Mein Hundeleben auf der Alp Flix – Ein Paradies in den Schweizer Alpen

Reisen führt zu noch mehr Reisen. Zumindest bei mir. In Äkäskero habe ich Verena kennengelernt, wir waren in einer Gruppe auf unser Huskytour durch Lappland. Als wir uns am Flughafen in Helsinki verabschieden ruft sie: „Und wenn ihr mal in die Schweiz möchtet, kommt uns besuchen!“ So etwas sagt man ja oft, aber Verena lässt ihren Worten Taten folgen. Schon wenige Tage darauf habe ich ihre Einladung im Postfach, sie, ihren Mann Andi und ihre Hündin Ira zu ihrer Familienhütte auf die Alp Flix zu begleiten.

Teure Schweiz? Günstige Schweiz! (mit ein bisschen Flugscham)

Die Alp Flix? Nie gehört! Doch Google spuckt die schönsten Bilder eines traumhaften Bergpanoramas im Heidi-Stil aus. Ein Flug von Köln nach Zürich kostet hin und zurück 80€. Gerne würde ich mit dem Zug fahren um den CO2-Ausstoß geringer zu halten, doch bei den Preisen der Deutschen Bahn ist das mal wieder ein Ding der Unmöglichkeit. Also buche ich mit etwas schlechtem Gewissen bei eurowings und Ende Juni stehe ich nach nur 40 Minuten Flug am Flughafen von Zürich.

Den Abend verbringe ich in der Wohnung meiner Gastgeber un nehme ein Bad im wunderschönen und absolut sauberen Zürichsee. Die Stadt scheint sich zu lohnen, doch da wir uns mitten in einer Hitzewelle befinden bin ich froh, dass wir am nächsten Tag in die Berge aufbrechen.

Unerwartetes Shoppingparadies – Wilde Wurst und himmlische Nusstorte

Von Zürich geht es mit dem Zug über Chur nach Tiefencastel, mit dem Postbus nach Sur und mit dem Alpentaxi auf die Alp Flix. Die Alp Flix ist ein Paradies in den Bündner Alpen, das sich eine idyllische Abgeschiedenheit bewahrt hat. Es gibt einige Hütten, ein Restaurant und Hotel und viel, viel Natur.

In Erwartung selbiger habe ich auch nur ein paar Franken mitgenommen, doch das erweist sich als Fehler. Denn besagtes Restaurant, das Berghaus Piz Platta, wartet mit den köstlichsten Spezialitäten auf. Da wir in der Schweiz sind, sind diese nicht billig, aber die unglaublich karamellige Bündner Nusstorte und das cremige Eis von Werner und Renske sind jeden Rappen wert.

So schmilzt meine Barschaft wie das „Glacé“ in der Sonne. Dabei brauche ich sie doch noch, denn weitere Köstlichkeiten säumen den Weg zu unserer Hütte. Bei Cotti Agricultura kann man sich frische Schafsmilch in den blechernen Henkelmann abfüllen lassen und im Hofladen mit Selbstbedienung findet sich alles von Schmuck über Murmeltierfell bis zur Damhirschsalsiz. Als Vegetarierin für mich uninteressant, aber ich kenne da jemanden, der sich bestimmt darüber freut.

Unfreiwilliges Digital Detox in der Schweiz – Nix mit Roaming

So ist es hier gar nicht so abgeschieden, wie ich dachte und trotzdem sind wir weit entfernt vom Massentourismus. Die Schweiz wäre aber nicht die Schweiz, wenn es in den Bergen nicht auch Internetempfang gäbe.

Allerdings nicht für mich. Denn das vergisst man seit dem Ende der Roaming-Gebühren in Europa gerne mal: Die Schweiz ist nicht in der EU und dementsprechend muss man hier zahlen. Und wie! Mein Anbieter schickt mir eine liebenswürdige SMS mit dem verlockenden Angebot 100MB für nur 29,99€ zu kaufen. Ach nein, danke! Der Sonnenuntergang bietet doch tatsächlich mehr Unterhaltung als Instagram.

Hosensack, Bütschgi und Lavabos – Ich lerne Schwyzerdütsch

Daher konzentriere ich mich nicht aufs Handy, sondern auf die wunderschöne Landschaft und das Bücherregal in unserer Hütte. Verena empfiehlt mir einen Roman über den Stausee unten im Tal. Hier wurde in den 50er Jahren das Dorf Marmorera geflutet und es befindet sich noch heute zerstört auf dem Grund des Sees. Der Roman dreht sich um einen Fluch, der die Dorfbewohner heimsucht und wird immer verworrener.

Meine Verwirrtheit liegt aber nicht nur am Inhalt, sondern auch an den schwyzerdütschen „Fachbegriffen“. Angeblich ist das Buch auf Hochdeutsch geschrieben, dass es sich beim Lavabos um das Waschbecken und beim Hosensack um die Hosentasche handelt ist mir aber nicht auf Anhieb klar und führt zu einigen Nachfragen und Gelächter bei meinen Gastgebern.

Mein mit Abstand liebstes neugelerntes Wort ist allerdings „Bütschgi“. Während einer Wanderung auf den Piz Cucarnegl genehmige ich mir einen Apfel. Verena ruft mir im Vorbeigehen zu „S Bütschgi is für Ira!“

Aha.

Wer oder was ist für Ira? Ob mir die Höhe langsam auf’s Hirn schlägt?

Bütschgi ist das Kerngehäuse, bei mir zu Hause eher Apfelkitsch genannt und anscheinend hat Ira eine Vorliebe für Obst. Da ich dem Hund vom ersten Augenblick an hoffnungslos verfallen bin, esse ich von nun an einen Apfel nach dem nächsten, um den Bütschgi-Nachschub zu gewährleisten.

Liebe auf leisen Pfoten – Die Alp Flix ist perfekt für Reisen mit Hund

Denn nichts macht mir mehr Freude als Ira, wenn sie vor mir sitzt, mich aus braunen Augen erwartungsvoll ansieht um dann sanft den (oder das?) Bütschgi aus meiner Hand zu nehmen. Ira ist das unangefochtene Highlight Nummer 1 für mich. Jeden Morgen wartet sie im Wohnzimmer schwanzwedelnd auf jemanden, der ihr den Bauch krault. Tagsüber stürmt sie über bunte Wiesen und eisige Schneefelder, springt in türkisfarbene Gletscherseen oder erklimmt steile Schotterpisten. Und jeden Abend spiele ich mit ihr „Versteck das Rinderohr“. Irgendwo auf der Alp verstecke ich diesen Snack und sie sucht, bis sie das Ohr auf einem Felsen, unter einer Tanne oder im Holzstoß findet.

Wer mit Hund reisen möchte, ist hier also genau richtig. Es gibt erstaunlich viele Mülleimer und an jedem finden sich die roten Beutel, um die Alp frei von Hinterlassenschaften zu halten. Fast überall kann Ira frei laufen, nur in den kleinen, dorfähnlichen Häuseransammlungen kündet ein rätoromanisches(?) Schild „Tgangs alla chinta!“, also „Hunde an die Leine“.

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Steiles, wegloses Wanderparadies

Andi, Verenas Mann, rast die Berge derart schnell herauf und herunter, dass mir die Spucke wegbleibt. Und das Blut in den Ohren pocht, als ich versuche mitzuhalten. Insgesamt schäme ich mich auf dieser Reise meiner nicht vorhandenen Kondition besonders. Alle hier sind älter als ich, aber alle sind sehr viel besser in Form. Die sollte man nämlich mitbringen, wenn man die Alp von oben sehen will. Eine Erkältung im Gepäck ist hingegen ziemlich hinderlich.

Wir besteigen den Piz Cucarnegl und den Piz Falotta, beide Male kommen wir auf knapp 3000 Höhenmeter. Wege gilt es dabei nur selten zu beschreiten, stattdessen geht es querfeldein und immer nach oben.

Ich bin immer die Letzte mit dem rötesten Kopf und dem lautesten Atem. Selbst Ira, die mit 11 Jahren eigentlich schon eine Seniorin ist, lässt mich stets weit hinter sich. Und trotzdem macht es mir Spaß, die Schweizer Berge zu erobern. Wenn auch in langsamen Schritten.

Andi versucht mir zu helfen und Tipps zu geben, ich versuche im Gegenzug diese umzusetzen. Das klappt nicht immer und trotzdem verstehen wir uns gut. Wir sprechen über unsere Reisen, wo wir schon waren und wo wir noch hin möchten. Von Verena weiß er, dass ich auf jede Reise ein Messer mitschleppe und am liebsten auch immer ein landestypisches vor Ort kaufe. Da bin ich in der Schweiz natürlich goldrichtig, allerdings gibt es keine auf der Alp Flix. Eines abends bekomme ich deswegen von Andi ein Schweizer Armeemesser geschenkt. Und dabei lerne ich auch wieder etwas.

Von Soldaten und Offizieren – Kleine Messerkunde

Hier in Deutschland kennt man ja vor allen Dingen die dunkelroten Messer von Victorinox, davon habe ich auch eins zu meinem 7. Geburtstag bekommen. (Und mir direkt damit in die Hand gesäbelt, siehe Narbe linker Zeigefingerknöchel) Dabei handelt es sich um das Offiziersmesser. Es gibt aber auch ein einfacheres silberfarbenes, das Soldatenmesser. Der Unterschied? Die Offiziere haben einen Korkenzieher, die Soldaten einen Flaschenöffner!

Vorsicht vor der Höhensonne, oder ab ins Alpen-Spa

Zum Schluss bleibt mir nur noch ein gut gemeinter Appell. Habe ich euch die Alp Flix schmackhaft gemacht? Dann seid nicht so dumm wie ich und vergesst am ersten Tag die Sonnencreme, sonst müsst ihr den Rest der Tage im Flixer Paradies als verhüllter Hummer verbringen. Wobei…es hat auch zu ein bisschen Spa-Feeling geführt. Ira wird es mir wohl aber auf ewig übel nehmen, dass ich mich mit ihrem Lieblingsquark habe einschmieren lassen und sie nur tatenlos zuschauen durfte. Was für ein Hundeleben!