Mit dem E-Bike durch Albanien: Gjirokastra, die Stadt der Steine

Gjirokastra ist das heutige Ziel auf unserer E-Biketour durch Albanien. Die “steinerne Stadt” liegt eingebettet in das Drino-Tal zwischen den sanften Hügeln des Mali i Gjerë-Gebirges und zählt seit 2005 zum UNESCO-Weltkulturerbe, da sie als eines der besterhaltenen Beispiele osmanischer Stadtplanung auf dem Balkan gilt. Charakteristisch sind die dicht gedrängten Häuser aus lokalem Stein, die sich terrassenförmig den Hang hinaufziehen und der Stadt den Beinamen geben. Viel spannender sind aber die Legenden und historischen Ereignisse, die hier ihren Schauplatz haben und von denen ich berichten möchte.

Von Geistlichen und geistigen Getränken

Bevor es damit losgehen kann, müssen wir aber erstmal dorthin kommen und auf einer Radreise ist ja bekanntlich auch der Weg das Ziel. Unseren vormittäglichen Stop legen wir heute im Restorant Gryka e Këlcyrës in der Schlucht von Këlcyra ein. Eine alte Brücke führt hier über die türkisfarbenen Wasser der Vjosa. Bei Kaffee und Tee erzählt uns Nick, dass wir vorab durch eine Region geradelt sind, bei der es sich früher um ein Zentrum für geistliche Ausbildung und des Weinanbaus handelte.

Beide Tätigkeitsfelder waren dabei eng miteinander verbunden, wie eines Tages auch der Sultan feststellen musste. Als er zu Besuch war und ein Gespräch mit den Geistlichen führte, soll er in süffisantem Ton gefragt haben, wozu sie denn so viele Trauben bräuchten. “Herr, wir essen sehr gerne Trauben.” Dafür seien es aber doch sehr viele. “Herr, wir trocknen sie auch und essen sie als Rosinen.” Auch dafür sei es immer noch eine überwältigende Menge. “Nun ja, Herr, wir pressen sie auch, füllen den Saft in Fässer und lassen dann Allah entscheiden, was damit geschieht.” Der Sultan soll gelacht haben und wir lachen auch.

In der Schlucht von Këlcyra

Während die anderen sich wieder ihren Kaffees widmen, stromere ich wie üblich etwas herum, überquere die Brücke zu Fuß und lande bei einem Stand voller Krimskrams, dessen Verkäufer mich freundlich begrüßt. Er spricht kein Wort Englisch oder Deutsch, ich kein Albanisch, trotzdem verständigen wir uns mit Händen und Füßen. Er fragt, woher ich komme und ob ich zu der Fahrradgruppe gehöre. Seinen Stand hat er mit vielen Flaggen geschmückt, und da auch eine deutsche dabei ist, ist die Antwort leicht zu geben.

Nüsse, Birnen und neue Freunde

Der Mann verkauft Spielzeug, Musikinstrumente, die Kräuter, die man für den Bergtee benötigt, Honig, Früchte und Nüsse. Bevor ich mich versehe, hat er mir eine Handvoll Nüsse und eine kleine Birne geschenkt. Er verlangt kein Geld dafür, als ich ihm trotzdem etwas geben will, besteht er mit Vehemenz darauf, dass es sich um Geschenke handele. Ich bin so gerührt von dieser freundlichen Geste, dass ich unbedingt eine Erinnerung an den Moment haben will. So zerre ich meine Tante von ihrem Kaffee weg, damit sie ein Foto von uns beiden macht. Natürlich frage ich vorab und der Mann ist begeistert. Sofort holt er sein Handy raus, und drückt es mir in die Hand, damit ich auch ein Selfie von uns mache.

Wir bekommen noch mehr Nüsse und Birnen und dürfen den Honig und die darin eingelegten Walnüsse kosten. Wieder möchte er kein Geld dafür, wir können ihn aber überzeugen, uns ein paar Beutel Nüsse zu verkaufen. Mit dem warmen, süßen Geschmack des Honigs auf der Zunge und einem ebenso warmem und süßem Gefühl im Bauch steige ich weder auf mein Rad und winke noch einmal, als wir den Stand ein letztes Mal passieren.

Weiter geht es Richtung Gjirokastra und durch die herbstliche Landschaft Albaniens. Unser Mittagessen nehmen wir in einem kleinen Lokal an der Straße ein, an der Verkäufer:innen allerlei Waren feil bieten. Darf es etwas Honig sein, ein paar Bergkräuter oder vielleicht eine Ziege to go?

Albanisch-deutsche Begegnungen

Nachdem wir uns wieder auf die E-Bikes geschwungen haben und gemütlich Richtung Gjirokastra weiterradeln, schweifen meine Gedanken zurück zur Begegnung am Vormittag.

Solche Momente wie mit dem Verkäufer in der Schlucht sind für mich die Essenz meiner Reise durch Albanien und tun mir einfach gut. Genauso wie der Augenblick gestern, als ich auf dem Rückweg von den Benje-Quellen einem Bauern begegnet bin, der an einem Strick ein Pferd, einen Esel und eine Kuh durch die Hügel führte. Ich fand das ein so schönes Bild, dass ich sofort angehalten habe und ihn gefragt habe, ob ich ein Foto machen darf. Er hat freundlich genickt, auch wenn ich glaube in seinen Augen ein gewisses Unverständnis gepaart mit Belustigung für meine Begeisterung erkannt zu haben.

Oder wie der Moment später am heutigen Tag, wenn ich die Burg von Gjirokastra besuche und den Sicherheitsmann frage, ob es erlaubt sei, zu fotografieren. Dieser missversteht mich und erlaubt mir sehr freundlich, ihn zu fotografieren. Es ist ein sehr schönes Bild geworden und eine noch schönere Erinnerung. (Und in der Burg durfte ich auch fotografieren!)

Ich würde so gerne öfter die Menschen hier fotografieren, denen ich auf der Straße begegne, doch ohne vorige Kommunikation möchte ich das nicht und die ist meist schlicht nicht möglich. Ich liebe, wie wir uns hier mit den Rädern fortbewegen, schnell und bequem, aber nicht zu schnell und trotzdem immer mittendrin. Trotzdem bleibt bei einer Gruppenreise oft kein Raum, um einfach anzuhalten, sich in ein Gespräche verwickeln zu lassen, eine, wenn auch nur kurze, Beziehung aufzubauen.

Und die brauche ich, wenn ich Menschen fotografiere. Vor allen Dingen will ich sie vorab um Erlaubnis bitten und nicht im Vorbeifahren ungefragt losknipsen. Ich möchte etwas zu ihnen erzählen können, um nicht einfach Motive einzufangen, die wir wahrscheinlich als “landestypisch” romantisieren, und damit erwartete Stereotypen reproduzieren.

Die Legende der Prinzessin Argjiro

Am frühen Nachmittag erreichen wir Gjirokastra. Die Stadt existiert seit dem 3. Jahrhundert vor Christus, die ersten Stadtmauern wurden im 6. Jahrhundert errichtet. 1336 wird sie erstmals in historischen Aufzeichnungen erwähnt, damals unter dem Namen Argyrókastron, was sich aus dem griechischen „argyros“ (Silber) und „kastron“ (Burg) zusammensetzt.

Ihren heutigen Namen verdankt sie einer Prinzessin mit dem Namen Argjiro. Die Legende besagt, dass sie im 15. Jahrhundert lieber den Tod wählte, als sich den osmanischen Eroberern zu ergeben. Denn 1417 wurde Gjirokastra von der Armee des Osmanischen Reichs erobert. Mit ihrem Baby im Arm soll die Prinzessin von den Burgmauern gesprungen sein. Wie durch ein Wunder überlebte das Kind. Die Felsen, so sagt man, ließen Milch fließen, um es zu nähren. Noch heute weisen die Einheimischen auf die weißen Kalksteinspuren am Fuße der Burgmauern hin, die an diese tragische Heldin erinnern sollen.

Die Festung von Gjirokastra

Handlungsort dieser Legende ist das wohl imposanteste Bauwerk der Stadt, die Festungsanlage, die hoch über dem Tal wacht. Sie stammt ursprünglich aus dem Mittelalter und wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder erweitert. Neben atemberaubenden Ausblicken beherbergt die Festung ein Waffenmuseum mit Exponaten von der Antike bis zum Zweiten Weltkrieg und ist Veranstaltungsort des berühmten Nationalen Folklorefestivals, das alle fünf Jahre Tausende Besucher:innen anzieht und die lebendige albanische Kultur feiert.

Wer etwas über die Geschichte der Stadt und des Landes erfahren möchte, ist hier also genau richtig. Schön ist diese Geschichte allerdings nicht immer. In den Eingeweiden der Burg befinden sich Kerker, die über Jahrhunderte genutzt wurden, von der osmanischen Zeit bis tief in die Ära des Kommunismus. Anfang des 20. Jahrhunderts herrschte von hier aus ein Sultan über ein Gebiet, das sich bis ins etwa 30 Kilometer entfernte Griechenland erstreckte. Er stationierte zwischen 2.000 und 3.000 Soldaten auf der Burg.

Besonders berüchtigt war das „Gefängnis der sieben Fenster“. Zwischen 1944 und 1970 sperrte das Hoxha-Regime hier politische Gegner und die nationale Elite ein. Eine Gedenktafel erinnert heute an die „antikommunistischen Märtyrer“, die hier gefoltert wurden. Es ist ein beklemmender Ort, der auch daran erinnert, dass diese Festung für viele kein Schutzbau, sondern eine Endstation war.

Ein Flugzeug mit zwei Wahrheiten

Auf einem der offenen Burgplateuas stößt man auf einen Anblick, der so gar nicht ins mittelalterliche Bild passen will: Ein verrosteter, US-amerikanischer Kampfjet vom Typ Lockheed T-33 Shooting Star. Was macht ein amerikanischer „Silbervogel“ aus dem Kalten Krieg in einer albanischen Festung?

Wer die Infotafeln liest, merkt schnell: Die Geschichte dieses Flugzeugs hängt ganz davon ab, wen man wann fragte. Sie ist ein perfektes Beispiel dafür, wie ein Ereignis aus zwei völlig verschiedenen Blickwinkeln erzählt und genutzt werden kann.

Fakten und Propaganda

Alles begann am 23. Dezember 1957, als Major Howard J. Curran von der US Air Force in Châteauroux, Frankreich, abhob, um seine Maschine nach Neapel zu überführen. Doch über dem Mittelmeer nahm das Unheil seinen Lauf: Dichter Nebel und ein technischer Defekt am Navigationssystem ließen den Piloten völlig die Orientierung verlieren.

Mit fast leerem Tank und im festen Glauben, sich noch über Italien oder Griechenland zu befinden, suchte Curran verzweifelt nach einer Landemöglichkeit. Schließlich tauchte unter ihm eine Landebahn auf und zwar die des Flughafen Rinas bei Tirana. Dass er gerade im damals wohl isoliertesten und paranoidesten Land Europas gelandet war, wurde ihm spätestens klar, als er sofort festgenommen und verhört wurde.

Während Curran nach zwei Wochen diplomatischer Verhandlungen im Januar 1958 in die USA zurückkehren durfte, behielt Albanien die Maschine ein. Für das Regime unter Enver Hoxha war der Jet ein propagandistischer Glücksgriff. Die offizielle Geschichte lautete: Albanische Abfangjäger hätten das US-Spionageflugzeug im albanischen Luftraum gestellt und den Piloten gezwungen, auf dem Flughafen Rinas bei Tirana zu landen. Der Jet wurde als Trophäe präsentiert, als Beweis für die Wachsamkeit und Stärke der albanischen Volksarmee. 1971 wurde er schließlich hierher in die Burg gebracht, um als Symbol des Triumphs im Waffenmuseum ausgestellt zu werden.

Über Jahrzehnte diente das Wrack als Beweis für die „imperialistische Aggression“ der USA. Dass wir heute noch genau wissen, wie die Propaganda damals lautete, verdanken wir übrigens einem norwegischen Touristen: Er fotografierte 1988 heimlich die ursprüngliche Hinweistafel, auf der die heldenhafte „Abfangaktion“ gepriesen wurde, ein Foto, das heute selbst Teil der Museumsgeschichte ist.

Das Skenduli-Haus

Da wir von Museen und Geschichte noch nicht genug haben, begeben wir uns nun zum Skenduli-Haus, einem der ältesten noch erhaltenen Gebäude der Stadt. Erbaut wurde es um das Jahr 1700 von der Familie Skenduli, die hier mit und über mehrere Generationen bis ins Jahr 1981 lebte. Dann wurde das Haus vom kommunistischen Regime unter Enver Hoxha beschlagnahmt und in ein Museum für Ethnografie umgewandelt.

Nach der Wende erhielt die Familie das Haus zurück, doch sie entschied sich gegen einen erneuten Einzug. Stattdessen wurden die bisher dort ausgestellten Exponate in ein neues Gebäude verbracht und das Skenduli-Haus wurde nun zu einem Museum für sich selbst.

Das Gebäude erstreckt sich über drei Stockwerke, die jeweils unterschiedliche Funktionen hatten. Das Untergeschoss diente der Vorratshaltung: Hier befinden sich Kühlräume für Lebensmittel, Ställe und ein Schutzraum. Besonders bemerkenswert ist die originale Regenwasserzisterne mit einem Hahn, der etwa 25 cm über dem Boden angebracht ist, sodass sich Schmutz absetzt und nur sauberes Wasser entnommen wird. Über den Winter wurde so Wasser für die trockenen Sommermonate gesammelt, die Zisterne fasst rund 130 Tonnen. Dank der einen Meter dicken Mauern blieben die Räume das ganze Jahr über kühl, und eignen sich damit perfekt zur Lagerung von Käse und anderen Lebensmitteln.

Eine Luxusimmobilie aus dem 18. Jahrhundert

Die oberen Stockwerke dienten als Wohn- und Repräsentationsräume. Das Haus zeigt typische Merkmale der osmanisch-albanischen Bauweise mit zahlreichen Kaminen, Türen und Fenstern, kunstvoll geschnitzten Holzdecken und dekorativen Details. Insgesamt verfügt es über 12 Zimmer, 9 Kamine, 44 Türen und 64 Fenster, ein Zeichen für den Reichtum und die gesellschaftliche Bedeutung der Familie. Außerdem gibt es vier Hamams und mehrere Toiletten mit fließend Wasser. Die Toiletten, die sich meist an die Aufenthaltsräume anschließen, haben geheime “Notausgänge”, damit etwaiger spontaner Besuch nicht bemerkt, dass er die Gastgeber bei “wichtigen Geschäften” gestört hat.

In den Räumen befanden sich damals keine Betten, stattdessen wurden zum Schlafen Matratzen ausgelegt. Männer und Frauen kamen getrennt nach Geschlechtern zusammen, auch Feierlichkeiten wie Hochzeiten oder Beerdigungen wurden größtenteils getrennt begangen. In einer Art Honeymoon Suite, einem besonders hübschem und dekorativem Raum, wurden frisch Vermählte untergebracht, aber nur so lange, bis das nächste Paar heiratete. Überall findet man den Granatapfel als Schmuckelement und Zeichen für Wohlstand und Fruchtbarkeit, ist er doch mit einer Unmenge an Samen gefüllt.

Bummel durch die Stadt der Steine

Gjirokastra ist aber mehr als nur die Festung und Museen. Die engen Gassen der Altstadt und der alte Basar sind wahre Schatzkammern traditioneller Handwerkskunst: Holzschnitzer, Textilwerkstätten und Souvenirläden laden zum Bummeln ein und bieten authentische Andenken.

Mich juckt es wahnsinnig in den Fingern, einen der hübschen Teppiche zu erwerben, aber ich weiß weder wie ich ihn in meine kleine Fahrradtasche packen sollte, noch wo ich ihn zu Hause unterbringen könnte. So begnüge ich mich mit einer optischen Shoppingtour und erfreue mich an dem Anblick bunter Schalen und Textilien. Wer mehr Platz im Gepäck hat und auf der Suche nach einem hübschen Souvenir ist, wird hier auf jeden Fall fündig.

Egal ob man geschichtlich interessiert ist, einfach einen sehr spannenden Ort besuchen möchte, oder sich mit hübschen Mitbringseln eindecken will, Gjirokastra ist auf jeden Fall einen Besuch wert!

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