Mit dem E-Bike durch Albanien: Ankunft in Tirana
Ich betrete Neuland. Ich verlasse meine arktische Komfortzone, um mal etwas Neues auszuprobieren, in ein mir bis dato völlig unbekanntes Land zu reisen und ein Vehikel zu nutzen, das eigentlich seit Jahren bei mir im Keller Rost ansetzt. Wer mich kennt, weiß, dass ich normalerweise am liebsten im hohen Norden unterwegs bin – bei Eis, Schnee und Kälte. Klar, selten verschlägt es mich auch mal in den sonnigen Süden, aber nun wird es Zeit, eine Richtung anzupeilen, die auf meinem Kompass bisher wenig Aufmerksamkeit erfahren hat: auf nach Südosten, auf nach Albanien!
Radreise durch Albanien: Zehn Tage zwischen Bergen, Tälern und Geschichte
Wie so viele spannende Reisen in meinem Leben verdanke ich auch diese meiner Tante und meinem Onkel. Gemeinsam mit einer Radreisegruppe werden wir zehn Tage lang durch Albanien radeln – von Tirana bis Vlora, über Berge, durch Täler, an Flüssen entlang und durch Städte hindurch.
Wer jetzt schon denkt: „So etwas Sportliches ist nichts für mich!“, geht mir doch genauso! Aber keine Sorge: Wir sind mit leistungsstarken E-Bikes unterwegs, die auch 1.500 Höhenmeter am Tag zur Spazierfahrt machen.
Wir suchen unseren Weg durch ein junges Land mit uralter Vergangenheit, begegnen Menschen, deren Sprache wir nicht sprechen und die uns trotzdem freundlich begrüßen, und werden Zeugen eines vielleicht etwas hastigen Aufbruchs in die Zukunft. Es wird spannend!
Ankunft in Tirana: Erste Eindrücke von Albaniens Hauptstadt
Unsere Anreise von Frankfurt in die albanische Hauptstadt Tirana klappt wie am Schnürchen, und nach kurzer Flugzeit betrete ich zum ersten Mal in meinem Leben albanischen Boden. Ein von der Agentur beauftragter Fahrer erwartet uns bereits und bringt uns ins Sky 2 Hotel im Herzen der Stadt – nur eine Minute vom Ufer der Lana entfernt, einem kleinen Kanal, der die Stadt hier durchschneidet.
Wir werfen schnell die Koffer in die Zimmer und begeben uns dann direkt auf unsere erste Erkundungstour. Tirana ist eine vergleichsweise junge Hauptstadt mit einer dennoch alten Geschichte. Zwar reichen archäologische Funde in der Region bis in die illyrische und römische Zeit zurück, offiziell gegründet wurde Tirana jedoch erst 1614 durch den osmanischen General Sulejman Pascha. Über Jahrhunderte blieb die Stadt ein eher unbedeutendes Handelszentrum, bis sie 1920 zur Hauptstadt Albaniens erklärt wurde.



Im 20. Jahrhundert prägten zunächst die italienische Besatzung und später die jahrzehntelange kommunistische Diktatur unter Enver Hoxha das Stadtbild nachhaltig. Seit dem Ende des Sozialismus Anfang der 1990er-Jahre befindet sich Tirana in einem rasanten Wandel und genau den können wir bei unserem kleinen Spaziergang live und in Farbe erleben.

Sehenswürdigkeiten in Tirana: Zu Fuß durch Kunst, Geschichte und Cafés
Tirana lässt sich gut zu Fuß entdecken, und wir laufen einfach planlos drauflos und schauen, wo es uns hintreibt. Wir schlendern den Bulevardi Gjergi Fishta entlang bis zum Parku Rinia. Direkt gegenüber befindet sich ein seltsames Metallkonstrukt: „The Cloud“, eine zeitgenössische Kunst- und Architekturinstallation des japanischen Architekten Sou Fujimoto.

Die aus weißen Stahlstäben bestehende, wolkenartige Struktur steht vor der Nationalen Kunstgalerie nahe dem Skanderbeg-Platz und wird regelmäßig für kulturelle Veranstaltungen, Performances und gemeinschaftliche Aktivitäten genutzt. Gerade als wir vorbeikommen, proben Musiker für ihren großen Auftritt. Wir biegen ab in die Shëtitorja Murat Toptani, die uns vorbei an Cafés zum Tirana Castle führt.
Tirana Castle: Historische Mauern im modernen Stadtzentrum
Tirana Castle, auf Albanisch Kalaja e Tiranës, ist keine klassische Burganlage, sorry, sollte sich da jemand schon gefreut haben. Es handelt sich nur um die Überreste der historischen Festung von Tirana, die in das moderne Stadtzentrum integriert wurden. Sie stammt ursprünglich aus der byzantinischen Zeit und wurde später unter den Osmanen erweitert. Heute sieht man aber ehrlicherweise nichts mehr davon, denn die Mauern sind nur noch Teile erhalten, und der Innenbereich wurde in eine kleine Fußgängerzone mit Cafés, Restaurants und Geschäften umgewandelt.



Reise-Fail in Tirana: Sonnenbrille vergessen
Letztere sind mein Ziel, denn ich habe tatsächlich eine Mission. Intelligenterweise habe ich nämlich meine Sonnenbrille zu Hause vergessen. Zwar ist es schon Oktober und in heimischen Gefilden hat der Herbst Einzug gehalten, doch hier herrschen immer noch spätsommerliche Temperaturen, und die Sonne strahlt vom Himmel. Irgendetwas sagt mir, dass es gerade beim Radfahren schlau wäre, eine Brille aufzusetzen.
Schnell finde ich eine Sonnenbrille, die zwar nicht besonders gut sitzt, dafür aber echt viel kostet – juhu. Aber wer schlecht vorbereitet anreist, darf eben nicht wählerisch sein, und ich bin froh, hier im Stadtzentrum überhaupt eine bekommen zu haben, die unter 50 Euro kostet. Für eine „echte“ Ray-Ban ist das natürlich ein Schnäppchen … wer’s glaubt, wird selig. Wer glaubt, hier würden Dumping-Preise herrschen, irrt also.
Geld in Albanien: Lek, Karten und ein verräterischer Automat
Die Landeswährung ist der albanische Lek (ALL). In touristischen Gegenden werden Euro teilweise akzeptiert, empfohlen wird jedoch trotzdem, Bargeld in Lek dabeizuhaben. Die Sonnenbrille konnte ich noch mit Karte zahlen, aber für die kommenden Tage fühle ich mich mit Cash doch etwas sicherer.
Also steuere ich voller Vertrauen und Zuversicht den Geldautomaten neben dem Tirana Castle an. Meine Tante witzelt noch: „Gleich ist die Karte weg!“ Ich lache. Dann zieht der Automat meine Karte ein – und ich lache nicht mehr.
Der da ist es, das miese Stück!

Direkt neben dem Automaten befindet sich ein Wachhaus der Security-Mitarbeiter:innen des Tirana Castle. Allein deshalb hatte ich dämlicherweise geglaubt, dass der Automat bestimmt vertrauenswürdig sei. Der anwesende Wachmann spricht zwar kein Englisch, und sein Interesse, sich mit unseren Problemen zu beschäftigen, hält sich in überschaubaren Grenzen, aber er leiht mir dennoch sein Handy. Ich weiß die albanische Vorwahl nämlich nicht auswendig und habe natürlich auch kein Internet, um sie zu googeln. Die Telefonnummer der Firma steht glücklicherweise auf dem Automaten.
Das Gespräch verläuft ernüchternd: Die Karte wird in vier bis fünf Tagen abgeholt, ich solle doch bitte eine Mail mit all meinen Daten und der Wunschfiliale schreiben, in die die Karte anschließend gebracht werden soll. Dort könne ich sie dann in etwa zwei Wochen abholen. Ja, Pustekuchen.
Da wir Tirana bereits am nächsten Morgen verlassen, schleiche ich missmutig ins Hotel, klappe meinen Laptop auf, lasse die Karte sperren und mir eine neue nach Hause schicken. Grummel. Irgendwie nicht die schönste Art, diese Reise zu starten.
Tirana im Wandel: Zwischen Baustelle, Beton und Bergen
Aber vielleicht ist Tirana auch nicht der beste Ort dafür – ich bin schließlich kein großer Fan von Städten. Sie sind mir meist zu laut, zu voll und irgendwie doch immer gleich. Mein erster Eindruck von Albanien ist zudem aufgrund der Kartengeschichte vielleicht etwas getrübt und nicht ganz fair. Denn ich ahne schon, dass Tirana nicht der schönste Teil des Landes ist, den wir auf unserer Reise entdecken werden.
Einerseits ist die Stadt ein bisschen schäbig und heruntergekommen, andererseits wird auch viel gebaut. Schaut man sich die neuesten Hochhäuser an, gewinnt man den Eindruck, jede:r Architekt:in durfte hier einmal Kindheitsfantasien in die Realität umsetzen. Herausgekommen ist ein wildes Durcheinander aus Form, Farbe, Stil und Struktur.

Doch wenn man den Blick weiter in die Ferne schweifen lässt, sieht man die Berge. Und da zieht es mich hin.
Erwartungen an Albanien: Authentisch, ursprünglich, unentdeckt?
Am Abend lernen wir unsere Reisegruppe kennen, und auf die Frage: „Warum seid ihr ausgerechnet nach Albanien gekommen?“ antworten alle mehr oder weniger dasselbe: Wir wollen das Land kennenlernen, bevor es vom Massentourismus überrollt und verändert wird. Wir wollen das ursprüngliche, das authentische Albanien erleben. Ich nicke zustimmend.
Im Laufe der Reise werde ich mich manchmal noch kopfschüttelnd an diesen Moment erinnern.
Essen in Tirana: Überraschend vegetarisch
Aber ich galoppiere voraus, denn noch sitzen wir ja gar nicht in den Sätteln unserer E-Bikes. Stattdessen lassen wir unseren ersten Abend in Tirana in einem kleinen Restaurant “Vila Ferdinand” im Botschaftsviertel ausklingen. Es gibt landestypische Speisen, und ich bin überrascht, wie viel davon vegetarisch ist.



Klar, die Fleischbällchen lade ich mir nicht auf den Teller, aber das frisch gebackene Maisbrot, die Salate, die Dips und der Tzatziki landen dort genauso wie das überbackene Gemüse und die mit Feta und Spinat gefüllten Blätterteigtaschen. Die albanische Küche ist herzhaft, bodenständig und stark von der osmanischen, mediterranen und balkanischen Küche geprägt. Viele Gerichte basieren auf einfachen, regionalen Zutaten wie Gemüse, Joghurt, Käse, Olivenöl und Kräutern.
Erste Learnings aus Albanien
- Auch Vegetarier:innen werden in Albanien satt
- Sonnenbrille nicht vergessen
- Keine Geldautomaten benutzen, stattdessen Geld am Flughafen tauschen (auch wenn der Kurs dort ungünstiger ist)
- Die albanische Vorwahl (die nicht mit der Telefonnummer auf dem Geldautomaten abgedruckt wird) lautet: +355



4 Comments
Brigitte Wallraf
Auf diesen Blog habe ich voller Spannung gewartet. Ja, wir haben diese Reise zusammen gemacht. Aber jeder hat seine eigene Perspektive. Und ich war sehr gespannt darauf, ob sich unsere Eindrücke im Nachhinein decken. Und was Tirana angeht, bis auf den ärgerlichen Verlust deiner Kreditkarte, kann ich dir nur beipflichten. Gerne hätte ich noch etwas mehr Zeit gehabt, um etwas tiefer einzutauchen. Aber mir geht es so wie dir, wichtiger als die Städte ist mir das Eintauchen in die Landschaft. Ob Albanien das hält, was wir uns von dieser Reise versprochen haben? Die Fortsetzung folgt hoffentlich bald.
Rosa
Liebe Brigitte,
ich hoffe, dass es dir Spaß macht, noch einmal mit mir auf die Reise zu gehen und Albanien zu erkunden. Ich werde versuchen, ab jetzt jede Woche einen neuen Artikel zu schreiben, schließlich habe ich im April meinen ersten Vortrag über die Reise und da muss alles fertig sein! 🙂 Ich selber bin auch irgendwie gespannt, die Reise noch mal ganz in Ruhe zu reflektieren, mir die Bilder anzusehen und in Worte zu fassen, was ich alles unterwegs gefühlt und erlebt habe!
Ilonda Hengartner
Es geht mir wie dir Brigitte – ich habe auch auf den Reisebericht gewartet – er ist sehr interessant und natürlich sehr gute Fotos!
Rosa
Wie schön, dass wir nochmal gemeinsam auf die Reise gehen und das Ganze sozusagen revue passieren lassen. 🙂