Mit dem E-Bike durch Albanien: In den Bergen
Liest man meine Artikel über Tirana, den Ohridsee und Korça, so bemerkt man vielleicht, dass Albanien mein Herz noch nicht im Sturm erobert hat. Doch heute, heute ist der Tag, an dem sich das ändert, denn heute fahren wir mit unseren E-Rädern in die Berge! Wir treten in die Pedale, die Motoren der E-Bikes surren leise, und jeder Tritt bringt uns ein Stück weiter hinein in eine Landschaft, die wie gemalt wirkt: gelbe, rote und orangefarbene Blätter flirren im Licht, während die Berge im Hintergrund in Blau und Grau schimmern. Heute werden wir Albanien neu erleben, auf Schotterwegen, durch stille Dörfer und über sonnenbeschienene Bergstraßen, die wir uns mit Pferden, Ziegen und neugierigen Blicken der Einheimischen teilen.





Wir lassen also Korça, das Paris Albaniens hinter uns und radeln los Richtung Süden. Nach einigen Kilometern machen wir – wie jeden Tag – eine Pause für einen kleinen Kaffeestopp. Heute findet dieser in einem schönen Holzhaus mit Namen Sofra Kolonjare statt, das mich an die Blockhütten in Kanada erinnert. Wir sitzen auf der Terrasse in der Sonne, ordern Heißgetränke und genießen Äpfel und Kekse.




Bergtee, Blockhütte und kleine Entdeckungen
Ich bin mit meiner vormittäglichen Teebestellung meist alleine, der Großteil unserer Gruppe bevorzugt Kaffee. Nick erklärt mir, dass ich einfach einen „Çaj“ bestellen solle, das ist hier das Synonym für Tee. Dabei handelt es sich um einen Kräutertee aus der Pflanzengattung Sideritis, die in den Bergregionen des Balkans wild wächst. In Albanien wird dieser Tee traditionell als „Bergtee“ getrunken und gilt seit Jahrhunderten als Hausmittel, dem eine beruhigende und wohltuende Wirkung nachgesagt wird. Sein Geschmack erinnert mich an Heu und Kamille. Weil ich neugierig bin, besorgt mir Nick ein Büschel der Pflanze, damit ich es mir genauer anschauen kann.

Lange kann ich aber natürlich nicht still sitzen, und so stromere ich ein wenig herum. Im Inneren der Hütte finden sich jede Menge spannender Kleinigkeiten, die es zu entdecken und zu bestaunen gilt: ein riesiger Vogel mit Knoblauchkranz, alte Waffen und Petroleumlampen an den Wänden, goldene Kelche, Trachten und allerlei Kuriositäten.





Vor der Hütte stehen alte Mercedes-Modelle – Mercedesse? Mercedi? – und sehen auf platten Reifen ihrem vermutlich rostigen Ende entgegen. In Albanien gelten diese Fahrzeuge bis heute als Symbol für Beständigkeit und Zuverlässigkeit und sind besonders auf dem Land allgegenwärtig.

Ländliche Idylle
Auf der Wiese des Nachbarhofs füttern ein kleines Mädchen und ein alter Mann gemeinsam ein weißes Pony. Es fühlt sich an, wie eine zeitlose Szene aus einem Roman und ich habe fast das Gefühl, ein Eindringling in dieser Idylle zu sein. Doch als sie mich entdecken, winken die beiden freundlich.

Im Garten des Hofs warten Zwiebeln und Kürbisse auf ihre Verarbeitung, in großen Metallkörben stapelt sich der Mais, der hier nicht nur als Viehfutter, sondern auch als Grundnahrungsmittel dient. Ein Torbogen überspannt den Eingang zum Hof, und verlässt man das Gelände, liest man auf einem Schild das albanische Wort für „Danke“: Faleminderit. Hier ist es so schön, dass ich gerne noch länger verweilen würde, doch die Tassen sind leer und die Straße ruft. Schließlich gilt es noch einiges an Strecke zu bewältigen.



Höhenmeter, Abfahrten und tierische Begegnungen
Die Anstiege von meist 100 bis 300 Höhenmetern, die es auf unserer Route zu bewältigen gilt, sind dank der E-Bikes überhaupt kein Problem. Die voll aufgeladenen Akkus sorgen bei der entsprechenden Einstellung sogar dafür, dass man spielend kleine motorisierte Gefährte überholen kann. Zudem wird jede Mühe im Anschluss reichlich belohnt: mit rasanten Abfahrten, Serpentinen und weiten Ausblicken über Täler und Felder.







Mein Blick gilt, wie schon an den letzten Tagen, immer wieder den Tieren. Besonders häufig begegnen uns heute Pferde und Ziegen, die vielerorts noch fester Bestandteil der kleinbäuerlichen Landwirtschaft sind. Ein Pferd hat es mir besonders angetan, und ich kann nicht anders, als abzusteigen und die samtig weiche Nase zu streicheln.










Warmer Atem bläst über die Innenfläche meiner Hand, während leise die Kette klirrt, mit der das Tier angebunden ist. Vermutlich kennt es nichts anderes als die Kette und den schweren Sattel, aber ich frage mich trotzdem, ob es traurig ist, dass es sich nicht frei bewegen, im staubigen Gras wälzen und nach Lust und Laune galoppieren kann.


Allein auf der Straße
Während ich gedankenverloren die Fliegen betrachte, die dem Tier um die Augen schwirren, verliere ich den Anschluss an den Rest meiner Radreisegruppe. Mist. Was hatte Nick doch gleich gesagt – wie heißt unser heutiges Mittagsziel? Und muss ich einfach der Straße folgen oder sollte ich da vorne abbiegen?

Ich habe Glück und wähle offenbar den richtigen Weg, denn in Erseka treffe ich die anderen wieder. Die kleine Stadt ist das administrative Zentrum der Region Kolonja und bekannt für ihr kühleres Bergklima. Davon ist heute aber nicht viel zu merken. Wir nehmen Platz mit Blick auf einen sonnenbeschienenen Park, während uns eine würzige Suppe mit weißen Bohnen serviert wird – Hülsenfrüchte gehören hier seit jeher zur Alltagsküche –, gefolgt von Reis, Spinat, Kartoffelpüree und Gemüse.





Meine Fleischplätzchen überlasse ich einem Mitreisenden, auch wenn es zu meinen Füßen hoffnungsvoll maunzt. Wenn ich nur könnte, kleine Katze … wenn ich dir nur wirklich helfen könnte. Doch Nick versichert mir, dass zumindest dieser kleine Tiger regelmäßig etwas zu fressen bekommt.

Farma Sotira – mitten im Nichts
Am Nachmittag erreichen wir die Farma Sotira, einen abgelegenen Hof in den albanischen Bergen, der sich auf naturnahen Tourismus und Landwirtschaft spezialisiert hat. Jeder von uns bezieht eine eigene Holzhütte. Meine scheint noch recht neu zu sein, tatsächlich so neu, dass noch einige Lampen fehlen und das Waschbecken nicht abgedichtet ist. Das ist irgendwie schade, denn jedes Mal, wenn ich mir die Hände wasche, läuft Wasser über den Boden und versickert im neuen Holz. Einerseits macht mich das traurig, weil ich denke: „So hält das hier aber nicht lange“, andererseits ist das vielleicht auch eine sehr deutsche Mentalität.






Zum Heizen sind manche Hütten mit Kaminen ausgestattet, meine Einzelhütte verfügt über einen elektrischen Heizlüfter, der im Handumdrehen für wohlige Wärme sorgt. Denn obwohl gerade noch die Sonne vom Himmel strahlt, wird es nicht mehr lange dauern, bis sie hinter den Bergen verschwindet und die Temperaturen fallen.
Abendstimmung in den Bergen
Gemeinsam mit meiner Tante unternehme ich noch einen kleinen Spaziergang. Die langsame Geschwindigkeit, mit der wir uns nun zu Fuß fortbewegen, fühlt sich seltsam an nach all den schnell dahingeradelten Kilometern. Sechzig waren es heute – für viele sicher keine große Distanz, zumal mit Unterstützungsmotor –, doch ich untrainiertes Couch Potato habe ziemliche Puddingbeine und verspüre ein leichtes Ziehen in den Oberschenkeln.
Unser Weg führt an den Ställen der Farm vorbei, in und vor denen dösende Pferde stehen. Über eine große Wiese und durch den in der Abendsonne glühenden Herbstwald spazieren wir, bis wir wieder auf eine Straße mitten durchs albanische Nirgendwo treffen.






Hier oben wird es abends schnell kühl, und als die Sonne den Horizont berührt, machen wir uns auf den Rückweg zu unseren Hütten. Auf der Wiese davor hat sich mittlerweile eine Schafherde eingefunden, bewacht von großen, ihren Job sehr ernst nehmenden Hütehunden.

Als sich die Schatten immer länger werden und die Dämmerung, gefolgt von ungestörter Dunkelheit, über die Wiese senkt, bin ich dankbar für den wärmenden Heizlüfter. Einmal raus muss ich aber dennoch, denn hungrig will ich nicht ins Bett gehen. Wobei das Abendessen heute ausnahmsweise nicht ganz so vegetarisch ausfällt. Auf den Tellern meiner Mitradler landen Forellen aus den farmeigenen Teichen und Lamm. Und auch, wenn ich bereits jetzt meinem verwöhnten Gaumen anmerke, dass er sich doch etwas mehr Abwechslung wünschen würde, begnüge ich mich mit dem üblichen Brot und Gemüse. Wir wollten authentisches Albanien, da sollten wir uns jetzt nicht beschweren, wenn wir es auch bekommen!


Als der Kamin im verglasten Speiseraum nicht mehr ausreicht, um diesen zu wärmen und mir die Kälte langsam die Beine heraufkriecht, verabschiede ich mich und wünsche allen eine gute Nacht. Bevor ich mich in meiner warmen Hütte einkuschle, werfe ich aber noch einen Blick auf den spektakulären Sternenhimmel, der hier, weitab einer größeren Stadt, ohne Lichtinterferenzen, besonders intensiv strahlt.
Morgenstimmung in Albaniens Bergen
Als ich am nächsten Morgen aufwache, bin ich überwältigt von der Ruhe und stillen Friedlichkeit hier in den Bergen. Als ich die Tür meiner kleinen Holzhütte öffne, ist die Wiese davor mit Raureif überzogen, der jedoch in der aufgehenden Sonne rasch dahinschmilzt. Das Morgenlicht taucht unsere Hütten Und unsere Räder stehen schon bereit, für den nächsten spannenden Tag auf den Straßen Albaniens.






6 Comments
Brigitte Wallraf
Was für eine schöne Frühstückslektüre an einem Sonntagmorgen. So mache ich unsere Reise durch Albanien noch einmal und freue mich über all die Eindrücke , die mir deine Berichte ins Gedächtnis zurückrufen. Und ein wenig bedauere ich dann die Menschen, die enttäuscht von einer Albanienreise zurückkommen, weil sie einen Strandurlaub gebucht haben.
Rosa
Dafür gibt es mit Sicherheit bessere Orte! 😀 Ich bin froh, dass wir gemeinsam so viele unterschiedliche Facetten des Landes entdecken konnten!
Heike
Danke für deine spannenden Eindrücke aus Albanien, wie immer toll erzählt <3.
Aber das Pferd mit der Kette stimmt mich auch sehr traurig. Ein Herdentier & Fluchttier alleine anzuketten und dann noch so einen archaischen höllisch schweren Sattel sinnlos draufzulassen… was sind wir doch für eine grausame Spezies… Bei uns geht es den meisten Tieren in der Nutztierhaltung natürlich keinesfalls besser… sie sind nur nicht sichbar und es ist somit einfacher das Leid auszublenden :'(.
Rosa
Ja und ich merke selbst, wie schnell man sich an einen solchen Anblick gewöhnt. Ich war nur wenige Wochen dort und am Ende war ich schon deutlich abgestumpfter, als zu Beginn der Reise. Was bei mir immer noch heißt, dass mir jedes Mal die Tränen gekommen sind, aber es ging eben schneller, dass andere Eindrücke den des Tierleids überlagert haben. Ich wünschte, wir würden es irgendwie schaffen, Tiere in Ruhe zu lassen und sie nicht für unsere Zwecke auszubeuten. Ich versuche selbst, mich diesbezüglich weiterzuentwickeln und einen kleinen Beitrag zu leisten, aber manchmal ist es schwer, sich die Hoffnung zu erhalten.
Vielen lieben Dank auf jeden Fall für deinen Kommentar!
Ilonda Hengartner
Wie Brigitte schon geschrieben hat, erlebe ich die Radreise Albanien wie wenn es gestern gewesen wäre. Immer spannend mit guten Texten und tollen Fotos! Mir hat die Radreise sehr gut gefallen! Ich freue mich auf die Fortsetzung des Reiseberichtes!
Rosa
Mir macht es auch Spaß, mich nochmal hinzusetzen, mein Reisetagebuch zu lesen, die Bilder durchzusehen und daraus die Artikel zu basteln. So vertiefen sich die Eindrücke nochmal und sind auch viel besser wieder abrufbar! 🙂