Rezension: Abenteuer Mekong

Ich habe angefangen, Reiseliteratur zu rezensieren. Die Ergebnisse meiner Lesereisen möchte ich euch nicht vorenthalten, vielleicht ist ja etwas interessantes für euch dabei!

abenteuer-mekong-andreas-proeve-buchrezension

Reisen im Rolli – Andreas Pröve erkundet die Ufer des Mekong

Eine seltsame Prozession zieht da am Mekong entlang, dem gewaltigen Fluss, der sich durch Tibet, China, Laos, Kambodscha und Vietnam wälzt. Wie eine Schlange windet sich eine kleine Menschenmenge an den Ufern vorwärts. An ihrer Spitze ein Mann im Rollstuhl, gefolgt von vielen vietnamesischen Kindern. Andreas Pröve hat sich auf ein asiatisches Abenteuer begeben. Der Gelähmte weckt mit seinem ungewöhnlichen Vehikel immer wieder die Aufmerksamkeit und die Neugier der Einheimischen.

Reisen im Rollstuhl

Mit 23 Jahren hatte Pröve einen Motorradunfall, in dessen Folge er vom Brustkorb abwärts gelähmt ist. Das hindert den heute 57-Jährigen aber nicht, die Landschaften Asiens zu erkunden. Im Gegenteil, manchmal bringt es ihn den Menschen dort sogar näher. Besonders Kinder bewundern sein Gefährt immer wieder und legen alle Berührungsängste ab. Pröves Ziel ist es, Grenzen zu überschreiten, am liebsten seine eigenen. Zwanzig Stufen können ihn daran hindern, die Tempel von Angkor zu besichtigen – ein Hindernis, dass jemandem mit funktionsfähigen Beinen gar nicht auffällt. 5000 Höhenmeter aber erreicht Pröve mit eisernem Durchhaltewillen.

Gemeinsam mit seinem indischen Freund Nagender begibt sich der Deutsche auf eine 5700 km lange Reise: immer am Fluss entlang, vom Delta bis zur Quelle. Meist benutzt Pröve seinen mit Handbike ausgerüsteten Rollstuhl als Fortbewegungsmittel, aber auch Tuk-Tuk, Bus, Boot und Pferd fressen einige Kilometer.

Zwar ist die Route durch den Fluss vorgegeben, doch Pröve folgt auch Nebenpfaden, wenn sie nur verlockend genug daherkommen. Er lernt immer wieder neue Menschen und ihre Geschichten kennen. Er interviewt Opfer von Landminen, beobachtet Kormoranfischer bei der Arbeit und lernt von einer Studentin mehr über chinesische Mentalität. In seinem Bericht ist das Reisen im Rollstuhl immer wieder Thema, aber es ist nicht omnipräsent. Manchmal scheint er seine Behinderung selbst zu vergessen, wenn er erzählt, dass er „hinaus auf die Straße tritt“. Trotz Handicap gibt sich Pröve unkompliziert, bewältigt auch Teile der Strecke allein und ohne Unterstützung. Und das ohne diese Abschnitte vorher akribisch geplant zu haben. Ein Verhalten, dass jedem Stubenhocker ein schlechtes Gewissen bereitet.

Licht und Schatten

Aber auch für die, die zu Hause bleiben wollen oder müssen, bietet das Buch eine bunte und lebendige Schilderung der besuchten Länder. Von geheimnisvollen, nymphengleichen Aspara-Tänzerinnen erzählt Pröve, von hilfsbereiten Gastgebern, frittierten Spinnen und unüberschaubarem Verkehrschaos. In seiner Begeisterung verschweigt er trotzdem nicht die Schattenseiten: allgegenwärtige Korruption, junge Mädchen, die sich älteren Herren an den Hals werfen müssen und katastrophale Arbeitsbedingungen in Textilfabriken.

So bietet sich dem Leser ein breites, aber nicht vollständiges Panorama. Über die Organisation, anfallende Kosten oder Visa-Anträge finden sich kaum Informationen. Auch Geheimtipps gibt es nicht. Pröve blickt mit einer gehörigen Portion Verachtung auf den Durchschnittsbackpacker herab und zeigt deutlich seinen Widerwillen gegen ausgetretene Pfade. Vielleicht spricht er deshalb auch kaum Empfehlungen aus: damit seine eigenen Wege nicht dem Massentourismus zum Opfer fallen. Das Buch ist definitiv kein Reiseführer. Stattdessen macht es Lust, aktiv zu werden, sich zu bewegen. Vor allem Menschen, die ein ähnliches Handicap wie Pröve haben, zeigt der Bericht, dass trotzdem fast nichts unmöglich ist.

Es entsteht ein authentisches Bild, das durch viele Details und die Spontaneität des Schreibers mitreißt. Das Buch unterhält und informiert, die ständige Abwechslung lässt keine Langeweile aufkommen. Allerdings beschäftigt sich Pröve mehr mit Menschen, Religion und Politik, als mit Landschaften und Natur. Er zeigt, was jeder kontaktfreudige Reisende irgendwann lernt: Wir sind unterschiedlich, aber wir haben trotzdem viel gemeinsam. Wenn man sich selbst im Gegenüber entdeckt, sind Sprachbarrieren keine Hürden mehr. Zwar trifft Pröve auch auf unüberwindbare Hindernisse. Aber letztlich lernt der Leser, dass für einen Mann im Rollstuhl der Aktionsradius nahezu nur durch den eigenen Kopf begrenzt wird.

Andreas Pröve – Abenteuer Mekong

Verlag: Malik
Erschienen: 15. Januar 2013
Genre: Reisebericht
ISBN: 978-3890294230
Bindung: Hardcover
Seiten: 302
Preis: 22,99

Diese Rezension ist auch hier erschienen: Campus Web

Bis bald und gute Reise!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*