Fachbegriffe aus der Welt der Schlittenhunde: Kleines Musher-ABC

Während meiner Zeit in Finnland habe ich viel über die Arbeit mit Schlittenhunden gelernt. Und auch, wenn das jetzt absolutes Nischenwissen ist, würde ich gerne einige Erkenntnisse als Musher für euch zusammenfassen. Vielleicht hilft es ja dem ein oder anderen, wenn er zum ersten mal auf dem Schlitten steht.

Der Schlitten

Um ein Gespann zu bilden, braucht man natürlich zuerst einen Schlitten. Hierbei gibt es Unterschiede: Er kann aus Holz, Metall oder Carbon sein, er kann auf Kufen gleiten, oder kufenlos auf der Unterfläche (z.B. bei Toboggan oder Pulka).

Kufen

Der klassische Hundeschlitten läuft auf Kufen, diese bilden auch die Standfläche für den Schlittenführer (Musher). Bei manchen Schlitten werden hinter dem Musher auf den Kufen noch Boxen für Material oder Proviant befestigt, diese können dann bei langen Strecken auch als Sitzgelegenheit dienen.

Handle Bar

Meistens handelt es sich hierbei um einen durchgehenden Bogen, der die Rückseite des Schlittens bildet, und an dem der Musher sich während der Fahrt festhalten kann.

Brush Bow

Dieses gebogene Teil bildet die Front des Schlittens. Die Rundung sorgt dafür, dass der Schlitten nicht auseinander bricht, wenn man gegen ein Hindernis fährt und schützt die Hunde beim versehentlichen Auffahren (was natürlich nicht passieren sollte!).

Bremskralle

Dieser doppelte Metallhaken befindet sich zwischen den Kufen und wird durch ein elastisches Seil so auf Zug gesetzt, dass er während der Fahrt automatisch hochklappt. Wenn das Gespann gestoppt oder gebremst werden soll, drückt man die Krallen mit einem Fuß in den Schnee zwischen den Kufen.

Bremsmatte

Soll das Gespann lange Strecken laufen, ist es wichtig, dass die Hunde ein gleichmäßiges Tempo halten und nicht ständig galoppieren. Dies kann durch eine Bremsmatte aus Gummi erreicht werden, die zwischen den Kufen befestigt ist und durch den Schnee schleift. Um das Tempo zu drosseln, kann ein Fuß auf die Bremsmatte gesetzt und Druck ausgeübt werden, statt direkt die Bremskralle einzusetzen.

Schneeanker

Mit den vorgenannten Utensilien, kann man den Schlitten bremsen oder zum Halten bringen. Damit er aber auch ohne das Eigengewicht des Mushers an Ort und Stelle bleibt, gibt es einen oder zwei Schneeanker. Hierbei handelt es sich ebenfalls um große Metallhaken, die meist mit Seilen am Schlitten befestigt sind und in der Nähe des Handle Bars montiert werden. Sie werden seitlich vom Schlitten in den Schnee geworfen und festgetreten.

Schlittensack

Ja nachdem, wie lange man unterwegs ist, braucht man natürlich Proviant und Ausrüstung. Diese werden im Schlittensack transportiert, der am besten wasser- und winddicht ist und auf dem Schlitten befestigt wird. Darin können auch Passagiere oder verletzte Hunde transportiert werden.

Das Gespann

An unterschiedlichen Orten nutzt man unterschiedliche Arten von Gespannen. Jedes hat seine Vor- und Nachteile hinsichtlich Terrain und Handling.

Fächergespann

Diese meist in Grönland genutzte Gespannform ermöglicht es, jeden Hund einzeln an den Schlitten zu spannen und ihm so ein maximales Maß an Flexibilität zu geben. Das kann beim Lenken allerdings auch einen Nachteil bedeuten. Die Hunde laufen nebeneinander in einem weiten Fächer. Ein Fächergespann macht nur dann Sinn, wenn eine relativ freie Fläche ohne Baumbestand befahren wird, da es ansonsten zu Problemen kommen kann, wenn ein Hund das Hindernis rechts und einer links passiert. 😉

Aufbau eines Fächergespanns

Tandemgespann

Beim Tandemgespann werden die Hunde einzeln und hintereinander zwischen zwei Leinen oder sogar festen Stangen eingeschirrt. Ein Verheddern ist hier fast gar nicht möglich, allerdings auch keine gleichmäßige Kraftverteilung. daher wird diese Form meist nur für kleine Gespanne verwendet, z.B. um eine Pulka zu ziehen.

Aufbau eines Tandemgespanns

Doppelgespann (Double Hitch)

Die wohl gängigste und bekannteste Gespannform. Hier werden die Hunde paarweise nebeneinander an einer mittig laufenden Leine angespannt. Dieses Gespann ist sehr agil und ermöglicht es, enge Kurven zu nehmen und schmale Trails zu befahren. Zudem ist hier ein Verheddern der Hunde untereinander deutlich unwahrscheinlicher, als im Fächergespann. Die Kraftübertragung ist besser und die Hunde werden gleichmäßiger belastet. Dieses Gespann möchte ich gerne etwas näher erläutern.

Aufbau eines Double Hitch Gespanns

Lead Dogs

Ganz vorne im Doppelgespann läuft der Leithund/die Leithunde. Hier sitzt das Hirn des Gespanns und in der Regel sind hier die intelligentesten Tiere angeschirrt. Sie müssen einerseits den Kommandos des Mushers Folge leisten, wenn er einen Richtungswechsel oder einen Stopp befiehlt, andererseits schadet es auch nicht, wenn der Musher sich auf ihre Instinkte verlassen kann, z.B. wenn über Eis gefahren wird.

Swing Dogs

Direkt hinter den Leithunden laufen die sogenannten Swinger oder Swing Dogs. Sie müssen die Vorgaben der Leader umsetzen und den Rest des Teams dazu animieren, mitzuziehen.

Team Dogs

Alle Hunde, die zwischen den Swingern und den Wheel Dogs laufen, sind Team Dogs. Bei den großen Langstreckenrennen wie dem Iditarod oder dem Yukon Quest laufen bis zu 16 Hunde in einem Gespann, der Großteil sind dann Team Dogs. Ein Gespann kann natürlich auch nur aus vier Hunden bestehen, den Lead Dogs und den Wheel Dogs.

Wheel Dogs

Direkt vor den Schlitten rennen die Wheel Dogs. Hier werden die Muskeln des Gespanns positioniert, das heißt, es handelt sich meist um große und starke Hunde. Sie müssen beim Start und Anziehen des Schlittens die meiste Arbeit leisten, gerade wenn der Schlitten feststeckt oder angefroren ist. (Letzteres sollte ein guter Musher allerdings vorab checken und verhindern.)

Leinen

Das, was Schlitten und Hunde zu einem Gespann macht, sind die Leinen. Hier erläutere ich die eines Double Hitch Gespanns.

Gangline

Eine lange, gerade Leine, die vorne durch den Brush Bow läuft. Meist dient ein elastisches Verbindungsstück als Überbrückung, da das Anziehen so für die Hunde erleichtert wird.

Neckline

Diese kurzen Leinen gehen von der Gangline ab und werden mit den Halsbändern der Schlittenhunde verbunden. Das sorgt dafür, dass die Hunde sich während des Laufs nicht umdrehen können oder zu weit von der Gangline entfernen. Daher sind die Necklines relativ kurz. Das Lead Pair wird vorne mit einer Neckline verbunden.

Tugline

Auch die Tuglines gehen von der Gangline ab. Sie werden hinten an den Geschirren der Schlittenhunde eingehakt. Sie sind etwas länger um den Hunden ein gewisses Maß an Bewegungsfreiheit zu ermöglichen.

Anchorline

Die Anchorline ist dazu gedacht, den Schlitten bei längeren Stopps zu fixieren. Sie ist meist so befestigt, dass sie während der Fahrt neben, bzw. hinter dem Schlitten herschleift. So kann der Musher sie greifen, während er noch auf der Bremskralle steht.

Mit einem bestimmten Schlingknoten kann die Anchorline an einem Baum oder Pfahl befestigt werden. Bei Zugbelastung von vorne zieht sich der Knoten zu, zieht der Musher an dem ihm zugewandten Ende, löst sich der Knoten von allein.

Anleitung für den selbstlösenden Knoten

Die Garderobe des Schlittenhundes

Die Hunde brauchen eine eigene kleine „Garderobe“, also eine Sammlung an notwendigen oder nützlichen Kleidungsstücken.

Halsband

Hierzu muss ich wohl nicht viel sagen. Das Halsband wird über den Kopf gezogen, darf weder zu eng noch zu locker sitzen und braucht einen Ring, an dem die Neckline befestigt werden kann.

Harness/Geschirr

Herzstück des Schlittenhundekleiderschranks ist natürlich das Geschirr, der sogenannte Harness. Hier gibt es verschiedene Varianten wie X-Back, H-Back oder Pulkageschirre. Es handelt sich in der Regel um weiche, flexible Materialen, die gut gepolstert sind.

Der Harness wird über den Kopf des Hundes gestülpt und seine Vorderbeine hindurch gezogen. Dies geht am besten, indem man sich über den Hund stellt und ihn sacht hinter dem Brustkorb mit den Knien fixiert. Man rafft das Geschirr zusammen und zieht es in einem über den Kopf. Darauf achten, dass das Halsband oberhalb des Geschirrs sitzt. Dann greift man durch die Vorderbeinlöcher, umfasst das Bein des Hundes, knickt die Vorderpfote nach hinten und zieht das Bein durch.

Am Ende des Geschirrs findet sich oben oder seitlich eine Schlaufe, an der die Tugline eingehakt wird. Bei der seitlichen Varainte macht es Sinn, den Hund abwechselnd rechts oder links einzuspannen, um eine gleichmäßige Belastung sicherzustellen.

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T-Shirts

Da die Geschirre unter den Achseln der Hunde hindurch laufen, kann es passieren, dass sie das Fell oder sogar die Haut des Tieres aufscheuern. Daher sollte der Musher nach jedem Lauf schauen, ob hier Verletzungen entstanden sind und diese gegebenenfalls mit Salbe behandeln.

Um weiteres Scheuern zu verhindern, kann es sinnvoll sein, dem Hund ein T-Shirt aus Neopren oder ähnlichem Material anzulegen. Das erfordert ein bisschen Übung. Und Geduld von Seiten des Hundes. 😉

Booties

Hierbei handelt es sich um Schutzsocken für die Hunde. Geht es über scharfkantiges Terrain oder hat einer der Hunde an den empfindlichen Pfotenballen eine kleine(!) Verletzung erlitten, werden diese über die Pfote gezogen.

Meist werden sie oben mit Klettband geschlossen und bestehen aus strapazierfähigem Material wie Cordura. Nicht selten passiert es, dass die Hunde die Booties beim Laufen verlieren. Der aufmerksame Musher kann dann versuchen, sie beim Fahren einzusammeln.

Kommandos

Während in Grönland die Hunde oft sitzend vom Schlitten mit einer Peitsche gelenkt werden (diese ist nicht dazu da, die Hunde zu schlagen, sondern akustische Signale zu geben), laufen Schlittenhunde in Europa und Nordamerika meist auf Kommando. Weit verbreitet sind „Okay/Go“ für den Start, „Gee“ für rechts und „Haw“ für links (englische Aussprache). „Easy“ oder „ein langgezogenes „Whoaaaa“ signalisieren eine langsamere Fahrt, bzw. Halt.

Natürlich kann jeder Musher seinen Hunden eigene Kommandos beibringen und das Repertoire auch erweitern. Wichtig ist, dass die Kommandos gerade bei den Lead Dogs sitzen!

Kennel

Die Bezeichnung für das Gehege, bzw. den Zwinger, in dem eine größere Anzahl an Schlittenhunden untergebracht ist. Meist handelt es sich hierbei um ein großes, umzäuntes Gelände mit einzelnen Abteilungen in denen einer oder mehrere Hunde zusammen leben. Darin befinden sich dann eine Hütte o.ä. Kennel wird auch die Gesamtheit der Hunde genannt, wenn es sich zum Beispiel um einen Zucht- oder Rennkennel handelt.

Beispiel für den Aufbau eines Kennels mit mehreren Gehegen

Doghandler

Während der Musher der Schlittenführer ist, der das Gespann lenkt, ist der Doghandler eine Person, die sich stationär um die Hunde kümmert. Bei Rennen bedeutet das, dass dieser am Checkpoint die Hunde mit Wasser, Nahrung und Strohbetten versorgt. In einem festen Kennel fallen natürlich auch Reparaturarbeiten, das Saubermachen der Gehege etc. in sein Ressort.

Trail

Als Trail wird der Weg bezeichnet, den Hunde während ihres Laufs nutzen. Meistens wird dieser mit Hilfe eines Schneemobils „gebrochen/gespurt“, also vorbereitet.

Was es zu beachten gilt: Tipps für’s Mushing

Vorbereitung der Schlitten und Leinen

Bevor das Abenteuer beginnt, sollte das Equipment inspiziert werden. Das bedeutet, die Leinen müssen untersucht werden, man sollte testen, ob die Haken sich ohne Probleme öffnen und schließen lassen und so viele Leinen bereitlegen, wie man braucht. Dann wird der Schlitten geprüft.

Hat sich Eis an den Kufen festgesetzt, muss es abgeschlagen werden. Lässt sich die Bremskralle heben und senken? Wenn alles passt, können die Leinen am Schlitten befestigt und dieser an den Startplatz geschoben und dort verankert werden. Nun die persönliche Ausrüstung sicher verstauen, aber so, dass man an das Wichtigste (heißes Getränk, trockene Handschuhe) während der Fahrt drankommt.

Anschirren der Hunde

Wenn ihr beim Anschirren der Hunde helfen dürft oder sollt, ist es wichtig, dass das Team zueinander passt. Es kann sein, dass man die perfekten Lead und Wheel Dogs hat, wenn diese sich aber nicht leiden können, führt das nur zu Unruhe im Gespann. In der Regel machen Musher vor jedem Lauf Listen, wer in welchem Team läuft.

Wir haben immer zuerst den Leithunden ihren Harness angezogen und sie eingespannt. Dann folgen Swing und Team Dogs, zuletzt kommen die Wheel Dogs. Meist wird es recht laut, wenn die Hunde wissen, dass es raus geht, aber man darf sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Am besten ist es, wenn jemand die bereits angeschirrten Hunde beobachtet und einschreitet, wenn ein Hund beginnt, seinen Harness, seine Booties oder seine Leinen zu fressen.

Hände am Schlitten!

Ich habe schon den ein oder anderen Touristen vom Schlitten purzeln sehen, weil er den Start unbedingt mit seinem Smartphone filmen wollte. Gerade wenn die Hunde anziehen, geht ein ordentlicher Ruck durchs Gespann. Also, mindestens eine Hand am Schlitten und beide Füße fest auf die Kufen. Falls ein Doghandler dabei ist, kann er auch die Schneeanker oder die Anchorline lösen.

So nicht ; )

Konzentration wie beim Autofahren

Genau wie beim Autofahren muss man als Musher einige Dinge immer wieder kontrollieren. Zwar geht es hier nicht um Spurwechsel, Blinker setzen und Ampelstops, aber man kann auch nicht nur die Landschaft genießen. Fährt man in einer Kolonne, sollte man stets den Vordermann und ab und an auch den Hintermann im Blick haben und Signale in beide Richtungen weitergeben.

Auch die Hunde sollten aufmerksam beobachtet werden: Sind die Abstände zwischen den Schlitten nicht zu groß oder zu klein? Sind die Leinen straff? Hat sich ein Hund verheddert und braucht Hilfe? Sehe ich Blut im Schnee, das auf eine Verletzung hindeutet? Sind alle Booties noch da, wo sie sein sollen? Muss einer der Hunde auf’s Klo? Die meisten Hunde erleichtern sich beim Laufen, aber gerade für große Geschäfte möchten manche lieber anhalten. Das deutet sich meist schon in der versuchten Hockhaltung an, dann sofort bremsen, damit der Hund nicht vom Schlitten überfahren wird.

Auch wenn in der Regel nicht mit viel Verkehr zu rechnen ist, kann es sein, dass man Skiläufern, Schneemobilen, anderen Hundeteams oder Wildtieren begegnet, oder, dass eine Straße abgesichert werden muss. Sollte es mal eng werden auf dem Trail und der andere partout nicht ausweichen, am besten die Schneeanker setzen, den Leithund am Halsband nehmen und mit seiner Hilfe das Gespann zur Seite ziehen.

Muss eine Straße überquert werden, so halten am besten alle Gespanne davor und der letzte Musher kommt nach vorne und sichert die Überfahrt. Sollte sich sein Team losreißen, muss es so zwangsläufig an ihm vorbei. 😉

Niemals loslassen!

Gerade, wenn man alleine unterwegs sein sollte, kann diese Regel zwar sehr unbequem werden, ist aber (über)lebensnotwendig. Ist das Gelände unwegsam, der Trail noch nicht gebrochen oder man selbst unkonzentriert, kann es passieren, dass man von den Kufen rutscht. Dann sollte man auf keinen Fall den Handle Bar loslassen, selbst, wenn der Schlitten umkippt und man durch den Schnee schleift. Abgesehen davon, dass man dann mutterseelenallein irgendwo in der Wildnis sitzt, wird es für die Hunde gefährlich, sie könnten auf eine Straße laufen und angefahren werden o.ä.

Sollte man an den Schneeanker kommen, kann man diesen werfen um den Schlitten zu stoppen. Ansonsten versucht man am besten, sich auf die Seite zu drehen, ein Bein anzuziehen (geht schlecht, wenn man bäuchlings schleift) und mit dem Knie auf eine Kufe zu kommen. Dann kann man sich langsam wieder hocharbeiten.

Unterstützung der Hunde

Gerade bergauf kann es für die Hunde anstrengend werden, Musher, Schlitten und Gepäck zu ziehen. Dann sollte man sie unterstützen, indem man entweder mit einem Fuß pedalt, als ob man einen Tretroller fahren würde, oder tatsächlich absteigt und mit schiebt. Aber: Immer beide Hände am Schlitten lassen! Gerade in tiefem Schnee stolpert es sich leicht und dann ist der Schlitten schneller weg, als man gucken kann.

Gleichmäßiges Fahren

So sehr ich selbst einen Hang zur Geschwindigkeit habe, für die Hunde ist ein gleichmäßiges Tempo besser. Natürlich kann man sie auch mal schnell laufen lassen, wenn es aber gilt, große Distanzen zu bewältigen, sollten sie traben und nicht galoppieren. Außerdem sollten alle Hunde im Gespann in der gleichen Geschwindigkeit laufen.

Dogs first, humans second

Ist der Lauf beendet, kann man allerdings nicht wie beim Auto einfach den Motor abstellen, den Schlüssel ziehen und in die warme Hütte flüchten. Hier haben die Hunde Priorität vor den menschlichen Bedürfnissen. Sie müssen abgeschirrt und angekettet oder zurück in den Kennel gebracht werden.

Manche Musher geben nach einem Lauf Wasser, füttern sollte man aber nicht direkt. Es sollte geschaut werden, ob irgendein Hund sich wund gelaufen hat. Auch eine Streicheleinheit als Dankeschön für die geleistete Arbeit muss drin sein! (Zumindest, sofern die Hunde das mögen.)

Der Schlitten muss gesichert und die Leinen gut verstaut werden. Erhalten die Hunde später noch Futter, sollte das Fleisch vorbereitet/aufgetaut werden. Erst dann kann man sich entspannen, die Hunde sich selbst überlassen und sich freuen, dass man ein so großartiges Abenteuer erlebt hat! 😉

Weitere Tipps und Infos

Das alles sind nur Erfahrungswerte, die ich nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt habe. Das heißt nicht, dass andere Hundebesitzer alles genauso machen und im Zweifel sollte man immer auf denjenigen hören, der am meisten Erfahrung hat und für die Tiere verantwortlich ist!

Wer noch auf der Suche nach Tipps zur richtigen Kleidung für Schlittenhundefahrten ist, findet im Artikel „Was zieh ich an, wenn ich in die Arktis reise?“ Informationen!

Und wer tiefer in die Materie eintauchen möchte, der ist mit diesem Buch aus dem Reise-Know-How-Verlag gut bedient:

Farmstay in Finnland: Der Tag, an dem die Arktis mich das Fürchten lehrte

Es ist ein kalter, kalter Tag. Morgens zeigt das Thermometer -40° Grad an, als ich aus der Hütte trete und mich zum großen Hundezwinger begebe. Die Luft schockfrostet meine Lungen und sofort werden die Augen trocken. Auf dem Thunfisch-Wasser im Eimer in meiner behandschuhten Hand bildet sich eine dünne Eisschicht, die ich immer wieder mit der Plastikkelle durchstoßen muss, um Wasser in die Näpfe der Hunde zu füllen.

Ich befinde mich im Norden Finnlands auf einer einsamen Huskyfarm mitten im Nirgendwo. Hier verbringe ich einen Winter, um Schlittenhunde zu trainieren. Jeden Tag kümmere ich mich um die knapp 60 sibirischen Huskys, füttere sie, mache ihre Gehege sauber, halte ihre Geschirre in Stand. Und natürlich fahre ich mit ihnen und den Schlitten raus in die weißen Wälder der Arktis.

Heute ist ein Tag, auf den ich mich sehr gefreut habe, denn heute wollen wir eine besonders lange Tour laufen. Normalerweise trainieren wir immer nur auf kurzen Runden, zwischen sieben und elf Kilometern, doch für diesen Tag sind über 40 Kilometer geplant. Mit vier Teams brechen wir auf in die Kälte.

Zu Anfang läuft alles wie am Schnürchen: Meine Hunde ziehen gut, der Trail ist fest und ich bin glücklich.

Doch dann zeigt der Norden seine Zähne. Wir fahren in ein schattiges Tal und ich spüre, wie die Temperatur weiter fällt. Dann kommt Wind auf.

Wir haben erst zehn Kilometer geschafft, als ich merke, dass etwas mit meinen Füßen nicht stimmt. Vielleicht waren drei Paar Socken doch zu wenig. Vielleicht auch zu viel. Vielleicht habe ich die Stiefel zu eng geschnürt. Oder es ist schlicht und ergreifend zu kalt für eine junge Frau aus dem warmen Deutschland. Denn langsam, ganz langsam frieren meine Zehen ein.

Es beginnt mit den Zehenspitzen, dann die Fußballen und zum Schluss der ganze Fuß. Zuerst ist es einfach nur Kälte, dann kommen die Stiche. Irgendwann fühlen sich meine Füße an wie in einem Schraubstock, und dann… gar nichts mehr. Meine Füße sind taub. Ab jetzt ist es schwierig, sich auf den schmalen Schlittenkufen zu halten und zu pedalen, um die Hunde zu unterstützen. Ich muss auf meine Füße schauen, sonst verheddere ich mich in der Bremse und werde vom Schlitten gerissen.

Als das Gleiche in den Fingern anfängt beginne ich mir Sorgen zu machen.

Im Vorfeld meines Farmstays habe ich von vielen Freunden und Freundinnen Sätze gehört wie: „Wow, echt mutig von dir, ganz alleine nach da oben zu gehen!“ oder „Ich würde mich das nicht trauen!“. Dabei kam ich mir gar nicht besonders mutig vor. Lappland ist schließlich nicht der Mond und ich habe mir trotz des Abenteuers, zu völlig fremden Leuten zu reisen um bei ihnen zu leben und für sie zu arbeiten, nie Sorgen um meine Sicherheit gemacht.

Aber jetzt zeigt mir die Arktis, warum sie seit hunderten von Jahren das Grab der Unvorsichtigen bedeutet. Eine falsche Entscheidung, eine kleine Dummheit, die zu Hause vielleicht Unannehmlichkeiten verursachen würde, kann hier oben tödliche Konsequenzen haben.

Ich muss an Jack Londons Geschichte „Ein Feuer machen“ denken. Sie handelt von einem Mann, der sein letztes Streichholz verschwendet und dem nichts anderes übrig bleibt, als sich selbst beim Erfrieren zuzuschauen. Captain Scotts Südpolexpedition kommt mir in den Sinn. Seine Männer starben einer nach dem anderen im Eis der Antarktis.

Ich versuche mich zu bewegen, die Muskeln anzuspannen, Kniebeugen auf den Schlittenkufen zu machen, springe mit meinen tauben Füßen vom Schlitten, klammere mich an den Griffen fest und renne mit, um wieder Blut durch meine Adern zu pumpen. Die Hunde legen sich ins Zeug und ich versinke mit jedem Schritt im Schnee.

Ich muss vorsichtig sein, denn wenn ich jetzt stolpere und den Schlitten verliere, habe ich ein Problem. Ein Musher darf sein Team nicht verlieren, schon um der Sicherheit der Hunde willen. Ich fahre am Ende unserer Gespannfolge und es könnte durchaus dauern, bis meinen Vorderleuten auffällt, dass das letzte Team ohne Musher läuft.

Ein Musher ist für sein Team verantwortlich und würde es nie willentlich aufgeben

Aber mein Körper hat schon zu viel Wärme verloren, als dass ich ihn auf diese Art aufheizen könnte. Also versuche ich die Zähne zusammenzubeißen und es zu ignorieren. Aber irgendwann kann ich an nichts anderes mehr denken als an die Kälte und an die 20 Kilometer die zwischen mir und der Wärme liegen. Nicht an die schöne Landschaft, die hart arbeitenden Tiere, meine Liebe zu diesem Land. Nur an die Kälte in meinen Knochen.

Mein Verstand sagt mir, dass ich nicht wirklich in Gefahr bin, dass mir das alles dramatischer vorkommt, als es ist. Aber diese vernünftige Stimme in meinem Kopf wird immer leiser, während Instinkte die Oberhand gewinnen. Mein Körper signalisiert mir, dass er bedroht wird und das macht mir Angst.

Es gibt einfach nichts, was ich machen kann und es hat keinen Sinn um Hilfe zu bitten, weil es keine gibt. Natürlich kann ich meiner Chefin signalisieren, dass es mir schlecht geht. Nur was soll dann passieren? Mein Team kann ich nicht im Stich lassen, abholen kommt mich hier auch niemand. Und selbst wenn, wäre das wahrscheinlich nicht schneller, als einfach mit den Hunden zurück zur Farm zu laufen.

Natürlich ist immer eine Person mehr dabei, als es Gespanne gibt, damit im Notfall jemand da ist, der sich kümmert. Diese Person sitzt vorne im Hauptschlitten. Ich könnte mit ihr tauschen, wärmer würde mir davon aber auch nicht. Und der Weg zurück nicht kürzer.

Irgendwann ist es dann aber sowieso an mir, diesen Platz einzunehmen. Ich will nicht, dass meine Chefin schlecht von mir denkt, denn niemand anderes scheint Probleme zu haben. Und trotzdem sieht man mir wohl an, wie mitgenommen ich bin, denn sie gibt mir Tee und Schokolade. Ab und zu springe ich raus und laufe hinter ihrem Schlitten her, um den müde werdenden Hunden die Arbeit zu erleichtern und wenigstens etwas aufzutauen.

Als endlich der zur Farm gehörige See auftaucht und dahinter die Hütten, fällt mir ein Eisberg vom Herzen. Meine Chefin wirft mir einen abschätzigen Blick zu und schickt mich in die Hütte. Ewig knie ich dort auf dem Boden, während sich auf den Holzdielen eine Pfütze um mich bildet, und versuche mit meinen tauben Fingern die vereisten Schnürbänder meiner Stiefel aufzunesteln.

Als ich endlich die Kleider von meinem kalten Körper geschält habe, schlüpfe ich unter meine Decke und schäme mich. Ich bin enttäuscht, dass ich den Lauf, auf den ich mich so gefreut hatte, kaum ertragen konnte. Und das, obwohl ich im Vergleich zu meinen Kollegen die beste Ausrüstung habe. In diesem Moment möchte ich einfach nur nach Hause.

Als ich eine halbe Stunde später einen Blick in meine Strümpfe riskiere, muss ich feststellen, dass meine Füße schneeweiß sind und an vielen Stellen blutige Risse aufgesprungen sind. Am Abend, als die Taubheit immer noch nicht gewichen ist, frage ich vorsichtig meine Chefin. Sie lacht und winkt ab. Das seien nur Erfrierungen ersten Grades, das gibt sich schon alles wieder.

Und sie behält recht. „Nur“ drei Monate später, als ich längst wieder im warmen Köln bin, weicht die letzte Taubheit aus meinen großen Zehen.

Als ich mich traue zu fragen, wie kalt es denn war, antwortet sie:

Mit Windchill?

-58°.

Verbotene Liebe: Eine Schlittenhunde-Seifenoper

Herzschmerz, Eifersucht, blinde Wut und heimliche Liebe: Man könnte meinen, das gibt es nur bei uns Menschen. Falsch gedacht! Hunde können all das genau so empfinden und erleben. Und wenn sich das Ganze dann noch vor einer grandiosen landschaftlichen Kulisse abspielt, dann sind wir im verschneiten Finnland. Herzlich Willkommen zur ersten Episode „Verbotene Liebe – Mit Schlittenhunden!“

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Kennt ihr das? Ihr reist an einen Ort und hinterher findet ihr heraus, dass es dort etwas gibt, was ihr unbedingt hättet sehen wollen, ihr wusstet aber einfach nichts davon? So geht es mir ganz oft mit Orten, die die Polarexpeditionsgeschichte betreffen.

Ein Führer zu Museen, Statuen und Denkmälern weltweit

Daher versuche ich mich jetzt immer VOR einer Reise schlau zu machen, das ist aber gar nicht so einfach. Und wenn es etwas nicht gibt, man es aber haben will, dann muss man es wohl selber machen. Daher kommt hier mein Polar Guide mit einigen Highlights der Schlittenhund- und Expeditionsgeschichte. Er ist noch bei Weitem nicht komplett, soll aber fortlaufend ergänzt werden.

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