und Granatapfelsirup. Auch das Brot, die Dips und das Gemüse schmecken fantastisch. Nur die Vögel, die eingesperrt in winzigen Käfigen im Flur ihr Dasein fristen, machen es mir schwer, das Essen zu genießen. Als wir aus dem Restaurant treten, hat sich längst die Nacht über Korça gelegt. Wir spazieren zurück durch die Gassen zu unserem Hotel, wo am nächsten Morgen wieder unsere Räder in Reih und Glied auf uns warten, um uns weiter durch die Landschaft Albaniens fliegen zu lassen.

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