Regen in der Schlucht – Abstieg in den Grand Canyon

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Abwärts. Immer weiter. Nach unten, nach unten, nach unten. Ich hatte das Gefühl, ich würde schon ewig laufen. 50 Meter geradeaus, eine Drehung um 180 Grad und wieder 50 Meter geradeaus. Und das immer wieder. Dabei ging es stetig bergab und je tiefer wir an der Bergflanke kamen, desto heißer wurde es. Es war wahrlich kein reines Vergnügen, in den Grand Canyon hinabzusteigen.

Trotzdem erinnere ich mich gerade an diesen Teil unserer USA-Reise besonders gut. Aber wer würde das nicht? Schließlich ist der Grand Canyon ein Naturwunder, das man nicht jeden Tag zu Gesicht bekommt. Als wir mit unserem Wohnmobil auf ihn zufuhren, habe ich zuerst gar nicht Spektakuläres sehen können. Ich hatte mir vorgestellt gewaltige Berge und Schluchten zu erblicken. Aber nichts da. Nur weites, flaches Land rings umher, Arizona. Denn der Grand Canyon, der ja nichts anderes als das Bachbett des Colorados ist, hat sich mit den Jahrtausenden in die flache Landschaft gegraben, und man sieht ihn erst, wenn man an der Klippe steht und hinabschaut.

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Da er ein solches Weltwunder ist, bestaunt man ihn natürlich nie in Stille und Einsamkeit, das nimmt ihm aber nichts von seiner majestätischen Ausstrahlung. Im Gegenteil, man fühlt sich als Teil der Untertanen, die zur Verehrung bei Hofe erschienen sind. Und jedem verschlägt es den Atem. Das meine ich nicht nur im übertragenen Sinne, mir hat er tatsächlich so ziemlich jeden Fitzel Luft aus den Lungen gequetscht.

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Denn natürlich wollten wir den Grand Canyon nicht nur sehen, sondern auch für uns erobern und machten uns, wie so viele andere, auf dem Bright Angel Trail auf den Weg nach unten. Dazu muss man wissen, dass es mit meiner sportlichen Konstitution nicht allzu weit her ist. Okay, um ehrlich zu sein, sie ist nicht vorhanden. Ich jogge nicht, gehe nicht ins Fitnessstudio, mache keinen Ausdauersport und esse viel zu viel ungesundes Zeug. Aaaaaber: Ich bin ehrgeizig. Und wenn mich dieser Ehrgeiz einmal gepackt hat, wenn ich den richtigen Anlass dazu habe, dann treibt er mich manchmal bis an meine Grenzen.

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Der Canyon ist an einigen Stellen bis zu 1800 Meter tief. Das klingt jetzt gar nicht mal so viel, aber wenn man diese Höhenmeter in engen Kehren bewältigt, können sie einem ganz schön lang werden. Ich wollte unbedingt so weit runter wie möglich, war mir der einmaligen Chance bewusst, die sich mir hier bot. Ich meine, wann besucht man schon mal den Grand Canyon? Richtig. Wahrscheinlich nur einmal im Leben. Also ging ich immer weiter. Dass ich es nicht bis ganz nach unten schaffen würde war klar. Das hätte mehr als die paar Stunden gedauert, die wir Zeit hatten. Aber von ganz weit oben hatte ich einen Felsgrat mit einer kleinen Aussichtshütte darauf gesehen, und bis dahin wollte ich kommen. Meine beiden Mitstreiter hatten irgendwann genug und beschlossen, an Ort und Stelle auf mich zu warten.

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Unten rechts könnt ihr das von mir gewählte Ziel erkennen: Die kleine Spitze oberhalb der Zickzack-Kurve

Mein Herz hämmerte, mein Atem ging viel zu laut, aber ich war mir jeden Moment bewusst, dass ich hier etwas absolut einmaliges erlebte. Ich war an einem Ort, von dem ich immer nur gehört hatte, der mich immer schon beeindruckt hatte, und den ich in seiner Unglaublichkeit gar nicht fassen konnte. Endlich war ich nur noch wenige Meter von der Hütte entfernt. Ich stolperte, rappelte mich hoch und ging mit wackeligen Beinen weiter. Irgendjemand reichte mir meine Sonnenbrille, die ich beim Hinfallen verloren hatte. Dann war ich an der Spitze des Felsens angekommen und sah in den Canyon hinab. Und endlich, endlich erhaschte ich einen Blick auf das Wasser. In weiter Ferne und fast hinter Fels versteckt floss der Colorado und brachte mich dazu, stolz zu grinsen.

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Das ist die Aussicht, die ich vom tiefsten Punkt meiner Wanderung hatte. Wie gerne wäre ich bis ans Ende des Plateaus gelaufen!

Bis ich einen Blick über die Schulter warf und mir wahnsinnig blöd vorkam. Ja, ich hatte es geschafft, das Ziel vor Augen war ich bis hier unten gekommen. Und hatte dabei keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, dass ich ja auch wieder hoch musste. Bergauf. Ups. Aber die Minuten verstrichen und der Horizont verdunkelte sich bedrohlich. Höchste Zeit, sich auf den Rückweg zu machen. Ich war noch nicht allzu weit gekommen, als der Wolkenbruch begann. Erst waren es nur ein paar Tropfen. Dunkle, fast braune Tupfer im hellroten Sand. Aber dann fing es an zu schütten wie aus Eimern. Aber ich war froh, dass der kühle Regen meine hochrote Birne kühlte und das Schwitzen erträglicher machte. Als ich nach Stunden endlich aus dem Canyon kroch war ich nass bis auf die Haut, durstig und fror erbärmlich, aber ich war glücklich. Glücklich, dieses Wunder hautnah erlebt zu haben. Und dankbar. Dankbar, dass ich hier sein konnte, dass mir liebe Menschen diese Reise ermöglicht hatten und dass ich Couch-Potato es so weit geschafft hatte.

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Ach ja, nach oben musste ich ja auch wieder. Verdammt! 😉
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Und dann kam der Regen

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Als meine Tante und mein Onkel sagten „Wir hatten gar nicht erwartet, dass du so fit bist!“ hab ich aber natürlich abgewunken und so getan, als ob es kein bisschen anstrengend war .

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Ohne zu wandern hat man natürlich auch eine wunderschöne Aussicht
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Und auf unserer Weiterfahrt hatte ich auch noch Gelegenheit, den Colorado richtig zu sehen

9 Gedanken zu “Regen in der Schlucht – Abstieg in den Grand Canyon

  1. Und als wir jetzt gerade in Australien im Karijini National,Park in die Dales Sxhlucht hinabgestiegen sind, haben wir an dich und unser gemeinsames Erlebnis gedacht und uns gewünscht, du wärest dabei gewesen, denn hier hättest du wieder deinen Ehrgeiz unter Beweis stellen können, wenn es um die wirklich einzigartigen Naturerlebnisse geht. Aber die nächste Gelegenheit wird kommen!

    1. Mit Sicherheit! Und ich freu mich schon sehr darauf 🙂 Ich hoffe euch beiden geht es gut und ihr habt noch keinen Wohnmobilkoller? Ich warte schon gespannt auf die nächste News-Mail!

  2. Wow! Hut ab fü die Leistung! Und das macht mir als Couch Potato Genossin ein wenig Mut, habe nämlich vor im Sommer den Mount Fuji zu besteigen, immer schön mit nem Schokoriegel in einer Hand 😉
    Das sind auch sehr schöne Bilder, vor allem das Eichhörnchen <3

    1. Danke, danke! Der Mount Fuji ist ja noch echt eine Nummer härter, aber ich bin sicher, du schaffst das! Und natürlich muss ein Schokoriegel mit, wo soll den sonst die Energie herkommen? 😉

  3. Liebe Rosa (ja, ich weiß, du heißt nicht so, für aber schon 😉 Wenn nicht, dann spreche ich halt mit dem Nilpferd…)!
    Vielen Dank für den witzigen Bericht. Ich bin gerade bei der Detail-Planung unserer USA-Reise und möchte auch unbedingt gerne in den Canyon hinabsteigen. Wir haben nur ein paar Stunden vor Ort. Aber nach deinem Bericht bin ich zuversichtlich, dass ich auch wenigstens ein bisschen hinabsteigen kann und dass sich das ja scheinbar schon lohnt.
    Liebe Grüße aus Nippes
    Julia

    1. Hey Julia,
      ich freue mich sehr, dass dir der Artikel gefällt! Und ich freue mich schon, irgendwann von deinen USA-Erlebnissen zu lesen, falls du dich entschließen solltest, sie auf dem Blog zu teilen. Ich denke, mit ein paar Stunden Zeit kann man schon ziemlich weit kommen, aber eben leider nicht bis zum Fluss. Das macht aber gar nichts, weil einen der ganze Canyon sowieso schon so umhaut, dass man den gar nicht braucht, um überwältigt zu sein! 🙂
      Liebe Grüße zurück und ganz viel Spaß bei eurem Abenteuer!

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