Surfen bei der dürren Pinie

556661_499762023384823_217100886_n So, jetzt kommt Abwechslung in die Tüte! Nach gefühlten 100 Hamburg-Posts gibt es heute auch mal was anderes von mir. Janine von finding humminbirds hat zur Blogparade gerufen: Es geht um Reisen, die man sich lieber gespart hätte, Orte, die einem gar nicht gefallen haben und enttäuschende Aufenthalte. Aber auch um Plätze, von denen man eigentlich nichts erwartet hat, die einen aber positiv überrascht haben.

Das hier habe ich nach einem desaströsen Surfurlaub in Frankreich verfasst, um den Frust loszuwerden, unser Aufenthalt gab dem Wort Katastrophentourismus eine ganz neue Bedeutung. Den Namen des Veranstalters verrate ich besser nicht, aber keine Sorge, ihr werdet trotzdem nicht in die gleiche Falle tappen. Am Ende lest ihr warum 😉

Liebes XXX-Team,

vielen Dank für einen unvergesslichen Urlaub! Ich bin noch ganz hin und weg. Mehr weg allerdings.

Da keiner von euch uns nach der 18-Stunden-Fahrt vom Bus abgeholt hat, begann der Spaß direkt mit einer Challenge: Wo ist bloß das richtige Camp in Le Pin Sec (zu deutsch: die dürre Pinie)? Als wir es endlich gefunden hatten, fühlten wir uns direkt heimisch: Umgekippte, dreckige Bierbänke und Tische, leere Bierdosen überall und kein Mensch weit und breit. Also erst mal auf die Koffer gesetzt und abgewartet. Irgendwann erschien dann jemand (Teamer 1), der uns weder seinen Namen nannte, noch uns nach unseren fragte, und lediglich raunte, dass es „bald“ Frühstück geben werde. „Gleich“ könnten wir auch in unsere Zelte. Diese Informationen waren ein besonderes Privileg, das Gäste die nach uns kamen nicht erhielten. Teamer 1 nuschelte nur, wir könnten denen ja sagen, was Sache ist.

Nach nur einer weiteren Stunde auf unserem Gepäck gab es dann tatsächlich Frühstück, juhu! Und dann durften wir sogar in die Zelte. Was für eine schöne Überraschung, als wir statt der auf der Homepage versprochenen Feldbetten dreckige Luftmatratzen fanden! So ein unerwarteter Komfort… Den Rest des Tages fragten wir uns, wer Teamer und wer Teilnehmer sein könnte, das Rätsel sollte am Abend durch eine Vorstellungsrunde gelöst werden. Ich kann natürlich voll und ganz nachvollziehen, dass einige Teamer dazu keine Lust hatten, schließlich bestand wohl noch eine Menge Restalkohol. Die Nacht im Zelt war dann sehr erholsam, schließlich gab es ja (im Gegensatz zu Zelten anderer Anbieter) keine Moskitonetze. Aber wer hat nicht gern um die 30 Mückenstiche am Körper? Streuselkuchen-Look steht mir sowieso sehr gut!

Am nächsten Tag dann endlich Surfunterricht: Pünktlich machten wir uns auf den Weg zum Strand und hielten nach unserem Lehrer Ausschau. Als wir ihn sahen, dachten wir, es wäre schlau sich in seiner Nähe aufzuhalten. Weit gefehlt, wir Vollpfosten! Wir hätten natürlich bei einem uns unbekannten Jugendlichen Aufwärm-Training machen sollen. Dumm nur, dass uns das niemand gesagt hatte. Aber nun wussten wir ja Bescheid und konnten jeden Tag qualifiziertes Aufwärm-Training genießen, das meist aus folgendem Satz bestand: „Seht ihr das Auto? Lauft hin und zurück!“ Vielen Dank auch!

Dann begann auch schon die verzweifelte Suche nach dem uns zugewiesenen Material. Leider nicht auffindbar, trotzdem bin ich natürlich dafür verantwortlich…In irgendeinem schlabbernden Neoprenanzug drei Worte über Theorie und ab ins Wasser. Die Zerrungen, die ich mir holte, hätte ich gerne im versprochenen Yoga-Kurs kuriert. Das war aber natürlich nicht möglich, da dieser zeitgleich stattfand. Und ich Dummerchen hatte gedacht ich könnte beides machen, wie es auf der Homepage stand. 558268_499762043384821_402625_n

Schön war auch, dass ich nach dem zweiten Kurs am Tag, dem Zurücktragen des Materials und dessen Säuberung „zu spät“ zum (bezahlten!) Abendessen kam. Leider nichts mehr da – Pech gehabt, die anderen waren schneller! Und so ging es dann fast jeden Abend. Aufgrund der Freundlichkeit der Teamer traute ich mich kaum, meine Nase ins Küchenzelt zu stecken und nach der vegetarischen Portion zu fragen, die ich extra vorab bestellt hatte. Auch hier eine Absage, der Koch hätte keine Liste über vegetarische Teilnehmer erhalten und deshalb wär jetzt auch nix für die gemacht worden.

Dafür entlohnt wurde ich aber durch das große Vertrauen des Surflehrers in unser Können. Schon bald ließ er uns in der Obhut seines kaum Englisch oder Deutsch sprechenden Kollegen, der nun 13 Schüler beaufsichtigte. (Auf der Homepage angegebenes Schulungsverhältnis von 1:4. Who cares?)

Mein schönstes Erlebnis war folgendes: Auf Grund von Neurodermitis tat mir der lange Neoprenanzug an den Armen tierisch weh. So von wegen Sand in aufgeschürfte Haut rubbeln und so. Meine Bitte um einen Anzug mit kurzen Ärmeln wurde abgelehnt, denn der war mir ja auf der Materialliste nicht zugewiesen worden. Ordnung muss sein! (Es mag schockieren, aber ich habe mir einfach heimlich einen genommen. Den dürfte auch keiner vermisst haben, der Zustand war desolat.) 408178_499762436718115_2003207949_n

Ein weiteres Highlight war der Transfer zurück nach Deutschland. Am letzten Tag unseres Urlaubs mussten wir selbst das Camp abbauen. Das ist natürlich nicht Aufgabe des Veranstalters, wo kämen wir denn da hin? So ein bisschen sportliche Betätigung zum Abschluss lässt ja auch eine ganz innige Verbundenheit zum Camp aufkommen. Als wir fertig waren war auf einmal der Bus weg, der uns nach Bordeaux zum anderen Bus bringen sollte. Panik. Aber hey, das Team hatte alles im Griff, warum machte ich mir bloß Sorgen?

Nach nur wenigen Stunden tauchte ein uns unbekannter Mann mit einem Kleinbus auf. Alle rein in die Kiste und ab ging die wilde Fahrt! Mit über 100 Sachen rasten wir durch die Dunkelheit, sprangen über Bodenwellen und schlingerten um die Kurven. Ich äußerte den hoffnungsvollen Verdacht: „Die Strecke bist du schon öfter gefahren, was?“ „Nee, heute zum ersten Mal.“ Schluck. Aber ich will mich natürlich nicht beschweren, schließlich bekamen wir so unseren Anschlussbus. In den durften wir aber noch gar nicht rein. Timing par excellence. Ich kann euch übrigens flüstern, dass es nachts auf einem Parkplatz in Bordeaux ziemlich kalt werden kann.

Aber die folgenden 36 Stunden hatte ich ja Zeit, mich in dem engen Bus zu entspannen. Und das war praktisch noch ein kostenloses Sightseeing, schließlich fuhren wir gefühlt alle Städte Deutschlands ab, bevor wir unsere final destination erreichten. Nach dem Urlaub hätte ich echt Urlaub gebraucht.

Ich könnte noch so viel berichten, von Distanziertheit und Desinteresse der Teamer, nicht vorhandener Organisation, falschen Versprechungen der Homepage und zu wenig zu Essen. Aber ich will ja niemanden langweilen. Noch einmal vielen Dank und ein großes Lob: Hier hab ich mich so unwillkommen gefühlt, hier will ich nie wieder hin!

Der Veranstalter hat mittlerweile Insolvenz angemeldet. Gott sei Dank. 580051_499761446718214_1762795203_n

23 Gedanken zu “Surfen bei der dürren Pinie

  1. Wow…das klingt ja wirklich horrormäßig! Ich habe selbst mit Surfcamps sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Einige waren total schön familiär und engagiert – andere wiederum richtige Massenabfertigung. Trotzdem war zumindest der Surfunterricht immer sehr professionell und vor allem sicher – das sollte ja eigentlich selbstverständlich sein. Wirklich irre, was du da erlebt hast. Lass da mal einen Surfschüler ertrinken – dann können die ihren Laden dicht machen. Zum Glück ist die Schule oben insolvent gegangen. LG Franzi

    1. Hey Franzi,

      ich freu mich sehr, dass du vorbeischaust!
      Ja, mit Sicherheit hatte der ganze Spaß da gar nichts mehr zu tun, zumal alle ständig betrunken waren. Alkohol gehört bei sowas dazu, ich weiß, aber als auf einmal jemand ganz verwirrt in unserem Zelt stand, der da definitiv nicht hingehörte und nach seiner Hose suchte, hab ich echt gedacht: Määäh, ich will nach Hause! 🙂

      Liebste Grüße und einen schönen Sonntag!

    1. Hey Paleica,

      da hast du recht! Andererseits beleiben ja gerade solche Erlebnisse in Erinnerung, und dann hat man nachher auch was zu erzählen 🙂 Habe gerade gelesen, dass du auch großer Tolkien-Fan bist?

      Liebe Grüße
      Rosa

      1. liebe rosa, das ist natürlich richtig. diese geschichte bleibt jedenfalls erzählenswert 😉 schade ist es immer nur um zeit und geld!

        oh ja, tolkien hat mir die ganz große welt der fantasyliteratur eröffnet, auch wenn niemals wieder etwas an mittelerde herankommen wird. du auch?

        1. Ja, ich lese den Herrn der Ringe und den Hobbit mindestens einmal im Jahr und entdecke jedes Mal noch neue Dinge, die mir bis dato nicht aufgefallen waren. Das Silmarillon hab ich leider nie ganz geschafft, weil mir irgendwann die Konzentration gefehlt hat, aber es gibt ja auch thematische Auszüge 🙂 Wie findest du die Filme? Magst du sie oder findest du sie doof?

          1. oh wirklich? wow. ich habe ihn bisher nur einmal gelesen, weil ich nie die zeit und ruhe gefunden hab, mich dem werk in dem ausmaß zu widmen, wie ich es möchte um mich wieder davon mitreißen zu lassen. am hobbit lese ich grade wieder, das silmarillion werd ich wohl kein zweites mal schaffen. ansonsten habe ich noch die nachrichten aus mittelerde und die kinder hurins in meinem bücherregal stehen. das buch der verlorenen geschichten I und II fehlen noch in der sammlung 🙂

            wie soll ich sagen. ich fand die filme fürchterlich, kurz nachdem ich das buch gelesen habe. heute fällt das urteil milder aus, weil ich eigentlich viele der schauspieler mag. ich verstehe einige dinge nicht, warum sie gemacht wurden wie sie gemacht wurden. aber ich verstehe zum teil schon, dass es zum einen sowieso ein ding der unmöglichkeit ist, den facettenreichtum und das, was die trilogie ausmacht, in irgendeine form von film zu bekommen und dass das wenn dann überhaupt nur mit einem aufwand machbar ist, der viel geld einspielt – weswegen natürlich auch der fokus des films entsprechend gelegt werden muss.
            also langer rede kurzer sinn: ich schau sie mir schon gern an, um mich ins flair der geschichte zu versetzen, mit dem wissen, dass sie an die buchvorlage niemals herankommen werden (und frodo immer schwer erträglich sein wird).
            und du?

  2. Du sprichst mir aus der Seele 🙂 Ich schaue die Filme sehr, sehr gern, aber auch dafür brauch ich Zeit und Ruhe. Und es gibt auch viele Dinge, die mich stören. Frodo, da hast du so Recht, geht einem auf die Nerven. Sobald Gefahr droht erst mal langsam rückwärts gehen und das Schwert fallen lassen, umpf. Und ich finde es schade, dass Merry und Pippin nur die Clowns sind, die zufällig mitkommen, während sie sich das im Buch gut überlegt haben usw. Trotzdem find ich die Filme gut, und manchmal mache ich einen Marathon 🙂 Die Hobbit-Filme gefallen mir allerdings nicht wirklich, über die Liebesgeschichte hab ich mich wahnsinnig aufgeregt! Schön, wenn man jemanden trifft, den man mit seiner Begeisterung nicht nervt ;D

  3. Ich musste jetzt echt erstmal n Moment überlegen, ob ich mich traue auf „gefällt mir“ zu klicken. 😉
    Oh man. Das klingt nach ner richtigen Abzocke…ganz billig war die Reise ja bestimmt nicht, oder? Das Minimum (wenn überhaupt) anbieten, aber das Maximum kassieren.

    Die Story ist wie aus nem Film. Wenn man meint, noch krasser kann es nicht werden..aber es wird krasser..und krasser..und….

    Vielen Dank für deinen Beitrag zur Blogparade. Und Gott sei Dank ist der Anbieter insolvent. 🙂

    Liebe Grüße Janine

    1. 🙂 Ja, ich hab mich schon echt geärgert, dass wir auch noch Geld dafür bezahlt haben, so mies behandelt worden zu sein. Zwischenzeitlich hab ich auch immer gedacht: Das kann nicht wahr sein, jetzt kann es wirklich nicht mehr schlimmer kommen. Aber es kam immer noch schlimmer. Ich glaube, meine Schwester ist auf dieser letzten Fahrt fast gestorben vor Angst! 🙂
      Danke für diese gute Idee zur Blogparade, hat sehr viel Spaß gemacht, daran teilzunehmen!

  4. Ich habe echt gezögert auf „Gefällt mir“ zu klicken – was für ein Horrortrip. Ich verstehe nicht, warum Du den Namen nichts nennst – auch wenn der Verein mittlerweile insolvent und aufgelöst ist. Missstände gehören angeprangert!

    Ich wünsche Dir mehr Glück bei zukünftigen Reisen – das Meiste ist gut organisiert und gibt die Erholung die man sich wünscht.

    Liebe Grüße,

    Jörg

    1. Ich freu mich trotzdem über deinen Like, auch wenns ein furchtbarer Aufenthalt war! 😉 Ich habe einfach keine Lust auf einen Rechtsstreit oder so was, und durch die Insolvenz kann das zumindest mit dem Veranstalter niemandem mehr passieren. Ich muss aber auch sagen, dass das bisher die einzige so miese Reise war. Klar gibt es überall mal Höhen und Tiefen, aber eigentlich habe ich immer eine sehr schöne Zeit, wenn ich unterwegs bin.
      Liebste Grüße und schön, dass du mich besucht hast!

  5. Oh mein Gott, was ein Horrortrip! Ich kenne solche Geschichten in ähnlicher Form von Fußballreisen an die spanische Küste. Zwar wurde dort in Hotels (Wenn wir Hotels als Häuser mit vielen Zimmer, die jeweils zwei Betten beherbergen) genächtigt, aber de Busfahrgeschichten (Einmal landeten wir tatsächlich ohne Anlündigung für 2 Stunden in einer Buswaschstraße) kommen mir, ebenso wie die beinahe übermotivierten Teamer, doch sehr bekannt vor! Immer eine Freude! 😀

    Liebe Grüße

    Nina

    1. Hey Nina,
      schön, dass du vorbeischaust! Das klingt ja wirklich sehr ähnlich 🙂 Ich glaube, manche Menschen, die sich bei sowas als Trainer einstellen lassen, haben echt die Einstellung: Hier werd ich für’s Urlaub machen bezahlt. Und dementsprechend hoch ist dann die Motivation, sich mit den Gästen zu beschäftigen! Ich werd so schnell jedenfalls keinen Surfurlaub mehr buchen 😀 Zum Glück gibt es ja noch viele andere Dinge zu entdecken und zu erleben!

      1. Werde mich später erst mal in Ruhe bei dir umsehen 🙂 Bin momentan leider noch unterwegs.

        Ja, das Gefühl habe ich manchmal auch! Wobei ich mir so denke, dass es ja wenigstens noch was positives hätte, wenn die Teamer dann wenigstens noch das Urlaubsgefühl rüberbringen würden – aber auch das scheint zu viel verlangt 😀

        Da hast Du recht, für uns geht es Donnerstag wieder los – zum Glück alles selnst geplant und so alles in eigener Verantwortung 😉

          1. Es geht für dreieinhalb Wochen in due USA 🙂 Sightseeing in New Orleans, Chacago, Boston und New York! 🙂

            Ja das stimmt! Und wenn dann mal was nicht klappt, weiß man zumindest wieso 😀

    1. Leider nicht, erst haben die auf unseren Beschwerdebrief nicht reagiert, dann war die Firma bankrott 🙂 Aber so passiert es wenigstens keinem anderen! Und ich hatte einen guten Beitrag für die Blogparade 😀

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